Die Schweizer und ihr Umgang mit Fehlern

24. Oktober 2014

Es war eine dieser typische Twitter-Szenen: Man wird auf eine Studie hingewiesen, man überfliegt den Artikel, und man stellt ernsthafte Unstimmigkeiten fest. Man twittert den Herausgeber an – und in 90% der Fälle bekommt man kaum eine verwertbare Antwort.

Nicht so im Fall des Berichts über eine Studie der Credit Suisse. Auf ihrer Website stand Ende September ein oft zitierter Glaubenssatz dieser Tage:

Höherer Frauenanteil trägt zu Unternehmenserfolg bei

Daraufhin fragte ich via Twitter an:

Dialog mit CreditSuisse

Im Dialog mit CreditSuisse
(ein Klick vergrößert den Screenshot des Dialogs).

Den Dialog können Sie im Original auf Twitter nachlesen.


Um es kurz zu machen: Der Artikel wurde ergänzt. Es wurden einige Sätze eingefügt, die ich jetzt zitiere. Sie sind leider in dem Artikel nicht gekennzeichnet und bilden auch keinen eigenen Absatz. Das kann aber mit dem verwendeten CMS zu tun haben und ich will es ausdrücklich nicht schlechtreden.

Bedeutet dies nun, dass bessere Unternehmen mehr Frauen beschäftigen, oder dass Frauen lieber für erfolgreiche Unternehmen arbeiten, oder dass Frauen selbst die Performance der Unternehmen verbessern? Vermutlich ist an allen drei Thesen etwas dran.

Die statistischen Befunde, auf die der Bericht hinweist, deuten darauf hin, dass Vielfalt in einem Unternehmen mit besseren Finanzergebnissen und höheren Aktienmarktbewertungen einhergeht, doch die Credit Suisse räumt ein, dass sie die Frage nach der Kausalität nicht beantworten kann. Dies schränkt die Aussagekraft der Beobachtungen in der Studie stark ein.

Der Rest des Artikels wurde nicht geändert. Aber immerhin: Wer heute auf die Studie stößt und den Artikel liest, wird nicht mehr ganz so stark in die Irre geführt …

Der Originaltext der Studie (PDF) ist für diejenigen interessant, die sich wirklich ein Bild von dem Sachverhalt machen wollen. Eine Kausalität zwischen Unternehmenserfolg und Frauenanteil in Führungsgremien wird dort nicht nachgewiesen …


Durch Zufall habe ich eine Seite des Schweizer Fernsehens gefunden, auf der man Korrekturen von offensichtlich falschen Moderationstexten oder Meldungen dauerhaft veröffentlicht. So wurde dort im Original folgendes angesagt:

„Die Katastrophe von Fukushima hat weitreichende Folgen. In vielen Ländern ist der Ausstieg aus der Atomenergie inzwischen beschlossene Sache, auch in der Schweiz.“

Und korrigiert:

Diese Aussage ist nicht korrekt. Nur wenige Länder haben sich für den Atomausstieg entschieden, und nur in einzelnen Ländern steht dieser Entscheid in direktem Zusammenhang mit Fukushima. […]

Das ist immer noch weit entfernt von der Realität: viele neue Atomkraftwerke sind weltweit im Bau und deren Betreiberländer denken nicht im Traum an einen Ausstieg. Aber es ist immerhin die Korrektur eines Fehlers.


Wäre das in unseren öffentlich-rechtlichen Medien so möglich? Die »Tagesschau« hat einen ähnlich falschen Satz über die Opfer der Tsunami- und Erdbebenkatastrophe verbreitet und meines Wissens nie auf diese eindeutige Weise korrigiert.

Immerhin steht die Korrektur beim Schweizer Fernsehen bis heute so im Netz, auf der Seite der »Tagesschau« habe ich nichts gefunden. Ich lasse mich gern korrigieren, aber die Fehlerkultur der Schweizer scheint wesentlich weiter entwickelt zu sein als die Fehlerkultur der Deutschen.

