Ich werde niemals eine Wahl versäumen

Mit den Worten »Was für ein schöner Sonntag« begann Joachim Gauck heute seine erste Rede als Bundespräsident. Er meinte damit nicht vordergründig den heutigen Tag. Er meinte in erster Linie den 18. März 1990, als wir in der DDR nach all den Jahren der SED-Diktatur endlich freie Bürger und freie Wähler sein durften.

Wie es der Zufall manchmal will: An dem Tag, als Joachim Gauck verbindlich für das Amt nominiert wurde, habe ich im »Haus des Buches« seine Biographie gekauft. Die Entscheidung wurde an jenem Samstag erst abends bekannt — eigentlich hatte ich mir das Buch nur mit der Überzeugung gekauft, dass wir diesen Präsidenten anstelle des Leichtgewichts Christian Wulff verdient gehabt hätten.

Mich berührt es tief, dass heute ein Bundespräsident gewählt wurde, der die friedliche Revolution und die Aufarbeitung der Diktatur mit geprägt hat. Er ist nicht der einzige Bürgerrechtler, der in die Politik ging, aber er hat es am weitesten gebracht. Vielleicht ist mit dem heutigen Tag ein weiterer Schritt zur Vereinigung der beiden Teile Deutschlands vollendet.

Muss die Vereinigung noch vollendet werden? An manchen banalen Dingen und an manchen gravierenden Unterschieden sieht man, dass es noch lange nicht geschafft ist. Eine scheinbar banale Beobachtung: Gestern habe ich mir in einem Laden für Restaurierungsbedarf ein Päckchen Stahlwolle gekauft — eine Tischplatte soll behandelt werden und zuerst müssen diverse Gebrauchsspuren herunter. Auf der Banderole stand: »Made in W.-Germany«. Nach dem Siegel auf der Verpackung zu urteilen war es wirklich ein Produkt aus diesen Tagen und kein Restbestand aus alten Zeiten. In manchen Köpfen scheint die Vereinigung heute noch nicht angekommen zu sein …

Ein gravierender Unterschied: Auch 22 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es immer noch Milliardentransfers in die ostdeutschen Bundesländer. Ich wünsche mir, dass ich es noch erlebe, dass aus Sachsen wenigstens die ersten Millionen in den Länderfinanzausgleich eingezahlt werden …

Vielleicht hören die Leute in West und Ost einem Bundespräsidenten zu, der aus seiner Erfahrung heraus viel zu sagen hat und der das auch sagen kann — für Joachim Gauck könnte die Redewendung »etwas herüberbringen« gemacht worden sein. Wir haben jetzt einen Präsidenten, der die Ideale der Freiheit und der Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Freiheit und Verantwortung gehören eng zusammen. Uns als Bürgern geht in dieser Beziehung nicht viel anders als dem Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Nein, ich will niemals einen Kaiser oder König als Repräsentanten dieses Landes haben. Am heutigen Tag wurde in der repräsentativen Demokratie ein Präsident gewählt und jeder Bürger hatte ein klein wenig Einfluss auf die Zusammensetzung der Bundesversammlung. So soll es sein und so soll es bleiben. Deshalb habe ich als Titel dieses Beitrags ein zweites Zitat aus Joachim Gaucks Antrittsrede gewählt — ebenfalls in Erinnerung an die erste freie Wahl in der DDR: Ich werde niemals eine Wahl versäumen …


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18 Antworten zu Ich werde niemals eine Wahl versäumen

  1. Zschertnitzer sagt:

    Es wird wahrscheinlich noch lange dauern, bis Sachsen mal in den Länderfinanzausgleich einzahlen kann. Dafür ist die Wirtschaft in Sachsen immer noch zu sehr am Boden. Junge gut ausgebildete Absolventen von den Hochschulen aber auch Handwerker und Facharbeiter haben oft gar keine andere Wahl als in den Westen zu gehen. Da es hier wenig gibt und dann oft zu Löhnen, von denen man kaum gut leben könnte. Auf diese sachsenweite Entwicklung haben auch Leuchttürme wie Dresden wenig Einfluss. Ich befürchte, dass ein Großteil der Gemeinden in Sachsen auf einen Schlag insolvent wäre, wenn der Solidarpakt ausgesetzt wird. Selbst Dresden hätte dann erst mal große finanzielle Probleme. Jedenfalls wenn man den Zahlen glauben kann, die vor ein paar Monaten in der lokalen Presse standen.

    • stefanolix sagt:

      Das stimmt prinzipiell. Aber ich will ja auch noch eine Weile leben. Lass uns in zehn oder fünfzehn Jahren über die Entwicklung seit heute reden ;-)

      Die Löhne bzw. Einkommen sind ja nur die eine Seite. Auf der anderen Seite stehen die Preise — und viele Preise in Dresden sind z.B. tiefer als die Preise in München oder Hamburg. Insgesamt ergibt sich ja aus Einkommen und Preisen erst die Kaufkraft.

      So merkwürdig es klingen mag: Für mich bringt der neue Bundespräsident eine Art Aufbruchstimmung ins Land, gerade weil er viele Dinge einfach so anspricht, um die sich andere Politiker drücken oder die sie in wohligen Worten verschleiern. Schon in den ersten Interviews.

