Kein Bezug zur Freiheit

In einem Leitartikel der F.A.Z. wird heute mit kühnem Federstrich eine Verbindung zwischen Pressefreiheit und Leistungsschutzrecht hergestellt:

Das jetzt vom Kabinett beschlossene Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist tatsächlich der Versuch, in der unendlichen Weite des Netzes ein paar Schranken zu errichten. Wenn dadurch aber die Macht eines Monopolisten gebrochen wird, so ist das ein guter Tag für die Freiheit. [Hervorhebung von mir: »Ein guter Tag für die Freiheit« ist die Überschrift des Artikels.]

Dem unvoreingenommenen und freiheitsliebenden Leser klingen die Ohren: Wer ist dieser Monopolist, der unsere Freiheit gefährdet? Worauf hat er ein Monopol? Wann hat er seine Macht missbraucht, um unsere Freiheit einzuschränken?

Mit dem Monopolisten ist Google gemeint. Google bietet seine Suchmaschine in vielen demokratischen Staaten an. Sie wird von den Kunden, den Werbepartnern und den meisten Seitenbetreibern geschätzt. Aber es gibt trotzdem Alternativen wie Bing und Yahoo. Google kann folglich gar kein Monopol haben.

Man darf davon ausgehen, dass in allen demokratischen Staaten mit Google-Anschluss Pressefreiheit herrscht. Ist die Freiheit der Presse und des Wortes in den USA gefährdet, weil Google den Zeitungen dort kein Geld für die winzigen Informationsschnipsel in den Suchergebnissen zahlt?

Gibt es überhaupt einen anderen Staat, in dem sich die Presse dafür bezahlen lässt, dass ihre Seiten bei Google gefunden werden? Man könnte das erste Zitat als ein Zeugnis des Überschwangs der Gefühle werten, aber es geht ja noch weiter:

Sogar in der Bundesregierung wurde gewarnt vor einem »Schonraum für Geschäftsmodelle, deren Zeit abgelaufen ist«. Wer so redet, muss sich fragen lassen, ob er auch den demokratischen Rechtsstaat für ein Auslaufmodell hält.


Kann sich noch jemand an die ersten Telefonbuch-CDROMs erinnern? Am Anfang gab es einen einzigen Anbieter, der alle Anschlussdaten erfasst hatte. Findige Geschäftsleute ließen aber bald alle deutschen Telefonbücher in China abtippen und boten eigene Datenträger an.

Es gab dann viele juristische Auseinandersetzungen zwischen den konkurrierenden Anbietern, doch heute besteht kaum noch Bedarf an CDROMs mit Anschlussdaten. Schließlich kann man jede eingetragene Telefonnummer kostenlos im Netz abfragen. Mit den Abfragen wird übrigens immer noch Umsatz generiert, aber auf völlig andere Weise als vor zwanzig Jahren.

Geschäftsmodelle kommen und gehen — aber der demokratische Rechtsstaat bleibt.


Bei allem Respekt vor der Arbeit der Redakteure und Journalisten der F.A.Z.: Die Verknüpfung zwischen Leistungsschutzrecht und Pressefreiheit ist maßlos überzogen. Zwischen Google und den Zeitungen gibt es ein Geben und Nehmen zum beiderseitigen Vorteil.

Google speichert winzige Informationsschnipsel für die Anzeige in den Suchergebnissen. Google bringt aber den Websites der Zeitungen mit Hilfe dieser winzigen Informationsschnipsel täglich auch hunderttausende Klicks, die es sonst nicht gegeben hätte. Damit könnten beide Seiten eigentlich gut leben. Und leben lassen.


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2 Antworten zu Kein Bezug zur Freiheit

  1. Erling Plaethe sagt:

    Die deutschen Verlage werden nicht um ihr geistiges Eigentum gebracht. Sie selbst stellen ihre Artikel ohne eine Forderung kostenlos ins Netz. Sie verzichten damit auf die Kontrolle der Nutzungsmöglichkeiten, bewusst. Niemand zwingt sie dazu. Sie tun das was jeder Blogger tut: Geistiges Eigentum verschenken.
    Was hier vor sich geht, kommt eher einer Leistungserschleichung nahe, als der Durchsetzung des Urheberrechts.
    Es gibt überhaupt keinen Handlungsbedarf weil die Verlage Google die Nutzung ihrer Seiten untersagen und damit sehr wirksam und ohne neues Gesetz ihr Urheberrecht wahrnehmen können.
    Hier bilden Staatsfunk und Qualitätsjournalismus eine Gebühreneinheit.
    Ich werde das Gefühl nicht los, dass Google ein Phantomgegner ist. Hier wird eine Bazooka in Stellung gebracht, die das Meinungsbildungsmonopol erhalten soll, koste es was es wolle.

    • stefanolix sagt:

      Nein, die Zeitungen verzichten gar nicht unbedingt auf die Kontrolle der Nutzungsmöglichkeiten. Sie wollen so gefunden werden, wie man sie heute bei Google finden kann.

      Man kann für jedes Verzeichnis eines Webservers festlegen, welche Datei(en) Google und Bing nicht »sehen« sollen. Und beide Suchmaschinen halten sich auch daran. Dieses »opt out« ist technisch so einfach umzusetzen, dass man es in jedes Redaktionssystem einbauen kann und ich vermute, dass eine solche Funktion auch schon überall verfügbar ist.

      An Stelle von Google würde ich ein »opt-in« einführen: Jede Zeitung, jeder Verlag kann selbst entscheiden, ob er kostenlos gefunden werden möchte. Es wäre technisch auch überhaupt kein Problem, die Anzeige auf den Titel und einen vom Verlag definierten Kurztext zu beschränken.


      Ich sehe die Meinungsvielfalt noch nicht gefährdet. Ich würde als Medienkritiker dann einfach im Rahmen des Zitatrechts zitieren oder paraphrasieren. Mit sauberer Quellenangabe, aber ohne Link. Die Leser müssten dann eben beim Suchen des Artikels selbst aktiv werden oder sie müssten sich die Zeitung kaufen oder das e-Paper herunterladen.

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