Bevor es zu Missverständnissen kommt: Das soll kein Artikel sein, in dem die Schweiz oder die Schweizer idealisiert werden. Die Überschrift soll auch kein Stereotyp transportieren. Aber mich faszinierte an diesen Fällen, dass es auch eine andere Fehlerkultur als in deutschen Medien geben kann. Hier werden vor allem im Umgang mit Statistiken laufend Fehler gemacht – und nahezu immer unter den Tisch gekehrt.



Deo? Gratias!

14. Oktober 2014

Die Dresdner Lokalzeitung DNN hat sich zum Zweck der Produktwerbung ein ganz neues Format ausgedacht. Es gibt dort nicht nur »Sonderbeilagen« und »Verlagssonderveröffentlichungen« und die furchtbar peinliche Stichwortgeberei einer Journalistin im sogenannten »Canaletto-Gespräch«. Als immer noch zahlender Abonnent der DNN durfte ich gestern im redaktionellen Teil(!) die Werbeform

An dieser Stelle berichten wir regelmäßig über neue und ungewöhnliche Produkte.

kennenlernen. Und glauben Sie mir: Das Vergnügen war ganz auf der Seite der DNN.


Gestern wurde das Salbei-Deo des Herstellers Weleda vorgestellt. Der Artikel ist so aufgebaut:

Einleitung: Was ist ein Deo und wo tut es gut?

Unsicherheit erzeugen: Viele Deos enthalten Aluminium. Aluminium kann Folgen wie Krebs und Alzheimer haben.

Produkt vorstellen und loben: Das Salbei-Deo enthält kein Aluminium und ist auch sonst OK.


Was sagt das Bundesinstitut für Risikobewertung wirklich über Aluminium in Kosmetika, die auf die Haut aufgetragen werden? Dafür gibt es ein Risikoprofil (Seite 2). Zusammenfassung:

Die Wahrscheinlichkeit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung bei der Verwendung eines aluminiumhaltigen Antitranspirants wurde mit »Möglich« eingeschätzt.

Als Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigung gibt das Amt an: »Keine unmittelbare Beeinträchtigung«.

Die Aussagekraft der vorliegenden Daten ist gering: Zahlreiche wichtige Daten fehlen oder sind widersprüchlich. Das Bundesamt fasst zusammen:

Ein kausaler Zusammenhang zwischen der erhöhten Aluminiumaufnahme durch Antitranspirantien und der Alzheimer-Krankheit bzw. Brustkrebs konnte trotz einer Reihe entsprechender Studien aufgrund der inkonsistenten Datenlage wissenschaftlich bisher nicht belegt werden.

Aus Sicht des BfR besteht vor allem Forschungsbedarf hinsichtlich der tatsächlichen Aufnahmemenge von Aluminium über die Haut. Außerdem fehlen dem BfR Daten für eine Risikobewertung von Aluminium nach langfristiger dermaler Exposition. Erst mit solchen Informationen kann eine abschließende gesundheitliche Risikobewertung zu aluminiumhaltigen Antitranspirantien und weiteren aluminiumhaltigen Kosmetika vorgenommen werden.


Das herauszufinden hätte natürlich ein paar Minuten Recherche gekostet. Aber wozu soll sich ein Qualitätsjournalist den schönen Artikel mit Recherche kaputtmachen? Er schreibt:

Denn das Bundesinstitut für Risikobewertung rät zur Vorsicht: Ein Zuviel des Leichtmetalls im Körper könnte Krebs und Alzheimer zur Folge haben. Aluminiumsalze stecken in vielen Deos, denn sie verstopfen die Schweißdrüsen und sind daher hocheffiziente Geruchshemmer. Aus Sicherheitsgründen greifen viele jetzt aber zur alufreien Alternative.


