Paternalismus und Maternalismus in der XXL-Packung

Mit einem Interview in der WELT geht die Kampagne unserer Bundesverbraucherbevormundungsministerin Ilse Aigner in eine neue Runde: Jetzt will sie die Wirtschaft dazu drängen, die größeren Packungen abzuschaffen und mehr kleine Packungen anzubieten. Schauen wir uns genauer an, was die Ministerin vorschlägt:

Die Hersteller müssen stärker auf die Bedürfnisse der Verbraucher eingehen und kleinere Mengen anbieten. XXL-Packungen passen nicht mehr in die Zeit. Es gibt immer mehr Single-Haushalte. Von 40 Millionen Haushalten in Deutschland sind bereits 16 Millionen Ein-Personen-Haushalte – Tendenz steigend. Die brauchen einfach nicht so große Mengen von Lebensmitteln. Viele Verbraucher kaufen auch deshalb die größere Packung, weil sie im Vergleich günstiger erscheint als die kleine – werfen später aber die Hälfte in den Müll.

Ich bin in unserer Familie an vielen Sonntagen für das Essen verantwortlich, ich koche auch gern mal eine leckere Marmelade und ich kaufe natürlich oft Lebensmittel ein — in Fachgeschäften, auf dem Wochenmarkt, beim Discounter und zuweilen auch in der besten Feinkostabteilung der Stadt. Ich darf also auf langjährige Erfahrungen mit anspruchsvollen und individualistischen Verbrauchern verweisen ;-)

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, welche Lebensmittel Frau Aigner eigentlich meint. Bei uns ist noch nie etwas weggeworfen worden, weil die Packungsgröße nicht gestimmt hätte. Ich hatte auch noch nie das Problem, irgendein Lebensmittel nicht in der passenden Packungsgröße zu bekommen. Auf dem Markt haben sich seit Jahrzehnten bestimmte Größen durchgesetzt, mit denen die meisten Verbraucher offensichtlich zurechtkommen.

In einigen Aspekten sind wir als Familie wirklich mit einem Single-Haushalt vergleichbar, denn die Erwachsenen essen anders als die Kinder und meine Frau setzt andere Schwerpunkte als ich. Fleisch und Fleischprodukte werden in unserer Familie nur noch selten nachgefragt und folglich in eher geringen Mengen eingekauft. Aber ich sehe wirklich kein einziges Lebensmittel, dass bei uns aufgrund einer zu großen Packung weggeworfen worden wäre.

Natürlich bietet der Handel auch große Packungen an. In einem der Läden meines Vertrauens gibt es z.B. Mehlprodukte und Körner in Tüten mit mehreren Kilogramm Inhalt — weil die Verbraucher solche großen Packungen offensichtlich nachfragen. Im selben Laden kann man sich aber jede beliebige Menge Mehl frisch mahlen lassen. Wir brauchen weder das eine noch das andere: Wenn meine Frau einen Kuchen bäckt, verwenden wir Mehl aus der Kilogramm-Tüte und das passt so.

Aber solange es eine Nachfrage nach bestimmten Packungsgrößen gibt, sollte sie auch befriedigt werden. Warum maßen sich Politikerinnen an, besser als Handel und Verbraucher über den Einkauf bestimmen zu können?


Unser Steuergeld wird ja durchaus oft für sinnvolle Dinge verwendet, aber manchmal wird damit auch großer Unsinn angestellt. Bestes Beispiel: Die teure Wegwerf-Kampagne der Frau Aigner. Im Politikteil der F.A.Z. fand ich heute so eine ganzseitige Anzeige. Mich grinste ein aufgeschnittener Apfel mit einem traurigen »Gesicht« an und ich wurde im kumpelhaften Ton aufgefordert:

Jedes achte Lebensmittel,
das wir kaufen, werfen wir weg.
Du kannst das ändern.

Warum wir so viel wegwerfen und was du dagegen tun kannst.
Schau Dir das Video an.

Jede Kampagne sollte auf ihre Zielgruppe abgestimmt sein. Ich glaube nicht, dass das krampfhafte Duzen inzwischen im Politikteil einer seriösen deutschen Tageszeitung salonfähig ist. Dieses Motiv ist einfach nur albern und kindisch. Damit würde ich meinen zehnjährigen Sohn unterfordern.

Mit dem selben Recht könnte man sagen: Eine ganze Seite in diesem Politikteil ist weggeworfenes Papier. Sparen Sie das Geld ein, Frau Aigner!


Spätestens seit dem Auftreten der Ministerinnen Ursula von der Leyen (Bevormundung der Netznutzer) und Ilse Aigner (Bevormundung der Verbraucher und der Wirtschaft) muss man dem Begriff Paternalismus den Begriff Maternalismus zur Seite stellen, anderenfalls würde man gravierend gegen die Anti-Diskriminierungs-Richtlinien verstoßen ;-)

Der »Pater/Maternalismus« ist inzwischen überall: Er ist gekennzeichnet durch das politische Handeln zum vorgeblichen Wohl der Betroffenen, das Entziehen von Verantwortung, das schrittweise Einschränken der Freiheit. Er wird begründet durch »höhere Werte« und »höhere Einsicht« unserer politischen Väter und Mütter. Im Grunde ist das alles aber nur ein weiterer schaler Aufguss der Anmaßung von Wissen.

Ich kenne es ja noch aus dem Sozialismus. Der SED-Staat hat uns auch immer nur zu unserem eigenen Wohl bevormundet und gegängelt. Damals mussten wir uns als Bürger im Stillen unsere eigenen Auswege suchen. Heute können wir wenigstens offen darüber diskutieren — bis uns auch das zu unserem eigenen Besten verboten wird?

Vorher möchte ich noch zu Protokoll geben, dass es eine XXL-Packung gibt, auf die ich wirklich verzichten kann: Sie enthält Frau Aigners gute Ratschläge und das Verfallsdatum war schon 1989 überschritten ;-)


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