Zu dick für Sponsoren?

Die Kaltmamsell greift in ihrem Blog einen Artikel aus den USA auf, der die Benachteiligung einer Sportlerin aufgrund ihrer Figur zu beweisen scheint. Sie kommentiert das so:

Was auch dazu passt: Die stärkste Frau der USA (olympische Gewichtheberin) lebt am Existenzminimum, weil ihr Körper keine vermarktbare Formen hat: The strongest woman in America lives in poverty. (Quelle: Kaltmamsell).

Es ist eine gute Gelegenheit, um sich mit den Zahlen, Daten und Fakten zu beschäftigen, die in dem verlinkten Artikel fehlen. Man braucht diese Informationen, wenn man sich zu diesem Thema eine fundierte Meinung bilden will.


In dem Artikel wird die US-Sportlerin Sarah Robles in den Mittelpunkt gestellt. Sie ist zweifellos die stärkste Gewichtheberin aus den USA, aber sie ist weit von den Besten der Welt entfernt. Sie wird in dem Artikel nur mit ihrer direkten Konkurrentin aus dem eigenen Land verglichen.

Um das Ergebnis in ihrer Gewichtsklasse bei der WM im Frauen-Gewichtheben zu visualisieren, habe ich mir die Ergebnisse der letzten WM im November 2011 in Paris besorgt:

gewichtheben_frauen_400

Ergebnisse der zehn stärksten Frauen bei der WM im Gewichtheben.

Bei dieser Weltmeisterschaft belegte Sarah Robles den besten Platz aller US-amerikanischen Gewichtheberinnen und Gewichtheber. Doch die USA liegen im Gewichtheben bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen meist weit hinter den führenden Ländern zurück. Führend sind Länder wie Russland, China, Japan, Bulgarien und die Türkei.


Seit vielen Jahren findet man für das Gewichtheben in den meisten EU-Staaten und in den USA nur sehr schwer Sponsoren. Das hat mindestens drei offensichtliche Gründe.

  1. Die Sportart Gewichtheben kommt immer wieder mit Doping-Vergehen in die Schlagzeilen. Es mussten schon ganze Mannschaften aus dem Verkehr gezogen werden, weil alle Sportler gedopt waren.
  2. Gewichtheben ist in vielen Ländern nicht »fernsehtauglich«. Das Interesse der Zuschauer ist so gering, dass es von den Wettkämpfen kaum Übertragungen gibt. Einzige Ausnahme: Die Olympischen Sommerspiele.
  3. Die Gewichtheber aus diesen Staaten sind bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen nur selten erfolgreich.

In einigen erfolgreicheren Staaten ist Gewichtheben eine sehr beliebte Sportart und ein Gewichtheber kann relativ reich werden. In den USA und bei uns kennt aber — außer ganz wenigen Fans — kaum jemand einen Gewichtheber oder eine Gewichtheberin. Also sind sie für Sponsoren auch nicht interessant.

Eine Ausnahme ist der Olympiasieger Matthias Steiner (Superschwergewicht, ein sehr umfangreicher Mann) — nachdem er dadurch bekannt wurde, dass er nach seinem Sieg bei den Olympischen Spielen um seine verstorbene Frau geweint hat.

Dieses Schicksal rührte viele Menschen. Er hat dann mehrere Auszeichnungen bekommen und wurde zu wichtigen Veranstaltungen eingeladen. Aber selbst sein Management klagte nach den Olympischen Spielen 2008 darüber, dass kaum Sponsoren an ihm interessiert seien.


Sarah Robles ist nun keine Olympiasiegerin. Sie ist eine der zehn besten Sportlerinnen ihrer Gewichtsklasse. Das ist aller Ehren wert, aber es kann keinen Anspruch auf Sponsorengeld oder staatliche Sportförderung begründen. Zum Vergleich: Für eine Sportförderung, von der man gut leben kann, müssen die Leistungssportler in Deutschland international im Bereich der Plätze 1 bis 6 liegen.

Es ist zweifellos traurig, dass es der Leistungssportlerin Sarah Robles materiell nicht gut geht. Aber sie ist eine erwachsene Frau und sie hat die Entscheidung für den Sport freiwillig getroffen.

Wenn das Sportfördersystem der USA ihr nicht hilft, weil die Chancen auf eine Medaille sehr gering sind, kann sie sich den Leistungssport nicht leisten. Da ist bitter.


Ich finde es trotzdem nicht angemessen, darin die Diskriminierung einer dicken Frau zu sehen. Denn die oben aufgeführten Sportlerinnen in dieser Gewichtsklasse haben alle eine ähnliche Figur. Die besten von ihnen werden natürlich gefördert, wenn in ihren Ländern zwei Bedingungen erfüllt sind: Gewichtheben muss populär sein und es müssen Chancen auf Medaillen bestehen. Diese beiden Bedingungen sind in den USA nicht erfüllt.

Sarah Robles geht es also nicht anders als vielen anderen Sportlerinnen und Sportlern in den sogenannten »Randsportarten«. Das ist völlig unabhängig von der individuellen Figur einer Sportlerin oder eines Sportlers. Sie werden gefördert, wenn es im nationalen Interesse liegt und wenn sie populär sind.


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Eine Antwort zu Zu dick für Sponsoren?

  1. E-Haller sagt:

    Volle Zustimmung. Ich würde fast behaupten, dass bei einem Großteil der Sportarten auch in Deutschland die “Besten” des Landes von ihrem Sport nicht leben können. Als Lösung kommt in Deutschland ja eine Karriere als “Sportsoldat” in Frage – aber auch nicht für jeden.

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