Die Bäcker müssen Umsatzsteuer auf gespendete Brötchen zahlen. Ein Skandal? Nur auf den ersten Blick.

In den Medien kocht gerade ein neuer Skandal hoch: Das Finanzamt zwingt die Tafeln ins Aus! Der liberale Blogger Jan Filter leitet aus den Steuernachforderungen sogar ab, dass der Staat damit sein Monopol als Wohltäter festigen will. Doch es ist alles nicht ganz so einfach, wie es aussieht. Die Bäcker kennen das Problem nämlich schon lange:

Backwaren oder andere Sachzuwendungen, die unentgeltlich an Organisationen wie Tafeln abgegeben werden, fallen unter die Steuerpflicht. Ob mit oder ohne Spendenquittung spiele keine Rolle, heißt es. Keine Umsatzsteuer müssen Bäcker dann zahlen, wenn die Backwaren »ganz oder zum Teil nicht zum Vorsteuerabzug berechtigt haben«, teilt das Finanzministerium mit. Das freilich ist selten der Fall.

Es geht also darum, dass der Bäcker zunächst für die Brötchen Mehl, Hefe, Fett und Energie einkauft. Dafür macht er in seiner Umsatzsteuererklärung die Vorsteuer geltend. Die meisten Brötchen verkauft er an seine Kunden. Dabei nimmt er die Mehrwertsteuer ein. Am Ende des Jahres erhält er einen Umsatzsteuerbescheid.

Nun entsteht natürlich eine Differenz: Für die Energie und das Material in den verschenkten Brötchen hat der Bäcker auch Vorsteuer geltend gemacht. Die Verrechnung dieses Anteils wäre sicher machbar, aber sie macht die ganze Sache natürlich komplizierter.

Auf jeden Fall kann man aus diesem steuerlichen Sachverhalt nicht ableiten, dass der Staat die Tafeln kaputtmachen will, die er ja auf anderen Gebieten selbst steuerlich fördert.

Auch eine absichtliche Behinderung der privaten Wohltätigkeit muss man nicht unbedingt unterstellen. Es ist einfach ein steuerlicher Sachverhalt, der in einer sinnvollen Weise geklärt werden kann, zum Beispiel durch einen Freibetrag. Ganz ohne Skandalisierung.


PS: Hier ist noch ein ganz ruhiger und gelassener Kommentar der Bäckerzeitung zu diesem Thema.


PPS: Soweit ich die Reaktionen und Kommentare bei rivva, bei Twitter, in Foren und in den sozialen Netzwerken einschätzen kann, macht sich überall große Empörung breit — aufgrund einer skandalisierenden Schlagzeile zu einer Sendung, die zu diesem Zeitpunkt niemand gesehen hat.

Die Finanzämter und der Staat werden so übel beschimpft, dass man es nicht zitieren möchte. Augenscheinlich denkt dabei kaum jemand über den Fall nach:

Ein Bäcker muss überhaupt nur dann mit einer Nachforderung der Umsatzsteuer rechnen, wenn er die Spende steuerlich geltend gemacht hat. Wenn der Bäcker die übriggebliebenen Brötchen ohne Spendenquittung verschenkt, kann ihm überhaupt niemand nachweisen, um wie viele Brötchen (und vor allem um welchen Gegenwert in Euro) es sich gehandelt hat.

Interessanter Lesestoff: Die wundersame Vermehrung der Tafeln aus der F.A.Z. aus dem Jahr 2008 — inzwischen haben sich die Tafeln noch weiter vermehrt. Der Staat ist weit davon entfernt, die Tafeln kaputt zu machen. Im Gegenteil: Er fördert sie mit sehr viel Steuergeld.


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22 Antworten zu Die Bäcker müssen Umsatzsteuer auf gespendete Brötchen zahlen. Ein Skandal? Nur auf den ersten Blick.

  1. Muriel sagt:

    Na wunderbar. Jetzt hab ich’s auch verstanden.

    • stefanolix sagt:

      Um ganz ehrlich zu sein: Mir ging es am Anfang [ganz egoistisch] um mein eigenes Verständnis. Ich hatte von dem Problem vor längerer Zeit schon hier in Dresden gehört und war jetzt auf den Beitrag von »quer« gestoßen.

