Restaurant-Werbung in der »Sächsischen Zeitung«

Viele Leser vermissen die Beilage »PluSZ«, in der man früher so manche gute Restaurant-Kritik fand. Die »Sächsische Zeitung« hat diese Beilage nicht fortgeführt. Der Flurfunk schrieb damals:

Wie bei Sonderpublikationen üblich finden sich in dem 16- bis 20-seitigen Magazin künftig neben klassischen Anzeigen auch verkaufte Artikel. Da kann man es wohl als anständig von dem Verlag bezeichnen, das Produkt auch umzubenennen.

Heute hatte ich auf Seite 4 des redaktionellen Teils den Eindruck, in eine solche »Sonderpublikation« hineingeraten zu sein. In der »Post aus Prag« wird über die gesamte Breite der Zeitung in mehreren Spalten Werbung für ein Restaurant in Prag gemacht. Besonders pikant ist ein Detail: Der Journalist ist den Eigentümern des Restaurants verbunden. Zitat aus dem Artikel:

Vor einem halben Jahr hat meine tschechische Familie ein eigenes Restaurant in Prag eröffnet. Schön gelegen auf dem Vysehrad (…) In unserem Restaurant führen wir …

Es folgen die bekannten Floskeln aus der Gastro-Branche: Das hervorragende ungefilterte Bier kommt aus einer der besseren tschechischen Privatbrauereien, es gibt große Renner im Angebot, die Zutaten stammen von BIO-Bauern und von »Fleischern unseres Vertrauens«, es kommt nichts aus Konserven oder Tüten auf den Tisch. Das Essen hat natürlich seinen Preis, aber der wird ohne Bedenken bezahlt. Die Stammgäste müssen gleich doppelt erwähnt werden.

Am Ende des Artikels freut sich der Journalist über den Zuspruch der Touristen:

Auch wir merken das. Speisekarten auf Deutsch und Englisch werden immer öfter verlangt.

Mit Verlaub: Bei derart penetrant vorgetragener Werbung im redaktionellen Teil bekomme ich keinen Appetit, sondern das große Kotzen.


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8 Antworten zu Restaurant-Werbung in der »Sächsischen Zeitung«

  1. Antifa sagt:

    Hast Du die etwa auch im Abo?

    • stefanolix sagt:

      Ob ich die Zeitung nun beim Bäcker meines Vertrauens gekauft habe oder ob ich sie im Abo beziehe — der Artikel ist so oder so penetrante Werbung ;-)

      Mich interessiert, ob andere Leute diesen Artikel auch gelesen haben und was sie dazu sagen. In meiner Umgebung habe ich den Artikel herumgereicht. Die Reaktionen reichten von »Unterirdisch!« bis »Das ist doch heute normal.«

      • Antifa sagt:

        Ja aber nenn mir mal eine Zeitung wo das nicht der Fall sein sollte, das wird auf Dauer einfacher ;)

      • stefanolix sagt:

        Wo es nicht vorkommt? Unter den überregionalen Zeitungen würde ich die F.A.Z. nennen, in der man allenfalls die Beiträge zu Technik-Themen mit gewisser Distanz genießen muss.


        Es gibt in der Lokalpresse die allgegenwärtige Tendenz, dass PR und Journalismus nicht mehr sauber abgegrenzt werden. Aber gewisse Schamgrenzen wurden bisher noch respektiert.

        Jetzt geht man wohl doch noch einen Schritt weiter.

        Bisher habe ich es als Einzelfälle wahrgenommen, in denen man als Leser denkt: Das darf doch nicht wahr sein. Also etwa bei der Selbsterfahrung im Erotik-Massagen-Studio in der DNN oder eben bei dieser Restaurantwerbung gestern in der SZ.

        Sollte das (noch) häufiger auftreten, würde ich ernsthaft auf die beiden lokalen Zeitungen verzichten.

        Frage in die Runde: Wer liest denn noch regelmäßig die »DNN« oder die »Sächsische Zeitung«? Bin ich ohnehin schon der letzte Leser? ;-)

      • “Bin ich ohnehin schon der letzte Leser? ;-)”

        Fast, ich lese nur noch selten Papierzeitungen, wenn, dann historisch gewachsen SZ, früher lag auf Arbeit aber auch mal die DNN aus. Mir ist sehr sauer aufgestoßen, dass nach einem widerlichen Verbrechen vor ein paar Jahren der volle Name des Täters genannt wurde und in der Folge Verwandte und gleichnamige unbeteiligte Menschen Drohungen vom Pöbel erhielten. Das ist für mich verantwortungsloses Bedienen niederer Instinkte, hinzu kamen im Laufe der Zeit Wortwahl und fehlender Informationsgehalt. Und mir erscheinen Politik und Gestaltungswille sowie die Bedeutung der medial gefeatureten Akteure mittlerweile stark überschätzt. Sport interessiert mich nur als Ausübender und Kultur findet man im Internet mehr als genug.
        Mir reicht MDR Info, der Rest findet netzweit statt.

      • stefanolix sagt:

        Bevor ich einen längeren Artikel dazu schreibe: Vielen Dank für Deine persönliche Sicht.

        Bei mir ist ja die gesamte Familie davon betroffen, wenn wir die Zeitung abbestellen. Ich würde vermutlich statt der DNN eine überregionale Zeitung abonnieren. Ich hänge wirklich sehr am Lesen auf Papier, weil ich beruflich schon genug an meinen Rechnern zu tun habe.

  2. Michael sagt:

    Da Sie so direkt fragen : Ich habe ein DNN-Abo und lese die SäZ gelegentlich im Café. Für Restaurant-Artikel ist mir die Zeit zu schade.
    Was die von Ihnen beobachteten und beklagten zunehmenden Unschärfen zwischen PR und Journalismus betrifft, gebe ich Ihnen Recht.

    • stefanolix sagt:

      Dann danke ich Ihnen für die Antwort und die Zustimmung ;-)

      Zum Anlass dieses Artikels: Ich hatte an dieser Stelle auch keinen Artikel über ein Restaurant erwartet. Ich interessiere mich für Prag und ich war davon ausgegangen, in der Kolumne wie üblich etwas über Politik in der Tschechischen Republik zu lesen. Es ist schließlich eine Politik-Seite.

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