Schreckensmeldungen

29. März 2012

SPON macht gerade mit der Schreckensmeldung des Tages Furore:

+++ EILMELDUNG +++
Hilfen für Schlecker-Mitarbeiter endgültig gescheitert

Vielleicht darf man mal ganz vorsichtig daran erinnern, dass die Hilfe unseres Sozialstaats für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch ohne Transfergesellschaft im weltweiten Maßstab vorbildlich ist. Es ist überhaupt nichts gescheitert, nur weil es nach aktuellem Informationsstand keine Transfergesellschaft geben wird.

Die Transfergesellschaft wäre auch ungerecht – gegenüber all den Mitarbeitern aus kleinen und mittleren Unternehmen, die im März ihre Arbeit verloren haben und ab 1. April Arbeit suchen. Alle haben die gleichen Beiträge zur Arbeitslosenversicherung geleistet und alle haben ihre Lohnsteuern gezahlt. Warum soll der Staat eine Gruppe willkürlich stark bevorzugen und mit vielen Millionen Euro abfedern? Was ist denn mit den anderen?

Natürlich ist es ein Schock, wenn eine große Handelskette viele Menschen entlassen muss. Aber alle diese Menschen werden weder ihre Krankenversicherung verlieren noch in ihrer Existenz gefährdet sein. Es gibt vielfältige gesetzlich verankerte Instrumente zur Umschulung in andere Berufe oder zur Vermittlung. Viele Unternehmen suchen Fachkräfte.

Es werden auch reguläre Existenzgründungshilfen bei der Übernahme von Filialen durch erfahrene Filialleiterinnen oder Verkäuferinnen angeboten. Wo ein Bedarf für eine Schlecker-Filiale war, muss es doch normalerweise auch einen Bedarf für ein ähnlich gelagertes Geschäft geben.

Die Schreckensmeldung »Hilfen für Schlecker-Mitarbeiter endgültig gescheitert« ist jedenfalls Unsinn. Die gesetzlich festgelegten Hilfen für alle im März arbeitslos gewordenen Menschen beginnen am Montag — so ist es sozial gerecht.



Paternalismus und Maternalismus in der XXL-Packung

26. März 2012

Mit einem Interview in der WELT geht die Kampagne unserer Bundesverbraucherbevormundungsministerin Ilse Aigner in eine neue Runde: Jetzt will sie die Wirtschaft dazu drängen, die größeren Packungen abzuschaffen und mehr kleine Packungen anzubieten. Schauen wir uns genauer an, was die Ministerin vorschlägt:

Die Hersteller müssen stärker auf die Bedürfnisse der Verbraucher eingehen und kleinere Mengen anbieten. XXL-Packungen passen nicht mehr in die Zeit. Es gibt immer mehr Single-Haushalte. Von 40 Millionen Haushalten in Deutschland sind bereits 16 Millionen Ein-Personen-Haushalte – Tendenz steigend. Die brauchen einfach nicht so große Mengen von Lebensmitteln. Viele Verbraucher kaufen auch deshalb die größere Packung, weil sie im Vergleich günstiger erscheint als die kleine – werfen später aber die Hälfte in den Müll.

Ich bin in unserer Familie an vielen Sonntagen für das Essen verantwortlich, ich koche auch gern mal eine leckere Marmelade und ich kaufe natürlich oft Lebensmittel ein — in Fachgeschäften, auf dem Wochenmarkt, beim Discounter und zuweilen auch in der besten Feinkostabteilung der Stadt. Ich darf also auf langjährige Erfahrungen mit anspruchsvollen und individualistischen Verbrauchern verweisen ;-)

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, welche Lebensmittel Frau Aigner eigentlich meint. Bei uns ist noch nie etwas weggeworfen worden, weil die Packungsgröße nicht gestimmt hätte. Ich hatte auch noch nie das Problem, irgendein Lebensmittel nicht in der passenden Packungsgröße zu bekommen. Auf dem Markt haben sich seit Jahrzehnten bestimmte Größen durchgesetzt, mit denen die meisten Verbraucher offensichtlich zurechtkommen.

In einigen Aspekten sind wir als Familie wirklich mit einem Single-Haushalt vergleichbar, denn die Erwachsenen essen anders als die Kinder und meine Frau setzt andere Schwerpunkte als ich. Fleisch und Fleischprodukte werden in unserer Familie nur noch selten nachgefragt und folglich in eher geringen Mengen eingekauft. Aber ich sehe wirklich kein einziges Lebensmittel, dass bei uns aufgrund einer zu großen Packung weggeworfen worden wäre.

