In sechs Schritten zur Premiumwerbung

15. Mai 2013

1. In den gedruckten Zeitungen war und ist die Werbung eine Geldquelle: Auf begrenzter Fläche können nur wenige Anzeigen geschaltet werden. Damit sind bei stabiler Wirtschaftslage planbare Einnahmen zu erzielen. Die Devise lautet: Weniger ist mehr. Werbung stört nicht beim Lesen.

2. In den digitalen Ausgaben der Zeitungen ist Werbung für die Verlage keine Geldquelle: Die Preise für die aufdringliche und ungeliebte Digital-Werbung sind in den Keller gesunken. Die Devise lautet: Mehr ist weniger. Werbung stört die Nutzer erheblich beim Lesen.

3. Warum stört Werbung im Printprodukt nicht beim Lesen? Die Verlage fügen die Werbung im Print selbst in das Layout der Zeitung ein. Sie folgen dabei ihren eigenen Interessen und Qualitätsansprüchen. Gestaltung und Vermarktung sind getrennt.

4. Warum stört Werbung im Digitalprodukt erheblich beim Lesen? Im Web beziehen sie ihre Werbung von den Betreibern der Ad-Server. Diese folgen völlig anderen Interessen und Gesichtspunkten als die Verlage. Gestaltung und Vermarktung sind nicht getrennt, das Layout der digitalen Zeitung wird regelrecht zerstört.

5. Die Lösung ist: digitale Premiumwerbung. Sie wird von den Verlagen selbst verantwortet. Sie wird gestalterisch ins Layout eingepasst und sauber vom redaktionellen Teil abgegrenzt. Sie kommt ohne Animation, Audio, Scripte und Tracking. Sie lenkt nicht vom Lesen ab. Und das Beste: Man muss sie mit Ad-Blockern nicht herausfiltern. Weil sie die Nutzer nicht stört, nicht gefährdet und nicht ausspioniert.

6. Premiumwerbung kann und darf den Werbetreibenden niemals billig verkauft werden. Aber sie wird von den Leserinnen und Lesern eines hochwertigen Mediums auch nicht abgeblockt, sondern als notwendiger Bestandteil wahrgenommen. Damit entsteht ein Gewinn für alle Seiten: Der Verlag verkauft Anzeigen. Der Leser erhält ein ordentliches Produkt. Der Werbetreibende (und nur er!) kennt die Anzahl der abgerufenen Werbebotschaften.



Kollegiale Wertschätzung

7. Mai 2013

Gestern wurde ich via twitter auf einen Artikel bei Stefan Niggemeier aufmerksam. Jemand hatte ihm eine Notiz aus den »Dresdner Neuesten Nachrichten« zugespielt. Mit kunstvoll eingearbeitetem Schreibfehler lautete sie:

Stefan Niggemeier, der sehr überschätzter Web-Blogger, verlässt nach dem Wechsel in der Chefredaktion den Spiegel.

Was für eine Unsitte: Meinung und Meldung werden hier sogar in einem Satz vermischt. Die Meinung des Verfassers oder der Verfasserin hat aber in den Kurzmeldungen auf einer Kulturseite überhaupt nichts zu suchen. Diese Meldungen sollen informieren und nicht polarisieren.


Der Flurfunk twitterte:

Ulrich van Stipriaan ‏kommentierte:

Ein shit-störmchen weht auf!


Man muss daraus keinen Shitstorm machen. Wer solche Meldungen in die Welt setzt, liest vermutlich keine Zeitung. Stefan Niggemeier hat jahrelang für die F.A.S. geschrieben und schreibt als bekannter Medienjournalist auch für andere Printmedien.

Wer Stefan Niggemeier auf die Rolle eines »überschätzten Web-Bloggers« reduziert, könnte den Chefredakteur der »Dresdner Neuesten Nachrichten« im gleichen Atemzug als Gelegenheits-Twitterer einstufen. Beides wird den Leistungen der Genannten überhaupt nicht gerecht.

Die Chefredaktion der DNN könnte allerdings die Gelegenheit nutzen, ihre Position via Twitter oder Facebook zu erläutern. Die »überschätzten Web-Blogger« sind gespannt ;-)



NSU-Prozess: Informationen und Kommentare aus der Schweiz

7. Mai 2013

Auch die Schweizer Medien berichten über den NSU-Prozess. Eine Schweizer Zeitung ist beim Prozess dabei und nimmt ihren Auftrag offenbar sehr ernst: Die Neue Zürcher Zeitung. In einem Kommentar erinnert uns das Blatt an den Sinn und Zweck dieses Prozesses:

Zschäpe und ihre vier Komplizen müssen die volle Wucht des Gesetzes zu spüren bekommen. Anderseits steht ihnen aber auch der volle Schutz zu, den der Rechtsstaat Deutschland jedem Angeklagten garantiert, auch dem niederträchtigsten, auch dem, der diesen Staat beseitigen will. Das bedeutet, dass den Verteidigern, die behaupten, es sei in der Öffentlichkeit bereits zu krasser Vorverurteilung gekommen, Gehör zu schenken ist.

Es bedeutet weiter, dass das Publikum zu verstehen hat, dass ein Gericht kein Untersuchungsausschuss ist. Das Gericht muss nicht Missstände aufdecken und anprangern, sondern feststellen, ob die Angeklagten im Sinne der Anklage schuldig sind. Und es bedeutet, dass Zschäpe das Recht hat zu schweigen.

Auch die Berichte über den Prozess sind wohltuend ruhig und abgeklärt. Ich habe mir die Adresse der NZZ gespeichert.



»Sächsische Zeitung«: Wie sich die Berichte doch unterscheiden …

6. Mai 2013

Vor einer Woche hat die »Sächsische Zeitung« sachlich über die Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Berlin berichtet. Der Bericht war an der Sache orientiert. Die Leser haben die wichtigsten Fakten erfahren, der Kommentar war vom Bericht getrennt – nach journalistischen Gesichtspunkten war die Berichterstattung in Ordnung.


Aber so viel journalistische Fairness wird nicht allen Parteien zuteil. Heute findet man in der »Sächsischen Zeitung« einen Artikel über den gestern zu Ende gegangenen FDP-Parteitag. Dieser Artikel ist eine Mischung aus tendenziösem Kommentar, billiger Kolportage und ganz wenigen Fakten. Er steht unter dem Titel

Liberale Wut-Bürger gegen Rot-Grün

Wenn man in der Zeitung einen solchen Titel liest, kann man den Rest des Artikels eigentlich schon in die Tonne treten. Man darf vermuten: Redaktion und Autoren wollen nicht berichten, sondern Stimmung machen. Eine Kostprobe (der erste Absatz des Artikels):

Minutenlang hält Rainer Brüderle sportlich beide Daumen hoch. Der Rest der FDP-Führungsriege springt auf, umringt den bald 68-Jährigen. Sie klopfen ihrem Spitzenmann, der gerade seine Evergreens zum Besten gegeben hat, auf die Schulter. Brüderle aber kann gar keine Hände schütteln, weil ja die Daumen oben bleiben müssen. Schließlich wird er mit dieser Plakat-Pose bundesweit an die Litfaßsäulen geschlagen. So soll wohl auch der Letzte die Botschaft des Nürnberger Parteitags verstehen: Es geht aufwärts mit der FDP.

Gemessen an den Anforderungen an den Politikteil einer Zeitung ist das so mieser Journalismus, dass man schon auf Seite 2 bereut, die »Sächsische Zeitung« doch wieder gekauft zu haben. Solche Absätze könnte man nahtlos in die BILD einfügen.


Im Vergleich mit der sachlichen Berichterstattung von der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Vor einer Woche hat die »Sächsische Zeitung« ein Stück respektablen Journalismus abgedruckt. Heute hat sie das leider nicht geschafft.

Dieses Stück Stimmungsmache kommt allerdings offenbar gar nicht von der »Sächsischen Zeitung«, sondern sie wurde von der Redaktion nur aus einer Agenturmeldung kopiert.

Als ich wissen wollte, wie andere Zeitungen über den Parteitag berichten, bin ich auf den zitierten Absatz auch im Kölner Stadtanzeiger gestoßen. Auch dort ist als Quelle die dpa angegeben. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie den ganzen KSta-Artikel mit dem Artikel in der »Sächsischen Zeitung« vergleichen.

