Keine Sternstunden mehr

Es war zweifellos eine Sternstunde der Menschheit, als im Jahre 1858 durch ein Transatlantik-Kabel das erste Wort über den Ozean übertragen wurde. Damals wurden zum ersten Mal mehr als 4.500 Kilometer Kabel durch den Ozean verlegt. 

Als die ersten Worte übertragen wurden, ahnte noch niemand, dass dieses Kabel nur eine Zwischenstation auf dem Weg bis zur wirklich funktionierenden Verbindung sein sollte. Es gab Probleme mit der Isolierung, mit der Verarbeitungsqualität und mit der Festigkeit. Erst mehrere Jahre später waren die Verbindungen wirklich stabil.

Stefan Zweig hat aus der Geschichte des ersten Transatlantik-Kabels eine wunderbare Novelle gemacht. Im Mittelpunkt steht der Unternehmer und Investor Cyrus West Field. Er hat viele Jahre seines Lebens und sein gesamtes Vermögen für das Ziel eingesetzt, eine schnelle Datenverbindung zwischen Europa und Amerika zu schaffen.

Die transatlantischen Verbindungen wurden möglich, weil die beteiligten Ingenieure und Wissenschaftler immer wieder aus Fehlern gelernt haben. Sie erfanden unter anderem neue Isolierungen und neue Kabelverlegemaschinen.

Die beteiligten Staaten haben sich damals kaum in die Projekte eingemischt. Die »Atlantic Telegraph Co.« hatte weitgehend freie Hand, trug aber auch das volle Risiko.

Die Investoren haben trotz aller Rückschläge immer wieder eigenes Geld in die Verlegung der Kabel gesteckt. Die Beteiligten haben sich zu keinem Zeitpunkt von ihrem Vorhaben abbringen lassen, weil sie vom Nutzen des Projekts zutiefst überzeugt waren. Übrigens geschah das damals auch in wirtschaftlich extrem schwierigen Zeiten.

Die Übertragung der ersten Worte über den Atlantik durch ein Seekabel war eine Sternstunde der Menschheit, weil wagemutige Menschen über Jahre hinweg alle Schwierigkeiten überwunden haben: Ingenieure, Investoren, Seeleute und Arbeiter haben es schließlich ermöglicht.


Im Jahr 2012 geht es um andere Kabel: Windparks auf offener See sollen an das Stromnetz angebunden werden. Man könnte daraus eine neue Sternstunde der Menschheit machen, wenn die notwendigen Speichersysteme und Übertragungsnetze eines Tages verfügbar sein werden. Doch mutige Investoren sind heute nicht mehr in Sicht:

Die neue Umlage für die Haftung von Risiken, die der Ausbau der Stromerzeugung auf hoher See mit sich bringt, wird die Verbraucher mindestens eine Milliarde Euro kosten. Das folgt aus dem Gesetzentwurf, den das Bundeskabinett an diesem Mittwoch beschließen will. In dem dieser Zeitung vorliegenden Text heißt es: »Für die Einbeziehung sich bereits abzeichnender Verzögerungsfälle sind Entschädigungszahlungen von etwa 1 Milliarde Euro zu erwarten.« (Quelle)

Die Entfernung zwischen Windpark und Festland liegt in der Größenordnung von 100 bis 200 Kilometern. Die Übertragung der Energie vom Windpark in der Nordsee bis zum Festland wird technisch beherrscht. Die wirtschaftlichen und technischen Risiken sind also objektiv wesentlich geringer als vor 150 Jahren.

Hätten die Investoren und Ingenieure damals so gedacht und gehandelt, dann gäbe es wohl bis heute keine transatlantischen Verbindungen. Wäre im Jahr 1858 ein Politiker auf die Idee gekommen, eine Zwangsabgabe auf die Nutzung von Morsetelegraphen zu erheben, hätten ihn die Unternehmer und Bürger vermutlich für verrückt gehalten.

Damals wurde durch privaten Wagemut eine Sternstunde der Menschheit möglich. Heute wird eine Sternstunde der Menschheit durch Lobbyismus, Risikoscheu und verkrustete bürokatische Strukturen verhindert: Murks auf unser aller Kosten.

Lassen wir die Windparks an Land …


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7 Antworten zu Keine Sternstunden mehr

  1. uh.. es geht halt nicht direkt um ein Großprojekt als neue Technologierevolution.
    Es geht um den Bau von Kraftwerken. Kraftwerke müssen billig und zuverlässig sein. Seekabel und Offshore-Windparks sind sicher eine nette Sache, aber es geht hier schon um Rentabilität, Risiko und Leistung.

    Es gibt Untersuchungen nach denen auch an Land (z.B. auch in Bayern) weit mehr als genug Platz/Wind für Windkraftwerke ist. Die wären dann nahe am Verbraucher, billiger und einfacher zu warten. Jetzt sind die natürlich kein repräsentatives Großprojekt und sind nicht so hübsch aus dem Sichtbereich der Bevölkerung entfernt, aber das macht sie nicht unbedingt zu einer schlechten Idee.

    Was ich sagen will: Es geht nicht darum auf Biegen und Brechen eine “Sternstunde” zu produzieren, sondern um sichere, effektive und umweltfreundliche Energieversorgung. Da darf man schon mal den Taschenrechner raus holen und sich von logischen Argumenten leiten lassen. Wenn dann Offshore als beste Lösung raus kommt, dann ist mir das durchaus recht. Aber man sollte halt nicht Argumente abwinken mit “Ihr seid nur zu feige für Fortschritt!”

    • stefanolix sagt:

      Wenn es wirtschaftlich und technisch sinnvoll ist, einen Windpark auf hoher See zu errichten, sollen die Investoren und ausführenden Unternehmen auch voll und ganz dafür verantwortlich sein. Wenn es wirtschaftlich und technisch nicht sinnvoll ist, sollen sie es bleiben lassen. Aber es ist unanständig, das Risiko zu sozialisieren, während die Gewinne privatisiert werden.

      • Wer sagt denn dass das Risiko “sozialisiert” wird? Ich lese nur dass die Verbraucher erhöhte Preise bezahlen werden müssen. wenn die Erzeuger aufgrund von solchen Ausfällen erhöhte Ausgaben haben werden.

        Sprich: genau das was du willst?

  2. henteaser sagt:

    Blogpost-Derailender Lesetipp zur Datenübertragung via Kabel: Neal Stephenson’s “Mother Earth Mother Board” http://www.wired.com/wired/archive//4.12/ffglass.html?person=neal_stephenson&topic_set=wiredpeople

  3. E-Haller sagt:

    Ein anderer Aspekt: da gerade die Energiewirtschaft gute Erfahrung damit gemacht hat, für die kostenaufwendigsten Aspekte bestimmter Produktionsarten den Staat/ Bürger mit heranzuziehen (z.B. den immer als besonders wirtschaftlich gepriesenen Atomstrom: Stichwort Endlagerung) – warum sollen sie es nicht auch bei der “Energiewende” probieren?

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