Verschleierungstaktik

Martin Haase ist ein einflussreiches Mitglied der Piratenpartei und einer der Autoren des Blogs »neusprech.org«. Dieses Blog schien mir früher beachtenswert, weil dort mit Witz und Scharfsinn bestimmte Phrasen unserer Politiker entlarvt wurden. In seinen besten Zeiten bot das Blog auch richtig gute Medienkritik.

Heute sehe ich das etwas anders. Martin Haase befasst sich unter dem Schlagwort »Filesharing« mit dem Wort Tauschbörse und befindet:

Es handelt sich also um eine Fehlbezeichnung, um einen Malapropismus. Vielleicht ist es sogar ein Dysphemismus, also der Versuch, etwas finsterer aussehen zu lassen, als es ist – werden doch finanzielle Interessen unterstellt, die gar nicht vorhanden sind.

Beide Schlussfolgerungen sind offensichtlich falsch. Aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema One-Klick-Hosting:

Der Markt der Sharehoster war teilweise hart umkämpft und so versuchten einige Anbieter mit Premiumangeboten Uploader zu locken und zu motivieren: Angemeldete Nutzer konnten an einem Affiliate-Programm teilnehmen, bei dem nach bestimmten Mengen von Downloads der von ihnen hochgeladenen Dateien Prämien ausgezahlt wurden.

Diese Anbieter haben also für die Anbieter der begehrtesten digitalen Medien Anreize geschaffen und sie haben dazu ganz genau den »Börsenwert« (die Anzahl der Downloads) der einzelnen Medien ermittelt.

Damit dürfte die (piratenpolitisch motivierte?) Verharmlosung des »Tauschens« wohl widerlegt sein: Es waren sehr wohl finanzielle Interessen der Betreiber vorhanden, schließlich wurden ja Millionen-Gewinne damit gemacht. Es waren finanzielle Interessen der Nutzer der Affiliate-Programme im Spiel. Der Wert der Angebote richtete sich nach Angebot und Nachfrage.

Übrigens: Das Wort Börse lässt überhaupt nichts finsterer aussehen, als es ist: Die Börse ist einfach einer von vielen Märkten innerhalb unserer Marktwirtschaft — ein Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen.


9 Antworten zu Verschleierungstaktik

  1. Rayson sagt:

    Fehlbezeichnung stimmt doch aber. Sie betrifft aber nur den ersten Teil des Wortes, denn beim Tausch gibt man gewöhnlich etwas hin, um etwas zu bekommen. In elektronischen “Tauschbörsen” wird aber in Wirklichkeit vervielfältigt. Sie müssten eigentlich “Kopierbörsen” heißen.

    • stefanolix sagt:

      Der Einwand ist richtig. Der Artikel von neusprech.org ist trotzdem verharmlosend und teilweise sachlich falsch.

      Streng genommen haben zumindest die Teilnehmer der Affiliate-Programme aber doch etwas getauscht: sie haben begehrte Medien hochgeladen und dafür (nachdem diese Medien oft kopiert wurden) materielle Vorteile erhalten.

      • stefanolix sagt:

        PS: Der Autor macht am Begriff »Börse« einen Versuch fest, den Begriff »Tauschbörse« finster aussehen zu lassen. Was ist denn das für ein Weltbild?

  2. Antifa sagt:

    Nur mal so am Rande, das Geschäftsmodell der One-Click-Filehoster hat nichts mit Tauschbörsen zu tun.

    • stefanolix sagt:

      Aus dem Wikipedia-Artikel zum Filesharing:

      Auch Sharehoster (sog. „One-Click-Hoster“) werden zum Filesharing verwendet. (…) Der Veröffentlicher lädt seine Datei auf den Server eines entsprechenden Sharehosters und erhält einen Link, mit dem die Daten abgerufen werden können, die dann per E-Mail, Instant Messaging, in Foren oder auf einer Webseite weitergeben werden können.

      • Antifa sagt:

        Ja, das ist eben keine klassische Tauschbörse wie eMule oder Torrent. Der wesentliche Unterschied ist, dass man nichts geben muss, um digitale Daten zu bekommen.

      • stefanolix sagt:

        OK, dann gibt es eben beides. Ich bleibe jedenfalls dabei, dass mich an diesem Artikel die Verharmlosung der Vorgänge unter dem Mantel der Sprachkritik stört.

  3. Fidel sagt:

    Offenbar hast Du die Intention des Artikels/Blogs/Autors anders verstanden als ich.

    Statt z.B. “Soundcloud” hast Du Dir One-click-hoster als Beispiel rausgesucht.

    Dein Blogpost verrät mE somit mehr über Dich und Deine Einstellung gegenüber den(tm) Piraten als über den (im Meinungsfindungstool “Liquidfeedback) ach so einflußreichen Martin Haase.

    Gruß Fidel (Pirat in Dresden)

    P.S. “Tauschbörse” ist mE tatsächlich eine sehr schlechte Übersetzung für filesharing(-Plattformen).

    • stefanolix sagt:

      Es stimmt: Ich habe meine kritischen Haltung gegenüber der Haltung der Piraten zum Urheberrecht nicht verborgen. Ich bin auch nicht für einen kostenlosen Nahverkehr und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

      Ich leiste mir aber durchaus eine differenzierte Meinung in anderen Punkten: Ich finde es richtig, dass sich die Piraten gegen ACTA, gegen Vorratsdatenspeicherung und gegen den Bundestrojaner einsetzen (um nur drei Beispiele zu nennen). Ich finde es auch richtig, dass die Piraten für Informationsfreiheit und Transparenz eintreten.

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