Ironie der Geschichte: Der Hersteller Weleda nutzt unter anderem Tonerde. Darin sind Magnesium, Aluminum und Silicate enthalten. Wenn man also anderweitig Tonerde auf die Haut aufträgt oder in Kosmetik verwendet, ist Aluminium plötzlich wieder akzeptabel. Im After-Shave-Balsam ist Aluminium enthalten, aber im Deo nicht …


Vielleicht sollte ich auch noch kurz erklären, was das »Canaletto-Gespräch« ist: Am Samstag wird auf der ersten Seite des Lokalteils der untere Teil abgetrennt und in ganz kleiner Schrift als »AnzeigenSpezial« gekennzeichnet. Diese typographische Meisterleistung sieht etwa so aus (Klick auf das Bild vergrößert):

Die Kategorie »Canaletto-Gespräch« in der Wochenendausgabe der DNN …

Die Kategorie »Canaletto-Gespräch« in der Wochenendausgabe der DNN …

Das Format »AnzeigenSpezial« ist so aufgebaut: Eine Autorin aus dem redaktionellen Teil der Zeitung gibt Stichworte und ein »Gast« darf sich darstellen. Für Sie getestet:

Ein Interview mit einer Lokaljournalistin als »AnzeigenSpezial« …

Ein Interview mit einer Lokaljournalistin als »AnzeigenSpezial« …

Dabei stellen sich für mich zwei Fragen: Wie stark dürfen sich die Tätigkeiten Journalismus und PR miteinander verbinden? Und: Wie unabhängig kann eine Lokalredaktion über Interviewpartner eines solchen Gesprächs berichten, wenn mit dem Unternehmen mal etwas schiefgeht?



Die glücklichen Dresdner und ihre glückliche Oberbürgermeisterin …

12. Oktober 2014

In der Diskussion über die Sperrung der historischen Augustusbrücke hat der Grünen-Stadtrat Thomas Löser von der Gefahr einer »Stadt ohne Visionen« gesprochen. Eine Stadt ohne Visionen sei eine traurige Stadt. Nun gibt es ja unterschiedliche Arten von Visionen, aber ganz unrecht hat er nicht.


Die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz stieg sofort nach dem Debattenbeitrag in freier, unvorbereiteter Rede auf die Aussage Lösers ein. Hier ist mein Transkript aus dem Video Nr. 3 etwa ab Minute 15:00.

Orosz: Herr Löser, eine Korrektur erlaube ich mir zu Ihrer Formulierung »eine Stadt ohne Visionen ist eine traurige Stadt«. Ich weiß nicht, von welcher Stadt Sie sprechen.

Es gab eine aktuelle Umfrage in einer Zeitung hier in Dresden, vor kurzem, zum wiederholten Male, dass über zwei Drittel der Dresdner Bevölkerung glücklich sind in Dresden – ich weiß nicht, von welcher Stadt Sie sprechen.

kurze Pause mit Zwischenrufen

Das müssen Sie einfach nur zur Kenntnis nehmen!

Zwischenrufe (offenbar Einwände zur Umfrage)

Ja, jetzt, jaaaa – die Journalisten haben das falsch gemacht, und überhaupt, und alles, aber irgendwann müssen Sie es doch mal zur Kenntnis nehmen.


Selbst wenn die Umfrage der »Sächsischen Zeitung« statistisch seriös wäre (was sie nicht ist), zeigt der Beitrag von Frau Orosz aus meiner Sicht, warum sich die CDU nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger umschauen sollte:

  1. Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die ihre politischen Einsichten aus plakativ aufbereiteten Umfragen einer Lokalzeitung bezieht.
  2. Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die nicht in der Lage ist, auf einen sachlichen Einwand eine sachliche Antwort zu geben.

Ich will im folgenden kurz erklären, warum jeder politische Bezug auf die Ergebnisse der Glücksumfrage der »Sächsischen Zeitung« äußerst fragwürdig ist.


