Post von der Beitragsservicezentrale

31. Mai 2012

Heute lag ein formschöner und betont neutral gehaltener Briefumschlag in der Geschäftspost. Beim Öffnen stellte sich heraus, dass die GEZ offensichtlich neue Umschläge ohne Logo verwendet.

In dem Umschlag lag eine doppelseitig bedruckte DIN-A4-Seite mit geschickt verpackten Unverschämtheiten. Von einem einfachen Modell, von Entlastungen und von fairen Regelungen war die Rede.

Ich konnte dem Schreiben nichts von alledem entnehmen: Ab 2013 muss ich eine deutlich höhere Gebühr zahlen. Bisher konnte ich die Zwangsgebühren durch den Verzicht auf ein Fernsehgerät reduzieren.


Möglicherweise ist es kein Zufall, dass die Post in einem anderen Umschlag kam. SPIEGEL-Online zitiert aus einer Agenturmeldung, nach der die GEZ offiziell in

ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice

umbenannt werden soll. Wenn es stimmt, dann wäre das einen Eintrag bei neusprech.org wert. Es ist eine dreifache Unverschämtheit: Erstens ist es kein Beitrag, sondern eine Zwangsabgabe. Zweitens bietet diese wuchernde bürokratische Einrichtung den Abgabenzahlern gar keine Dienstleistung an. Drittens wird die Umbenennung auch noch unser Geld kosten — und zwar nicht zu knapp.



»Bruder Eichmann« vom Referat IV B 4

31. Mai 2012

Heute vor 50 Jahren wurde Adolf Eichmann in Israel hingerichtet. Der Titel dieses Artikels erinnert an ein Theaterstück von Heinar Kipphardt, das ab 1983 im Großen Haus in Dresden aufgeführt wurde.

Ich habe dieses Theaterstück mit 16 oder 17 Jahren im Rahmen des Deutschunterrichts besucht. Damals konnte ich den Autor politisch nicht einordnen und ich wusste auch nichts über die Kontroversen, die das Stück in der BRD ausgelöst hatte. Umstritten waren vor allem die Analogie-Szenen, in denen beispielsweise die Verschwörungstheorie von der Ermordung der RAF-Häftlinge in Stammheim transportiert wird.

»Bruder Eichmann« gehört zu den Theaterstücken, die bei mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen haben. Horst Schönemann sagte damals als Chefregisseur des Staatstheaters Dresden:

Eichmann tritt uns in diesem Stück nicht als blutrünstiger Mörder entgegen. Er wird schlimmer dargestellt: als Bruder Eichmann. Dem »Monster« kann ich mich entziehen, dem »Bruder« nicht.


»Bruder Eichmann« basiert zum einen auf den Prozessakten und auf der Berichterstattung über den Prozess. Zum anderen nimmt Heinar Kipphardt intensiv auf Hannah Arendts Werk »Eichmann in Jerusalem« Bezug.

Hannah Arendt hatte darin das bekannte Wort von der Banalität des Bösen geprägt. In einem Interview mit dem Hitler-Biographen Joachim Fest hat sie es so formuliert:

Wir stellen uns doch unter einem Verbrecher jemanden mit verbrecherischen Motiven vor. Und wenn wir uns Eichmann begucken, dann hat er verbrecherische Motive eigentlich überhaupt nicht. Nämlich das, was man gewöhnlich unter »verbrecherischen Motiven« versteht. Er wollte mitmachen. Er wollte Wir sagen, und dies Mitmachen und dies Wir-Sagen-Wollen war ja ganz genug, um die allergrößten Verbrechen möglich zu machen.

Die Hitlers sind doch nun wirklich nicht diejenigen, die eigentlich typisch für diese Dinge sind; denn die wären doch ohnmächtig ohne die Unterstützung der anderen.

[Quelle: Transkript einer Radiosendung]


Hannah Arendt wurde zur Zeit des Eichmann-Prozesses von vielen Seiten vorgeworfen, sie verharmlose die Verbrechen der Nazis. Das wurde vor allem mit dem Wort »Banalität« im Titel ihres Aufsatzes begründet, aber auch mit ihrer harschen Kritik an jüdischen Organisationen, die zu lange mit dem NS-Staat kooperiert hatten.