      Da wollte ich nach hunderten von empörten Tweets und Kommentaren einfach wissen, was wirklich dahintersteckt. Ich denke, dass sich das Problem lösen lässt, wenn es politisch gewollt ist.

      PS: Man müsste eigentlich auch eine Gesamtrechnung aufstellen, wie die Spendenquittung zu Buche schlägt und was in den spendenden Unternehmen an Entsorgungskosten gespart wird.

      • Muriel sagt:

        Ich hatte vor Jans Beitrag noch nie davon gehört und war deshalb auch zunächst völlig ratlos, warum gespendetes Brot zu Steuernachzahlungen führen soll.
        Ich glaube auch, dass ich tendenziell die Rechtsauffassung der Finanzbehörde ablehne, aber um mich da wirklich festlegen zu können, müsste ich noch recherchieren.

      • stefanolix sagt:

        Sicher: Man muss recherchieren, man muss sich zusammensetzen, man muss eine Lösung finden. Aber dafür sind solche Stimmungsaufwallungen und solche skandalisierenden Schlagzeilen völlig kontraproduktiv.

        Wenn das politische Ziel besteht, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden sollen, dann wird man sich am Ende auf irgendeine Pauschale einigen.

        Es darf dem Bäcker kein Nachteil entstehen, wenn er spendet. Aber es darf auch keine Unstimmigkeiten bei der Umsatzsteuer geben.

        Und vielleicht sollte man auch mal darüber nachdenken, wie viel Brot und Brötchen gebacken werden. Ich kenne zwei sehr gute Bäcker hier in der Gegend (einer davon mit Schaubackstube), bei denen abends kurz vor Ladenschluss im Prinzip fast kein Backwerk mehr zu haben ist. Es ist einfach alle. Jeder weiß: Frühmorgens gibt es wieder duftendes, frisches, neues Backwerk und am Abend ist es ausverkauft. So sollte es sein.

  2. Stefan, kann es sein, dass du den “ruhigen und gelassenen Kommentar aus der Bäckerzeitung” nicht in Ruhe und mit Gelassenheit zu Ende gelesen hast? ;)
    Zitat am Ende aus besagtem Artikels (Hervorhebung von mir):

    “Nicht mehr neutral in diesem Sinne verhalten sich Bäcker, die statt an Tafeln zu liefern Brot vom Vortag entsorgen. Im Klartext: Wer Lebensmittel wegwirft, wird steuerlich besser gestellt, als jemand, der Menschen hilft, die Hunger haben. Mehr Wertschätzung für Lebensmittel erreicht man so gewiss nicht.

    • stefanolix sagt:

      Doch. Warum sollte ich nicht? Ich schrieb doch gerade im letzten Kommentar, dass ich dafür plädiere, nur so viel zu backen, wie man verkaufen kann. Damit wächst die Wertschätzung der Lebensmittel doch auch. Und der Bäcker hat kein Problem mit der Steuer ;-)

      Denken wir doch bitte auch mal an den Anteil der Produkte aus Handwerksbäckereien am Gesamtumfang aller Produkte bei den Tafeln. Der Anteil von handwerklich gefertigten Broten, Brötchen und Kuchen (sowie einigen anderen Lebensmitteln) dürfte ganz niedrig sein. Auch dabei wird also klar: Es geht nicht gegen die Tafeln und deren Kunden. Es geht um ein sehr spezielles Steuerproblem.

      • Stimme ich prinzipiell zu … nur soviel backen wie nötig. Ist halt ‘ne Sache, die jeder Bäcker selbst entscheiden sollte.

        In der VG (und vielleicht auch bei anderen Bäckern) gibt’s die Sachen vom Vortag für den halben Preis, ab dem 2. Tag für umsonst – so weit ich weiß. Da bleibt jedoch eigentlich nie etwas über.
        Ich finde es dennoch seltsam, wenn ein Steuergesetz darüber entscheidet, ob ein Bäcker Reste wegschmeißt oder spendet. Rational bzw. finanziell gesehen ist wegschmeißen billiger.

        PS: Ich war noch nie in einer Tafel, obwohl ich’s könnte … nur so als Anmerkung … will heißen, ich halte von der Tafel-Bewegung an sich nicht allzu viel. Es geht am eigentlichen Problem vorbei. Doch das wäre ein anderes Thema ;)

      • stefanolix sagt:

        Ich habe ja oben versucht, zu erklären, warum das Steuergesetz relevant ist. Der Bäcker kann die Mehrwertsteuer verrechnen, die er für Mehl und andere Rohstoffe zahlen müsste (wenn er Endverbraucher wäre). Andererseits führt er die Mehrwertsteuer ans Finanzamt ab, die er den Kunden in Rechnung stellt.