Problem 1: Die Selbstauswahl

Diese Umfrage beruhte auf dem Prinzip der Selbstauswahl. Die Leserinnen und Leser hatten drei Möglichkeiten: Sie konnten an der Umfrage überhaupt nicht, einmal oder mehrfach teilnehmen.

Um sich für eine der drei Möglichkeiten zu entscheiden, mussten sie natürlich erst einmal wissen, dass die Umfrage stattfindet. Sie mussten auch in der Lage sein, im Web oder auf dem Papier an der Umfrage teilzunehmen. Allein anhand dieser Voraussetzungen wird schon eine Vorauswahl getroffen.

Dazu kommt: Das Verbreitungsgebiet der Sächsischen Zeitung entspricht nicht der Fläche des Freistaats. Es gibt zwei große Gebiete mit anderen flächendeckend verbreiteten Zeitungen. Die Umfrage kann also nicht »Glückliche Sachsen« heißen, sondern allenfalls »Glückliche Sachsen im Verbreitungsgebiet der Sächsischen Zeitung«.

Selbst wenn wir davon ausgingen, dass alle erwachsenen Bürger Sachsens von der Umfrage erfahren hätten: Eine Umfrage, bei der sich die Teilnehmer aus eigener Entscheidung einmal oder mehrfach einbringen können, ist aus Sicht der Politik und aus Sicht der Sozialwissenschaft wertlos. Eine Stichprobe, die durch völlig unkontrollierte Selbstauswahl (auch noch teilweise online) gebildet wird, kann nicht repräsentativ sein.

Problem 2: Die Auswertung der Ergebnisse

Selbst bei einer wissenschaftlich korrekten und für alle Sachsen repräsentativen Umfrage wäre es statistisch falsch, die Ergebnisse auch noch nach dem Wohnort der Befragten auszuwerten. Denn für die Wohnorte der Befragten ist so eine Umfrage eben nicht automatisch repräsentativ. Profis wissen das – und gehen bei der Auswertung entsprechend sorgfältig zu Werke.

Noch weniger Sinn hat also eine Aufteilung der Ergebnisse der Glücksumfrage auf die einzelnen Städte und Kreise des Verbreitungsgebiets der Zeitung. Der größte anzunehmende Unsinn ist eine Aufteilung auf einzelne Stadtteile und Ortschaften der Stadt Dresden. Selbst davor ist die Zeitung nicht zurückgeschreckt.

Die Berichterstattung über die Umfrage zog sich in der Sächsischen Zeitung über viele Ausgaben hin. Hier ist eine Auswahl der Überschriften:

  • Freunde und Geld machen Sachsen glücklich
  • Beim Liebesleben oft nur Durchschnitt
  • Familie ist das größte Glück der Riesaer
  • Den Bautzenern fehlt was zu ihrem Glück
  • Der Osten nimmt Abschied von der Ostalgie

Alle diese Überschriften kann man so, wie sie sind, in die Blaue Papiertonne werfen. Keine davon hat einen statistischen, politischen oder sozialwissenschaftlichen Wert.

Wir werden in den nächsten Jahren in der Stadt große Probleme zu bewältigen haben. Es tut mir leid für das bürgerliche Lager in Dresden, aber eine Oberbürgermeisterin, die sich von solchen Umfragen politisch beeinflussen und beeindrucken lässt, ist hier völlig fehl am Platze.


Quellen und weiterführende Links



Wenn die Erregungsblasen platzen …

22. Juli 2014

Im Mikrokosmos Twitter wird zur Zeit über eine Karikatur in der F.A.Z. diskutiert. Dabei gibt es zwei Lager: Das eine Lager behauptet vehement, dass man diese Karikatur nur als rassistisch deuten könne. Das andere Lager sieht in der Karikatur einen tieferen Sinn: Sie soll durch krasse Überzeichnung Vorurteile zum Platzen bringen.

