Quälerei

26. August 2010

In der Presse wird gerade überall ein Foto aus einem Überwachungsvideo abgedruckt: eine Engländerin setzt die Katze ihrer Nachbarn in die Restmülltonne. Bei so eindeutigen Beweisen sollte sich schnell ein gerechtes Urteil wegen Tierquälerei finden lassen — vorausgesetzt, dass die Überwachungskamera legal eingesetzt wurde.

Die Nachbarn haben das Video aber nicht nur als Beweismittel für die Anzeige verwendet. Sie haben es ins Netz gestellt und dort hat es sich rasant verbreitet. Seitdem tobt der selbstgerechte Mob.

Wie kann man das moralisch und juristisch bewerten? Kann man die Folgen für die Katze und die Folgen für die Täterin vergleichen? — Die Tierquälerin könnte ein Richter zu 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit im Tierheim und einer zusätzlichen Geldstrafe verurteilen. Aber welche Strafe wäre für das Veröffentlichen des Videos angemessen?



Direkte Demokratie wagen:

12. August 2010

Lasst die Bürger über die verkaufsoffenen Sonntage in ihrer Kommune abstimmen! Meine Dresdner Abo-Zeitung schreibt eben:

Die Geschäfte in Dresden dürfen in diesem Jahr nun doch an vier Sonntagen öffnen. Der Stadtrat stimmte der Regelung am Donnerstag mit knapper Mehrheit zu und revidierte damit seinen Beschluss vom vergangenen Dezember, mit dem er sich generell gegen verkaufsoffene Sonntage in der Stadt ausgesprochen hatte.

Ich bin dafür, dass die Bürger diese Entscheidung aller vier Jahre treffen und die Auswirkungen mit allen Konsequenzen tragen sollten. Mit solchen »Meinung-wechsle-dich«-Beschlüssen erzeugt man nur Frust und entlässt die Bürger aus der Verantwortung.



Google Street View kommt …

12. August 2010

und die Stadt Dresden reagiert! [Edit: ich wurde darauf hingewiesen, dass die Bilder schon fertig sind. Ich habe mich wohl vom Hype um die Veröffentlichung ablenken lassen. Die Kritik an der »Verfügung über das Wochenende« bleibt trotzdem stehen.] — Denn wenn Google kommt, will man sich als rechtschaffene Stadt auf keinen Fall blamieren. Da muss es ordentlich aussehen. Also erlässt man eine

Allgemeinverfügung zur Beseitigung/Unterlassung widerrechtlich angebrachter bzw. aufgestellter Werbeanlagen oder Werbeträger im öffentlichen Straßenraum der Landeshauptstadt Dresden.

Können Sie das in einem Zug fehlerfrei vorlesen, ohne dabei Luft zu holen? Dann bewerben Sie sich um einen Job in der sympathischen Straßen- und Tiefbaubürokratie der Landeshauptstadt Dresden.

Jedenfalls stand diese Allgemeinverfügung am 5. August im Amtsblatt und »gilt am 6. August 2010 als bekannt gegeben«, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt.

Der 6. August war ein Freitag. Und nun raten Sie mal, wann der Bürger mit dem Beseitigen und Unterlassen fertig sein sollte? Bis zum 9. August 2010, 10.00 Uhr. Das war der darauffolgende Montag. Sportlich, sportlich …

Die im öffentlichen Straßenraum der Landeshauptstadt Dresden (einschließlich der durch die Stadt führenden Bundesfernstraßen) widerrechtlich angebrachten bzw. aufgestellten Werbeanlagen oder Werbeträger (z. B. Veranstaltungswerbung, Wahlwerbung, Hinweisschilder, Wegweiser für Firmen, Gewerbeausübungen u. a.) sind vom Eigentümer und/oder Verursacher bis zum 9. August 2010, 10.00 Uhr zu beseitigen.

Aber wenn man das nicht geschafft hat, dann gibt es trotzdem noch eine Möglichkeit:

Gegen diese Allgemeinverfügung kann innerhalb eines Monats ab Bekanntgabe Widerspruch eingelegt werden. Der Widerspruch ist schriftlich oder zur Niederschrift bei der Landeshauptstadt Dresden einzulegen.

