Die ostdeutsche Abrechnungsmentalität am Beispiel eines Umweltschutzprogramms

Auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung geht es in der Presse [1] gern mal darum, wie grau und trist es in der DDR war. In Wahrheit gab es in der DDR auch viel zu lachen. Vor allem in den achtziger Jahren gründeten sich viele kleine Kabarettgruppen und Kulturvereine — und es ist eine Sage, dass es dabei nur um die Freikörperkultur (FKK) ging.

In unserer Berufsschule hatten wir jedenfalls auch eine Kulturgruppe. Sie erreichte Mitte der 80er Jahre lokale Berühmtheit. In einem unvergessenen Programm persiflierten sie die allgegenwärtige Abrechnungsmentalität in der sozialistischen Planwirtschaft. Nach der Melodie der »Habenera« aus »Carmen« sangen sie im Chor folgenden Refrain:

Oh Leute kommt,
oh Leute singt
und sagt, was Ihr für den Parteitag bringt!

Und jeder kommt
und jeder singt
und sagt, was er für den Partei———tag bringt.

[Tosender Beifall. Zum Mitsingen: Das Original auf Youtube]

An diese Truppe musste ich mich lebhaft erinnern, als ich die Berichte über die Verleihung eines ganz wichtigen Umweltpreises an Dresdner Unternehmen gelesen habe. Aus der Jubelbroschüre der Stadt Dresden [PDF, ca. 9 MByte] habe ich mir das skurrilste Beispiel herausgegriffen (auf den Seiten 48 und 49).

Das Unternehmen hat mit 36 Mitarbeitern an einem Öko-Programm teilgenommen und dabei auf ökologische Weise Kosten von 744 Euro eingespart. Im gleichen Zeitraum sind 800 Euro Kosten entstanden, denen kein ökonomischer Nutzen gegenüberstand:

Maßnahme Kosten
Dokumentation der eigenen (Öko)-Maßnahmen im Intranet: 500 Euro
Teilnahme am Car-Sharing: 300 Euro

Aber auch der fast schon unermessliche »Nutzen« ist auf sehr interessante Weise entstanden:

Maßnahme Nutzen
Standby-Schaltung für Rechner, Kosten 120 Euro: 126 Euro
Verkauf von sortenreinem Papierabfall: 140 Euro
Einsatz von Recycling-Papier (deklarierte Einsparung): 400 Euro

Im Grunde sind das ganz selbstverständliche betriebswirtschaftliche Maßnahmen. — Und das ist nun der gesamte »ökonomische Nutzen« der Teilnahme eines Unternehmens mit 36 Mitarbeitern an einem staatlich nicht zu knapp geförderten Öko-Projekt. Das ist der Stadt eine Eintragung in die Hochglanz(?)-Broschüre zur Beweihräucherung ihrer Heldentaten für die Umwelt wert. Es ist Zeit für eine neue Kabarettgruppe mit einem neuen Song:

Oh Leute kommt,
oh Leute singt
und sagt, was Ihr für uns’re Umwelt bringt …


Update 1: Die Urkunde für das beschriebene Unternehmen ist in ihrer ganzen Schlichtheit auch schon fast DDR-verdächtig;-)

Update 2: Und erst die PR-Mitteilung! Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll:

Ebenso hat sich der Umstieg auf sogenannten Ökostrom gelohnt. Hier reduzierten wir gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt mit jeder gesparten Kilowattstunde auch der Ausstoß von CO2 in die Atmosphäre.

Bitte? Hoffentlich haben diese Leute beruflich nichts mit Kommunikation zu tun … Das ist ja noch schwammiger als in der DDR-Zeit im »FDJ-Studienjahr«.


[1] DDR-Klischees — gefunden bei der Elbnymphe, referenziert als Endnote;-)


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3 Antworten zu Die ostdeutsche Abrechnungsmentalität am Beispiel eines Umweltschutzprogramms

  1. elbnymphe sagt:

    Endnote, haha, now I geddit! :-D

  2. foster sagt:

    “Wesentliche Einsparungen erzielten wir bei Papier und Energie. Die Mitarbeiter vermieden über das Jahr 2008 beträchtliche Mengen an Abfall.”

    An sich eine feine Sache. Aber die Sprache kommt mir irgendwie sehr bekannt vor. Mich wundert, nirgends Wendungen wie “Plansoll übererfüllt” auftauchen. Genial.

    P.S. Was die verlinkten Klischees betrifft: Immerhin sind sogar Farbfotos dabei, obwohl doch alles(!) immer(!) nur(!) grau war. Und S/W-Filme gehörten DDR-Fotographie betreffend nun wirklich zur journalistischen Grundausstattung.

    • stefanolix sagt:

      Das ist alles so völlig verkrampft. Diese Agentur scheint Werbung für die Stadt zu machen und wurde wahrscheinlich deshalb für diese Aktion geworben.

      Weißt Du, wer mit zuerst solche Umweltzertifikate nach DIN ISO 14000-irgendwas hatte? Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen. Wenn man sich mal den Gang einer solchen Zertifizierung anschaut, glaubt man nie wieder an solche symbolischen Handlungen.

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