Der FDP-Parteitag fand in seriösen Zeitungen breite Beachtung. Die ZEIT hat am Wochenende sehr informativ getwittert und berichtet. Man konnte alle wichtigen Reden im Stream oder im Fernsehen verfolgen.

Und was fällt der »Sächsischen Zeitung« ein? Sie setzt keinen Journalisten vor den Fernseher oder vor den Monitor, um einen eigenständigen Bericht zu erstellen und – davon abgegrenzt – einen Kommentar zu schreiben. Sie übernimmt eine Agenturmeldung mit einer Mischung aus tendenziösem Kommentar, billiger Kolportage und ganz wenigen Fakten. Aber das hatten wir ja schon.


Am Ende dieses Artikels muss ich quasi als Nachtrag noch die BILD um Entschuldigung bitten: Die BILD-Berichterstattung ist in Teilen sogar informativer als die Berichterstattung in der »Sächsischen Zeitung«.



Der Richter als Hooligan?

5. Mai 2013

In der heutigen Ausgabe der F.A.S. ist ein Text erschienen, der mich als langjährigen Leser sehr befremdet.

Der Text ist mit einer Zeichnung illustriert, die den vorsitzenden Richter im NSU-Prozess offenbar im Stil eines Hooligans darstellen soll. Die Figur auf dem Bild hält den Richterhammer in der Art eines Baseballschlägers und scheint dem Betrachter damit zu drohen.

Im Text werden unter anderem Begebenheiten aus früheren Prozessen aus dem Zusammenhang gerissen und Nebensächlichkeiten in den Mittelpunkt gestellt, um den Richter und das Gericht zu desauvoieren. Der Autor macht sich darüber hinaus über einige Medien lustig, die bei der Verlosung der Plätze gewonnen haben.

Das alles wird dem Prozess um die Verbrechen der rechtsextremen Terrorgruppe nicht gerecht. Ein Text über die Hintergründe der Verbrechen, über die V-Leute in rechtsradikalen Organisationen oder über die bisher bekanntgewordenen Ermittlungsergebnisse hätte der F.A.S. zur Ehre gereicht. Was man stattdessen abgedruckt hat, ist kein Ruhmesblatt für die Zeitung – um es sehr zurückhaltend zu formulieren.


[Ergänzung:] Der F.A.S.-Autor bekommt es jetzt auch noch mit dem Chefredakteur der »Thüringer Allgemeinen« zu tun: Ein Rant, der sich gewaschen hat.



Der Manipulationsapparat für Steuererhöhungen läuft gerade auf Hochtouren

5. Mai 2013

Der Titel dieses Artikels ist die Umkehrung des Titels über einem Artikel der links-populistischen Nachdenkseiten. Die Überschrift lautet dort:

Der Manipulationsapparat gegen Steuererhöhungen läuft mal wieder auf Hochtouren

Offensichtlich gibt es in dieser Sache zwei Wahrnehmungen: Der Autor der Nachdenkseiten sieht finstere neoliberale Kräfte am Werk, die alles unternehmen, um das Volk gegen grüne und linke Steuererhöhungspläne einzustimmen.

Der Autor dieses kleinen Blogs nimmt gleichzeitig ganz andere Meinungsmacher wahr: Sie verharmlosen und verschleiern erstens den Umfang der Mehrbelastungen und zweitens den Kreis der Betroffenen.

In solche Fällen hilft ein Faktencheck.


Das entscheidende Argument der Grünen und Linken lautet: Unter Helmut Kohl lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent. Also kann es ja wohl nicht falsch sein, wenn wir die Steuern erhöhen wollen und sogar noch unter den Steuersätzen von damals bleiben. Und die geplanten Vermögensabgaben sind ja nun wirklich keine Einkommenssteuer.

Dabei wird aber geschickt ausgeblendet, dass die Bürger eben nicht nur Einkommenssteuer zahlen.

Seit der Regierungszeit Helmut Kohls wurden neue Steuern und Abgaben geschaffen. Die Mehrwertsteuer und die Steuern auf den Energieverbrauch belasten die Bürger heute deutlich stärker als damals. Die Beiträge zur Krankenversicherung sowie die Bemessungsgrenzen der Sozialversicherungen sind ebenfalls (teils deutlich) gestiegen.

Wenn die Grünen und Linken also mit Verweis auf die Regierungszeit Helmut Kohls eine deutliche Erhöhung der Steuersätze fordern, dann unterschlagen sie eine deutliche Mehrbelastung der Bürger durch Steuererhöhungen, Abgaben, Zwangsumlagen und Sozialbeiträge.

Die Beschäftigten können insgesamt über immer weniger Geld frei verfügen. Sie müssen – explizit oder implizit – immer mehr Geld an den Staat abführen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer diese Mehrbelastungen unterschlägt, betreibt Manipulation. Ich sage: Man sollte doch wenigstens die Gesamtbelastung der Bürger transparent darstellen, bevor man für eine Erhöhung von Abgaben und Steuern eintritt. Die Steuersenkung nach der Regierungszeit Helmut Kohls ist durch die seither wirksamen Mehrbelastungen längst mehr als kompensiert.

Dieser Artikel hat kein Fazit. Er ist eine wirkliche »Nachdenkseite« – also eine Aufforderung zum Nachdenken: Ist es nach den Mehrbelastungen der letzten 15 Jahre angemessen, die Steuern und Abgaben der Mittelschicht zu erhöhen? Womit ist dem Land mehr gedient – mit kurzfristig höheren Einnahmen oder mit langfristig motivierten Leistungsträgern?



Demütigung Spaniens? Deutsches Finale?

2. Mai 2013

Wir haben gestern ein weitgehend faires und sportliche Fußballspiel gesehen. Bayern hat klar gewonnen. Nach dem Spiel sprachen plötzlich auffallend viele Kommentatoren im Fernsehen und im Netz von einer Demütigung Barcelonas. Die ZEIT twitterte:

Die wahre Demütigung folgte gar erst im Rückspiel: Bayern siegt in Barcelona 3:0. Deutsches Finale am 25. Mai in Wembley.

Meine Wörterbücher bieten mir zur Demütigung die Synonyme Erniedrigung, VeräŠchtlichmachung, Herabsetzung und Herabwürdigung an. Solche Ausdrücke würde ich wählen, wenn die Sieger nach dem Spiel in Gesten oder Worten gegen die Regeln der Fairness verstoßen hätten.

In einem fairen sportlichen Wettbewerb kann es keine Demütigung geben. Es kann bittere Niederlagen geben – Barcelona hat ja selbst vielen Mannschaften solche Niederlagen zugefügt. Sie haben gegen die Gegner in der spanischen Liga mehr als hundert Tore geschossen und einen großen Vorsprung vor allen Gegnern – ein unglaublicher Leistungsunterschied.

Mit dem Wort Demütigung sollte man aber sehr sorgsam umgehen. Es gibt genügend andere Anlässe, es zu gebrauchen.


Rayson hat gestern auf Twitter noch einen anderen Aspekt des Spiels hervorgehoben: Es ist kein deutsches Finale, sondern nach der Zusammensetzung der Mannschaften eigentlich ein europäisches:

Übrigens: So deutsch sind die beiden Teams gar nicht. Eher gut europäisch. Privat allokierte Vielfalt bringt europäische Stärken hervor.



Gegen die Dummdeuterei

1. Mai 2013

Der SPON-Kolumnist Sascha Lobo hat das Wort »dummdeuten« in die Diskussionen eingeführt. Ich hoffe, dass es nicht so schnell wieder verschwindet und dass es vernünftig angewendet wird. Spotten Sie über meinen Idealismus ;-)

Sascha Lobo bezeichnet das Dummdeuten als eine Mischung aus »für dumm verkaufen« und »umdeuten«:

Dummdeuten beruht auf der Existenz von Sätzen, die sich irgendwie richtig anhören, aber es nicht sind. Dummdeuten heißt, faktenhaft anmutende Formulierungen so zu drehen und zu wenden, dass keine allzu offensichtliche Lüge dabei herauskommt – und trotzdem die Wahrheit verschleiert wird.