Natürlich bietet der Handel auch große Packungen an. In einem der Läden meines Vertrauens gibt es z.B. Mehlprodukte und Körner in Tüten mit mehreren Kilogramm Inhalt — weil die Verbraucher solche großen Packungen offensichtlich nachfragen. Im selben Laden kann man sich aber jede beliebige Menge Mehl frisch mahlen lassen. Wir brauchen weder das eine noch das andere: Wenn meine Frau einen Kuchen bäckt, verwenden wir Mehl aus der Kilogramm-Tüte und das passt so.

Aber solange es eine Nachfrage nach bestimmten Packungsgrößen gibt, sollte sie auch befriedigt werden. Warum maßen sich Politikerinnen an, besser als Handel und Verbraucher über den Einkauf bestimmen zu können?


Unser Steuergeld wird ja durchaus oft für sinnvolle Dinge verwendet, aber manchmal wird damit auch großer Unsinn angestellt. Bestes Beispiel: Die teure Wegwerf-Kampagne der Frau Aigner. Im Politikteil der F.A.Z. fand ich heute so eine ganzseitige Anzeige. Mich grinste ein aufgeschnittener Apfel mit einem traurigen »Gesicht« an und ich wurde im kumpelhaften Ton aufgefordert:

Jedes achte Lebensmittel,
das wir kaufen, werfen wir weg.
Du kannst das ändern.

Warum wir so viel wegwerfen und was du dagegen tun kannst.
Schau Dir das Video an.

Jede Kampagne sollte auf ihre Zielgruppe abgestimmt sein. Ich glaube nicht, dass das krampfhafte Duzen inzwischen im Politikteil einer seriösen deutschen Tageszeitung salonfähig ist. Dieses Motiv ist einfach nur albern und kindisch. Damit würde ich meinen zehnjährigen Sohn unterfordern.

Mit dem selben Recht könnte man sagen: Eine ganze Seite in diesem Politikteil ist weggeworfenes Papier. Sparen Sie das Geld ein, Frau Aigner!


Spätestens seit dem Auftreten der Ministerinnen Ursula von der Leyen (Bevormundung der Netznutzer) und Ilse Aigner (Bevormundung der Verbraucher und der Wirtschaft) muss man dem Begriff Paternalismus den Begriff Maternalismus zur Seite stellen, anderenfalls würde man gravierend gegen die Anti-Diskriminierungs-Richtlinien verstoßen ;-)

Der »Pater/Maternalismus« ist inzwischen überall: Er ist gekennzeichnet durch das politische Handeln zum vorgeblichen Wohl der Betroffenen, das Entziehen von Verantwortung, das schrittweise Einschränken der Freiheit. Er wird begründet durch »höhere Werte« und »höhere Einsicht« unserer politischen Väter und Mütter. Im Grunde ist das alles aber nur ein weiterer schaler Aufguss der Anmaßung von Wissen.

Ich kenne es ja noch aus dem Sozialismus. Der SED-Staat hat uns auch immer nur zu unserem eigenen Wohl bevormundet und gegängelt. Damals mussten wir uns als Bürger im Stillen unsere eigenen Auswege suchen. Heute können wir wenigstens offen darüber diskutieren — bis uns auch das zu unserem eigenen Besten verboten wird?

Vorher möchte ich noch zu Protokoll geben, dass es eine XXL-Packung gibt, auf die ich wirklich verzichten kann: Sie enthält Frau Aigners gute Ratschläge und das Verfallsdatum war schon 1989 überschritten ;-)



Ich bin jetzt ein »Liberal Cosmopolitan« — und was sonst noch passierte

18. März 2012

An diesem Wochenende ist sehr viel passiert: Ich war heute wieder mal am ganz frühen Morgen laufen und konnte mich an der erwachenden Natur erfreuen. Ich habe die neue Ausstellung im Leonhardi-Museum besucht (Bericht & Fotos folgen später).

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Die Schautafel zu Carlfriedrich Claus … (Klick vergrößert).


Ich habe ein hochinteressantes Buch entdeckt — Martin Walsers: Über Rechtfertigung. Im Nebentitel heißt es: Eine Versuchung. Es ist eine Versuchung zum Denken, zum Lesen und zum Lernen. Für mich ist das Buch ein Beweis dafür, dass erfahrene alte Denker uns nicht mit den endgültigen Weisheiten versorgen, sondern das sie uns die richtigen Denkanstöße geben.


