Wie ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1399 von der Stadtverwaltung Dresden in Bürokratensprache übesetzt wurde

In einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung Dresden wird ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1399 wie folgt zitiert:

Mit der Bleibulle des Papstes Bonifatius IX. an rot und gelben Seidenfäden erteilt dieser allen, „die der täglich in der Kapelle des heiligen Kreuzes durch die Geistlichkeit stattfindenden Absingung des „Salve Regina” in Andacht beiwohnen werden, einen 40-tägigen Ablass”.

Im ersten Augenblick dachte ich: Alle Achtung! Ein Papst hat im Jahr 1399 den bürokratischen Sprachstil des Jahres 2012 vorweggenommen. Vielleicht gab es dafür einen guten Grund? Hat die täglich durch die Geistlichkeit stattfindende Absingung so schräg geklungen, dass man den Gläubigen dafür einen Ablass versprechen musste?

Aber dann kamen Zweifel auf: In diesem Stil haben die Päpste doch damals eigentlich nicht geschrieben? Freundlicherweise hat die Stadtverwaltung auch die Übersetzung der päpstlichen Bulle zur Verfügung gestellt. Darin heißt es:

Nachdem wir es deshalb so in Bezug auf die Kapelle des heiligen Kreuzes in der Stadt Dresden in der Meißner Diözese gehört haben, in der — wie behauptet wird — die besagte ruhmvolle Jungfrau durch das göttliche Wirken mit vielen Wundern strahlte und in dieser Kapelle wegen der Verehrung und Ehrerbietung dieser ruhmvollen Jungfrau gegenüber an jedem Tag zur späten Stunde die Antiphon über die ruhmvolle Jungfrau, die mit »Salve regina misericordiae« beginnt, durch den Klerus der genannten Stadt gewöhnlich feierlich und andächtig gesungen würde und weil zu dem derartigen Absingen eine große Menge des Volkes dieser Stadt mit Andacht zusammenkäme, erlassen wir, die wir wollen, dass die an Christus Glaubenden deshalb eifriger um der Andacht willen zu dem derartigen Absingen zusammenströmen, wodurch sie sich deshalb als dort reicher durch das Geschenk der himmlischen Gnade Gestärkte ansehen, wir erlassen [also] gemäß der Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes und im Vertrauen auf die Vollmacht seiner seligen Apostel Petrus und Paulus allen aufrichtig Büßenden und Beichtenden, die die Kapelle zu dieser Zeit andächtig besuchen und bei dem Gesang anwesend sind – wie vorgeschrieben, barmherzig 40 Tage von den ihnen auferlegten Bußen.

Den zuständigen Mitarbeitern der Stadtverwaltung würde ich gern mal den Unterschied zwischen Zitat und Paraphrase erklären. Und ich bin natürlich gespannt, ob die oben zitierte »Absingung« morgen in den Medien auch als Zitat auftauchen wird ;-)

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2 Antworten zu Wie ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1399 von der Stadtverwaltung Dresden in Bürokratensprache übesetzt wurde

  1. stefanolix sagt:

    Mit Spannung erwartet: die Auswertung der Tagespresse von heute ;-)

    Die »Sächsische Zeitung« hat den Inhalt der Urkunde mit eigenen Worten verständlich erklärt.


    Die »Dresdner Neuesten Nachrichten« bringen die Passage aus der Pressemitteilung der Stadt im Original, lediglich die An- und Ausführungszeichen um das »Salve Regina« sind korrigiert.

    Es bleibt bei meiner Kritik: Was die DNN und die Stadtverwaltung als Zitat aus der Papstbulle kennzeichnen, ist kein Zitat. In der Printausgabe steht:

    Am 30. April 1399 vom Pontifex persönlich mit Eisengallus-Tinte auf Ziegenhaut verfasst, verspricht die Bulle allen, „die der täglich in der Kapelle des heiligen Kreuzes durch die Geistlichkeit stattfindenden Absingung des ‚Salve Regina‘ in Andacht beiwohnen werden, einen 40-tägigen Ablass“.

    Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Papst dieses Schreiben persönlich geschrieben hat. Jedenfalls ist dieses Zitat nicht darin enthalten …

    In der Online-Ausgabe der DNN steht:

    Die sogenannte Bulle des Papstes Bonifatius IX. gewährt all jenen Dresdnern einen 40-tägigen Ablass von ihren auferlegten Bußen, „die der täglich in der Kapelle des heiligen Kreuzes durch die Geistlichkeit stattfindenden Absingung des ‘Salve Regina’ in Andacht beiwohnen werden”.

    Hier geht’s zum Online-Artikel der DNN.

  2. [...] Hänsch (Dresden/2176) 24. Thomas Schneider (Breitenbrunn/2188) 25. Die Neustadt (Dresden/2206) 26. stefanolix (Dresden/2404) 27. Unkorrekt – Dresdner Betrachtungen (Dresden/2425) 28. Frische Fische [...]

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