Eigentlich müsste man eine Serie über Umdeuterei beginnen – besser noch: es müssten sich in Blogs und sozialen Netzwerken möglichst viele Leute daran beteiligen. Zur Erhöhung des Schwierigkeitsgrades: Jeder Fall muss in einem Satz kurz und bündig erklärt werden ;-)


Dummdeuterei (1)

Die Pläne der Grünen für eine deutliche Erhöhung von Steuern und Abgaben werden in den meisten Medien als Maßnahme gegen Reiche umgedeutet: Indem man sich auf das Detail der Erhöhung eines einzigen Steuersatzes konzentriert, aber die geplanten Belastungen der Mittelschicht einfach unter den Tisch fallen lässt.



Die Berichterstattung über eine künftige Berichterstattung wird zur Farce

30. April 2013

Es ist inzwischen unerträglich geworden, wie sehr sich die Medien in der Berichterstattung über den bevorstehenden NSU-Prozess selbst in den Mittelpunkt stellen.

Natürlich erscheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass sich eine Frauenzeitschrift wie die »Brigitte« an der Verlosung der Plätze beteiligt und sogar gewonnen hat. Auf Twitter wird darüber gespottet und die seriösen Zeitungen werden möglicherweise gegen das Ergebnis der Verlosung klagen, obwohl gerade eine solche Klage ein Zeichen für mangelnde Seriosität wäre.

Aber warum sollte die Zeitschrift »Brigitte« eigentlich nicht berichten? Dort sitzt ja eine Frau auf der Anklagebank, deren Leben vielen anderen Frauen ein Rätsel ist. So hat es vielleicht hat es auch etwas Gutes: Statt endloser Mode-PR-Strecken könnte in der »Brigitte« endlich wieder richtiger Journalismus eine Hauptrolle spielen.


Eine viel interessantere Frage ist: Wie lange werden die einzelnen akkreditierten Journalisten durchhalten? Kommen sie nur am ersten Tag, wenn alle Kameras auf den Prozess gerichtet sind? Oder kommen sie auch noch am zwanzigsten Prozesstag, wenn das Interesse der schnell erregten Öffentlichkeit nachgelassen hat?

Wirklich treffende Worte in dieser Angelegenheit kamen vom Deutschlandfunk:

Wenn wir Journalisten weiter spötteln, nachkarten und klagen, wenn wir weiter öffentlich um uns, unsere Akkreditierungen und unsere Arbeitsbedingungen kreisen, dann lenken wir die Aufmerksamkeit weg von den Opfern und den Tätern auf uns, die Beobachter. Es geht in diesem Prozess aber nicht um uns. Wir sind Berichterstatter. Fünfzig von uns im Gerichtssaal sollten reichen, um der Öffentlichkeit Bericht zu erstatten. Das ist unsere Aufgabe.

Ja. Das sollte die Aufgabe der Medien sein. Vielleicht sollten wir als Leser endlich viel deutlicher werden und nicht nur in Blogs, sondern auch in Leserbriefen ganz sachlich eine Selbstverständlichkeit einfordern:

Versorgt uns mit Informationen, die uns Nutzen bringen. Gebt uns Kommentare, an denen wir uns reiben können. Aber verschont uns mit Euren Befindlichkeiten.



Vorverurteilung auf der Basis von Gerüchten

23. April 2013

Der Fall wurde ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt und plötzlich werden sie alle kreativ: Eine sächsische Lokalzeitung widmet Uli Hoeneß eine ganze Seite. Mehrere Talkshows befassen sich mit dem Fall. Selbst der linke Spiegelfechter ringt sich eine verkrampfte Satire ab. Und eine linke Propagandaseite fabuliert:

Die Einschläge im Milieu der Regierungsparteien werden heftiger.

Gab es in diesem Land irgendwann einmal so etwas wie Datenschutz? Persönlichkeitsrechte? Die Unschuldsvermutung? Die Würdigung aller Umstände vor Gericht? Der Fall Uli Hoeneß gehört genau dann in das Licht der Öffentlichkeit, wenn Anklage erhoben wird und wenn der Fall öffentlich verhandelt wird.

Diese Überschrift über einer Talkshow-Kritik in der F.A.Z. trifft es sehr gut:

Wir wissen nicht viel – reden wir doch mal drüber

Zitat aus der Frühkritik:

Nein, man war wirklich nicht neugierig auf die Gratismoral einer Renate Künast, die dann nichts, aber auch gar nichts sagte, was man nicht hätte absehen können und was nicht jeder Sprechautomat mühelos hervorgebracht hätte, den man auf Künast-Speak programmiert hätte.


Eine Selbstanzeige bedeutet: Der Steuerpflichtige zahlt alle Steuern nach. In der Größenordnung des Herrn Hoeneß käme außer den anfallenden Zinsen noch ein Aufschlag von fünf Prozent hinzu.

Wenn der Fall unter das Steuerabkommen mit der Schweiz gefallen wäre, hätte Herr Hoeneß nach Einschätzung des Kollegen Rayson zwischen 21% und 41% des gesamten Kontobestands an den Staat abgeführt. Das hätte Hoeneß ja dem Vernehmen nach getan, wenn das Steuerabkommen in Kraft getreten wäre.


Keine Frage: Steuerhinterziehung muss sanktioniert werden. Aber sie wird heute in der Öffentlichkeit teilweise als schweres Verbrechen hingestellt – und das ist nicht angemessen. Ich finde es erschreckend, wie sich die Maßstäbe verschieben. Es geht hier nur um Geld. Es geht nicht um Menschenleben und es geht auch nicht um die Opfer von Gewalttätern.

Wenn ein LKW-Fahrer auf einer Straßenkreuzung beim Rechtsabbiegen fahrlässig einen Menschen totfährt, wird das in der Regel mit einer eher symbolischen Strafe sanktioniert und der Fahrer geht dafür nicht ins Gefängnis, obwohl er Schuld am Tod eines Menschen trägt. Wenn hunderte Extremisten die Polizei mit massiver Gewalt angreifen, wird in den seltensten Fällen ein Täter zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Auch wenn meine Meinung heute unpopulär erscheint: Steuerhinterziehung sollte nicht mit Freiheitsstrafe geahndet werden, sondern mit harten finanziellen Auflagen. Ich würde den Steuerpflichtigen nach der verzinsten Nachzahlung zunächst zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilen. Während einer Bewährungszeit würde ich ihm außerdem einen Aufschlag auf seine normale Einkommenssteuer auferlegen. Und jährlich eine verschärfte Steuerprüfung.

Dabei käme für den Staat eine erhöhte Steuerzahlung heraus, der Steuerpflichtige würde finanziell zur Verantwortung gezogen, er müsste mehrere Jahre mit den Konsequenzen seiner Tat leben, und die abschreckende Wirkung sollte hoch genug sein.

Warum würde ich das so einstufen? Ein Geld-Delikt sollte auch mit Geld wiedergutgemacht werden. Ein schweres Gewaltdelikt sollte dagegen mit einer Freiheitsstrafe belegt werden. Gleiches mit Gleichem: Der Gewalttäter wird unter Androhung von Gewalt in einem Gefängnis eingesperrt und muss sich dort mit seiner Tat auseinandersetzen. Die Resozialisierung eines Gewalttäters muss auf einer ganz anderen Ebene stattfinden als die Resozialisierung eines Steuerhinterziehers.

Im Fall einer fahrlässigen Tötung im Straßenverkehr könnte ich mir übrigens am ehesten einen grundsätzlich offenen Vollzug vorstellen. Während dieser Zeit sollte ein Schadensersatz oder Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen erarbeitet werden. Danach sollte der Fahrer als nicht vorbestraft gelten.


Noch ein Nachsatz: Uli Hoeneß hat wohl insgesamt immer noch mehr für das Land geleistet, als die meisten seiner Kritiker. Ich finde es trotzdem einfach nur lächerlich, unter permanenter Angst vor Entdeckung in der Schweiz viel Geld zu bunkern, statt es hier im eigenen Land zu investieren. Ich könnte mir spontan ein Dutzend Möglichkeiten vorstellen, mit denen beiden Seiten besser gedient gewesen wäre: dem Investor und dem Gemeinwesen …



Schlecht portionierte Polemik

19. April 2013

Das Blogportal Carta veröffentlicht zur Zeit Artikel zu einer Studie der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung. Für die Stiftung der SED/PDS-Nachfolgepartei kommt es natürlich bis heute auf den richtigen Klassenstandpunkt an und offenbar hat man die geeigneten Autoren dafür gefunden. Die Studie heißt

Portionierte Armut, Blackbox Reichtum · Die Angst des Journalismus vor der sozialen Kluft

Nun will man die Aufmerksamkeit der Carta-Leser auf eine Propagandaveranstaltung lenken, auf der die Studie vorgestellt werden soll. Der zweite Artikel bei Carta ließ mir gestern den Kragen platzen. Der Titel:

Die politische Verarmung der FAZ

Die Überschrift ist reißerisch. Überschrift und Text werden dem Pluralismus innerhalb der F.A.Z. und der F.A.S. in keiner Weise gerecht. Um in der Diktion der Autoren zu bleiben: Für sie ist die »Frankfurter Allgemeine« eine Blackbox geblieben. Ihre Polemik ist schlecht portioniert und im Grunde ungenießbar.

