Die Gesellschaft und ihre Wirtschaftspresse

In der F.A.Z. befindet der Wirtschaftsredakteur Carsten Knop unter der Überschrift Die Gesellschaft und ihre Banken:

Die Finanzkrise wurde für die Banker zum Charaktertest. Sie haben ihn nicht bestanden. Die Gier hat gesiegt.

Da stellt sich die Frage: Wer ist denn an der Meinungsbildung der Sparer, Investoren und Anteilseigner entscheidend beteiligt? Man darf unterstellen, dass die meisten Personen aus diesen Kreisen die Wirtschaftspresse lesen. Man darf auch unterstellen, dass die Führungskräfte der Banken morgens dieselben Zeitungen aufschlagen.

In der Wirtschaftspresse fanden sich aber schon in der Zeit der legendären Dotcom-Blase kaum Warnungen; erst recht nicht im Vorfeld der Immobilienkrise in den USA und der Finanzkrise am Ende des letzten Jahrzehnts. Im Gegenteil: All diese Krisen wurden auch durch die Wirtschaftspresse verstärkt.


Es wurden während der gesamten Zeit mit fast jedem Bericht und fast jedem Kommentar Maßstäbe gesetzt: Wenn eine Bank 25 Prozent Rendite versprach, galten deren Führungskräfte als Helden und die Führungskräfte der vorsichtiger wirtschaftenden Banken als lahme Enten. Das eher solide Geschäft der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken wurde als angestaubt und langweilig dargestellt.

Dabei müssen doch wenigstens einige Journalisten gewusst oder geahnt haben, dass viele Geschäfte der damals scheinbar erfolgreichen Banken einfach nur Glücksspiel (oder Schlimmeres) waren. Erst jetzt bringt Carsten Knop folgende Sätze zu Papier:

Ungerührt wurden unter den Augen der Aufsichtsbehörden weiter Zinsen manipuliert, die Investmentbanker sehnten den nächsten Übernahmeboom herbei. (…) Ausweichstrategien mussten her: Sie führten zu einer exzessiven Kreditvergabe an insolvente (Staats-)Schuldner, brachten Produkte aus den Investmentbanking-Abteilungen hervor, die niemand verstand und die die Risiken nicht besser verteilten, sondern erhöhten, und machten vor der Manipulation von Zinssätzen nicht halt.


Im Artikel der F.A.Z. heißt es unter dem Symbolfoto:

Das Grundproblem: Das Kerngeschäft des soliden Geldverleihs wirft nicht genügend Rendite ab, um die exorbitanten Wachstumsziele der international tätigen Geldhäuser bedienen zu können.

Stimmt. Aber das Kerngeschäft des soliden Geldverleihs wirft wohl auch nicht genügend Geschichten ab, um damit die Finanzmarkt-Seiten oder die Derivate-Beilagen zu füllen.

Hätten sich die Finanz- und Wirtschafts-Journalisten seit Ende der 1990er Jahre an das Kerngeschäft des soliden Journalismus gehalten, dann hätten möglicherweise einige Fehlentwicklungen vermieden werden können.


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3 Antworten zu Die Gesellschaft und ihre Wirtschaftspresse

  1. Muriel sagt:

    Zum Glück sind die Banken die einzigen, die in den letzten Jahren charakterliche Mängel aufgezeigt haben. Man müsste sich sonst ja schon Sorgen um die Gesellschaft machen.

    • stefanolix sagt:

      Vielleicht war ich voreilig und es kann gut sein, dass daraus eine F.A.Z.-Serie wird: Die Gesellschaft und ihre

      – Banker
      – Journalisten
      – Konsumenten
      – Wähler
      – Repräsentanten

      Durchaus ausbaufähig ;-)

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