Mit dem neuen Bundespräsidenten zieht eine neue Kultur des Interviews ein. In seinem ersten Interview konterte er gerade die Fangfragen (»loaded questions«) der Journalisten nach Belieben aus. Das Echo bei SPON? Die müssen ein anderes Interview gesehen haben …


Ein sympathisches Zitat von Diana Schadt zu der etwas ungewöhnlichen partnerschaftlichen Konstellation im Bundespräsidentenamt: »Nachdem nicht nur Jochen und ich, sondern die ganze Familie mit unserer Regelung gut leben können, kann vielleicht auch der Rest der Gesellschaft damit leben.«


Der Kollege Frank vom Blog frankinformiert.wordpress.com hat vor einiger Zeit auf ein nettes politisches Spiel aufmerksam gemacht. Nachdem er sich zu seinem Testergebnis bekannt hat, will ich das auch tun:

You are a liberal Cosmopolitan. 4 percent of the test participators are in the same category and 68 percent are more extremist than you.

Mein Testergebnis

Mein Testergebnis

Hier ist übrigens die Auswertung aller (zur Zeit über 90.000) Testergebnisse.



Und ich habe an den warmen Mauern an der Elbe die ersten Eidechsen gesehen:

Eidechsen am ersten warmen Tag 2012 …


Ich werde niemals eine Wahl versäumen

18. März 2012

Mit den Worten »Was für ein schöner Sonntag« begann Joachim Gauck heute seine erste Rede als Bundespräsident. Er meinte damit nicht vordergründig den heutigen Tag. Er meinte in erster Linie den 18. März 1990, als wir in der DDR nach all den Jahren der SED-Diktatur endlich freie Bürger und freie Wähler sein durften.

Wie es der Zufall manchmal will: An dem Tag, als Joachim Gauck verbindlich für das Amt nominiert wurde, habe ich im »Haus des Buches« seine Biographie gekauft. Die Entscheidung wurde an jenem Samstag erst abends bekannt — eigentlich hatte ich mir das Buch nur mit der Überzeugung gekauft, dass wir diesen Präsidenten anstelle des Leichtgewichts Christian Wulff verdient gehabt hätten.

Mich berührt es tief, dass heute ein Bundespräsident gewählt wurde, der die friedliche Revolution und die Aufarbeitung der Diktatur mit geprägt hat. Er ist nicht der einzige Bürgerrechtler, der in die Politik ging, aber er hat es am weitesten gebracht. Vielleicht ist mit dem heutigen Tag ein weiterer Schritt zur Vereinigung der beiden Teile Deutschlands vollendet.

Muss die Vereinigung noch vollendet werden? An manchen banalen Dingen und an manchen gravierenden Unterschieden sieht man, dass es noch lange nicht geschafft ist. Eine scheinbar banale Beobachtung: Gestern habe ich mir in einem Laden für Restaurierungsbedarf ein Päckchen Stahlwolle gekauft — eine Tischplatte soll behandelt werden und zuerst müssen diverse Gebrauchsspuren herunter. Auf der Banderole stand: »Made in W.-Germany«. Nach dem Siegel auf der Verpackung zu urteilen war es wirklich ein Produkt aus diesen Tagen und kein Restbestand aus alten Zeiten. In manchen Köpfen scheint die Vereinigung heute noch nicht angekommen zu sein …

Ein gravierender Unterschied: Auch 22 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es immer noch Milliardentransfers in die ostdeutschen Bundesländer. Ich wünsche mir, dass ich es noch erlebe, dass aus Sachsen wenigstens die ersten Millionen in den Länderfinanzausgleich eingezahlt werden …

Vielleicht hören die Leute in West und Ost einem Bundespräsidenten zu, der aus seiner Erfahrung heraus viel zu sagen hat und der das auch sagen kann — für Joachim Gauck könnte die Redewendung »etwas herüberbringen« gemacht worden sein. Wir haben jetzt einen Präsidenten, der die Ideale der Freiheit und der Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Freiheit und Verantwortung gehören eng zusammen. Uns als Bürgern geht in dieser Beziehung nicht viel anders als dem Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Nein, ich will niemals einen Kaiser oder König als Repräsentanten dieses Landes haben. Am heutigen Tag wurde in der repräsentativen Demokratie ein Präsident gewählt und jeder Bürger hatte ein klein wenig Einfluss auf die Zusammensetzung der Bundesversammlung. So soll es sein und so soll es bleiben. Deshalb habe ich als Titel dieses Beitrags ein zweites Zitat aus Joachim Gaucks Antrittsrede gewählt — ebenfalls in Erinnerung an die erste freie Wahl in der DDR: Ich werde niemals eine Wahl versäumen …