Zur Meinungsvielfalt in der »Frankfurter Allgemeinen«: Im Feuilleton sind oft linke und alternative Meinungen zu lesen, in der Politik gibt es konservative, liberale und progressive Standpunkte, zu Einzelfragen wie der Frauenquote gibt es Pro und Contra. Insgesamt darf man konstatieren: Die politisch relevanten Themen der Gegenwart werden sehr ausführlich und von vielen Seiten behandelt.


Die Autoren wollen mit einem »prominenten Beispiel« einen Widerspruch zwischen zwei Aussagen eines F.A.Z.-Herausgebers konstruieren. Diesen Widerspruch gibt es aber gar nicht.

Im ersten zitierten Artikel geht es im Zusammenhang mit dem »Armutsbericht« um die soziale Absicherung der Bürger durch die staatliche Rentenversicherung. Der F.A.Z.-Herausgeber ist der Meinung, dass das hohe finanzielle Volumen dieser Absicherung im Armutsbericht der Bundesregierung besser berücksichtigt werden müsste.

Im zweiten Artikel geht es um verfügbare Vermögen der Bürger in den EU-Staaten. Die Ansprüche an die Rentenversicherung sind in der Tat kein Vermögen, weil der Zugriff auf diese Ansprüche streng eingeschränkt ist. Man kann sich die staatliche Rente eben nicht auf einen Schlag auszahlen lassen.

In Kommentaren und Artikeln einer überregionalen Zeitung müssen notwendigerweise viele Voraussetzungen und Zusammenhänge weggelassen werden. Man geht davon aus, dass sich die Zielgruppe mit den Rahmenbedingungen auskennt. Beachtet man aber den Kontext beider F.A.Z.-Artikel, wird sehr schnell deutlich, dass es da überhaupt keinen sachlichen Widerspruch gibt. Man kann ihn nur konstruieren, indem man die Voraussetzungen vernachlässigt, unter denen die Artikel geschrieben sind.



Vattenfalls Mordor

18. April 2013

Angeregt durch einen Beitrag von Ulrich Elkman in Zettels Kleinem Zimmer: Was stimmt auf diesem Bild nicht? Hinweise werden in den Kommentaren gern entgegengenommen ;-)


Die Renaissance der Bahnsteigkarte

6. April 2013

Früher hieß es: »Bevor die Deutschen eine Revolution machen, kaufen sie sich eine Bahnsteigkarte.« Heute sollte man sagen: Bevor die Deutschen bei einer technischen Revolution mitmachen, stellen sie einen Antrag. Oder zwei. Oder drei.

Ich begreife es nicht: Warum weckt jemand schlafende Beamte mit der Frage, ob ein Google-Hangout nach deutschem Recht als Rundfunk eingeordnet werden kann?



Eine Badewanne voll Blödsinn

5. April 2013

Es ist wieder einer dieser typischen Fälle des ruinösen Wettbewerbs um Aufmerksamkeit. Vermutlich läuft es so ab: Die Redaktionen haben eine Pressemitteilung mit einer griffigen Formulierung erhalten. Die Zeitung muss noch irgendwie gefüllt werden. Die Zeit drängt.

Die Qualitätsjournalisten in den Redaktionen haben nun zwei Möglichkeiten. Sie können aus der Formulierung eine reißerische Schlagzeile machen. Sie können diese Formulierung aber auch auf ihren Sinn und ihren Wahrheitsgehalt überprüfen.


Natürlich denken die meisten Journalisten nicht im Traum daran, den Sinn und Wahrheitsgehalt der Schlagzeile zu prüfen. Im Gegenteil: Sie überbieten sich darin, diese Formulierung dramatisch auszuschmücken. Also lauteten die Schlagzeilen:

»Eine Badewanne Alkohol pro Jahr«

»Wir trinken im Jahr eine Badewanne voll Alkohol«

»Jeder Deutsche trinkt eine Badewanne voll Alkohol«

Man fragt sich unwillkürlich: Wie viel Restalkohol ist im Spiel, wenn sich jemand eine solche Überschrift ausdenkt oder wenn er sie ungeprüft übernimmt?


Die Dresdner Zeitungen haben die alkoholgefüllte Badewanne natürlich auch im Programm. So titelt die »Sächsische Zeitung«: »Badewanne voll Alkohol gefährlicher als manche Trenddroge«.

Merkwürdigerweise lassen die Fakten im Text aber überhaupt nicht auf eine Badewanne voller Alkohol schließen. Es geht allenfalls um ein alkoholisches Getränk, das sehr stark verdünnt wurde. Aber dazu später. Gönnen wir uns einen kleinen Faktencheck.


Wie voll ist die Badewanne?

Eine ordentliche Badewanne fasst etwa 180 bis 200 Liter Wasser. Die Badewanne in der Pressemitteilung soll mit 136.9 Litern Flüssigkeit gefüllt sein. Mit dieser Menge an Flüssigkeit wird also längst nicht jede Badewanne voll. Allerdings gibt es wohl einen Trend zu kleineren Badewannen – wegen des umstrittenen Wassersparens.


Wie viel Alkohol ist in der Badewanne?

Von den 136.9 Litern Flüssigkeit sind ganze 9.6 Liter reiner Alkohol. Der Rest des Mixgetränks besteht aus Wasser, Zucker und anderen weitgehend ungefährlichen Stoffen. Der Alkoholgehalt der Mischung beträgt also ganze 7 %.

badewanne_alkohol


Wie viel Alkohol ist das pro Tag?

Diese dünne Mischung verteilt sich nun auf 365 Tage. Folglich muss der Durchschnittsdeutsche davon 0.375 Liter am Tag trinken, bis die bei weitem nicht volle Badewanne geleert ist. Der reine Alkohol verteilt sich dabei natürlich auch auf 365 Tage.

Das sind 0.0263 Liter Alkohol pro Tag – in die Realität umgerechnet ergibt das etwa eine Flasche etwas stärkeres Bier (mit 5.25 % Alkoholgehalt) am Abend. Mit 365 Flaschen Bier (182.5 Liter) könnte man die Badewanne auch ganz gut füllen. Aber daraus wäre ja keine dramatische Schlagzeile entstanden.


Was ist denn nun wirklich wahr? Einen relativ seriösen Text ohne reißerische Überschrift leistet sich die F.A.Z. (Hervorhebung von mir):

Die größten gesundheitlichen Belastungen entstehen laut der DHS jedoch immer noch durch Alkohol- und Tabakkonsum. Jeder Deutsche hat 2011 im Schnitt 136,9 Liter alkoholische Getränke wie Bier, Wein oder Spirituosen konsumiert. Das entspricht einer randvoll gefüllten Badewanne. Umgerechnet entfielen damit wie im Vorjahr auf jeden Deutschen rund 9,6 Liter reinen Alkohols.

Abgesehen von dem ausschmückenden Wort »randvoll« ist der Text in Ordnung. Die Überschrift lautet übrigens »Gefährliches Spiel«.


Eigentlich sollte man konsequent sein und nach jeder dieser Panik-Schlagzeilen eine Woche lang keine Zeitungen mehr kaufen. Ob die Vertreter der »Qualitätspresse« es dann kapieren würden?



Die Schwächen eines Artikels über die »Kraft des Zweifels«

3. April 2013

Am Ostersonntag hat Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar mit einem ganz besonderen Titel veröffentlicht: Die Kraft des Zweifels. Ich lese diesen Artikel und meine Zweifel an Heribert Prantl wachsen mit jeder Zeile.