Hannah Arendt wurde aber von anderer Seite genauso stark verteidigt: Mit ihren Berichten und Kommentaren zum Eichmann-Prozess habe sie radikal die Funktionsweise der nationalsozialistischen Diktatur beschrieben. Entscheidend seien die vielen kleinen Mittäter gewesen — und nicht die Verbrecher an der Spitze. Aus dem selben Interview:

Und die Lust an diesem reinen Funktionieren – diese Lust, die ist ganz evident bei Eichmann gewesen. Dass er besondere Machtgelüste gehabt hat, glaube ich nicht. Er war der typische Funktionär. Und ein Funktionär, wenn er wirklich nichts anderes ist als ein Funktionär, ist wirklich ein sehr gefährlicher Herr.


Als (fast schon) literatur-süchtige junge DDR-Bürger dachten wir ähnlich. Wir lasen damals heimlich über die Verbrechen des Stalinismus im »Archipel Gulag«, wir hatten die Mauer vor Augen und wir haben in der Sprache der DDR-Ideologen nach Gemeinsamkeiten mit der Sprache des Dritten Reichs (Victor Klemperers »LTI«) gesucht.

Wir haben auch gespürt, dass es in der DDR viele eichmann-ähnliche Funktionäre im MfS und anderen Repressionsorganen gegeben haben muss, obwohl uns natürlich Lebenserfahrung und Informationen fehlten.

Das Stück hat uns (glaube ich) alle tief beeindruckt. Der Schauspieler Peter Hölzel spielte diese Bruder-Eichmann-Figur beeindruckend — bis unter den Galgen. Damals, als Jugendlicher, glaubte ich noch daran, dass die Todesstrafe für Verbrechen gegen die Menschheit gerechtfertigt sei.


Im weiteren Verlauf der Radiosendung mit Hannah Arendt sagte Joachim Fest:

Die Deutschen haben in diesen Führungsfiguren, von Hitler angefangen bis herunter zu Eichmann, immer wieder das Tier aus der Tiefe gesehen und sich damit möglicherweise ein gewisses Alibi verschaffen wollen. Denn wer dem Tier aus der Tiefe unterliegt, ist natürlich viel weniger schuldig als der, der einem ganz durchschnittlichen Menschen von dem Zuschnitte etwa Eichmanns unterliegt.

Hannah Arendt erwähnt ein Erlebnis Ernst Jüngers: Bei einem Aufenthalt in Norddeutschland hatte er einen Bauern besucht. Dieser Bauer bekam halbverhungerte russische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit zugewiesen. Er mokierte sich in unsäglicher Weise darüber, dass diese Kriegsgefangenen das Futter der Schweine gegessen haben. Arendt dazu:

Ernst Jünger bemerkt zu dieser Geschichte: »Manchmal ist es, als ob das deutsche Volk vom Teufel geritten wird.« Und er hat damit nicht »dämonisch« gemeint.

Sehen Sie, diese Geschichte hat eine empörende Dummheit. (…) Der Mann sieht nicht, dass das Menschen tun, die eben verhungert sind, nicht wahr, und [dass] jeder es tut. (…) Eichmann war ganz intelligent, aber diese Dummheit hatte er. Das war die Dummheit, die so empörend war. Und das habe ich eigentlich gemeint mit der Banalität. Da ist keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist.


Noch ein letzter Ausschnitt aus dem Interview mit Hannah Arendt. Sie wird darauf angesprochen, dass sich Adolf Eichmann doch immer damit verteidigt hat, in den bürokratischen Apparat eingebettet gewesen zu sein. Sie antwortet:

Nun, abgesehen davon, dass die Bürokratie im Wesen anonym ist, lässt jede rastlose Tätigkeit Verantwortung verflüchtigen. Es gibt im Englischen einen idiomatischen Ausdruck: »stop and think« – halt an und denk nach.

Kein Mensch kann nachdenken, ohne anzuhalten. Wenn Sie jemanden in eine rastlose Tätigkeit hereinzwingen, nicht wahr, oder [er] sich hereinzwingen lässt, dann werden Sie immer dieselbe Geschichte haben.

Sie werden immer die Sache haben, dass Verantwortungsbewusstsein sich nicht bilden kann. Es kann sich nur bilden in dem Moment, wo man reflektiert – nicht über sich selbst, sondern über das, was man tut.



