Arbeitshefte für die Dresdner Schüler

Ich habe zum Thema Schule lange Zeit nichts geschrieben, weil ich als Vater natürlich nicht unbefangen bin. Wenn ich im folgenden Beitrag über Arbeitsmittel und Kopien schreibe, beziehe ich meine eigenen Beobachtungen, aber auch die Erfahrungen aus vielen Gesprächen mit Lehrern und anderen Eltern ein.


Das Oberverwaltungsgericht Bautzen (OVG) hat im April 2012 ein Urteil gefällt, nach dem der öffentliche Schulträger im Freistaat Sachsen zukünftig für Kopierkosten und Arbeitshefte keine Rechnung mehr an die Eltern stellen darf. Vorausgegangen war ein Urteil des Verwaltungsgerichts Dresden (VG), das die Klage einer Gemeinde abgewiesen hatte. Der Leitsatz des OVG-Urteils lautet:

Die Schulträger öffentlicher Schulen haben keinen Anspruch auf Erstattung der Kosten für von ihnen für die Verwendung im Unterricht hergestellte Kopien. Hierfür besteht keine Anspruchsgrundlage.

Um welche Summen ging es eigentlich? Ein Schulträger hatte zunächst vor dem Verwaltungsgericht Dresden geklagt, weil sich eine Mutter weigerte, für zwei Schuljahre(!) einen Betrag von knapp 35 Euro(!) zu bezahlen. Aus dem Urteilstext:

Gegenüber der Beklagten rechnete die Klägerin mit Schreiben vom 7. Mai 2008 für das Schuljahr 2006/2007 einen Betrag von 24,90€ und mit Schreiben vom 26. August 2008 für das Schuljahr 2007/2008 einen Betrag von 10,05€, insgesamt 34,95€, ab.

Diese 35 Euro beschäftigten in der Folgezeit zwei Gerichte sowie alle sächsischen Lehrer und Eltern. War es das wirklich wert?


Die Opposition witterte natürlich sofort ihre Chance. Viele Reaktionen auf das ursprüngliche Urteil des VG Dresden und auf das Urteil des OVG Bautzen waren ein Tiefpunkt der politischen Unkultur. Manche Oppositionspolitiker haben das Thema in einer Weise instrumentalisiert, dass man nur mit dem Kopf schütteln konnte. Die Presse ist eine Zeitlang nur allzu gern auf den Zug aufgesprungen.

Plötzlich sollte der Freistaat alles zahlen: Bücher, Taschenrechner, Turnschuhe, Zeichengeräte und womöglich sogar noch den Schulranzen. Stellvertretend für diesen Forderungspopulismus ein Zitat von der Linkspartei:

Kostenlose Lernmittel sind Ihr gutes Recht!
Nach der Gesetzesvorlage der LINKEN umfasst die Lernmittelfreiheit mehr als nur die Druckwerke für die Hand der Schülerin bzw. des Schülers. Lernmittel sind z.B. auch Taschenrechner und andere für den Unterricht nötige Gegenstände.

Wie jetzt bekannt wird, haben einige Eltern sogar Lernmittel gekauft und die Rechnung in der Schule eingereicht — mit dem Anspruch, dass der Schulträger doch jetzt gefälligst sofort zu zahlen habe.


In den meisten sächsischen Schulen wurde zu Beginn der Sommerferien noch hart darum gerungen, mit welchen Arbeitsheften die Schüler ab September lernen sollen und auf welche Weise die Kopien bezahlt werden. Es war klar: Offiziell dürfen die Eltern die Arbeitshefte und Kopien nicht mehr bezahlen. In einer Pressemitteilung der Stadt Dresden hieß es dazu Anfang August:

Um das Urteil schnellstmöglich umzusetzen, hat das Dresdner Schulverwaltungsamt den Bedarf an Arbeitsheften an allen Schulen abgefragt. Für das Jahr 2012 ergibt sich daraus ein überplanmäßiger Mehrbedarf in Höhe von 1.151.650 Euro. Dabei handelt es sich nur um dringend notwendige Materialien. […] »Es ist uns wichtig, dass Lehrer und Eltern für das neue Schuljahr eine Planungssicherheit haben. Diese wird mit einem Beschluss des Finanzausschusses nun gegeben sein«, sagt Bürgermeister Winfried Lehmann.


Es war zu diesem Zeitpunkt allen Beteiligten klar: Wenn man die bisherige Praxis weiterführt, reicht das Geld der Stadt »nicht hinten und nicht vorn«. Als die Eltern die Arbeitshefte selbst bezahlt haben, wurden nämlich (auch) Hefte angeschafft, die später im Unterricht kaum genutzt wurden. Beispiel: Als unser Kind im Jahr 2011 in ein neues Schuljahr wechselte, haben wir insgesamt sechs Arbeitshefte bezahlt. Nur die Hälfte davon war wirklich notwendig. Anfang August 2012 legte die Stadt fest:

Grundlage für die Berechnung der Kosten sind schulartspezifische Festwerte pro Schüler, die nach der Bedarfsabfrage an den Schulen ermittelt wurden. So werden beispielsweise in Grundschulen und Gymnasium je Schüler 30 Euro für Arbeitshefte bereitgestellt, in Mittelschulen 28 Euro und Berufsschulzentren 5 Euro.


Wie sieht es in der Realität aus? Die Planungssicherheit bestand natürlich nur auf dem Papier. Eine rechtzeitige Bestellung von gedruckten Arbeitsheften war gar nicht möglich. Somit begann das neue Schuljahr schon aufgrund der Bestell- und Lieferzeiten ohne Arbeitshefte. Bis heute haben wir kein Arbeitsheft in die Hand bekommen.