In der Zusammenfassung am Beginn des Artikels wird eine kühne Behauptung aufgestellt: Es passe den »obersten Funktionären« gut ins Konzept, wenn sich die Menschen an das Motto »Selig sind, die nicht zweifeln, sondern glauben« hielten. Im Artikel heißt es wörtlich:

Den vielen Christgläubigen, die von ihrer Kirche nicht zur vermeintlich glaubensstarken, blindgläubigen Elite gezählt werden, wird der zweifelnde Apostel Thomas als Konzession an die eigene Schwäche zur Seite gestellt. Daran wird freilich von den Kirchen die Mahnung an die angeblich Schwachgläubigen geknüpft, doch bitte nicht immer alles begreifen zu wollen.

Dementsprechend wird denn von den christlichen Kirchen auch die biblische Seligpreisung interpretiert, in der es heißt: Selig sind, die (anders als Thomas) nicht sehen und doch glauben. Dieser angebliche Lobpreis derjenigen, die nicht skeptisch sind, nicht zweifeln und nicht immer Zeichen sehen wollen, passt den obersten Glaubens- und Ideologie-Funktionären gut ins Konzept.

Daran ist eigentlich alles falsch. Grundsätzlich sind »die christlichen Kirchen« in fast keiner Beziehung einheitlich aufgestellt und folglich wird von diesen Kirchen auch keine Bibelstelle einheitlich interpretiert.

Außerdem glaubt ein Christ auch nicht nach den Vorgaben irgendwelcher »Ideologie-Funktionäre« – eine Kirche ist schließlich keine kommunistische Partei. Eine »Elite« im Sinne der Ausführungen Prantls gibt es allenfalls in bestimmten Sekten und Sondergemeinschaften. Diese werden aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Die Evangelische Kirche habe ich auf dem großen Kirchentag in Dresden in ihrer ganzen Vielfalt erlebt. Man kann sie sich am besten als viele bunte Glaubensrichtungen unter einem großen und nicht allzu stabilen Zeltdach vorstellen. Von einer Elitebildung kann dort gar keine Rede sein; erst recht nicht von einer blindgläubigen Elite.

Bis zu einem gewissen Grad »blindgläubig« war ein gewisser Anteil der Teilnehmer des Kirchentags allenfalls in der Zustimmung zur Klimapolitik der Grünen und in der Bewunderung Margot Käßmanns, aber darauf wollte Heribert Prantl sicher nicht anspielen …


Um es vorwegzunehmen: Heribert Prantl unterstellt auch im Rest des Artikels viel und beweist gar nichts. Schon am Anfang steht eine kaum durchdachte und grob banalisierende Unterstellung über den Atheisten Alan Greenspan:

Der Mann hat einen Gott, der nur anders heißt; er hat eine Konfession, die nur nicht zu den klassischen Religionen zählt.

Der Gott des Notenbankers waren der freie Markt und der schrankenlose Wettbewerb. Seine Kirche war die des Kapitals; sein Credo begann mit dem Glaubensbekenntnis an die Kräfte des Marktes, die alles wunderbar regieren, und es endete mit dem Bekenntnis zum ewigen Wachstum.

Man stolpert beim Lesen zuerst über den Lapsus »Der Gott des Notenbankers waren …«: Vermutlich meint Heribert Prantl: »Die Götter des Notenbankers waren …«. Aber die alte Litanei von der Gleichsetzung des Marktes und des Wettbewerbs mit Gott wird natürlich auch dann nicht besser, wenn man sie gebetsmühlenartig wiederholt.

Es gibt ja nirgendwo eine Gemeinschaft, die den Markt oder den Wettbewerb zur Gottheit erhoben hätte. Das wäre auch unsinnig: An Markt und Wettbewerb muss man nicht glauben. Angebot und Nachfrage wirken, solange es Menschen gibt und solange es Menschen geben wird. Noch nicht einmal der Sozialismus konnte den Menschen das Handeln austreiben.


Am Ende des Artikels beklagt Prantl die »gewaltige Arbeitslosigkeit, schreiende Not und Verzweiflung« im Süden Europas und schreibt:

Die Lehre von den segensreichen Kräften des freien Markts ist falsch, wenn und weil der freie Wettbewerb Menschen und Länder systematisch zugrunde richtet.

Er vergisst oder verdrängt, dass es nicht allein die Kräfte des freien Marktes waren, die Europa in die Krise geführt haben: Ein großer Teil der Probleme ist eindeutig auf Staatsversagen zurückzuführen – hierzulande und in Südeuropa.

Hätten beispielsweise staatliche Landesbanken die Nachfrage nach irrsinnigen Finanzprodukten nicht angeheizt, müssten die Bundesländer heute nicht mit vielen Milliarden für die Verluste einstehen.

Hätten die Bundesregierungen (rot-grün, schwarz-rot, schwarz-gelb) die Anlagemöglichkeiten von Kommunen und kommunalen Unternehmen klug und sachgerecht reguliert, wäre es nicht zu so hohen Spekulationsverlusten auf Kosten der Bürger gekommen.

Wären die EU-Milliarden (und auch die Staatsanleihen) in bestimmten Staaten Südeuropas nicht massiv zweckentfremdet worden und hätte man damit nachhaltig gewirtschaftet, würde es diesen Ländern heute wesentlich besser gehen.


Heribert Prantl ist für viele Linke und Grüne ein wichtiger Leitkommentator. Nach der Lektüre des Artikels wissen wir: Der Autor kann Kirchenfunktionäre und Alan Greenspan nicht leiden. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, am Ostersonntag den Kirchen und den Liberalen vor die Schienbeine zu treten.

Natürlich sind Zweifel und Skepsis wichtig – in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft – aber das hätte man in wenigen Sätzen sagen können. Dafür muss man keine unsinnigen Gleichsetzungen (der »Markt« sei »Gott«) bemühen und dafür darf man vor allem den Zweifel auch nicht auf wenige Gebiete beschränken.

Revolutionär wäre es gewesen, wenn Heribert Prantl über Zweifel an der grünen Klimapolitik oder an staatlichen Heilsversprechen geschrieben hätte. Mich lässt dieser Artikel jedenfalls ratlos zurück: Je öfter ich ihn lese, desto stärker wächst mein Zweifel an Heribert Prantl …



Garantieziehung (2)

28. März 2013

Anfang Januar hatte ich in einem Artikel über die Verluste des Freistaats Sachsen aus Geschäften der ehemaligen Sachsen LB geschrieben:

Die Pressemitteilungen des Freistaats sind deutlich ausführlicher, wenn ein Sächsischer Minister irgendwo in einem kleinen Dorf den neuen Kuhstall einweiht. Und merkwürdigerweise sind diese Pressemitteilungen auch nicht durchgängig im Passiv verfasst …

Dieses Thema greift die »Sächsische Zeitung« heute auf. Die Kommentatorin Annette Binninger schreibt in einem Kommentar zu den neuerlichen »Garantiezahlungen«:

Acht dürre Zeilen über einen Fast-Milliardenverlust – mehr gab es dazu angeblich nicht zu sagen in Sachsens Regierungsapparat. Mehr Informationsbedarf sah man stattdessen zur Landesgartenschau in Löbau oder der Mitführpflicht von Warnwesten im Straßenverkehr.

So unterschiedlich sind Blogger und Journalisten manchmal gar nicht …


Leider kann die »Sächsische Zeitung« der Versuchung nicht widerstehen, ihren Bericht auf Seite 1 mit diversen Null-Aussagen »anzureichern«. Beispiel:

Mit den nächsten Nachzahlungen wird im Juni gerechnet. Deren genaue Höhe ist noch unbekannt.

Dabei ist das ganz einfach: Seit 2009 erfolgen die Zahlungen immer am Quartalsende und die genaue Höhe ist vorher nie bekannt.


Zur traurigen Realität (ein Klick auf die Bilder vergrößert die Darstellung):

Kumulierte Darstellung der Zahlungen des Freistaats Sachsen.

Kumulierte Darstellung der Zahlungen des Freistaats Sachsen.

Entwicklung der einzelnen Zahlungen des Freistaats Sachsen.

Entwicklung der einzelnen Zahlungen des Freistaats Sachsen.


Link:
Pressemitteilung des Freistaats zur Zahlung im Quartal 1 / 2013



Aus Sicht der Autodiebe

27. März 2013

Der »Flurfunk« berichtet, dass die beiden Dresdner Zeitungen »Dresdner Neueste Nachrichten« und »Sächsische Zeitung« heute einen (fast) gleichen Titel zur teilweisen Wiedereröffnung der Gemäldegalerie haben.