Ausstellung in den Deutschen Werkstätten Hellerau: Karl-Heinz-Adler

16. März 2012

Einige Bilder aus der aktuellen Ausstellung der Deutschen Werkstätten mit Werken von Karl-Heinz Adler:

Die Ausstellung ist noch bis zum 20.04.2012 zu sehen …


Dresden einigt sich mit der Gagfah

16. März 2012

Wenn es stimmt, dass ein guter Kompromiss beiden Seiten wehtun muss, dann haben die Stadträte gestern einem sehr guten Kompromiss zugestimmt. Das zeigen die Schmerzensschreie der Kompromissgegner und die harten Auflagen für das Immobilienunternehmen.

Ich habe von Anfang an gesagt, dass die Stadt durch ein kompromissloses Handeln nur verlieren kann: Bei einer Niederlage wären immense Summen für den Rechtsstreit fällig gewesen. Bei einem Sieg wäre die Gagfah buchstäblich zerstört worden. Auch wenn man sich im Recht sieht: Man kann gewinnen und gleichzeitig alles noch schlimmer machen als zuvor.

Natürlich steigt der Aktienkurs eines Unternehmens, wenn Rechtssicherheit gewonnen wurde. Der Aktienkurs drückt immer aus, was einem Unternehmen für die Zukunft zugetraut wird. Man sollte die Gagfah nun genau beobachten und kontrollieren, aber man sollte sie auch ihre Arbeit tun lassen. Es ist jedenfalls albern, sich über einen steigenden Aktienkurs zu echauffieren. Freuen wir uns doch, das der größte Vermieter der Stadt wirtschaftlich wieder stabil ist …

Was mich aber noch viel mehr freut: der Kurs der »Aktie Dresden« steigt nach dem Kompromiss ebenfalls. Wir können nun bestimmte Ressourcen wieder weitaus sinnvoller einsetzen — und sei es die Energie der Führungsspitze im Rathaus und die Energie der Stadträte. Wir müssen auch unser Geld nicht den Rechtsanwälten hinterherwerfen. Es ist besser, wenn wir Planer, Architekten und Ingenieure beschäftigen.



Schluss mit der Altersdiskriminierung in Diskotheken!

9. März 2012

Eine Meldung vom 1. April 2020: Das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung unterstützt Hausmeister Heinz X. (45) bei seiner Musterklage gegen Dresdner Jugendklubs und Diskotheken. Heinz X.:

»Ich bin ein Mann in den besten Jahren. Die Sicherheitsdienste haben mich wiederholt nicht eingelassen. Mit dieser Diskriminierung aufgrund meines Alters muss endlich Schluss sein! Ich kann doch nichts für mein Alter!«

Im Zentralen Büro gegen Altersdiskriminierung wurde nach dem Anruf von Heinz X. der Rotkäppchen-Sekt entkorkt. Man hatte lange nach einem neuen Betätigungsgeldfeld gesucht, denn die Altersdiskriminierung im Beruf war in den letzten Jahren stetig zurückgegangen: Qualifizierte ältere Mitarbeiter waren gefragt wie nie zuvor. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz musste sich doch noch auf irgendeinem anderen Gebiet gewinnbringend anwenden lassen …


Also zeigten sie Heinz X. an Beispielen in leicht verständlicher Sprache, wie heute die besonders schweren Fälle von Altersdiskriminierung aussehen:

Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Aussehens. Zum Beispiel: Ein Mann kommt nicht in die Disko hinein, weil er zu alt aussieht.

Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Alters. Zum Beispiel: Ein Mann tanzt in der Disko ganz allein, weil er sich so bewegt wie in seiner Jugend in den Achtzigern.


Diese Beispiele in einfacher Sprache waren notwendig, denn die Pioniere des Antidiskriminierungsgewerbes hatten sich in den letzten Jahren eine ganz eigene Sprache geschaffen:

Die Begriffe »jung« und »alt« verwenden wir nur in Anführungszeichen, um zu verdeutlichen, dass es sich um fragwürdige Konstruktionen handelt. Jung ist lediglich eine Selbst- oder Fremdzuschreibung der Mehrheit in der Diskothek.

