In den Dresdner Straßenbahnen und Bussen kann man Menschen aus allen Schichten treffen — Selbständige und Angestellte, Schüler und Studenten, Arbeitslose und Rentner. Jedes Jahr im Herbst haben sie ein Thema: es wird mal wieder teurer.
Wer selbst Geld verdient, ärgert sich dann ein wenig und überlegt sich, wie er es in die laufenden Kosten einordnet. Wer kein Geld verdient, muss darauf hoffen, dass jemand anders einspringt. Laufen oder Radfahren ist auch nicht bei jedem Wetter die Lösung …
In der Dresdner Tagespresse ist heute zu lesen, dass die (sozial schwachen) Inhaber eines Dresden-Passes in Zukunft einen etwas höheren Zuschuss zu ihren Tickets bekommen sollen. Damit will man die Erhöhung der Fahrpreise ausgleichen.
In den Dresdner Blogs wurde zur gleichen Zeit kritisch über die Verschrottung der letzten Dresdner Tatra-Bahnen berichtet. Diese Straßenbahnen sind alt, aber noch funktionstüchtig. Die Verkehrsbetriebe hätten sie wohl an osteuropäische Städte abgegeben, aber die potentiellen Empfänger wollten sich das Geschenk nicht leisten.
Die Kritiker der Verschrottung sagen: dann hätten die Dresdner Verkehrsbetriebe Geld in die Hand nehmen müssen, um den anderen Städten die Straßenbahnen verfügbar zu machen.
Warum ist das ein Beispiel für die Möglichkeiten und Grenzen der sozialen Marktwirtschaft?
Die Dresdner Verkehrsbetriebe müssen ihre Fahrzeuge vom ersten bis zum letzten Tag wirtschaftlich betreiben. Sie setzen dazu Geld ein, das aus unseren Fahrpreisen, aus Steuergeld und aus den Gewinnen der DREWAG stammt. Und wie wir wissen, ist das Geld so knapp, dass jedes Jahr die Fahrpreise … aber das hatten wir schon.
Wer sich mit Marktwirtschaft beschäftigt, spricht nicht von knappem Geld sondern von knappen Ressourcen. Ressourcen kann man für den Zweck A (Sozialticket) oder für den Zweck B (Spenden der alten Straßenbahnen) einsetzen. Dann sind sie weg und man muss auf neue Einnahmen warten ;-)
Wenn man A und B gleichzeitig haben will, muss man mehr Ressourcen beschaffen. Die Ressourcen der Verkehrsbetriebe kommen aus … aber das hatten wir auch schon. Wenn wir uns im Herbst 2009 für A entscheiden, können wir B nicht haben. Wenn wir beides haben wollen, zahlen wir drauf.
Aus Sicht der Nachhaltigkeit könnte man das Verschrotten dieser Straßenbahnen schlimm finden. Da wird etwas Funktionierendes zerstört, um Neues daraus zu machen. Das tut manchem weh.
Allerdings kann man sich auch fragen: warum fahren diese Wagen denn nicht bei uns weiter? Weil sie einen schlechten Wirkungsgrad haben? Weil ihre Instandhaltung zu teuer ist? Weil sie aktuellen Sicherheitsanforderungen nicht mehr entsprechen? Mindestens einen Grund wird es wohl haben.
Auch die Verkehrsbetriebe einer Stadt in Rumänien oder in der Ukraine oder in Russland müssen ökonomisch denken. Wenn sie nicht bereit sind, die Bahnen auf eigene Kosten zu überführen, dann müssen wir das so akzeptieren. Der Volksmund fragt: »Warum sollten wir alten Bahnen unser gutes Geld hinterherwerfen?«
Der Marktwirtschaftler sagt: wir müssen mit unseren Ressourcen so umgehen, dass der größtmögliche Nutzen entsteht. Der soziale Marktwirtschaftler sagt: auch Rentner und Arbeitslose sollen Bahn fahren können. Also sollte doch klar sein, wofür die Verkehrsbetriebe unser Geld ausgeben?
Jemand könnte einwenden, dass »man« auch an andere denken soll und dass sich die Fahrgäste in Rumänien vielleicht über unsere Tatra-Bahnen freuen würden. Das ist sicher ein guter Einwand. Aber dann sollen das bitte diejenigen bezahlen, denen es wichtig ist. »Man« ist solange abstrakt, bis es ans Geld geht. Mir ist es wichtig, dass die Verkehrsbetriebe als Dienstleister und Arbeitgeber hier in Dresden funktionieren — weil sie es mit dem Geld aller Bürger tun und weil alle Bürger an ihrer Finanzierung beteiligt sind.