Mit ist etwas anderes aufgefallen. Beide Zeitungen haben als Aufmacher auch die Meldung, dass die Anzahl der Autodiebstähle in Dresden nach wie vor besorgniserregend hoch ist. Aber merkwürdigerweise fällt der »Sächsischen Zeitung« keine bessere Unterzeile ein als:

Die Landeshauptstadt bleibt bei Autodieben beliebt.

Die Bürger der Stadt Dresden sehen den Autodiebstahl ganz sicher nicht aus der Perspektive der Autodiebe. Die Geschädigten dürfte es kaum interessieren, ob Dresden bei Autodieben »beliebt« oder »unbeliebt« ist. Tatsache ist, dass sie hier ihr Unwesen treiben.

Eine wenig hilfreiche Aussage findet man auch in den »Dresdner Neuesten Nachrichten«:

Dresden ist die Hochburg der Autodiebe.

Das stimmt natürlich auch nicht. In Dresden wohnen nicht mehr oder weniger Autodiebe als in anderen Großstädten. Die vergleichsweise hohe Zahl der Autodiebstähle hängt mit der Grenznähe und mit den Beutezügen ausländischer Autodiebe zusammen [Ergänzung].



In Wahrheit bin ich Öko

10. März 2013

In einer Glosse der heutigen F.A.S wird über einen unglaublichen Erfolg feministischer Aktivist_Innen berichtet: Sie haben es offenbar geschafft, ein T-Shirt mit der Aufschrift »In Mathe bin ich Deko« vom grausamen und menschenverachtenden Markt zu verbannen. Das ist nämlich, Sie ahnen es:

ein klassisches Beispiel für Diskriminierung und Alltagssexismus


Zu einem richtigen Shit-Storm ist es wohl gar nicht mehr gekommen. Es scheint eher ein lauwarmer Shit-Wind gewesen zu sein – vulgo: Es war ein Furz im Netz. Aber das reichte: Der Anbieter knickte ein und bietet das T-Shirt nicht mehr an.

Nun könnte man einen Augenblick darüber nachdenken, ob jemals eine junge Frau dazu gezwungen wurde, das T-Shirt zu kaufen und zu tragen.

Man könnte darauf hinweisen, dass die Aufschrift eine gehörige Portion Selbst-Ironie enthält – darin ist es den vielen Hacker-T-Shirts auf einschlägigen Konferenzen nicht unähnlich.

Man könnte sich allerdings auch die Frage stellen: Was um alles in der Welt geht es irgendwelche Gender_Innen, Pirat_Innen und sonstige verbohrte Aktivist_Innen an, welche Aufschrift und welche Ich-Botschaft junge Frauen auf dem eigenen T-Shirt tragen?

Man fragt sich unwillkürlich: Steht Selbstironie unter dem Erlaubnisvorbehalt der Gutmeinenden?

Wann kommen die ersten Öko-Aktivisten angelaufen, um zu verhindern, dass ein Porsche-Fahrer mit dem T-Shirt »In Wahrheit bin ich Öko!« in sein Fahrzeug steigt?


Beide T-Shirts haben in Sachen Selbstironie einen tieferen Sinn. Das T-Shirt des Porsche-Fahrers könnte auf die allgegenwärtige Öko-Heuchelei und das Greenwashing hinweisen. Das T-Shirt einer hübschen Schülerin könnte der deutliche Hinweis für den Mathelehrer sein: Guck nicht bloß! Bring mir etwas bei!


Die Autorin der Glosse in der F.A.S. heißt Bettina Weiguny. Ich lese ihre Artikel gern. Sie ist als Journalistin, Ehefrau und Mutter ziemlich fit in Wirtschaft und Psychologie. Sie findet den Spruch offensichtlich nicht verachtenswert.

Sie gibt uns am Ende ihrer Glosse ein didaktisch wertvolles Rätsel auf. Leider werden sich damit gerade diejenigen nicht befassen, die es am Nötigsten hätten: Die humorlosen Krawall_Aktivist_Innen suchen vermutlich lieber nach dem nächsten Aufreger, statt sich mit Zahlen, Daten und Fakten zu befassen.

Die Aufgabe stammt aus einem Mathebuch der 8. Klasse. Sie ist für Schülerinnen und Schüler gleichermaßen gedacht. Hier ist sie in meinen Worten:

Eine gleichmäßig langsam fahrende Autokolonne wird von einem Flugzeug überflogen. In Fahrtrichtung der Autokolonne braucht das Flugzeug dafür drei Minuten, entgegen der Fahrtrichtung braucht es nur zwei Minuten. Das Flugzeug fliegt gleichmäßig mit 200 km/h. Wie lang ist die Autokolonne? Wie schnell fährt sie?

Lösungsvorschläge bitte per E-Mail an stefanolix (at) gmx (dot) net – in den Kommentaren hinterlassen ;-)

Eine Auflösung mit ausführlichem Lösungsweg gibt es morgen heute Abend. Die noch nicht freigeschalteten Kommentare werden dann natürlich freigeschaltet.


Links zum Thema:
Blog von Bettina Weiguny
Ein Artikel in der TP (Heise)
Ein Artikel in der taz
Ein Artikel in einem Blog der Süddeutschen Zeitung


Ich habe schon die ausführliche Beschreibung der Lösung vorbereitet. Bitte wirklich nur klicken, wenn Sie sich den Spaß am Knobeln nicht verderben wollen: Die Lösung.



DNN: Meister der Statistik

6. März 2013

Die DNN gibt heute als ostdeutsche Regionalzeitung eine Meldung wieder, bei der sich mein Haar schon sträubt, bevor ich mit dem Lesen fertig bin.

Es geht um die Anzahl der Frauen (und Männer), die bezogen auf 10.000 Einwohnerinnen (Einwohner) den Führerschein machen. Die DNN schreibt über eine Studie des ACE:

Die geringste Bereitschaft zur Teilnahme am motorisierten Individualverkehr ist in den östlichen Bundesländern zu verspüren. In Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern machten demnach im Jahr 2011 nur 59 von 10000 Einwohnerinnen ihren Pkw-Führerschein. Knapp davor liegt Sachsen-Anhalt (60). Die geringste Quote weist Sachsen (57) auf. Allerdings landen auch bei den Männern die aus dem Freistaat auf dem letzten Platz.

Und natürlich muss die Ursache dafür in den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen liegen. »Wer sich noch kein Auto leisten kann, der zögert auch beim Erwerb einer Fahrerlaubnis.« meint ein Experte des ACE.

Das ist offenbar nicht zu Ende gedacht.


Warum legen zur Zeit weniger Ostdeutsche ihre Führerscheinprüfung ab? Weil es einfach weniger junge Erwachsene in dem Alter gibt, in dem man normalerweise den Führerschein erwirbt. Und warum gibt es in ganz Ostdeutschland weniger junge Erwachsene?

In den Jahren 1991 bis 1995 brach die Geburtenrate um bis zu 40 Prozent ein. Folglich kommen jetzt sehr geburtenschwache Jahrgänge in das Erwachsenenalter. Und genau deshalb melden sich (bezogen auf 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner) weniger junge Frauen und Männer zur Prüfung an.

Ein Auto-Experte muss das nicht unbedingt wissen. Aber eine ostdeutsche Regionalzeitung darf diese Ursache nicht unter den Tisch fallen lassen.


Link: Studie des ACE



Ein klares Wort zum Leistungsschutzrecht

4. März 2013

Der Heise-Verlag hat dankenswerterweise eindeutig klargestellt:

Daher legen wir Wert darauf, unseren Nutzern noch einmal klar öffentlich zu erklären, dass Links auf und kurze Textausschnitte/Snippets aus unseren Publikationen weiter höchst willkommen sind und dass dies weiterhin keiner Erlaubnis des Verlages bedarf oder gar Geld kostet.

Selbstverständlich werden wir auch niemanden deswegen abmahnen oder auf eine andere Weise dagegen juristisch vorgehen. Als Richtlinie hier gilt: Erlaubt ist zum Beispiel die Übernahme der Artikelüberschrift nebst Anrisstext oder eine vergleichbare Textlänge.

Sympathisch. Praktisch. Gut so.

Als Dresdner Blogger wünsche ich mir, dass sich die Dresdner Zeitungsredaktionen an diesem Verlag ein Beispiel nehmen und mit ebenso klaren Worten zeigen: Eine öffentliche Diskussion über (und mit) Medien soll nicht an einem handwerklich schlecht gemachten Gesetz scheitern.