        Beides geschieht monats- oder quartalsweise. Am Ende des Jahres wird abgerechnet. Da will der Staat keinen (nennenswerten) Verlust machen.

  3. Rayson sagt:

    Wenn der Bäcker die übriggebliebenen Brötchen ohne Spendenquittung verschenkt, kann ihm überhaupt niemand nachweisen, um wie viele Brötchen (und vor allem um welchen Gegenwert in Euro) es sich gehandelt hat.

    Naja, zu raten wäre es ihm nicht. Auch einfaches Wegwerfen nicht, jedenfalls dann nicht, wenn es in signifikanten Mengen geschieht. Denn bei Steuern ist das alles etwas anders – da gilt gerne auch schon mal Beweislastumkehr, wenn das Verhältnis von Wareneinsatz zu Umsatz zu sehr vom branchenüblichen abweicht. Und dann wird es übel….

    • stefanolix sagt:

      OK. In steuerlichen Dingen bist Du der Fachmann. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass der Bäcker sehr schlecht wirtschaften würde, wenn er regelmäßig zu viele Brötchen aussondern müsste.

      Gehen wir von einer Wegwerf-Quote von weniger als 2 Prozent aus, dann dürfte der Materialeinsatz (geltend gemachte Vorsteuer) noch recht gut mit den verkauften Produkten (in Rechnung gestellte und abgeführte Mehrwertsteuer) übereinstimmen.

      Bei den beiden wirklich guten Bäckern, die ich oben erwähnte, ist die Wegwerf-Quote bei Brot und Brötchen definitiv deutlich geringer. Da liegen abends (überspitzt gesagt) noch ein paar Brötchen und zwei halbe Brote im Regal, nachdem der Laden den ganzen Tag gebrummt hat.

      • Rayson sagt:

        Allerdings gebe ich zu bedenken, dass der Bäcker sehr schlecht wirtschaften würde, wenn er regelmäßig zu viele Brötchen aussondern müsste.

        Richtig. Und so rechtfertigt das FA natürlich auch seine Vorwürfe bei einem aus seiner Sicht zu großen Missverhältnis von Wareneinsatz und Umsatz: Wer auf Dauer schlecht wirtschaftet, dürfte eigentlich nicht mehr da sein. Ist er dennoch da, kann er nicht schlecht wirtschaften und betrügt uns also.

        Übrigens:

        Ich habe ja oben versucht, zu erklären, warum das Steuergesetz relevant ist. Der Bäcker kann die Mehrwertsteuer verrechnen, die er für Mehl und andere Rohstoffe zahlen müsste (wenn er Endverbraucher wäre). Andererseits führt er die Mehrwertsteuer ans Finanzamt ab, die er den Kunden in Rechnung stellt.

        Beides geschieht monats- oder quartalsweise. Am Ende des Jahres wird abgerechnet. Da will der Staat keinen (nennenswerten) Verlust machen.

        Er macht dadurch ja keinen Verlust, sondern einen Gewinn: Sobald eine Stufe effektiv keine Vorsteuer mehr ziehen kann, wird die kumulierte Mehrwertsteuerbelastung der Vorstufen definitiv. Der Bäcker wird also behandelt wie ein Endverbraucher, der diese Waren zugekauft hat. Was dem Staat entgeht, ist die Umsatzsteuer auf die Differenz zwischen Wareneinsatz und Verkaufspreis. Das heißt aber nicht, dass er neutral aus der Sache heraus ginge…

    • Erling Plaethe sagt:

      Aber welcher imaginäre Preis wird denn den alten Brötchen zugrunde gelegt? Das bestimmt doch der Bäcker, oder?
      Also kann er die Brötchen auch für einen Cent weggeben, oder weniger.

      • stefanolix sagt:

        Genau das ist ja der Trick. Wenn er die Kiste Brötchen für einen symbolischen Euro weggibt, dann wird die Umsatzsteuer genau darauf fällig.

