Vollstes Vertrauen

In einer Umfrage der Uni Speyer im Auftrag der Stadtverwaltung Dresden werden den Teilnehmern etliche Aussagen vorgelegt, die jeweils zu Blöcken zusammengefasst sind. Man kann diesen Aussagen ganz oder teilweise zustimmen. Einer der Blöcke sieht so aus (Hervorhebungen von mir):

Ich denke, dass ich der Stadtverwaltung vertrauen kann.

Ich vertraue darauf, dass die Stadtverwaltung Online-Transaktionen ehrlich und wirklichkeitsgetreu durchführt.

Ich vertraue darauf, dass die Stadtverwaltung in meinem Sinne handelt.

Meiner Meinung nach ist die Stadtverwaltung vertrauenswürdig.

Ich vertraue darauf, dass die Stadtverwaltung kompetent ist.

Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass ich der Stadtverwaltung vertrauen kann.


Ein wenig Redundanz mag ja hilfreich sein. Aber die oben zitierten Aussagen kann man sehr gut auf zwei oder drei reduzieren, ohne einen wesentlichen Verlust beklagen zu müssen. Weiß übrigens jemand, wie man Online-Transaktionen »ehrlich und wirklichkeitsgetreu« durchführt? — Sehr schön ist auch die Aussage:

Menschlicher Kontakt bei der Erledigung von städtischen Anliegen macht den Prozess für mich angenehmer.

Fürs Sprachprotokoll: Wenn ich im Rathaus etwas zu erledigen habe, geht es nicht um städtische Anliegen, sondern um meine Anliegen an die Stadtverwaltung.

Zu den weiteren Fragen auf der ersten Seite möchte ich nichts sagen, sonst laufe ich Gefahr, sehr sarkastisch zu werden ;-)


Als ich mich durch alle Aussagen auf der ersten Seite gekämpft hatte und wider Erwarten nicht eingeschlafen war, kam mir jedenfalls dies in den Sinn:

Ich denke, dass ich denke, also denke ich, dass ich bin. (Ambrose Bierce)


Auf der Website der Stadt Dresden ist die Umfrage natürlich auch verlinkt. Aus der Pressemitteilung:

Zusammen mit der Universität Speyer führen wir eine Online-Befragung der Nutzerinnen und Nutzer von dresden.de durch. Dabei geht es um Ihre Erwartungen und Qualitätsbewertungen zum Stadtportal der Landeshauptstadt.

Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen wollen wir vor allem wissen, wo und wie wir den Internetauftritt noch verbessern können.

Welche Bedeutung haben denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Satz? Will man uns gemäß den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen befragen? Will man wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen?

Ich hoffe nur, dass für diese Umfrage nicht allzu viel Steuergeld in den Sand gesetzt wurde. Ich wage zu bezweifeln, dass man daraus Informationen gewinnen kann, die zu einer Verbesserung der Website www.dresden.de führen.


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9 Antworten zu Vollstes Vertrauen

  1. [...] habe mich heute morgen durch die Befragung gekämpft, nachdem ich bei meinem ersten Versuch schon auf der ersten Seite aufgegeben hatte. Die Aussagen sind zum Teil sehr merkwürdig formuliert [...]

  2. [...] Schritt in die richtige Richtung. — Die Umfrage ist in meinen Augen trotzdem wenig hilfreich, aber das sagte ich ja schon. Teilen Sie dies mit:Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies [...]

  3. Katja sagt:

    Wäre die Verlinkung nicht direkt auf dresden.de, wüsste ich gar nicht, wem meine Meinung über ein “Stadtportal” gelten sollte. Ist Stadtportal ein feststehender, gar wissenschaftlicher Begriff? “Stadtportal” und “Dresden” ergibt auch ganz andere Treffer.

    Und noch nicht mal mit Sarkasmus kommt man bei solchen Fragen weiter.
    “Vor meiner Nutzung dachte ich, dass das Stadtportal sich an mich anpasst.”
    “Bei der letzten Nutzung des Stadtportals hatte ich ein gutes Gefühl.”

    Den letztgenannten Zweifeln schließe ich mich an.