Motivation zur Medienkritik

29. Mai 2012

In den letzten Tagen gibt es in den Dresdner Blogs interessante Beiträge aus der Rubrik »Medienkritik«. Einen davon hat Steffen Peschel geschrieben. Sein Beitrag An was sich Journalisten messen lassen müssen: Transparenz! befasst sich mit einer Seminararbeit von drei Studentinnen, die im »Flurfunk« veröffentlicht wurde. Sie hatten unter dem Titel

»Der menschenverachtende Schnapsburger« –
Möglichkeiten als Dresdener Bürgerjournalist

drei Angebote zum Mitmachen getestet, bei denen Leserinnen und Leser einer Zeitung den Medien Fotos oder Informationen bereitstellen können.

Ich finde Steffens Titel gut (auch wenn ich mit »Woran« begonnen hätte). Ich kann seine Kritik an dem Beitrag aber nicht so recht teilen. Er kritisiert zum einen, dass das Angebot der »Sächsischen Zeitung« zu kurz behandelt wird. Das mag stimmen: Die Studentinnen haben keine Reaktion der »SZ« bekommen und es steht nicht im Artikel, wie oft sie nachgefragt haben.


Allerdings habe ich den Eindruck, dass in der »Sächsischen Zeitung« kaum noch Meldungen oder Fotos aus der Leserschaft veröffentlicht werden. Vielleicht ist der »SZ-Augenzeuge« eingeschlafen?

Und selbst wenn er nicht eingeschlafen ist: Stellt sich eine Zeitung als besonders glaubwürdig dar, wenn sie auf ihren Seiten ein nicht honoriertes fremdes Werk verwendet, wo doch eigentlich die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten hingehört?

Für mich als Blogger mit offenen Augen und gern genutzter Kamera käme es jedenfalls niemals in Frage, der »Sächsischen Zeitung« einen Text oder ein Bild zu schenken, damit sie mit meinem Werk Geld verdient.

Ich denke, dass Bloggen mit einiger Berechtigung als »Bürgerjournalismus« bezeichnet wird, während die Nutzung von Werken der Bürger in einem kommerziellen Medium eigentlich kein Bürgerjournalismus ist. Diese Wortwahl würde ich kritisieren, wenn ich die Seminar-Arbeit der drei Studentinnen bewerten müsste.


Steffen kritisiert zum anderen, dass die BILD in der Arbeit der Studentinnen am meisten Beachtung findet. Das mag an zwei großen Unterschieden gegenüber dem anderen Angebot liegen. Erstens bietet man bei der BILD einen materiellen Anreiz. Zweitens wollten die Studentinnen testen, ob ihr »Ekelfoto« in der BILD abgedruckt worden wäre. An dieser Sache sind sie drangeblieben und das war gut so.


Apropos BILD: Das BILD-Blog nimmt sich schon seit einiger Zeit auch Artikel aus anderen Medien vor, wenn diese Medien gegen die Grundsätze des guten Journalismus verstoßen. Sie haben das Thema meines Artikels über die Titelseite der »Dresdner Neuesten Nachrichten« vom Freitag heute aufgegriffen.

Nachdem jetzt einige Anfragen hereinkommen: Als ich diesen Artikel über penetrante PR für eine Automarke geschrieben habe, wollte ich damit einfach nur auf einen Missstand hinweisen — nicht mehr und nicht weniger. Ich muss zugeben: Die Profis beim BILD-Blog haben es lockerer gelöst als ich.


Ich hatte eine Schreckensvision vor Augen, die heute in der Print-Ausgabe der F.A.Z. veröffentlicht wurde: Die Stadt New Orleans wird Kürze die größte Stadt in den USA ohne täglich erscheinende Lokalzeitung sein.

Ich möchte nicht, dass es in zehn oder fünfzehn Jahren in Dresden nur noch die BILD gibt. Ich würde gern weiterhin die beiden Dresdner Zeitungen lesen, die nicht zur Boulevardpresse gehören. Aber dafür müssten sich »DNN« und »Sächsische Zeitung« wirklich sehr anstrengen und das Vertrauen der Leser neu gewinnen. In Abwandlung eines Zitats von Johann Wolfgang Goethe:

Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in den Medien, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.

