Samstag ist Markttag. Der Blogger (42) betrachtet die frisch eingeweihte Schiller-Linde und denkt bei sich: »Auf diesem Platz wächst kein Gras. Wie soll hier ein Baum wachsen? Hier gibt’s historisches Pflaster, modernes Pflaster und Schotter.« —
Man sieht mir die Skepsis wohl an. Ich kann das ganz schlecht verbergen.
In diesem Augenblick tritt ein Herr im vornehmen Grau-in-Grau an mich heran. Er hat seine Gattin auf den Markt begleitet und nun augenscheinlich nichts zu tun. Dieser Herr ist etwa zwanzig Jahre älter als ich und will die Linde gut finden.
Älterer Herr: »An dieser Stelle sieht sie doch schön aus.«
Blogger (schluckt): »… aber sogar die Baumscheibe der Linde ist geschottert.«
Älterer Herr (streng): »Die Linde wird trotzdem wachsen. Sie kennt es ja nicht anders.«
Der Blogger denkt an die Baumschule, in der solche Linden ihre ersten zwanzig Jahre verbringen und wendet sich seiner Kamera zu.
Älterer Herr (tröstend): »Doch, sie wird wachsen. Wissen Sie …«
Der Blogger findet keine gute Position, um die Tafel an der Linde zu fotografieren, ärgert sich im Inneren darüber, ärgert sich auch über die Tafel — und wendet sich doch noch einmal höflich zum älteren Herren.
Älterer Herr (insistiert): »Wissen Sie, das ist wie mit den Straßenkindern … mit diesen Straßenkindern.«
Blogger: ???
Älterer Herr: »Ja, das sieht auch oft nicht schön aus. Aber sie kennen es ja auch nicht anders.«
Der Blogger fotografiert dann eben doch aus der ungünstigen Position und denkt sichtbar bei sich: »Wenn der nicht ganz bestimmt schon im Beirat vom Schillergarten wäre, sollte man ihn schleunigst aufnehmen.«
Der ältere Herr verschwindet peinlich berührt.

14. November 2009 um 12:21 |
Konservativer als Du?
Is ein Witz.
Ich troll mich gleich wieder. Peinlich berührt.
14. November 2009 um 12:46 |
Genau. Geh’ doch rüber. Wo auch immer »drüben« gerade sein mag. ;-)
PS: Das ist übrigens interessant. Zwei Troll-Kommentare von der selben IP-Adresse. Sozusagen von »Julius Sorglos« …
14. November 2009 um 13:59 |
@Stefanolix: Wenn Julius ziwschen seinem ersten und zweiten Satz einen augenzwinkernden Smiley eingebaut hätte, hätte die Bemerkung von mir stammen können. Man sieht, auch im Netz macht der Ton die Musik. :-)
Apropos, den Dresdner Marktton hast Du ja gut getroffen. Besonders dieses „Dieser Herr […] will die Linde gut finden.“ brachte mich zum Schmunzeln. Eine schöne Dresdner Szene.
Und jetzt säge bitte nicht weiter am Ast dieses jungen Pflänzleins, eine Linde spürt so etwas! Du vergiftest den Markt mit Deiner negativen Aura, Stefanolix!
14. November 2009 um 14:06 |
Nein, meine Aura ist sauber ;-) — Ich finde die Bäume an der Auffahrt zum Blauen Wunder zum Beispiel in Ordnung. Ich finde jeden Baum in Ordnung, der mit vertretbarem Aufwand-Nutzen-Verhältnis in Dresden aufwächst. Ich gehe diese Linde morgen mal um acht Uhr morgens fotografieren, da sieht man die Trostlosigkeit der Situation am besten.
14. November 2009 um 16:57
>>> „Ich finde jeden Baum in Ordnung, der mit vertretbarem Aufwand-Nutzen-Verhältnis in Dresden aufwächst.“
Das Symbolhafte, das wahrscheinlich hoch in die (werblichen) Kosten Einzurechnende einer sog. ‘Schiller-Linde’ für nachfolgende Marktpopulationen will Dir nicht einleuchten? Du Banause ;-) !
Es gibt Bäume, die fragen Dich erst gar nicht, die wachsen einfach, wo sie Wurzeln schlagen, auch in Dresden; wie ist Dein Verhältnis zu ihnen :-)?
‘There’s no such thing as a free meal’, gell ;-) ?
14. November 2009 um 18:20
Lunch. Zumindest in TANSTAAFL ;-)
Wir haben einen riesigen Wald in der Stadt, die Dresdner Heide. Der wird zwar auch bewirtschaftet, aber dort geht’s ziemlich frei zu.
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Ich möchte mir nicht vorstellen, wie ich den freiheitlichen Friedrich Schiller ausgerechnet mit dieser Linde symbolhaft verbinden sollte ;-)
14. November 2009 um 20:14
Okay, ‘lunch’ … iss auch ein meal, oder :-)?
Und tatsächlich: die vielgepriesene Linde war nicht ’sein’ Baum. Ihr hättet ihm einen StammBaum hinstellen sollen ;-) !
Schiller, Friedrich von, ‘Der Baum’:
Der Baum, auf dem die Kinder
Der Sterblichen verblühn,
Steinalt, nichts desto minder
Stets wieder jung und grün.