Wir werden als Blogger mehr oder weniger mit dem #LSR zurechtkommen müssen. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns als Dresdner Blogger an die vier Dresdner Redaktionen wenden und eine klare, zitierfähige, juristisch wasserdichte Stellungnahme erbitten.



#LSR-konforme Suchmaschine

3. März 2013

Spaßvögel haben eine Suchseite programmiert, die mit dem neuen Leistungsschutzrecht der Presseverlagslobby konform ist. Ein Beispiel für die Anwendung: Die Suche nach Peer Steinbrück.

Schön, wenn man es mit Humor sehen kann. Testen Sie es selbst ;-)

In Irland versuchen derweil die Verlage schon, für Hyperlinks zu kassieren. Das droht bei uns auch – wenn der Hyperlink etwa aus einer längeren Überschrift gebildet wurde.

Was ich noch mehr fürchte: Dass damit unliebsame Kritiker mundtot gemacht werden sollen. Denn bei kritiklosen Lobhudlern wird sicher keine Zeitung kassieren.



Wie viele Fernseher stehen in Ihrem Bürgerbüro?

27. Januar 2013

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat jetzt öffentlich gemacht, wie stark die neue Rundfunkgebühr die kommunalen Haushalte belastet. Man fragt sich unwillkürlich: Warum melden sie sich erst jetzt? Es war doch seit Monaten klar, welche Bemessungsgrundlagen ab dem 1. Januar 2013 gelten würden.

Die nun bei den Städten und Gemeinden eingehenden Beitragsbescheide bestätigen die Befürchtung einer überproportionalen Belastung der kommunalen Haushalte.

Anders als in Privathaushalten, wo pro Wohnung ein Beitrag fällig wird, müssen die Kommunen jetzt ihre Beiträge entsprechend der Anzahl ihrer Dienststellen und Betriebsstätten unter Berücksichtigung der dort Beschäftigten und nach der Anzahl ihrer Kraftfahrzeuge bezahlen.

Das ist deutlich teurer als bislang und nicht im Sinne der Bürgerinnen und Bürger. Je dezentraler und bürgernäher eine Stadtverwaltung organisiert ist, desto drastischer ist mit dem neuen Rundfunkbeitrag der Kostenanstieg – teilweise beträgt er das 13fache der bisherigen Kosten. Dieses Geld fehlt den Kommunen bei anderen, dringlichen Aufgaben.

Damit werden z. B. Kommunen belastet, die den Bürgern Leistungen in Bürgerbüros anbieten. Je mehr Bürgerbüros in den einzelnen Stadtteilen eingerichtet werden, desto höher ist die Gebührenbelastung. Das sind Kosten, die wir als Steuerzahler zu tragen haben. Die Städte müssen sich das Geld ja von den Bürgern holen – durch die Erhöhung kommunaler Gebühren oder durch die Erhöhung von Hebesätzen. Es geht dabei aber nicht nur um das Geld:

Die beiden kommunalen Spitzenverbände stimmen zwar der geräteunabhängigen Beitrags­bemessung grundsätzlich zu. Nach ihrer Einschätzung profitieren aber allenfalls die Rundfunkanstalten von dem erhofften Bürokratieabbau, während die Umstellung bei den Kommunen einen enormen Beratungs- und Organisationsbedarf auslöst und personelle Kapazitäten bindet.


Das Handelsblatt zitiert die Meldung ebenfalls und schreibt im zweiten Teil des Artikels:

Dem Deutschen Städtetag gehören 3.200 Städte mit rund 51 Millionen Einwohnern an. Erst kürzlich hatte es gerade aus der Wirtschaft Proteste gegen die neue Form der Gebühren gegeben.

Darauf ging der Bund der Steuerzahler ein: „Wir fordern konkret, dass in einem ersten Schritt die neue Haushaltsabgabe zumindest für die Unternehmen abgeschafft wird“, sagte der Präsident Reiner Holznagel, im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Außerdem sollen sich per “Opt-out”-Klausel auch alle Privathaushalte, die nachweislich kein Empfangsgerät besitzen, von der neuen Abgabe befreien können.“


Ich bin grundsätzlich für eine moderate private Rundfunkgebühr und für [verbesserte] öffentlich-rechtliche Sender. Ich finde die letzte Forderung des Steuerzahlerbundes nicht richtig. Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass durch die Umstellung ausgerechnet die Kommunen mit bürgernaher Verwaltung um ein Vielfaches höher belastet werden.


Ergänzung 1: Jetzt gibt es Zahlen. Die Stadt Duisburg soll ab 2013 stolze 100.000 Euro pro Jahr zahlen. Duisburg und Dresden haben eine ähnlich hohe Einwohnerzahl. Das wesentlich kleinere Bielefeld ist allerdings mit 93.000 Euro veranlagt.


Ergänzung 2: Auch das Handelsblatt und Der Westen berichten über die Probleme der Kommunen mit den drastisch erhöhten Gebühren. So sei die Gebühr in Bergisch-Gladbach von 2.000 auf 20.000 Euro verzehnfacht worden. Die Stadt Köln macht offenbar wirklich ernst mit ihrem vorläufigen Boykott.


Ergänzung 3: Der Flurfunk beschreibt die tolle Öffentlichkeitsarbeit des MDR in Sachen Rundfunkgebühren. An dieser Aktion des MDR stimmt gar nichts.



Was letztlich bei den Lesern ankommt

25. Januar 2013

Viele Bürger scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, das Ergebnis einer demokratischen Wahl einzuordnen und damit umzugehen. Werden die meinungsbildenden Medien ihrer Verantwortung noch gerecht?


Vor knapp einer Woche fand die erste Wahl des Jahres 2013 statt. Nach vielen Stunden stand das Ergebnis fest: Die bisherige Regierungskoalition wird abgelöst. Zwei Parteien aus der parlamentarischen Opposition bilden eine neue Regierung.

Man kann das eine oder das andere Lager besser finden – auf jeden Fall gehören Regierungswechsel und knappe Mehrheiten zur Demokratie. Jede Regierungskoalition kann abgewählt werden, und das ist auch gut so.


Inzwischen gibt es zu dieser Wahl viele Meinungsäußerungen im Netz und auch die ersten Leserbriefe in den Zeitungen. Das folgende Zitat aus einem Leserbrief an die »Sächsische Zeitung« zeigt eine gefährliche Tendenz: Viele Leute verstehen die Funktionsweise der Demokratie nicht mehr. Unter der Überschrift

Die Stimmenabgabe von CDU an FDP ist Betrug am Wähler

legt jemand im Brustton der Überzeugung dar:

Da die FDP sicher an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert wäre, hat die CDU Stimmen an die FDP abgegeben. (…) Diese Vorgehensweise ist Betrug am Wähler: Wäre die Rechnung aufgegangen, hätte Niedersachsen eine Regierungskoalition erhalten, die die Wähler eigentlich nicht wollten.

Man darf davon ausgehen, dass sich die Autoren oder Autorinnen solcher Leserbriefe in der Presse und im Fernsehen über das Wahlergebnis informiert haben.

War die Berichterstattung so schlecht, dass sie zu diesen absurden Schlussfolgerungen gekommen sind? Oder fehlt es am Grundwissen über die Demokratie? Am Ende des oben zitierten Leserbriefs steht ein handfester Vorwurf:

Diese Form der Wahlmanipulation ist in der BRD legal. Wie vereinbart sich das mit Demokratie?

Ich frage mich: Woher haben die Leute solche Meinungen?


Man kann einen Teil der Berichterstattung über das Wahlergebnis in Niedersachsen als Kampagne gegen das Lager aus CDU/CSU und FDP betrachten. Zettel hat das in einem Artikel am Beginn dieser Woche getan:

Dazu trägt wesentlich eine linke Mediendominanz bei, die es fertiggebracht hat, daß der ehrwürdige Begriff »liberal« im heutigen Deutschland eine nachgerade herabsetzende Bedeutung gewonnen hat; anfangs in Gestalt von »neoliberal«. Eine der großen politischen Strömungen soll marginalisiert, sie soll mit dem Image des Abwegig-Abseitigen versehen werden. Das gelingt zunehmend.