Hier soll es nur darum gehen, wie man den Vorwurf des Rassismus gegen die Zeitung und gegen die beiden Zeichner ganz einfach zum Platzen bringen kann.

Der Vorwurf lautet: Mit der Karikatur würden schwarze Mediziner als Ausübende primitiver Kulte herabgewürdigt – sie seien nicht Arzt, sondern bloß Medizinmann. Implizit wird den beiden Zeichnern also vorgeworfen, dass sie als weiße Rassisten allen Schwarzen die Eignung zum Arztberuf absprechen.

Das ist leicht zu widerlegen. Die F.A.Z. wird in Frankfurt herausgegeben, die beiden Zeichner stammen aus der engeren Umgebung Frankfurts. In kaum einer anderen Großstadt findet man so viele hochqualifizierte Ausländer jeder Hautfarbe: Rechtsanwälte, Banker, Wissenschaftler, Künstler – und auch Ärzte.

Hochqualifizierte Ausländer gehören also ganz selbstverständlich zur Lebenswirklichkeit der Redakteure und zur Lebenswirklichkeit der Mitarbeiterin aus der Online-Redaktion, die gestern von einigen Salonradikalen so übel angegriffen wurde. Es dürfte jedem unvoreingenommenen Beobachter klar sein, dass die Zeichnung des Medizinmanns nicht 1:1 als Herabwürdigung der Leistungen qualifizierter schwarzer Ärzte zu lesen ist.

Die Online-Mitarbeiterin der F.A.Z. hat gestern versucht, die Karikatur auf intelligente Weise zu deuten: Es ginge doch um die Überzeichnung von Vorurteilen und man müsse diese Vorurteile darstellen, um sie überwinden zu können. Das ist die naheliegende Deutung der Karikatur – wenn man einfach nur unvoreingenommen herangeht und sich nicht moralisch selbst überhöhen muss …


Ergänzung 1: Hier ist der Hauptstrang einer Twitter-Diskussion mit einigen sachlichen Anmerkungen von Kritikern, zum Teil aber auch sehr herablassenden Trollereien gegen Zeitung und Zeichner. Die Online-Mitarbeiterin der F.A.Z. bleibt angesichts der unsachlichen Anwürfe noch relativ gelassen …


Ergänzung 2: Es wird gerade von einem »Shitstorm« wegen der Karikatur gesprochen. Wie viele Menschen haben sich denn an diesem sogenannten »Shitstorm« wirklich beteiligt? Zwei Dutzend? Drei Dutzend? Sollte ich das mal zählen?

Die Karikatur kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden – nicht nur im Sinne der vernichtenden Urteile selbst ernannter »Aktivisten«, sondern auch als Zeichen gegen Alltagsrassismus und Vorurteile. Eine objektive Beurteilung ist nicht möglich. Die Zeichnung fällt unter die Meinungsfreiheit und unter die Kunstfreiheit – deshalb ist es mutig und richtig, sie nicht zurückzuziehen.


Ergänzung 3: Dieser Kommentar unter einem betont selbstgerechten Artikel zeigt sehr treffend auf, unter welchem Doppelstandard dieser Shitstorm angezettelt wurde.



Beim Umgang mit kleinen Zahlen …

19. Mai 2014

Heute mussten sich die übriggebliebenen Dresdner Piraten mal so richtig selbst auf die Schultern klopfen: Bei der U18-Wahl am Ende der vergangenen Woche haben sie unglaubliche 21.5 Prozent der Stimmen geholt.

Da kann man schon mal die Sitze im Stadtrat neu verteilen und den Sachsen-Hype hochleben lassen – einige bizarre Tweets zum Thema findet man mit dieser Twitter-Suche.