Auf der einen Seite ist Jung in den Diskotheken die machtvolle und dominante Identität. Auf der anderen Seite steht Alt für alle Menschen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Sprechweise oder ihrer Kleidung als »nicht jung« wahrgenommen werden und Altersdiskriminierungserfahrungen machen. Die Begriffe »jung« und »alt« lehnen sich also an eine altersdiskriminierende mehrheitsjunge Bezeichnungspraxis an. Das können wir nicht länger hinnehmen.

Natürlich musste der Begriff »ältere Menschen« unbedingt vermieden werden. Er wurde durch P.O.A.C.A. ersetzt: »Person of a certain Age«.

Man verwendete dort nämlich auch gern Blähwörter, die möglichst wie Englisch aussehen sollten. So wurde der Test als »Testing« bezeichnet und bei jedem »Testing« wurde ein »Testingprotokoll« angefertigt …


Das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung führte nach der Beschwerde mehrere »Testings« durch, um die Altersdiskriminierung zweifelsfrei nachweisen zu können. Heinz X. (45) und sein Neffe Robert G. (22), beide schlank und sehr sportlich, verkleideten sich mit Schuhen, Jeans, Sonnenbrillen, Gel und Parfümwolken eines italienischen Markenherstellers. Dann standen sie am Eingang des Club U24.

Was sie dort erlebten, empört die Chefin des Zentralen Büros gegen Altersdiskriminierung noch heute. Barbara H. (Alter: undefinierbar) liest mit bebender Stimme und bebendem Kinn aus dem »Testingprotokoll« vor:

Schon auf der Treppe schüttelt ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes den Kopf. Er bedeutet Heinz X: »Du kommst hier nicht rein.« – »Warum nicht?« – »Wir haben schon genug ältere Mitbürger drin.«

Sein Neffe Robert G. fragte: »Komme ich auch nicht rein«? Er wurde kommentarlos durchgewunken. Auf Nachfrage erklärte der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes: »30 ältere Mitbürger können rein, mehr geht leider nicht.«

Heinz X. hakte nach: »Auch 31 nicht?« — »Nein. Wir hatten schon mehrfach das Problem, dass dann die meisten jungen Leute gegangen sind. Jetzt haben wir unsere älteren Stammgäste.«

Heinz X. blieb hartnäckig: »Wie kann ich denn hier reinkommen und Stammgast werden?« — »Du kannst zeitiger kommen und hoffen, dass noch nicht mehr als 30 ältere Mitbürger drin sind.«

Das »Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung« sieht in dieser Reaktion eine eindeutige Verletzung der Menschenrechte des Heinz X. Dazu Barbara H.:

»Altersdiskriminierende Zurückweisungen dürfen wir nicht hinnehmen. Sie sind menschenrechtlich inakzeptabel und verstoßen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. In den Zentralen Büros gegen Altersdiskriminierung beschweren sich bundesweit mindestens 15 Männer pro Jahr über eine altersdiskriminierende Behandlung vor der Diskothek.

Doch darüber liegt noch die Spitze des Eisbergs! Die Dunkelziffer ist tiefschwarz!! Der Quantensprung ist unübersehbar!!! Jetzt muss der Staat endlich eingreifen!1!!

Wir bestehen darauf: Das Recht auf Gleichbehandlung wiegt ungleich schwerer als das Hausrecht. Vom Alter eines Gastes auf das mögliche Verhalten anderer Gäste zu schließen, ist ein altersdiskriminierender Generalverdacht.

Wenn die jungen Leute wirklich davongelaufen sein sollten, dann werden wir Mittel und Wege finden, das zu unterbinden.

Gegen den Namen des Clubs läuft übrigens schon eine Klage. Club U24 ist für uns völlig inakzeptabel. Das Recht auf Gleichbehandlung wiegt ungleich schwerer als das Recht auf die freie Wahl des Clubnamens. Und als nächstes werden wir bundesweit jeden Veranstalter einer Ü30-Party verklagen. Einfach aus Prinzip: Kein U und kein Ü.«


Nachdem das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung den Fall der Presse übergeben hatte, gab der Clubeigentümer Wolfgang W. schließlich nach: Heinz X. und Barbara H. durften für einen Abend in den Club U24. Was dann geschah, macht Hausmeister Heinz X. heute noch wütend:

»Nun war ich endlich im U24, aber niemand wollte mit mir tanzen.«

Er holte sein altes Nokia aus der Tasche und gab das verabredete Zeichen. Eine Aktivistengruppe der »Jungen Freunde des Zentralen Büros gegen Altersdiskriminierung« besetzte das U24 und legte den Hauptschalter um. Die Musik verstummte. Die Gruppe rollte ein Transparent aus. Alle Ausgänge wurden versperrt. Barbara H. und die Sozialpädagogin Traudel W.-S. initiierten einen spontanen Workshop mit den Jugendlichen. Zuerst sollten sich Mandy und Nicole vor der Gruppe rechtfertigen. Mandy (18):

Der hat sich doch bewegt wie früher in den Achtzigern. Die Hände über dem Kopf! Und gebalzt hat der! Und mit dem Prosecco wollte er auch nicht anstoßen. Nö. Ich suche mir meine Tanzpartner immer noch selbst aus.