Die Abwandlung des Zitats besteht einzig darin: Goethe sprach im März 1832 im Gespräch mit Eckermann über die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten. Ich halte aber inzwischen die Pfuscherei in Medienangelegenheiten fast schon für gefährlicher. Deshalb empfehle ich zum Abschluss noch einen Artikel im »ZETTELs Raum« über den politischen Gleichklang in deutschen Medien.



Die freien Gedanken

29. Mai 2012

In der Zeit in der DDR vor der Wende hat uns beim Träumen von der Freiheit oft ein altes Volkslied berührt. Wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, woher es kam und wer es zuerst gesungen hat. Wir haben nur gefühlt, dass es wohl auch aus einer Zeit der Unfreiheit kam. Jeder kennt zumindest die erste Strophe.  —   Den Rest des Beitrags lesen »


Flora und Fauna am Kaitzbach

28. Mai 2012

Den Rest des Beitrags lesen »


Angewandte Medienkompetenz

28. Mai 2012

Was ist geschehen? Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat in einer Glosse im Feuilleton behauptet, dass das neue Gedicht von Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung ein Coup der Titanic-Redaktion sei. Gestern verbreitete sich diese Nachricht im Netz …   Den Rest des Beitrags lesen »


Was sagt der Leserbeirat der DNN zur PR auf der Titelseite und zum Qualitätsverlust der Zeitung?

27. Mai 2012

Die Dresdner Neuesten Nachrichten haben — nach einem Bericht des Flurfunks — einen Leserbeirat. Er soll die Interessen der Leserinnen und Leser vertreten. Aus einer Meldung des BDZV vom 22. Juli 2010:

20 Männer und Frauen werden der „DNN“-Chefredaktion künftig beratend zur Seite stehen. Sie sollen helfen, den Kontakt zwischen Lesern und Blatt zu intensivieren, den Leserservice zu verbessern und den Inhalt noch besser auf die Leserbedürfnisse abzustimmen (…)

Nun würde ich nach jahrzehntelangem Abonnement gern mit diesem Leserbeirat Kontakt aufnehmen, weil die Qualität der Zeitung inzwischen wirklich besorgniserregend ist (ich habe das am Freitag mit deutlichen Worten kritisiert).


Ich sehe in dem kritisierten Titelbild und in anderen Berichten eine Grenzüberschreitung zwischen Journalismus und PR.

Ich empfinde das als Qualitätsverlust. Ich würde es dem Leserbeirat gern mitteilen. Erstaunlicherweise finde ich aber im Impressum der Zeitung keine Kontaktadresse. Ich kann natürlich mit Google nach

Leserbeirat site:dnn-online.de

suchen. Dort findet man wunderschöne Eigenwerbung. Man erfährt: Der Leserbeirat darf an DNN-Empfängen und DNN-Festen teilnehmen. Der Leserbeirat hat das Hauptstadtbüro in Berlin besucht und war begeistert.

Man erfährt allerdings nicht, ob sich der Leserbeirat bisher jemals um die journalistische Qualität der Zeitung gekümmert hat. Und eine Adresse ist erst recht nicht zu finden.


Ich habe ein wenig recherchiert, was der Autor der wunderbaren Auto-PR noch so schreibt. Er betreibt nämlich auch eines der beiden Blogs der DNN.

Nun würde ich die Männer und Frauen in diesem Leserbeirat gern fragen, wie sie einen Artikel aus diesem Blog bewerten, der am 10./11. März 2012 auch in der gedruckten DNN-Ausgabe erschienen ist. Es geht dabei um ein Erotikmassage-Studio in Dresden.

Es gibt eine ganz einfache Methode, um zu erkennen, ob ein Artikel dem Journalismus oder der PR zuzuordnen ist.

Wenn der Inhalt komplett mit der Selbstdarstellung des Unternehmens übereinstimmt und auf Angaben des Unternehmens basiert, dann ist es PR. Wenn der Autor erkennbar an anderer Stelle recherchiert und nachgefragt hat, dann ist es Journalismus.


