»Alternativlos« spricht mit dem Springer-Chef Mathias Döpfner

Ich möchte am frühen Abend die Aufmerksamkeit auf ein Gespräch lenken, das die beiden CCC-Aktivisten Frank Rieger und Felix von Leitner mit dem Chef des Springer-Verlags geführt haben. Man kann es als MP3-Mitschnitt anhören oder auf den iPod laden. Es gibt auch ein Transkript, das von Freiwilligen erstellt wurde (zwar nicht perfekt, aber man kann es ganz gut lesen).

Ich weise auch deshalb darauf hin, weil es heute kaum noch eine Zeitung gibt, die solche langen Gespräche führt und abdruckt. Das ist eine Art Bürger-Journalismus, die wohl nur im Netz funktioniert.

Die beiden Fragesteller sind keine Journalisten. Aber sie sind völlig unabhängig. Sie fragen und argumentieren inzwischen oft kompetenter als ein Großteil der Journalisten — die ja nicht selten PR-Mitteilungen umformulieren, Artikel aus Gefälligkeit schreiben oder die Meldungen der Nachrichtenagenturen durchwinken. Aber wem sage ich das?

Ein Insider aus der Zeitungsbranche bestätigt hier sehr offen, was man als kritischer Leser schon lange wusste (bei etwa 14:00 Minuten im Gespräch):

Bei Zeitschriften ist es viel stärker als bei Zeitungen und wiederum bei einigen Zeitschriftensegmenten, also insbesondere Modezeitschriften, da sind die Sitten – muss man ehrlich sagen – komplett verdorben. Da geht es teilweise so: »Wir schalten hier nur einen Anzeige, wenn’s ein schönes Protrait gibt, und im Übrigen wenn im Bericht das Produkt soundso vorkommt.« Das ist offengestanden das Gegenteil von Journalismus. Das ist gekauftes Marketing. Und das muss jeder selber sehen, ob er so etwas zulässt oder nicht.


Aber das ist nicht der wichtigste Grund, aus dem ich auf das Gespräch hinweisen will. Mathias Döpfner sagt in dem Gespräch über die einzige Chance der Marktwirtschaft:

Das wäre aber eine freiwillige Selbstregulierung, eine freiwillige Selbstbeschränkung, eine freiwillige Neuorientierung der marktwirtschaftlichen Player. Und da habe ich einen ganz altmodischen Begriff parat. Und das ist der Begriff des ehrbaren Kaufmanns. Der Begriff ist ja Jahrhunderte alt und dem werden verschiedene Eigenschaften zugewiesen. Dazu gehört eben, dass es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung gibt, desjenigen, der sich in einem marktwirtschaftlichen Kontext bewegt, dass es Gebote der Fairness, der Verlässlichkeit, der Gerechtigkeit gibt, die der Einzelne nicht verletzen darf. (…)

Und setzt kurz darauf fort:

Ich glaube aber, dass nur eine Selbstbesinnung der wirtschaftlichen Akteure, selbst Grenzen zu definieren und zu sagen, bestimmte Sachen gehören sich nicht und die machen wir nicht, und bestimmte Produkte und Derivate bieten wir einfach nicht an, weil klar ist, dass das irgendwie eine Art von Kettenbrief-Geschäftsmodell ist, das nicht seriös ist.

Nur durch eine solche Verhaltensänderung der kapitalistischen Akteure kann größeres Unheil verhindert werden. Ob die eintritt, ob es diese Erkenntnis gibt oder ob man weiter versucht, in den Regulierungslücken quasi-kriminelle Geschäftsmodelle zu betreiben, das ist eine offene Frage.

Ich kann nur sagen, diese Finanzkrise ist mit Sicherheit der letzte Warnschuss für die Akteure, die sich im marktwirtschaftlichen Geschehen nicht an die Regeln halten und nicht an die wichtigste Regel halten und die heißt Anstand und gesunder Menschenverstand. »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu«, ganz einfach. [Quelle: das verlinkte Transkript]

Das sind eigentlich die Gedanken, die ich auch seit langer Zeit beschäftigen. Wenn wir alle anständig wirtschaften, dann brauchen wir keine windigen Finanzprodukte und keine Spekulationsblasen. Und auch keine rapide wachsende Staatsverschuldung.


Es geht in dieser Folge der Serie »alternativlos« auch um Leistungsschutzrecht, Axel Springer und den Schweinestall, gewerbliche Informationsanbieter und viele andere Themen. Ich meine: Es lohnt sich ;-)


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10 Antworten zu »Alternativlos« spricht mit dem Springer-Chef Mathias Döpfner

  1. Rayson sagt:

    Ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das auf Einsicht der Handelnden angewiesen ist, wird zwangsläufig scheitern. Bevor wir aber deswegen das Ende des Kapitalismus ausrufen, würde ich – anders als Döpfner – lieber den Einfluss staatlichen Handelns in den Fokus nehmen. Der sorgt nämlich m.E. in erster Linie für genau die Probleme, für deren Lösung von den Konservativen der “ehrbare Kaufmann” und den Linken noch mehr Staat verlangt wird.