Über die Wahl berichtete ein kostenlos verteiltes Anzeigenblättchen – und es stellte aus den paar Stimmen sogar einen Stadtrat zusammen. Das hat sich bis Berlin herumgesprochen und Frau Helm hat ihren Dresdner Anhängern gratuliert …

Was die Piraten wohl nicht so gern twittern: Die U18-Wahlen waren in Sachsen eine Farce. In Dresden gab es ganze 107 gültige Stimmen – in Leipzig etwa 50 und in Chemnitz ganze 12.

Die 107 gültigen Stimmen in Dresden sind schnell relativiert, wenn man weiß, dass in unserer Stadt im Jahr 2013 immerhin 6.000 Babys geboren wurden und dass es hier etwa 65.000 Schülerinnen und Schüler gibt.

Landesweit wurden übrigens knapp 800 gültige Stimmen gezählt. Es gibt in Sachsen etwa 330.000 Schülerinnen und Schüler. Die U18-Wahl ist somit völlig belanglos – und auf die Stimmenanteile dürfte noch nicht einmal der »Wochenkurier« reinfallen.



Die Unsitte des Freistellens von Bildern in der Lokalzeitung

11. Mai 2014

Die sächsischen Lokalzeitungen »Dresdner Neueste Nachrichten« und »Leipziger Volkszeitung« haben seit dem Wochenende ein neues Layout.

Insgesamt finde ich die Überarbeitung des Layouts nicht schlecht: Die Zeitung liest sich insgesamt etwas leichter, die Schrift ist angenehmer und das Erscheinungsbild wirkt moderner.

Allerdings stört mich ganz erheblich die Unsitte, dass anscheinend pro Ausgabe ein halbes Dutzend Bilder freigestellt werden müssen. Das sieht dann ungefähr so aus:

Welchen Gewinn bringt das Freistellen für die Leser?

Welchen Gewinn bringt das Freistellen für die Leser?

Was sagt mir dieses Bild? Da steht oder hängt eine Band aus drei jungen Frauen in der Luft und die rechte Musikerin hält dabei sogar noch einen Bass in der Hand. Wenn man schon freistellen muss, dann gehört doch eine Basis zum Bild, auf der die drei jungen Frauen stehen. Natürlich braucht man dafür auch eine entsprechende Vorlage.

Das freigestellte Bild ist kein Gewinn für den Artikel, es ist kein Gewinn für das Layout und es bringt dem Leser keinen Nutzen. Es zeigt nur: Wir haben in der Redaktion ein Programm, mit dem man Figuren freistellen kann.

Leider sehen diese freigestellten Figuren meist wie das Ergebnis der ersten oder zweiten Übung in Bildbearbeitung in der siebten Klasse aus. Solche Bilder erwartet man in der Hintertupfinger Bauernzeitung – aber nicht in einer Zeitung für eine Kulturstadt mit mehr als 500.000 Einwohnern.

Haben sich die Zeitungsgestalter in Leipzig oder Dresden schon mal überlegt, warum man in einer seriösen überregionalen Tageszeitung wie der F.A.Z. solche Illustrationen nicht findet?


PS: In dem verlinkten Artikel im Medienblog »Flurfunk« wird in einem Kommentar schon die Vermutung aufgestellt, ob das Zeitungshaus Madsack damit seine Lokalzeitungen noch »gleicher« machen will. Der Hintergedanke könnte sein: Dann lassen sich Artikel noch einfacher übertragen und man kann vielleicht noch etwas mehr an den Kosten sparen.



Die freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« gehen wandern …

14. April 2014

Im Medienblog Flurfunk ist ein kenntnisreicher Beitrag über den heutigen Streik der freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« zu lesen. An dieser Stelle ein Dank an den Flurfunk für die immer wieder interessante Berichterstattung über DD+V.

Ich habe hier in Blog einzelne Beiträge der »Sächsischen Zeitung« hart kritisiert. Dabei konnte ich natürlich nicht in jedem Fall unterscheiden, ob der Beitrag von freien Mitarbeitern oder aus der fest angestellten Redaktion kam. Meine Kritik hat sich immer auf den Inhalt und nie auf die Person gerichtet.