Der Artikel über das Massagestudio enthält (zusammengefasst) folgende Fakten:

  1. Die Chefin der Erotikmassage-Studiokette stellt sich selbst und ihr Unternehmen dar.
  2. Sie gibt uns Informationen über die Zielgruppe der Kunden und Kundinnen.
  3. Sie betreibt Eigenwerbung: »Bei uns werden sie voll als die Person akzeptiert, die sie sind, mit all ihren sinnlichen Bedürfnissen.«
  4. Sie stellt sich als erfolgreich dar: »Nachdem erst mal meine Internetseite online war, schoss die Nachfrage durch die Decke.«
  5. Wir erfahren, wie viele Frauen (in »Nebenbeschäftigung«) für die Erotikmassage-Studiokette arbeiten. Zitat der Chefin: »Nur des Geldes wegen macht das keine.«

Zu den unverzichtbaren professionellen Grundsätzen eines Journalisten muss gehören, dass er alle beteiligten Seiten oder zumindest mehrere Seiten berücksichtigt. Aber für den ganzen Artikel wurde keine Masseurin, kein Kunde, keine Partnerin eines Kunden, kein Anwohner und auch kein Experte oder eine Expertin befragt.


Mindestens eine prägnante Aussage der Unternehmerin hätte den Journalisten nachfragen lassen müssen: Wenn es keine Frau nur für’s Geld tut — wie ist dann das Verhältnis zwischen Leistung und Bezahlung? Ob es für eine solche »Nebenbeschäftigung« eine soziale Absicherung durch den Auftraggeber gibt, wäre auch zu hinterfragen.

Ich sehe in diesem Artikel einen logischen Widerspruch: Über die Eigentümerin wird berichtet, dass sie selbst unbedingt Geld brauchte und deshalb erotische Massagen durchgeführt hat. Zitat aus dem verlinkten Artikel:

Als sie mit dem Geld weder ein noch aus wusste, sah sie eine Zeitungsanzeige „Nette Frauen für Erotikmassagen gesucht“ – und ging hin. „Ich fand die Arbeit dort ziemlich würdelos – den Frauen wie den Männern gegenüber und alles so huschhusch“, erinnert sie sich. „Aber ich brauchte das Geld.“

Aber sie sagt über ihre eigenen Masseurinnen: »Nur des Geldes wegen macht das keine.« Ist sie in dieser Beziehung sicher oder ist das eine Vermutung?

Noch einmal ganz klar und deutlich zusammengefasst: Alle Informationen in dem Artikel beruhen auf der Selbstdarstellung des Unternehmens. Aber in der Zeitung wird der Artikel natürlich nicht als PR gekennzeichnet.


Der DNN-Autor hat die Erotikmassage später auch noch im Selbstversuch getestet. Er hat in einem weiteren Artikel darüber berichtet, der ebenfalls abgedruckt wurde. Man könnte es auch etwas kritischer sehen: er hat regelrecht für die Erotikmassage geworben. In seinem Bericht wird sogar die Frage beantwortet, ob man mit Karte zahlen kann oder ob man mit Bargeld zahlen muss.

Das Angebot der Erotikmassage ist in einer offenen Gesellschaft grundsätzlich völlig legitim, und dagegen richtet sich meine Kritik in diesem Artikel nicht. Allenfalls würde ich gern jeden männlichen Kunden fragen: Wäre es in Ordnung für Sie, wenn Ihre Frau oder Ihre Tochter diese »Nebentätigkeit« ausführen würde?


Aber darum geht es mir heute gar nicht. An diesen beiden Artikeln kann man gut zeigen, wie welcher Geschwindigkeit die journalistischen Grundsätze den Bach heruntergespült werden. Der bekannte deutsche Journalist Hanns Joachim Friedrichs hat einmal gesagt:

Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Man kann sich wohl kaum noch mehr mit einer Sache gemein machen, als es der Autor des Artikels über das Erotikmassagestudio getan hat. In dem Artikel ist die professionelle Distanz nicht wirklich erkennbar. (Ergänzung): Sogar die Fotos hat das Erotikmassagestudio beigesteuert.


Der unvergessene Honoré de Balzac hat in seinem Roman »Das Chagrinleder« ein magisches Objekt erfunden, das sich bei jedem Wunsch etwas mehr zusammenzieht. Am Ende verschwindet das Leder und der Besitzer findet den Tod.

Mein Vertrauen in den Journalismus der DNN ist auch so ein Chagrinleder: Wenn diese Zeitung immer mehr von journalistischen Grundsätzen abweicht, dann wird das Vertrauen immer kleiner, bis mein Abo irgendwann stirbt.

Darüber hätte ich gern mit dem Leserbeirat gesprochen. Wenn ich eine Adresse gefunden hätte ;-)



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