Unsere Schule hatte in der Sommerpause festgelegt, welche Arbeitshefte man mit den knappen Mitteln anschaffen kann. Auf einige Arbeitshefte wird künftig verzichtet. Es wurden auch Abonnements für digitale Kopien beschafft, die man an der Schule oder zu Hause (legal!) als Einzelseiten selbst drucken kann. Damit werden natürlich Kosten reduziert — es fragt sich nur, warum man daran nicht schon früher gedacht hat.

Ich denke, dass sich das alte und sehr teure Geschäftsmodell mit den gedruckten und gebundenen Arbeitsheften überlebt hat. Viele Aufgaben bleiben unbearbeitet, weil sie der Lehrer nicht für sinnvoll hält oder weil die Zeit nicht reicht. Sinnvoller ist ein digitales Abo: Der Lehrer entscheidet, welche Seiten wirklich gebraucht und gedruckt werden.


Man kann sich natürlich auch die Frage stellen: Warum verzichten die Lehrer nicht auf die Arbeitsunterlagen der Verlage und bieten eigene Arbeitsblätter an, wie es z. B. in der beruflichen Weiterbildung schon lange üblich ist? — Es hat sich gezeigt, dass bestimmte Arbeitsunterlagen bisher nicht ersetzt werden können. Anschauliche Beispiele sind die Fächer Geographie und Biologie: Dort sind oft urheberrechtlich geschützte Kartenausschnitte, Fotos und Zeichnungen enthalten, die man nur mit hohem Aufwand ersetzen kann.

Auf der anderen Seite können Lehrer aber in Mathematik und in den Sprachen problemlos eigene Arbeitsblätter entwerfen. Formeln und Vokabeln sind nicht urheberrechtlich geschützt. Der Lehrer hätte als Autor ein eigenes Urheberrecht, sofern eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht ist. Er kann die Arbeitsblätter unter einer selbst gewählten Lizenz zum Kopieren freigeben. Das Kopieren können die Eltern übernehmen oder freiwillig durch Spenden unterstützen, denn Schule ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe der Lehrer, Schüler und Eltern.


Noch einen Schritt weiter gedacht: Arbeitsblätter und Arbeitshefte in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen könnten unter offene Lizenzen gestellt und ausgetauscht werden, so wie es in Polen gerade begonnen wird. Davon profitieren letztlich alle.

In der Programmierung gibt es das schon lange: Für bestimmte Programmiersprachen gibt es Dutzende sehr gute und freie Anleitungen, mit denen hunderttausende Studenten und Entwickler schon das Programmieren gelernt haben. Warum sollte das in der Mathematik nicht möglich sein?


PS: Das OVG in Bautzen hat zwar den Schulträgern untersagt, den Eltern eine Rechnung für Arbeitshefte und Kopien zu stellen. Es hat den Eltern aber nicht untersagt, freiwillig etwas für die Bildung ihrer Kinder zu tun und pro Monat einen Euro Kopierkosten beizusteuern. Das dürfte wirklich nicht zu viel verlangt sein.


PPS: Es tut bei alledem nichts zur Sache, welche Schule, welche Schulart und welche Klasse mein Kind besucht. Ich bitte darum, in den Diskussionen auf persönliche Anspielungen zu verzichten. Ich äußere mich hier einfach aus der Sicht eines Bürgers der Stadt Dresden.


Die beiden Urteile sind jeweils als PDF unter folgenden Adressen zu finden:
Verwaltungsgericht (mit Schilderung des Falls)
Oberverwaltungsgericht (mit Verweis auf die Sächsische Verfassung)


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6 Antworten zu Arbeitshefte für die Dresdner Schüler

  1. Muriel sagt:

    “Kostenlos” ist so ein Begriff, den insbesondere die linke Seite des politischen Spektrums gerne dann verwendet, wenn etwas zwar durchaus etwas kostet, aber von jemand anderem bezahlt werden soll als dem, der es will und benutzt.

    • stefanolix sagt:

      In der Presse wurde Anfang der Woche bekannt, welche absurden Maßnahmen inzwischen in den Schulen ergriffen werden. Die Verknappung von Material habe ich ja schon beschrieben.

      Manche Schulen schicken E-Mails an Klassenverteiler: Drucken Sie bitte die Aufgabenblätter zu Hause. Natürlich regen sich auch über diese (sehr geringe) Belastung Eltern auf. Ich würde es einfach drucken, aber ich finde es organisatorisch höchst bedenklich.

      Angeblich soll es sogar eine Schule geben, in der die Lehrer für die Kopierkosten aufkommen und dann einen Beleg für die Einkommenssteuererklärung bekommen. Da möchte man den Eltern, die so etwas mitmachen, Dein Argument, dass es nichts kostenlos gibt, fast schon entgegenschreien:

      TANSTAAFL!


  2. Muyserin sagt:

    Danke für den Denkanstoß. Gerne gelesen.

  3. Alex sagt:

    Auch bei Geografie oder Biologie braucht es keinen gorßen Aufwand mehr, um die Lehrmaterialien zu ersetzen. Schließlich gibt es allein bei Wikimedia Comons einen großen Fundus an Bildern, Karten und (für Geschichte) auch historischen Material (auch bei Wikisource). Für die Schulzwecke dürfte das in den meisten Fällen ausreichen.

    Dazu kommt, dass diese Materialien ja nur einmal von einem Lehrer neu erstellt werden müssen. Alle anderen können das dann auch nutzen, wenn er es unter freier Lizenz veröffentlicht. Für solche Lehrmaterialien gibts schon diverse auch deutschsprachige Projekte (Wikibooks und Wikiversity fallen mir ein, aber da gibts sicher noch bessere). Der elektrische Reporter hatte mal einen Beitrag drüber: http://www.elektrischer-reporter.de/phase3/video/282/

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