    • stefanolix sagt:

      Die Marktwirtschaft ist (glaube ich) nicht auf die Einsicht angewiesen. Eine auf Gegenseitigkeit beruhende Kontrolle der Akteure wird immer notwendig sein.

      Aber Deiner Argumentation mit dem Staat setze ich entgegen: Man muss auch nicht auf jeden Anreiz reagieren.

      Wenn der Staat z.B. mit Geld nicht umgehen kann und sich der eine oder andere Stadtkämmerer windigste Finanzprodukte in Millionenhöhe andrehen lässt: Dann gehören dazu zwei, die den Bereich des Anstands verlassen. Ein Anbieter (die Bank). Und auf der anderen Seite ein beamteter oder angestellter Spekulant.

      Bei den Landesbanken waren es dann keine Millionen mehr, sondern Milliarden.


  2. Rayson sagt:

    Man muss nicht auf jeden Anreiz reagieren, aber sehr viele werden es. Anders könnte Marktwirtschaft auch nicht funktionieren. Wenn aber die Marktsignale durch staatliche Signale verzerrt werden (und nur der Staat kann das auch auf Dauer), darf man sich über Fehlentwicklungen nicht wundern, und diese dann schon gar nicht “den Märkten” anlasten.

    So sehr es heutzutage auch versucht wird: Der Staat kann den besseren Menschen nicht einfordern, und er kann die Menschen auch nicht nach seinem Bilde formen. Aber er sollte sein eigenes Handeln nicht nach der Absicht bewerten, sondern nach den Folgen.

    • stefanolix sagt:

      Ja, ich meinte in meiner Antwort natürlich falsche Anreize (und staatliche Anreize sind in letzter Konsequenz fast immer falsch).

      Ich meinte also: Man muss nicht auf jeden staatlichen Anreiz reagieren, wenn man durch vorausschauendes Denken klar erkennen kann, dass daraus negative Folgen entstehen müssen.


      Döpfner hat mit dem Kaufmann-Modell wohl vorausgesetzt, dass man verantwortungsbewusst und an den Folgen orientiert handeln soll. Anders habe ich es jedenfalls nicht verstanden.

      Niemandem wäre geholfen, wenn sich die Leute unter der Maske eines ehrlichen Kaufmanns gegenseitig etwas vorheucheln würden.


      Und von staatlichem Einfordern war bei mir sowieso nicht die Rede. Es geht um die gegenseitige Vorbildwirkung, die durch verantwortungsbewusstes Handeln entsteht. Es geht auch um eine gewisse Selbstdisziplin und Eigenverantwortung, die niemand einfordern kann (kein Staat, keine Kirche, keine Partei), die man aber unterstützen und fördern kann.

      • Rayson sagt:

        Es geht auch um eine gewisse Selbstdisziplin und Eigenverantwortung, die niemand einfordern kann (kein Staat, keine Kirche, keine Partei), die man aber unterstützen und fördern kann.

        Ja? Wer? Nicht, das wir uns falsch verstehen: Solche Einstellungen lassen sich ändern. Aber nur in einem langen gesellschaftlichen Prozess, der von vielen Determinanten gesteuert wird und in den sich unmöglich von außen eingreifen lässt. Dieser Prozess scheint mir aber immer weiter in eine ganz andere Richtung zu gehen.

      • stefanolix sagt:

        Ganz einfach: Man kann das gegenseitig fördern. Durch jede anständige Entscheidung, die man im Geschäftsleben und als privater Konsument trifft. — Dass es in letzter Zeit nicht besser wird, sehe ich auch …

      • Na gut, dann wette ich heute mal nicht gegen die Währung Bangladeschs, sondern kaufe Aktien von Maisbiosprit-Buden.

      • stefanolix sagt:

        Stellen die Sprit zum Trinken oder Sprit zum Autofahren her?

  3. Frank sagt:

    Der “ehrbare Kaufmann” – ob das nicht schon immer nur eine Märchenfigur war? Klingt irgendwie sehr nach … also, der Gegenseite würde man beim Gebrauch entsprechender Metaphern Sozialromantik unterstellen :-)

    • stefanolix sagt:

      Na ja: Ich halte es immer noch für eines der realistischeren Rollenmodelle. Den sozialistischen Muster-Arbeiter wollte z. B. am Ende wirklich keiner mehr verkörpern ;-)

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