Wem hilft dieses Meinungsbild?

Viele Bürger sagen in Twitter, Facebook, Blogs und Foren ihre Meinung. In der vergangenen Woche gab es eine kleine Empörungswelle, als bekannt wurde, dass der Freistaat Sachsen sich aus diesen Meinungen ein Meinungsbild erstellen möchte.

Es ist ja kein Geheimnis: Große Konzerne und andere große Organisationen wenden diese Methode schon lange an. Im Blog Flurfunk betrachtet man die Angelegenheit kühl und professionell:

Social-Media-Monitoring ist – zumindest für Unternehmen (mit einem Blick ins Internet nachzulesen!) nicht nur absolut üblich – es wird in Fachkreisen sogar als Pflicht betrachtet, um die eigene Marke zu schützen. Der Kern der soeben mit großem Geschrei, viel Unwissenheit und noch größerem Skandalisierungsbedürfnis geführten (Nicht-)Debatte ist: Was darf der Staat mit öffentlich zugänglichen Daten?

Wäre es z. B. nicht legitim, wenn der Freistaat Sachsen einige studentische Hilfskräfte beschäftigte, um nach Kommentaren, Artikeln und Tweets über unser Bundesland zu suchen und sie in einem Meinungsbild zusammenzufassen?


Bevor der Freistaat ein solches Meinungsbild in Auftrag gibt, stellt sich aber eine ganz andere Frage: Was kann denn die Regierung des Freistaats überhaupt mit den Informationen anfangen, die sie aus Twitter, Facebook, Blogs und Foren gewinnen würde?


Im englischsprachigen Raum gibt es das sehr vereinfachte Modell der DIKW-Pyramide: Data, Information, Knowledge, Wisdom.

Wissenspyramide.

In wenigen Worten erklärt: Die Basis der Pyramide bilden die Daten. Aus Daten kann man Informationen gewinnen, aus Informationen wird anwendungsbereites Wissen extrahiert. Durch den Austausch mit anderen Wissenden und die effektive Anwendung des Wissens kommt man schließlich auf die Stufe der Weisheit.


Sollte der Freistaat also wirklich ein Dutzend Studenten mit dem Erfassen von Daten und dem Gewinnen von Informationen beschäftigen? Sollten sich Mitarbeiter des Ministeriums an den Schreibtisch setzen und daraus eine Vorlage mit neuem Wissen für den Innenminister extrahieren? Wird er dann mit größerer Weisheit regieren?


Ich habe seit Donnerstag mehr oder weniger aufmerksam verfolgt, welches Echo der Pseudo-Skandal um das geplante Monitoring hervorgerufen hat.

Das ungeschönte Meinungsbild aus Twitter, Facebook, Blogs und Foren zeigt eine Melange aus Stasi-Vorwürfen und Beleidigungen, Gedankenlosigkeit und Dummheit, Ressentiments und Demagogie. Ich habe mir einige Stichworte notiert und gebe sie hier mit aller gebotenen Distanzierung wieder:

Ungeschöntes Meinungsbild aus Twitter, Facebook, Blogs & Co.

Nun kann man es den Leuten nicht einmal verdenken: Sie wurden durch die Presse mit falschen Zahlen und falschen Fakten informiert — und in diesem Fall gab es leider kaum einen Unterschied zwischen »Qualitätspresse« und »Boulevardpresse«.

Ich habe mich am Donnerstag und Freitag oft gefragt: Warum verbreiten ausgerechnet sächsische Medien solch einen Unsinn über ihr eigenes Bundesland? Weil sie nicht in der Lage sind, die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zu lesen? Weil sie mit dem Skandal die Auflage steigern wollen? Oder aus purer Gedankenlosigkeit?