        Ich muss übrigens sagen, dass ich heute beim Zeitunglesen regelrecht erschrocken bin. Da hat ein Bäcker ausgesagt, welche Menge an Brot und Brötchen er jeden Tag wegwirft. Ich bin bisher von Handwerksmeistern hier in der Nähe ausgegangen, deren Laden abends nahezu leergekauft ist. Bei einer größeren Wegwerfquote könnte das Finanzamt schon hellhörig werden.

      • stefanolix sagt:

        Noch ein PS: Das Finanzamt legt bei einer Spende den halben Ladenpreis für die Berechnung der 7% Umsatzsteuer zugrunde.

  4. jens best sagt:

    Wenn Menschen, die es nötig haben, bei den Tafeln Brot essen, entlasten sie damit den fürsorgenden Etat des Staates. Diese Entlastung kann zwar nicht mit der Vorsteuer des Bäckers oder irgendwie anders berechnet werden, aber dies ist ein Problem des Systems.
    Du argumentierst hier sehr aus einer geradezu mathematischen Sicht auf einen gerechten Staat.nur weil eine Rechnung auf dem Papier nicht aufgeht, muss sie nicht falsch im Sinne eines gerechten Staates sein. Somit ist es nicht ein kleines Steuerproblem, sondern das, was die Bäckerzeitung sagt: Die Ignoranz der Zahlengläubigen gegenüber einer gerechten Verteilung von Essen.

    • stefanolix sagt:

      Ich argumentiere gleichzeitig auch politisch: Wenn die Politik eine Lösung schaffen will, wird sie vermutlich einen Freibetrag einführen oder sie wird bestimmte Lebensmittel auf den Wert Null setzen. Solange das aber noch nicht umgesetzt ist, gilt das bestehende Recht.


      Gerechtigkeit ist ein großes Wort. Mit allen Aspekten eines »gerechten Staates« wurden schon viele, viele Bücher gefüllt.

      Der »gerechte Staat« hat auch die Pflicht, die Steuern gemäß Recht und Gesetz einzutreiben. Auf der Ausgabenseite wird (unter anderem) mit sehr viel Steuergeld die Unterstützung für die Organisation der Tafeln gewährleistet.

      Der »gerechte Staat« muss berücksichtigen, welche wirtschaftlichen Vor- und Nachteile einem Bäcker aus der Spende und der Spendenquittung, aber auch aus der Abnahme der überflüssigen Brötchen entstehen.


      Rund um die Lebensmittelspenden hat sich inzwischen ein Millionengeschäft entwickelt. Nicht alle Seiten dieser Geschäfte würde ich auf Anhieb als »gerecht« bezeichnen. Eine dauerhafte Abhängigkeit vieler Menschen von diesen Lebensmitteln halte ich sogar für sehr ungerecht.

  5. Frank sagt:

    Ein ganz ruhiger und gelassener Kommentar – sowas geht gar nicht! Wir sind hier im Internet, da muss man sich immer gleich ganz doll empören. Sich mit Details oder Hintergründen auseinandersetzen, kommt dabei natürlich nicht in Frage – die Zeit hat doch kein Mensch. Denn am nächsten Tag muss man sich ja immerhin schon wieder über etwas anderes aufregen.

    (Ende des ironischen Teils)

    Danke für die Informationen. Ich hatte das Thema nicht weiter verfolgt, weil ich es innerlich automatisch als die übliche Übertreibung des Tages abheftete. Und die Tafeln sind ohnehin schon seit Jahren aus verschiedenen Gründen in der Kritik.

    • stefanolix sagt:

      Ich zitiere immer wieder gern den Kalenderspruch, den ich mal an der Tür eines Büros in einer Landesbehörde gelesen habe:

      Man kann sich über alles aufregen, aber man ist nicht dazu verpflichtet. ;-)

      • Frank sagt:

        Ich sehe übrigens, dass der Aufreger des Tages für uns Sachsen gerade herausgekommen ist. Die Kommemtare sind wiedermal typisch (bis auf einen ;-) )

      • stefanolix sagt:

        Und? Ändert die Aufregung etwas an den Diäten? — Früher reichte ein Ereignis für eine ganze Woche Aufregung. Heute brauchen die Leute jeden Tag etwas Neues.

  6. [...] Fall gab mir damals Anlass zum Nachdenken über Empörungswellen und vorschnelle Urteile. Jetzt haben die Finanzbehörden eine Lösung [...]

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