Er kehrt auf einer Seite
Die Blätter zu dem Licht,
Doch kohlschwarz ist die zweite
Und sieht die Sonne nicht.
Er setzet neue Ringe,
So oft er blühet, an,
Das Alter aller Dinge
Zeigt er den Menschen an.
In seine grüne Rinden
Drückt sich ein Name leicht,
Der nicht mehr ist zu finden,
Wenn sie verdorrt und bleicht.
So sprich, kannst du’s ergründen
Was diesem Baume gleicht?
14. November 2009 um 21:15
Dankeschön! Das wäre doch ein gutes Gedicht für die Platte gewesen.
—
Sogar die BILD hat es gemerkt:
14. November 2009 um 20:10 |
Das Schild ist ja peinlich. „Dem Dichter anläßlich seines 250. Geburtstages“ – verquaster konnte man es wohl nicht ausdrücken? Und was sollen die albernen Wellen? Und dann gleich drei gut haltbare Reklamen auf der Tafel, die doch an Schiller erinnern sollte – und nicht ein einziges kleines Zitätchen.
Fazit: ein lieb- und phantasielos gemachtes Schild für einen Dichter, der was Besseres verdient hat.
(Ich weiß, Stefanolix, das ist nicht Deine Schuld!)
14. November 2009 um 21:10 |
Diese konservativen Herren haben sicher
an ihrem Stammtischin ihrem Beirat lange über das Schild nachgedacht.Hätten sie doch jemanden gefragt, der sich damit auskennt!
»Der Beirat vom SchillerGarten« ist doch genauso verquast. Schiller hätte seine Räuber geschickt, um da mal richtig reinzuleuchten ;-)
—
Man muss das gelassen sehen: es gibt eben die Sieglinde, die Herzelinde und jetzt auch noch die Schillerlinde.
14. November 2009 um 23:00
Ursprünglich wollten sie ja schreiben, dem SchillerGarten sein Beirat. Aber einer im Beirat hat mal richtig gute Noten in Deutsch gehabt und konnte das verhindern.
14. November 2009 um 23:42
Ja ja, bohr’ noch ein wenig in der Wunde. Das muss ich mir jetzt an jedem Markttag mit ansehen ;-)
14. November 2009 um 23:12 |
Ich kann mich Euch nur anschließen. Wenn man sch schon für eine so gehobene, um nicht zu sagen altertümliche Präposition des Ortsbezuges wie dieses „zu Dresden-Blasewitz“ verwendet, hätte man beim „Beirat vom Schillergarten“ auch den Genitiv, also „Beirat des Schillergartens“ verwenden sollen.
Und das Fehlen jeglicher Zitate ist wirklich lieblos!
Für 30 Euro Stundenlohn hätte ich mich hingesetzt und sowohl diese stilistischen Unebenheiten ausgemerzt als auch ein hübsches Schillerzitat aufgetan. Aber das war bei den 13 000 Euro sicher nicht mehr mit drin. Entschuldigung, wenn ich etwas bitter klinge, aber solche Dinge erlebte ich in letzter Zeit einfach zu oft. Man will sich den Anstrich von Traditionsbewußtsein und Kulturbeflissenheit geben, und heraus kommt fantasieloser, spießbürgerlicher Murks.
14. November 2009 um 23:26
Oder wir hätten uns gemeinsam um den Auftrag beworben: die Gestaltung der Tafel ist ja ähnlich grausam wie der Text.
14. November 2009 um 23:00 |
Vielleicht ist es ja nur eine optische Täuschung. Aber die Bank im Hintergrund ist doch die rund um den Baum führende, und das Schild steht auf der anderen Seite des Kreises, richtig? Dann kann dessen Durchmesser ja nicht allzu groß sein. Und das Schild verdeckt den Baumstamm dann auch vollständig, inklusive eventueller Stützstöcke??? Der Baum ist also mit Müh und Not ein Bäumchen?
Falls ich mir das halbwegs richtig zusammenreime, verstehe ich dein Rätselraten, wo die 13.000 Euro hin sein sollen. Vielleicht für die Einweihungsparty? Oder das Design der Logos?
Zeig doch mal bitte eine Totale des Werks.
14. November 2009 um 23:20 |
Danke, dass Du die Spannung etwas gesteigert hast ;-)
Aber noch wird nicht alles verraten.
Es ist so: Von Mittwoch bis Freitag konnte ich den Platz nicht bei Tageslicht fotografieren. Heute (Samstag) war Wochenmarkt und da wollte ich nicht wild herumknipsen.
Aber morgen früh dürfte der Platz relativ leer sein und da werde ich gern ein paar Bilder machen.
14. November 2009 um 23:36
Naja, eigentlich bin ich nur auf deine fotographische Provokation reingefallen. Sauber eingefädelt. ;-)
OK, dann bereite ich mich seelisch schon mal darauf vor, morgen von einem feinen Blend aus Entsetzen und Belustigung geschüttelt zu werden.
14. November 2009 um 23:43
Ich habe hin- und herüberlegt. Aber auf dem einzigen weiteren Bild von heute müsste ich einige Personen unkenntlich machen.
Hoffentlich regnet es morgen früh nicht.