Aus einer skandalisierenden Pressemitteilung wird ein skandalisierender Zeitungsartikel. Aus dem skandalisierenden Zeitungsartikel werden tausende skandalisierende Tweets, Kommentare und Blog-Artikel. Die Rechner laufen heiß und die Nutzer hyperventilieren. Wenige Tage später ist alles vergessen — nur der schlechte Ruf bleibt an Sachsen hängen.


Man hätte sachlich über die Angelegenheit diskutieren können, aber es ist an den Mechanismen der Politik und der Medien gescheitert.

Der Abgeordnete Lichdi findet eine skandalisierende Formulierung, die ihm maximale Aufmerksamkeit bringen soll. Mehrere Redakteure schreiben gedankenlos aus der Pressemitteilung ab, ohne anhand einer zweiten Quelle den Informationsgehalt nachzuprüfen. Tausende Bürger lesen die Artikel, nehmen sie für bare Münze und regen sich sinnlos auf. Es entsteht ein Schaden für die Demokratie und den Freistaat Sachsen.

Der Freistaat könnte das Meinungsbild in Twitter, Facebook, Blogs und Foren täglich problemlos erfassen. Das wäre legal und legitim, solange keine personenbezogenen Angaben erfasst werden. Aber kann man daraus Wissen und Weisheit gewinnen?

Man kann es nicht beschönigen: Solange Politiker und Presse nicht verantwortungsbewusst agieren und solange die Bürger nicht kritischer mit den Informationen umgehen, muss man keine Software anschaffen und auch keine Studenten an den Rechner setzen — nur um aus viel Datenmüll ein verzerrtes Meinungsbild zu gewinnen.


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4 Antworten zu Wem hilft dieses Meinungsbild?

  1. Frank sagt:

    Ich würde die überreagierenden Meinungen – gerade auf Facebook – nicht auf mangelnde Information in der Presse schieben. Ich bin ja selbst seit einiger Zeit bei Facebook, weil mich interessiert hatte, was dort eigentlich passiert. Was man dort beobachten kann, ist oft genug deprimierend. Da erscheint typischerweise ein Zeitungsartikel, in dem eigentlich alles zum Thema steht, u.a. eben auch, dass man als Bürger schon selbst überlegen sollte, was man im Netz schreibt, bevor man sich über “Schnüffelei” oder “Stasi-Methoden” aufregt. Und dann werden solche Artikel auf FB in einer Weise kommentiert, bei der man immer merkt: Die Kommentatoren haben den Artikel gar nicht gelesen, sondern sie haben lediglich die Überschrift gesehen und geben sofort ihr Gemaule über “die da oben”, die ja sowieso an allem Schuld sind, von sich. Den Anteil schätze ich oft auf mindestens 2/3. Johannes Lohmeyer, der bei FB sehr aktiv ist, spricht dann gerne mal von “Reflexnörglern”. Damit hat er völlig Recht.

    Der manchmal geradezu unglaubliche Schwachsinn in FB-Kommentaren hätte mich beinahe mal zu einem resignierenden Artikel “Facebook-Nutzer dürfen auch wählen gehen” veranlasst. Früher habe ich unsere schlecht funktionierende Demokratie immer darau geschoben, dass BILD-Leser leider auch wählen gehen dürfen. Momentan halte ich diese fast für das geringere Übel, weil die wenigstens nicht nur Überschriften lesen.

    • stefanolix sagt:

      Ich stimme Dir zu: Auch wenn ich nicht bei Facebook bin, kann ich es sehr gut beobachten, wenn ich die Reaktionen bei Twitter und in Blogs gebündelt z. B. bei rivva sehe.

      Aber in diesem konkreten Fall war bereits die Information wirklich sehr mangelhaft.

  2. [...] Das Echo auf solche Artikel kann man dann bei Twitter, Facebook und in Blogs nachlesen. Ich habe es in einem ähnlichen Fall im August dokumentiert. [...]

  3. [...] August auf Twitter und Facebook aus der Dresdner Presse wiedergegeben und kommentiert haben, sah in meiner Zusammenfassung etwa so [...]

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