Dienstag ist Markttag. Und ich bekenne: darin bin ich konservativ. Also wird zwischen Schreiben, Organisieren und Korrekturlesen eine Pause eingelegt, in der ich zum Schillerplatz fahre. Dort gibt es immer frisches Gemüse und Obst. Dafür mag ich den Herbst und unseren Gärtner.
Heute war alles anders. Fotografen drängten sich um einen frischgepflanzten Baum mitten auf dem Park- und Marktplatz. Etwas deplaciert standen Vertreter der Stadt und des Schillergarten-Beirats neben dem Baum, ließen sich fotografieren und blickten bedeutend in die Herbstluft, während rundum Hausfrauen ungerührt ihre Einkäufe erledigten. Morgen werdet Ihr die Bilder in der Zeitung sehen. Glaubt nur die Hälfte ;-)
Bank und Linde werden in der Presseerklärung der Stadt Dresden beschrieben:
Das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft erhält vom Beirat „SchillerGarten zu Dresden-Blasewitz“ am Dienstag, 10. November, 11 Uhr, anlässlich der 250. Wiederkehr des Geburtstages von Friedrich Schiller eine Gedenklinde für den Dichter. Der Baum steht innerhalb auf einer erhöht gepflasterten Fläche am Schillerplatz und wird vom Leiter des Amtes für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Detlef Thiel, entgegen genommen.
Übersetzung: Der Baum steht mitten auf einem kopfsteingepflasterten Parkplatz an einer Stelle, wo man wirklich keinen Baum pflanzen und keinen Baum erwarten würde.
Umrahmt von einer Rundbank ist die Linde ein attraktiver Mittelpunkt für die hier stattfindenden Wochenmärkte. Der ehemalige Dorfplatz von Altblasewitz wird damit erstmals seit über 100 Jahren durch einen Baum beschattet.
Der Baum steht wirklich nicht im Mittelpunkt, sondern allenfalls im Weg, wenn die Stände auf- und abgebaut werden. Schatten spendet der Baum frühestens in 20 Jahren.
Der Gesamtumfang der Investition beträgt rund 13.000 Euro. Davon trägt die Landeshauptstadt Dresden am Vorhaben einen Anteil von rund 20 Prozent in Form von Materialbereitstellung und Sachleistungen.
Ich fotografiere das »Investitionsobjekt«, sobald ich mal bei Tageslicht dort vorbeikomme. Eins kann ich Euch jetzt schon sagen: wie 13.000 Euro sieht es nicht aus. Sicher kann man auch auf dem Schillerplatz einen Baum pflanzen, wenn man es unbedingt will. Aber kaum eine Stelle ist ungeeigneter als diese und dann wird’s eben sehr teuer.
Kann mir übrigens jemand sagen, wofür eine Gaststätte einen Beirat braucht? Nannte man das früher nicht Stammtisch?
11. November 2009 um 08:23 |
BWL-Studierenden kann ich empfehlen, die Strukturen des „Imperiums Schillergarten“ zu durchleuchten, Pardon: zu recherchieren..- DANKE für die Baum-Glosse, wieder einmal ein Anlaß, in meine alte Heimat Blasewitz zu radeln und wie damals, einen der drei (damals stattfindenedn) Marktage zu nutzen. Der Ausflug wird wohl wieder viel länger als geplant dauern, denn diiieee Insidergeschichten von wiedersehenden „schillernden Bekannten“ bleiben der Schillergarten- ZeitungsRedaktion verborgen;-) Dem Bäumchen werde ich meine mitfühlende Aufwartung machen und dem verkehrsregelndem Polizisten damals AUF der Kreuzung erging es wahrscheinlich auch nicht anderes..nur, dass die Verkehrsteilnehmer empathisch sein Lächeln (nicht nur mir als Kind unvergessen sind die berühmten Pirouetten) erwidern konnten.
11. November 2009 um 10:07 |
@dd-jazz: Ehre, wem Ehre gebührt – die schönste Glosse ist doch die vollständige Pressemitteilung der Stadt. Welcher Blogger könnte sich einen Text in dieser verschwurbelten Sprache ausdenken?
Es gibt immer noch drei Markttage (DI, DO, SA). Ich hatte nur den Dienstag gewählt, weil der Baum wirklich gestern eingeweiht wurde. Das beste Gemüse und Obst gibt es immer noch am ersten Stand nach den beiden Fußgängerampeln.
11. November 2009 um 18:42 |
Irgendwann wird man die Äste der Schillerlinde beschneiden, damit die Lieferwagen der Marktleute ungestört darunter fahren können. Man wird ihre Wurzeln kappen, da sie Rohre und Kabel beschädigen.
Das, denke ich, hat wirkliche Symbolkraft!
Schiller geht es schließlich nicht besser; was von ihm nicht verstanden wird, wird auch kaum noch verlegt. (Oder sollte ich mich irren und es gibt zu Weihnachten schön aufgemachte Geschenkbücher mit Schillers Werken zu Ästhetik und Politik?)
11. November 2009 um 19:03 |
Es geht doch darum: ein normaler Stadtbaum kostet (soweit ich weiß) zwischen knapp 1.000 und 2.000 Euro. Wenn man ihn an einen geeigneten Standort pflanzt, nutzt er uns als Bürgern. Wie ich auf den Preis komme?
Dieser Habilitandin hatte ich in unserer OpenSource-Gruppe einige Hinweise zu ihrer Arbeit in LaTeX gegeben und daher hörte ich von der Baumpflanzung im verlinkten Artikel.
Mit 13.000 Euro könnte man also wesentlich mehr Nutzen stiften. So ein Prestige-Objekt dient nicht wirklich der Begrünung der Stadt Dresden.
Warte mal auf die Fotos ;-)
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Bis die Äste der Linde soweit sind, dass sie einen Lieferwagen behindern können, gehen sicher noch zwei Jahrzehnte ins Land. Rohre und Kabel sollten nicht in der Nähe sein.
11. November 2009 um 19:36 |
So schlimm fand ich es nun auch wieder nicht. Ich bin gerade dort vorbeigeradelt (abends, Markt war leer). Wenn der Baum erst einmal größer ist, kann ich mir vorstellen, dass es ganz gut aussehen könnte.
11. November 2009 um 19:39 |
Und wie findest Du die Bank darunter?
Ich bin ja für Bäume. Aber an der richtigen Stelle. Und zu vertretbaren Kosten.
11. November 2009 um 19:59
Die beiden Bänke fand ich etwas winzig. Wird man wohl in der Zukunft vergrößern müssen, wenn der Stamm erst einmal dicker ist. Dann können auch alle Senioren aus dem danebengelegenen Altersheim, äh … ich meine natürlich, aus der Seniorenresidenz unter dem dichten Blätterdach sitzen können.
Ja, okay. 13000 € sind (wenn es stimmt) erschütternd viel für so ein Bäumchen. Aber wer weiß, wie viele Gutachten diese Anpflanzung mitten auf dem Marktplatz erfordert hat ;-)