Das ist übrigens die selbe Stadtverwaltung, die zur Förderung des Tourismus ein Luxushotel in bester Lage mit Bußgeld belegt hat, weil da ein roter Teppich vor der Tür lag. Später haben sie sich dann geschämt:

am Abend kroch das Rathaus unter eben jenen Roten Teppich und schickte den Straßenamtschef Reinhard Koettnitz vor, der ein Einsehen mit dem Hilton hatte: „Da ist die Satzung wohl etwas zu korrekt ausgelegt worden. Ich denke, wir finden mit dem Hotel eine Regelung, dass der Teppich bleiben kann.“

Aber diese Satzung gilt natürlich weiterhin und Sonderregelungen sind immer Kann-Bestimmungen. Mal ehrlich: wenn man das Bild im verlinkten Artikel sieht, dann weiß man: Google darf so etwas Verbotenes nicht zu sehen bekommen. Wenn das jemand findet!


Die Ausgaben des Dresdner Amtsblatts gibt es als PDF unter dresdner-amtsblatt.de — aber nicht mit direktem Link, wie es sonst im Internet meist üblich sein soll. Weit gefehlt!

Man darf sich das Amtsblatt 30-31/2010 in einem PHP-Formular aussuchen und man kann es nicht direkt verlinken. Wo kämen wir denn da hin, wenn das alle machen würden? [Edit: Das ist abhängig vom Browser und von der PDF-Anzeige.] Aber wozu gibt es Google? Hier findet man die betreffende Ausgabe ;-)



Laufen in aller Frühe

5. August 2010

Wenn alles nach Plan läuft, dann brechen morgen früh um sechs Uhr drei Ultraläufer von Dresdner Theaterplatz nach Hamburg auf: Susanne Alexi, Thomas Eller und Hauke König.

Ich werde sie auf den ersten Kilometern begleiten und dann darüber berichten. Heute habe ich schon mal ein paar Bilder vom Beginn der Strecke gemacht. Einige Kommentare (von oben nach unten):

Wir werden einen sehr ruhigen Platz vor der Semperoper erleben.

Wir werden kein Taxi nehmen, sondern laufen.

Wir werden keine Pferdekutsche nehmen, sondern laufen.

Das Japanische Palais werden wir rechts liegenlassen.

Wir werden auf ICE und Auto verzichten. Wir laufen!

Landtag und Kongresszentrum bleiben links liegen. Und wir laufen auch nicht ins Stadion ein, wie beim Oberelbe-Marathon.

Der Wegweiser zeigt uns die Richtung: 22 Kilometer bis Meißen.

Wir laufen auf einem ruhigen Weg etwas abseits der Elbe zum alten Dresdner Hafen und auf die Flügelwegbrücke zu.

Kurz davor müssen wir aufpassen und dürfen nicht erschrecken: eventuell bellen uns die Diensthunde der Polizeistaffel an.

Links blicken wir kurz auf die Weißeritz und geradeaus sehen wir in Richtung Briesnitz eine der ältesten Kirchen Sachsens.

Wenn alles nach Plan läuft ;-)

PS: Hier kann man mehr über diesen Lauf erfahren.

lauf-raus-aus-dresden

Laufen in Richtung Meißen: 06.08.2010 ab 06.00 Uhr.


Neues von der Schillerlinde …

4. August 2010

und leider kaum Gutes. In den letzten Monaten wurde dort mehrfach vandaliert. Die Rundbank um die Linde ist nun völlig zerstört und wurde letztlich entfernt. Die Tafel ist lädiert. Der Meister wusste es schon:

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

[»Das Lied von der Glocke« von Friedrich Schiller]

Seit einigen Tagen ist die Linde anlässlich des Schulanfangs zum Zuckertütenbaum geworden. Bilder in aller Eile …


Schillerlinde im August 2010

Schillerlinde im August 2010.


Provisorisch wiederhergestellt: die Einfassung …

Provisorisch wiederhergestellt: die Einfassung …



Tele-Turm?

4. August 2010

Wieder einmal geht es um den Dresdner Fernsehturm und wieder einmal werden Hoffnungen geweckt. Auch andere Blogger aus Dresden werden bei den Gedanken wach. Vielleicht könnte man die Sanierung und Wiedereröffnung ermöglichen, wenn man den Turm nach einem

Namenssponsor

benennt? Wir haben uns im Fußball an die Allianz-Arena und im Eissport an die Freiberger-Arena gewöhnt — warum sollten wir uns nicht an einen Telekom-Turm gewöhnen, wenn es einen Nutzen bringt?



