Die Kampagne gegen eine junge Sportlerin wird zu einer Gefahr für die Demokratie

Harald Martenstein stellt in seiner Kolumne fest:

Gefahr für die Demokratie geht bis auf Weiteres nicht von Nadja Drygalla aus, sondern von denen, die diese Hetzjagd auf eine 23-Jährige veranstalten. Heutzutage genügt offenbar schon ein Verdacht, um jemanden an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Was wir hier beobachten müssen, ist kein »Aufstand der Anständigen«. Wer bei einer solchen Kampagne mitmacht, den hat der Anstand schon längst verlassen.


Ein Satz zum Nachdenken:

Hätten alle Medien die journalistischen und ethischen Mindeststandards beachtet, dann hätten wir von diesem »Fall« überhaupt nichts erfahren.

Wir hätten deshalb nichts davon erfahren, weil bloße Vermutungen, aufgeblasene Verdächtigungen und offensichtliche Falschdarstellungen nicht in die Zeitung gehören. Und weil es die Öffentlichkeit nichts angeht, mit wem eine bis dato unbekannte und unbescholtene junge Sportlerin zusammenlebt.

»Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten«, sagte der Journalist Hanns Joachim Friedrichs. — Ich frage mich: Was ist davon übrig geblieben?

Es ist bis heute nicht bekannt, dass die Ruderin Nadja Drygalla gegen irgendein Gesetz verstoßen oder eine extremistisch motivierte Tat begangen hat. Jede Vorverurteilung auf der Basis bloßer Vermutungen hat zu unterbleiben. Wir leben in einem Rechtsstaat.

Nadja Drygalla ist 23 Jahre alt. Wenn sie noch für unsere Nationalmannschaft rudern will und wenn sie die entsprechenden Leistungen bringt — dann soll sie rudern!

Und wenn es stimmt, dass sich unter ihrem Einfluss ein ehemaliges NPD-Mitglied im Alter von Mitte 20 vom Rechtsextremismus zu lösen beginnt, dann hat sie für die Demokratie mehr bewirkt, als manche Journalisten, die in dieser Angelegenheit die Standards ihres eigenen Berufs missachtet haben.


Zu den journalistischen Standards noch eine Ergänzung. In den letzten Tagen war oft von Heinrich Bölls Roman »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« die Rede. Der Kollege R.A. hat dieses Thema in »Zettels Raum« aufgegriffen, um auf einen anderen Fall von Vorverurteilung und die Folgen der Verletzung von Standards aufmerksam zu machen.

R.A. schreibt unter anderem:

Bölls Roman endet damit, daß das Opfer den Lügenjournalist erschießt. Das kann man als Rechtfertigung von Selbstjustiz sehen, und dafür ist Böll damals heftig kritisiert worden.
Im realen Leben hat es das m. W. noch nie gegeben, daß ein deutscher Journalist für das von ihm angerichtete Unheil irgendwie büßen mußte. Maximal bekommt seine Zeitung eine Unterlassungsverfügung oder eine Geldstrafe.

Ich hoffe in dieser Sache nicht auf Strafen und ich bin in jedem Fall gegen Selbstjustiz.

Ich denke aber, dass man eine Gegenöffentlichkeit herstellen kann. Die Medien sind schon lange nicht mehr in der Position der »Gatekeeper«, die für uns das herausfiltern, was wir wissen und denken sollen. Die Medien machen inzwischen selbst oft genug Fehler. Wir können uns aber im Internet frei informieren, auch aus internationalen Quellen. Und wir können unsere Informationen mit anderen teilen.


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9 Antworten zu Die Kampagne gegen eine junge Sportlerin wird zu einer Gefahr für die Demokratie

  1. WFI sagt:

    “Bölls Roman endet damit, daß das Opfer den Lügenjournalist erschießt. Das kann man als Rechtfertigung von Selbstjustiz sehen, und dafür ist Böll damals heftig kritisiert worden.”

    Ich bin natürlich auch gegen Selbstjustiz, aber ich erschauere bei dem Gedanken, dass es immer öfter gar keine bestimmte Person gibt, die das Opfer erschießen könnte, um sich zu rächen. Oder die es verklagen könnte, um sich zu wehren. Es gibt nur einen Schwarm auswechselbarer Schreiber und Kommentatoren und Institutionen, die sich aufeinander berufen, ohne klaren Anfang und ohne klares Ende.

    Die Motivation der Rache fiele also weitgehend aus. Bleibt nur “pour encourager les autres” … :-)

    • stefanolix sagt:

      »Es gibt nur einen Schwarm auswechselbarer Schreiber und Kommentatoren und Institutionen, die sich aufeinander berufen, ohne klaren Anfang und ohne klares Ende.«

      Ohne ethischen Kompass und ohne das notwendige journalistische Handwerkszeug, ohne verlässliche Quellen und ohne belastbare Recherche.

  2. Auf Publikative.org bin ich deswegen, weil ich in diesem Fall Deine Meinung teile, dermaßen bescheuert angemacht worden, daß ich diese Seite aus der Blogroll entfernt habe. Bemerkt hatte ich:

    “Es ist vollkommen Wurst, ob die Frau einen Nazi liebt oder nicht. Sie hat selbst keine nazihaften Äußerungen gemacht, keine rechtsradikalen Aktionen unterstützt – sondern sie liebt jemanden, der leider in der rechten Szene unterwegs ist oder zumindest war.
    Ja und? Sie deckt keine Straftaten, begeht keine Straftaten, und wen sie liebt, geht weder das olympische Komittee noch die Polizei etwas an.”

    Könnte mir mal bitte einer erklären, an welcher Stelle das nazifreundlich oder total ahnungslos ist?

    • stefanolix sagt:

      Ich kenne Dich als eine Bloggerin, die sehr konsequent gegen Neonazismus und die damit verbundenen Gefahren auftritt.

      Früher hieß es: »Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns.«

      Mich befremdet diese Haltung, die Du von der Seite publikative.org wiedergibst: »Wer nicht mit uns jeden Unsinn mitmacht, der ist gegen uns.«

      Reflektieren die manchmal noch, was sie da sagen und tun?

      • Ich fürchte, nicht mehr so oft. Mir ist schon vor einiger Zeit ein unangenehmer Rechthaber-Tonfall dort aufgefallen, den ich hingenommen habe, weil es auch echte Information gab. Hoffen wir, daß die Publikative wieder zum Stil sachlicher Information findet!

      • Rayson sagt:

        Ich fürchte, denen ist jedes Menschliche mittlerweile verloren gegangen. Da gibt es nur noch Freund und Feind, und das sozusagen auf ewig, weil es letztlich nur noch der Selbsterhöhung dient.

      • stefanolix sagt:

        @Rayson: Und bei einigen fällt mir noch spontan der Begriff »rent seeking« ein.

        @Claudia: Die Anforderungen an uns als Medienkonsumenten waren noch nie so hoch wie heute ;-)

  3. strnz sagt:

    ich finde ja deine Beiträge häufig etwas zu belehrend oder anderweitig nervend, aber in dem Fall muss ich dir mal 100% recht geben. Irgendwie schockierend, was da passiert ist.

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