Partylöwe Wolfgang W. konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die Aktivisten hielten eine zweistündige Vollversammlung ab und beschlossen eine Blockade des Clubs. Mandy S. und Wolfgang W. wurde ein Angebot gemacht, das sie nicht ausschlagen konnten: Ein vierwöchiger Vollzeitkurs im zentralen Umerziehungslager »Sozialistische Internationale«. Dort würden sich vom Staat bezahlte »Antidiskriminierungspädagog_innen« mit ihnen befassen …


Wolfgang W. wollte sich bis zum Ende des Kurses nicht ausreden lassen, dass er selbst bestimmen könne, wen er in seinen Laden einlässt. Er weigerte sich auch, alle Mitarbeiter zu einer obligatorischen Schulung beim »Zentralen Büro gegen Altersdiskriminierung« zu schicken. Die Ordnungsstrafe von 1.000 Euro pro Abend führte schon nach wenigen Wochen zur Pleite des U24. Heinz X. betrank sich vor dem geschlossenen Tor des Clubs.

Mandy und Nicole hatten es anfangs besser. Sie gingen seitdem nie wieder ohne ein Kärtchen aus, von dem sie im Ernstfall laut und langsam ablasen:

Es tut mir sehr leid, aber Ihr Dresscode entspricht nicht meinen Vorstellungen. Und außerdem muss ich gar nichts begründen.

Aber dann ließ das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung auch diese Antwort juristisch überprüfen …



Ein wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ist eine Satire. Ein Zentrales Büro gegen Altersdiskriminierung in Diskotheken hat es nie gegeben und wird es hoffentlich nie geben. Aber es gibt heute Gesetze, die solche Büros möglich machen.

Ähnlichkeiten mit Ereignissen, Entwicklungen und »Testings« aus der Gegenwart sind allerdings nicht auszuschließen. Der Autor ist nicht für diese Ähnlichkeiten verantwortlich.

Das Zusammenleben von Menschen lässt sich mit Vernunft und Augenmaß regeln. Niemandem sollte aufgezwungen werden, mit wem er zusammen tanzt, feiert oder ein Bier trinkt. Nicht im Jahr 2012 und auch nicht im Jahr 2020.

In meiner Jugendzeit in den 80er Jahren in der DDR gab es ja nun wirklich eine stark ausgebaute Staatsbürokratie. Aber man wäre nie auf die unsinnige Idee gekommen, dass man sich bei einem »Antidiskriminierungsbüro« beschweren könnte, weil man in eine Diskothek nicht eingelassen wurde.

Wenn heute in eine Nobeldiskothek vorzugsweise junge Promis und Reiche hineinkommen, dann bleiben mehr als 99% der Bevölkerung draußen. Wie tief müsste man denn sinken, sich ausgerechnet beim Staat darüber zu beschweren, dass der Türsteher gesagt hat: »Du kommst hier nicht rein«? Eine diskriminierende Wirkung kann man ja dabei immer unterstellen. Ich würde mir jedenfalls einen Laden suchen, in den ich hineinpasse und der mit mir ein Geschäft machen will.

Weder im Jahr 2012 noch im Jahr 2020 brauchen wir stetig wachsende bürokratische Einrichtungen, die das Recht auf eine Teilnahme an privaten Veranstaltungen durchsetzen oder die uns darüber belehren, wie wir zu denken haben. Jedes Problem kann unter den Beteiligten kooperativ gelöst werden.

Für jede Nachfrage von Menschen mit einer entsprechenden Kaufkraft (und einem entsprechenden Benehmen) wird sich ein Angebot finden — Veranstaltungen wie Ü30 und Ü40 sind z.B. die Antwort auf einen solchen Bedarf. Gleichermaßen wird unkooperatives Verhalten eines Anbieters durch sinkende Nachfrage bestraft werden … aber all das können Anbieter und Nachfrager unter sich ausmachen.




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