Einreiseverbot für Karl Eduard von Grass

Warum Günter Grass nach Israel eingeladen werden sollte

Karl Eduard von Schnitz(ler) war ein Moderator des DDR-Staatsfernsehens. Er hat damals Bruchstücke aus den Nachrichtensendungen und politischen Magazinen von ARD und ZDF entnommen, aus dem Zusammenhang gerissen und für die SED-Propaganda missbraucht.

Die Beiträge des Schwarzen Kanals waren schon in Prosa unerträglich. Wenn Karl Eduard von Schnitzler auch noch gedichtet hätte, wäre dabei wohl ein Poem wie »Was gesagt werden muss« entstanden: falsch eingeordnete Halbwahrheiten, gemischt mit Propaganda, gesetzt in Knittelversen.

Es war aber im »Schwarzen Kanal« nie alles falsch. Die Ausschnitte aus dem Westfernsehen waren nicht gefälscht und — man sollte es nicht vergessen – an jedem demokratischen Staat muss auch Kritik geübt werden, ob er nun BRD, USA oder Israel heißt. Der »Schwarze Kanal« war nur deshalb so abstoßend, weil die Informationen böswillig und demagogisch in ein ideologisches Schwarz-Weiß-Schema eingeordnet wurden.

Es ist auch an dem Poem »Was gesagt werden muss« nicht alles falsch. Doch es werden auch in diesem Fall Informationen in einen völlig falschen Zusammenhang eingeordnet: Israels kleines Raketen- und Atomwaffenpotential ist nach aller militärischen Logik nur zur Abschreckung und zum Zweitschlag geeignet. Das Wort Abschreckung ist schrecklich genug, aber die Raketen sind angesichts der tödlichen Bedrohungen auch schrecklich notwendig.

Über die Person Karl Eduard von Schnitzler hat die Geschichte ihr Urteil gesprochen.

Doch den Schriftsteller Günter Grass möchte ich unbedingt differenziert betrachten. Nachdem es die anerkannte dichterische Freiheit gibt: Warum sollten Schriftsteller und Dichter nicht auch den einen oder anderen Avatar am Kabel führen?

Ein Vorschlag zur Güte: Das Poem »Was gesagt werden muss« könnte einem fiktiven Dichter mit dem Pseudonym Karl Eduard von Grass zugeschrieben werden. Dieser Dichter hätte zu Recht Einreiseverbot in Israel.

Der Schriftsteller Günter Grass sollte aber nicht aus Israel ausgesperrt, sondern nach Israel eingeladen werden, damit er sieht, wie schrecklich die Konsequenzen einer Zerstörung Israels wären.

Tatsache ist: Günter Grass hat über Jahrzehnte engagiert an der politischen Meinungsbildung mitgewirkt. Er hat die demokratische Partei SPD und den demokratisch gewählten Kanzler Willy Brandt unterstützt. Unabhängig davon, wie man zu den politischen Aussagen des Günter Grass, zur SPD und zu Willy Brandt steht: Das war richtig und notwendig.

Deshalb soll man Günter Grass’ verunglücktes und einseitiges Poem in der Luft zerreißen, ihm selbst aber den angemessenen Respekt zollen. Das Einreiseverbot und die Forderungen nach Aberkennung des Nobelpreises sind unsinnig.


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7 Antworten zu Einreiseverbot für Karl Eduard von Grass

  1. Ich finde den Mann überschätzt, das Gedicht unmöglich – und freue mich über unaufgeregte Kritiken wie diese.
    Dein Vorschlag ist sehr vernünftig, leider wird er ja vermutlich nicht angenommen, so vernünftig ist er.
    Der israelische Journalist Tom Segev hat darüber sehr unaufgeregt und klar gesprochen. Insgesamt wird in der Diskussion viel zu viel Pathos verwendet – von Gegnern wie von Befürwortern des Gedichts.

    • stefanolix sagt:

      Alle Konsequenzen über die Kritik an diesem konkreten Gedicht hinaus finde ich völlig überzogen. Und ich finde es erschreckend, dass überhaupt laut darüber nachgedacht wird.

  2. Rayson sagt:

    Ich habe große Probleme, das in mir wegen des tagelangen Shitstorms aufkeimende Verlangen, Grass in Schutz zu nehmen, zu unterdrücken. Noch gelingt es mir, weil Grass fast ideal den Typ eines moralisierenden Gutmenschen verkörpert, der mir extrem unsympathisch ist.

    • stefanolix sagt:

      Ich bin nicht sicher, ob Sympathie der einzige Maßstab sein sollte, wenn es um die faire Behandlung eines Akteurs geht. ;-)

      • Rayson sagt:

        Zwischen dem, was sein sollte, und dem, was wirklich ist, klafft halt des öfteren eine große Lücke…

      • stefanolix sagt:

        Ich bin gerade durch Arbeit etwas vom Kommentieren & Bloggen abgelenkt. Ich denke nur: Jemanden zu kritisieren, muss nicht unbedingt bedeuten, ihn gesellschaftlich zu vernichten.

      • Rayson sagt:

        Ob ich den Mann sympathisch finde oder nicht, wird wohl kaum zu seiner Vernichtung beitragen ;-)

        Ich habe aber auch den Eindruck, als machten sich viele der “Grass-Kritiker” selbst dessen schuldig, was sie dem Schriftsteller vorwerfen, nämlich das vorgebliche Thema nur als Projektionsfläche für die Eigendarstellung zu nutzen. Und wer am stärksten draufhaut, hat den moralisch Längsten…

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