    • stefanolix sagt:

      Eine Umfrage über die »Website der Stadt Dresden« wäre wohl zu einfach gewesen ;-)


      Die Fragen scheinen mir von der »sympathischen Bürokratie« (Helma Orosz) inspiriert zu sein. Oder auch nicht. Dieses bahnbrechende Konzept ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten:
      http://stefanolix.wordpress.com/2010/04/04/dresden-2025-teil1/


      Man fragt sich wirklich, welche Fragen noch ungeeigneter sein könnten. Nehmen wir an, dass sich insgesamt 200 Dresdner durch diese Umfrage kämpfen und dass man die Klicks irgendwie auswerten kann: Wem nützt das? Die Stadtverwaltung wird ihre vorgefasste Meinung bestätigt bekommen: Unser Stadtportal ist gut! ;-)

      • Katja sagt:

        Der Zusammenhang zwischen Zukunftsvision und Umfrage könnte sein, dass dieser Fragebogen Teil der Evaluation ist. Und Stuttgart will in dem Fall wohl auch hin zur “sympathischen Bürokratie” (*g – da denk ich an Passierschein A 38 und die lustige Party am Ende). Stuttgarts Bürger/innen können an der gleichen Umfrage teilnehmen, sogar die Motivationsgutscheine sind identisch.
        http://www.stuttgart.de/item/show/466797/1/3/476574?

      • Katja sagt:

        Ach, Dortmund auch noch. Ich fürchte langsam, die vier Gutscheine werden unter den Antwortwilligen aus ganz Deutschland verlost.

        http://docuserv.uni-speyer.de/egov/index.php?sid=22653&lang=de

      • stefanolix sagt:

        Ich weiß aber jetzt, was die Welt wirklich braucht: Eine wissenschaftliche Untersuchung über die Praxistauglichkeit solcher Umfragen. Diese Untersuchung sollte von Fachleuten für Marktforschung, Sprache und Ergonomie durchgeführt werden.

        Der Universitätsprofessor, der diese Umfrage veranstaltet, leitet den Lehrstuhl für Informations- und Kommunikationsmanagement an der Universität für Verwaltungswissenschaften. Wen wundert es, dass die Umfrage ein Glanzstück der Verwaltungskommunikation geworden ist? ;-)


        Ergänzung aus den Informationen über den Lehrstuhlinhaber:

        Bernd W. Wirtz hat bisher ca. 230 Publikationen veröffentlicht und ist Editoral Board Member bei Long Range Planning, The International Media Management Journal und dem Journal of Media Business Studies.

        Das beruhigt mich jetzt ungemein.


      • Katja sagt:

        *g
        Praxistauglichkeit? Da wurde anscheinend ein Fragebogen am Schreibtisch entwickelt (am Ende für eine Dissertation, irgend´ne Intention muss es schließlich geben) und dann allen deutschen Städten mit “Stadtportal” zur Verwendung angeboten. Für die jeweilige Stadt eine kostengünstige Variante, zu zeigen, dass sie an der Meinung der Bürger/innen interessiert ist.

        Ganz schön traurig. Oder nicht der Rede wert. Oder beides.

      • stefanolix sagt:

        Vielleicht will man auch die Leidensfähigkeit der Bürger testen? Wer sich durch alle vier Seiten durchkämpft, macht eine Menge mit ;-)


        Aber mal Spaß beiseite: Wenn man beruflich zumindest nebenbei mit dem Konzipieren und Auswerten solcher Umfragen zu tun hat, fragt man sich wirklich, für welche Zielgruppe der Fragebogen konzipiert war und was die Urheber mit den Formulierungen dieser Aussagen erreichen wollen.

        Es ist ja manchmal sinnvoll, den Teilnehmern eine Aussage ein zweites Mal vorzulegen, um z.B. zu testen, wie konzentriert der jeweilige Teilnehmer den Fragebogen ausgefüllt hat. Aber doch nicht in jedem Block, nicht so schnell nacheinander und niemals mit mehr als einer Wiederholung. Der Aussagenblock, den ich da oben zitiert habe, ist doch einfach nur Mist.

        Ich würde mir gern mal die Ziele der Studie ansehen und ich würde auch sehr gern mal in die bisher erfassten Daten hineinschauen. Ich bin nämlich immer mehr im Zweifel, ob daraus ein Ergebnis herauszulesen ist und ob man damit das Online-Angebot von dresden.de verbessern kann. Somit hoffe ich inständig, dass die Stadtverwaltung dafür kein Geld ausgegeben hat.

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