Tatsache ist: Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Artikel. Tatsache ist auch: Die Klagen der freien Mitarbeiter über schlechte Bezahlung durch die »Sächsische Zeitung« bzw. durch das Unternehmen DD+V haben vielfältige Ursachen.

Die Hauptursache dürfte das auf kurzfristige Geschäftszahlen gerichtete Denken und Handeln der Anteilseigner und der Geschäftsführung sein. Daraus resultiert eine Abwärtsspirale aus Kosteneinsparung und Qualitätsverlust. Solange an dieser Abwärtsspirale gedreht wird, wird ein Streiktag mit Wanderung kaum helfen …


Aus dem langen Interview des Flurfunk-Chefs Peter Stawowy mit DD+V-Geschäftsführer Carsten Dietmann ist mir ein markanter Punkt im Gedächtnis geblieben: Dietmann beklagte dort, dass man mit der Beilage PluSZ einen sechsstelligen Verlust gemacht habe.

In der PluSZ waren unter anderem die inhaltlich besten Restaurantkritiken, aber auch Rezensionen von Ausstellungen und Ankündigungen von Veranstaltungen zu lesen.

Bekanntlich wurde diese recht gute Beilage dann in ein Werbeblättchen umgewandelt. Es ist zu vermuten, dass dieses neue »Produkt« nun keinen Verlust mehr schreibt, weil in seine Produktion inhaltlich offenbar kaum noch Geld gesteckt wird.

Eine Wochenbeilage zur Zeitung als eigenständiges »Produkt« zu bezeichnen, das aus eigener Kraft Gewinn bringen soll – das mag Controller-Logik sein, aber es hat nichts mehr mit Journalismus und im Grunde auch nichts mit Unternehmertum zu tun.

Mit der selben Logik könnte man den Kulturteil weglassen und die Sportseiten mit der Dynamo-Dresden-Berichterstattung auf ein gesamtes Buch der Tageszeitung ausdehnen: Letzteres dürfte deutlich profitabler sein und mit den Dynamo-Sponsoren könnte man sicher auch interessante Geschäfte machen.

Ein Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung: Die hochwertige Wochenbeilage PluSZ war ein Grund dafür, die Sächsische Zeitung zu kaufen oder zu abonnieren. Das Werbeblättchen ist kein Argument mehr. Das kann ich nur noch ungelesen in den Papierkorb fallen lassen.

Ein zweites Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung war im letzten Jahr die »Finanzberatung« zur Altersvorsorge, die übrigens von einem freien Mitarbeiter kam. Ich habe damals einen der Artikel dekonstruiert [1] und einige zugegebenermaßen sarkastische Ratschläge aufgeschrieben [2].


Der Sächsischen Zeitung (und deshalb auch ihren freien Mitarbeitern) geht es deshalb schlecht, weil die Qualität insgesamt gesunken ist. Die Qualität ist m. E. insgesamt deshalb gesunken, weil dort Anteilseigner, Controller und Kaufleute das Sagen haben, während Journalisten anscheinend immer mehr an den Rand gedrängt werden.

Das ist die Abwärtsspirale: Wenn ein Unternehmen immer mehr an der Qualität des Produktes spart, kann es noch eine Weile Gewinne durch Kostensenkung machen. Irgendwann wird das Produkt aber am Markt nicht mehr attraktiv sein.

Deshalb wünsche ich den besseren freien Mitarbeitern, die handwerklich gute Artikel abliefern, dass ihr Auftraggeber DD+V endlich einsieht: Qualität lässt sich nur mit langfristigem Denken und mit anständiger Bezahlung der Autoren sichern. Damit kann man mehr Zeitungen verkaufen oder wenigstens den Rückgang der Auflagen stoppen.



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