  2. Christiane sagt:

    Auch ich bin tief berührt von der Wahl und den Ereignissen. Warum hat die Gauck-Wahl denn nur nicht im1. Versuch geklappt? Herr Wulff war doch zu keinem Zeitpunkt die bessere Alternative. Aber was ich fast noch berührender finde, ist die Tatsache, dass ich Herrn Gauck so gern zuhöre und mir hoffentlich ganz viele folgen. Ich halte sogar inne (und bleibe beispielsweise im Auto sitzen), um ihm bis zu Ende zuzuhören… und das will etwas heißen.

  3. Christiane sagt:

    Ich bin dabei… wer noch?? :-)

    • stefanolix sagt:

      Zu Deiner Frage von oben: Im Grunde hätten wir Joachim Gauck schon anstelle von Horst Köhler haben können — wenn Angela Merkel damals über ihren Schatten gesprungen wäre. Sicher: das waren damals andere Zeiten und vielleicht waren die beiden Zurückgetretenen doch auf irgend eine Weise für den Lauf der Geschichte notwendig — und sei es als Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte ;-)

      Ich freue mich jedenfalls auf die Reden, vielleicht auf das eine oder andere Büchlein, vielleicht auf die eine oder andere Aufregung.

      Es kann immer noch schiefgehen: bestimmte Kräfte hassen Joachim Gauck bis aufs Messer und einige davon haben Erfahrung in Desinformation. Auch einige Berufslinke werden alles tun, um ihm das Wort im Munde herumzudrehen.

      Auf jeden Fall ist Joachim Gauck der erste Politiker seit Jahren, für den ich demonstrieren würde.

  4. Antifa sagt:

    Auch einige Berufslinke werden alles tun, um ihm das Wort im Munde herumzudrehen.

    Wie habe ich es vermisst… Woher resultiert eigentlich Dein stetiger Hass auf alles was nicht Deiner Meinung entspricht?

    • stefanolix sagt:

      Ich kann Dir Deine Wahrnehmung nicht absprechen, aber ich bin sicher, dass ich in meinen Satz keinen Hass hineingesteckt habe ;-)

      Auf jeden Fall ist darin keinerlei Hass gegenüber Menschen enthalten. Den will ich mir nicht antun.


      Das Verdrehen von Aussagen (und damit verwandt: das Verfälschen von Statistiken) verachte und hasse ich dagegen zutiefst — aber bei allen politischen Richtungen, die mit solchen Methoden arbeiten. In den Medien wird es ja auch immer schlimmer.

      Ich setze also voraus, dass eine bestimmte Klasse von Berufslinken die Aussagen Joachim Gaucks bisher verdreht hat und weiterhin verdrehen wird. Die können es gar nicht anders.

      Ich sehe das gleiche Prinzip der Verfälschung und Verdrehung aber z.B. auch in der Law-and-Order-Politik der Konservativen, wenn etwa Netzzensur, Überwachung, Bundestrojaner oder andere Maßnahmen propagiert werden.

  5. Michael sagt:

    stefanolix :
    …bestimmte Kräfte hassen Joachim Gauck bis aufs Messer und einige davon haben Erfahrung in Desinformation. Auch einige Berufslinke werden alles tun, um ihm das Wort im Munde herumzudrehen.

    Da muß man nicht nur nach Linksaußen schauen, Peter-Michael Diestel – CDU hat da auch was zu bieten.

  6. Christiane sagt:

    Ich glaube nicht, dass es schief gehen wird. Es wird sicherlich nicht einfach werden, aber das erwartet wahrscheinlich auch niemand. Aber schief gehen wird es nicht! So! ;-)

    Ich bin ganz überrascht, wie interpretativ mit Deinen Äußerungen hier umgegangen wird. Ich lese ja noch nicht lange mit, schaue nun aber täglich vorbei. Aber Ihr scheint Euch ja schon zu “kennen”.

    • Linker sagt:

      Wenn ein Deutsches Staatsoberhaupt mit 80% Mehrheit gewählt wird, kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Sache in die Hose geht. Fragen Sie nach in Europa..

    • stefanolix sagt:

      @Christiane: Ich schätze mich selbst eigentlich als relativ moderat ein. Ich habe aber einen Lebenslauf, in dem ein entscheidender Punkt ist, dass ich 1989 mit 22 Jahren gegen die Diktatur der SED auf die Straße gegangen bin. Ich sehe heute immer noch die stalinistischen, kommunistischen und andere linksradikale Kräfte als Gefahr für unseren demokratischen Rechtsstaat. Diese Kräfte versuchen traditionell, mit einer sogenannten Volksfrontpolitik Einfluss zu gewinnen …

      Nein, ich kenne die Person hinter dem Nick »Antifa« nicht. Manchmal hatten wir ganz brauchbare Diskussionen, in anderen Fällen haben wir aneinander vorbei geredet …

  7. Christiane sagt:

    Vielleicht möchte er ja (außer mit seinem Nick) Stellung beziehen und Alternativen anbieten?

  8. Christiane sagt:

    Ich eben auch, denn einfach nur dagegen sein, ist doch auch keine Lösung.

    • stefanolix sagt:

      Andererseits: Ich würde mir sehr wünschen, dass die Konkurrenz der klar denkenden und verantwortungsvoll redenden Politiker etwas größer wäre. Wenn wir also genügend Persönlichkeiten hätten, die Joachim Gauck »beerben« oder ersetzen können.

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