Ich kauf mir was …

4. August 2010

Ich kauf mir was,
Kaufen macht so viel Spaß!
Ich könnt ständig kaufen gehn,
Kaufen ist — wunderschön!

sang vor vielen Jahren Herbert Grönemeyer. Warum mir das jetzt einfällt? Im Neustadt-Ticker gibt es eine Meldung zum Sonntags-Einkauf: Sozis gegen Sonntagsverkauf — und ich hatte gerade im Urlaub Zeit, darüber nachzudenken.

Ich denke: es muss einen Interessenausgleich geben. Es gibt gesellschaftliche Kräfte wie die Kirchen, die generell für die Sonntagsruhe eintreten. Es gibt die Gewerkschaften, die für ihre Mitglieder mehr Geld oder mehr Freizeit herausholen wollen. Es gibt die Unternehmer, die möglichst lange und möglichst oft öffnen wollen. Manche sind für Wettbewerb und andere wollen ihn unterdrücken.

Im Urlaub in Vorpommern haben wir gerade einen Interessenausgleich in dieser Sache beobachtet. Da wurden die erweiterten Einkaufsmöglichkeiten ab dem 1. August 2010 leicht eingeschränkt, aber es gibt sie noch. Die Fronten verliefen dort ähnlich wie in Sachsen. Wenigstens ist ein Kompromiss herausgekommen.

In Ahlbeck wurde also Ende Juli an einem ganzen verlängerten Wochenende noch mal ein Anlass geschaffen. Es gab einen riesigen Markt mit Einkaufszeiten (fast) rund um die Uhr. Die Kurpromenade war voller Stände. Man musste dort vorbei, wenn man abends noch auf den Spielplatz oder an den Strand wollte. Es waren Massen von Menschen unterwegs, es war unheimlich laut, es war unheimlich voll.

Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass das Angebot auf große Nachfrage stieß. Da war einfach eine Grenze überschritten. Viele wälzten sich an den Buden vorbei, aber kaum jemand kaufte etwas. Man sah einfach keinen Nutzen. An einem Abend hatte der Stand am meisten Zuspruch, der ganz einfache vegetarisch gefüllte Fladenbrote anbot. Plötzlich waren den Leuten die vielen tausend Bratwürste drumherum völlig gleichgültig.

Da hatte ich das Gefühl: manche Befürworter der uneingeschränkten Marktwirtschaft vergessen, dass der Markt nicht für die Anbieter, sondern für die Nachfrager gemacht ist.

Wir Konsumenten sind ja ein buntes Völkchen: Manche sind Christen und legen großen Wert auf ihren Sonntag, anderen ist der Wochentag völlig gleichgültig. Manche sind auf schnellen Konsum fixiert, andere an Nachhaltigkeit orientiert. Manche denken unternehmerisch, andere sehen das als ganz schlimmen Makel. Viele von uns sind Arbeitnehmer oder Rentner — und kennen Wochenendarbeit. Manche haben nie Zeit zum Einkaufen, andere haben zu viel Zeit …

Viele von uns gehören zwangsläufig zu mehreren Gruppen. Ich bin selbst inkonsequent und gespalten. Ich arbeite an sehr vielen Wochenenden im Jahr, aber ich kann auch den Wunsch nach Ruhe verstehen. Ich hole mir am Sonntag meine Brötchen und meine Sonntagszeitung bei einem sehr guten Bäcker. Darüber hinaus gehe ich sonntags aus Prinzip nicht einkaufen. Doch ich gehe gern mal mit meinem Kind ins Schwimmbad oder ins Museum. Ich bin sehr froh darüber, dass es auch am Wochenende einen ärztlichen Notdienst und eine Feuerwehr gibt.

Es ist einfach selbstverständlich geworden, dass am Wochenende viele Leute arbeiten. Das kann man nicht mehr aus der Welt schaffen. Es kann nur noch darum gehen, die Arbeit vernünftig zu regeln und zu verteilen und zu bezahlen. Dazu müssen Kompromisse gemacht werden. Insofern ist »Sozis gegen Sonntagsarbeit« zwar ein schöner Spruch, aber ganz sicher nicht das letzte Wort …



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