Über die unterstellte »linke Mediendominanz« kann man geteilter Meinung sein. Ich sehe es nicht ganz so dramatisch: Wir haben in Deutschland immer noch ein ziemlich breites Spektrum an Meinungen in den Medien. Und die FDP ist auch nicht ganz unschuldig an der Wahrnehmung des Liberalismus in der Öffentlichkeit.

Aber dass solche Leserbriefe geschrieben und abgedruckt werden, finde ich beunruhigend. Demokratische bürgerliche Parteien werden der Wahlmanipulation beschuldigt – und die Zeitung druckt es kommentarlos ab.


Am Wahlabend musste man sich das Gerede über »Leihstimmen« in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern anhören. Einen Tag später konnte man es in der Presse lesen. An den Leserbriefen erkennt man schließlich, wie es bei den Fernsehzuschauern und Lesern angekommen ist.

Es gibt eine gefährliche Tendenz zur oberflächlichen Berichterstattung: Zahlen, Daten und Fakten treten in den Hintergrund, wenn nur noch die schnell herausgebrachte Meldung oder die reißerische Schlagzeile zählt. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Redaktionen ihre eigene Arbeit reflektieren – offensichtliche Fehler werden jedenfalls nur in den seltensten Fällen korrigiert.

Schlechter Journalismus ist eine Gefahr für die Demokratie – unabhängig von der politischen Ausrichtung des Mediums. Schlechter Journalismus führt letztlich (neben anderen Einflüssen) zu solchen absurden Äußerungen in den Leserbriefen.

Bleibt die Frage: Warum wird solcher Unsinn abgedruckt?



Fernsehgebühren: Ein faires Modell. Ein Vorschlag zur Güte

20. Januar 2013

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in Deutschland verfassungsrechtlich verankert und muss finanziert werden. Das neue Modell hat aber so viele Mängel, dass wir über ein besseres Modell reden müssen: Klar, transparent und gerecht soll es sein. Einnahmen und Leistungen müssen neu geordnet werden. Auch wenn der Urheber sein Modell gut findet – es gibt ein besseres!

Einnahmen der Rundfunkanstalten

  1. Jeder erwachsene Bürger zahlt 120 Euro im Jahr. Weil nicht alle Bürger in der Lage sind, diese 120 Euro selbst aufzubringen, wird die Gebühr bei der Festlegung der Höhe von Sozialleistungen berücksichtigt. Alle Menschen werden auf dieser Basis in das Modell einbezogen, denn alle profitieren von einer aufgeklärten, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft.
  2. Die Zahlungspflicht für Behörden und Unternehmen wird abgeschafft. Sie führt im Endeffekt nur zu einer intransparenten Mehrfachbelastung der Bürger in ihren Rollen als Steuerzahler und Kunden. Denn die Rundfunkgebühren der Behörden zahlt letztlich der Steuerzahler. Die Rundfunkgebühren der Unternehmen gehören zu den Fixkosten und werden auf die Kunden umgelegt.
  3. Alle Formen der Werbung und der Schleichwerbung, des Sponsorings und der Produktionsunterstützung werden aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbannt. Es darf keine direkten oder indirekten Transfers der Wirtschaft an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben.

Leistungen der Rundfunkanstalten

  1. Das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist der Demokratie, dem Rechtsstaat, der Bildung und der Kultur verpflichtet. Die Redaktionen sind unabhängig. Die Grundsätze und Leitlinien des guten Journalismus werden auf jedem Gebiet eingehalten.
  2. Viele wichtige Themen und Inhalte werden am Markt nicht genügend stark nachgefragt oder können aus anderen Gründen im privaten Rundfunk und Fernsehen nicht finanziert werden. Diese Themen und Inhalte werden aus Gebühren finanziert.
  3. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf mit dem Geld der Gebührenzahler nicht verzerrend in den Markt der privaten Rundfunk- und Fernsehsender eingreifen. Was der Markt bieten kann, soll auch privatwirtschaftlich angeboten werden. Profi-Boxkämpfe, Profi-Radsport und Profi-Fußball müssen z. B. nicht mit Gebühren bezahlt werden. Die Preise für alle vermarktbaren Angebote müssen am Markt gebildet werden.
  4. Alle öffentlich-rechtlich gesendeten Inhalte werden dauerhaft archiviert und zum Abruf bereitgehalten. Das De-Publizieren oder nachträgliche Ändern von Inhalten wird explizit untersagt. Ergänzungen und Aktualisierungen aller wichtigen Themen sind Pflicht. Alle Gebührenzahler sollen nachhaltig Zugriff auf die Medien haben, die mit ihrem Gebührengeld finanziert wurden.
  5. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kooperiert intensiv mit öffentlich-rechtlichen Sendern der Nachbarstaaten. Der Austausch kommt allen Seiten zugute. Gleichzeitig können auf diese Weise Kosten gespart werden.
  6. Maßhalten ist der wichtigste Grundsatz der kommenden Jahrzehnte: Die Expansion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird gestoppt. Bürokratie und Bonzokratie werden reduziert. Keine Führungskraft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss mehr verdienen als der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin.

Eine kurze Begründung des Gebührenmodells: Das Nutzen der Medien ist Privatsache. Wenn öffentlich-rechtliche Medien ihrer Aufgabe gerecht werden, sind sie ein Gewinn für die ganze Gesellschaft. Also ist auch die Finanzierung Sache der Bürger.

Diese Finanzierung ist aber nicht gerecht, wenn fünf Personen in einer Wohngemeinschaft eine Grundgebühr zahlen, während fünf allein lebende Menschen fünf Grundgebühren zahlen müssen. Die Pro-Kopf-Finanzierung ist die gerechteste und einfachste Lösung.

Die Gebührenzahlung kann an die einheitliche Steuer-ID gekoppelt werden, die ohnehin für jeden Bürger existiert. Alle Eingriffe in die Privatsphäre und alle Abfragen personenbezogener Daten gehören der Vergangenheit an. Die GEZ kann auf ein Minimum reduziert werden.

Die Gebühr für Behörden und Unternehmen war immer unsinnig. Behörden und Unternehmen können weder Radio noch Fernsehen nutzen – und alle Mitarbeiter zahlen ja bereits als Privatpersonen.

Dieses Gebührenmodell ist letztlich transparenter und gerechter als das bisherige. Es müsste mit einer echten Mitbestimmung in wirklich unabhängigen Beiräten verbunden werden. Diese Beiräte sollten durch Urwahl bestimmt werden. Aber das wäre einen eigenen Artikel wert …



Feinstaub in der »Sächsischen Zeitung«

11. Januar 2013

In ihrer gestrigen Ausgabe hat die »Sächsische Zeitung« über die Entwicklung der Feinstaubbelastung in Dresden berichtet. Ich kann nicht anders: Ich muss darüber bloggen – In einer Art, die für beide Seiten ein Gewinn sein kann! ;-)

Der Artikel ist mit einer Grafik illustriert: Man sieht ein Auto und dessen Auspuffwolken. Jede Auspuffwolke repräsentiert die Anzahl der Tage, an denen der Grenzwert für Feinstaub überschritten wurde. Diese Grafik ist in doppelter Hinsicht problematisch.


Der Maßstab der Wolken stimmt überhaupt nicht. Das Bild einer Wolke wird vom Menschen über deren Fläche wahrgenommen. Die Wolken in der Grafik sind aber nach der Höhe (linear) skaliert. Das sieht in der Grafik der »Sächsischen Zeitung« etwa so aus:

Falsche Skalierung

Die falsche Skalierung (Prinzipskizze).

Man kann recht gut erkennen, dass die linke Wolke dreimal so hoch und so breit wie die rechte Wolke ist. Dadurch wird die Fläche der linken Wolke aber neunmal so groß wie die Fläche der rechten Wolke. Somit entsteht ein völlig falscher Eindruck von den Zahlen. Die 22 Tage entsprechen einem Drittel der 67 Tage – und nicht einem Neuntel!


In Wahrheit müssten die beiden Wolken bei richtiger Skalierung so aussehen:

Richtige Skalierung

Die richtige Skalierung (Prinzipskizze).

Jetzt hat die linke Wolke die dreifache Fläche der rechten Wolke. Und so ist es richtig. Um noch mal zu demonstrieren, wie falsch die erste Darstellung tatsächlich ist:

Flächen im Vergleich.

Die Flächen im Vergleich (Prinzipskizze).

Die Flächen der beiden Quadrate und die Flächen der Wolken sind gleich! Mehr muss man dazu nicht sagen(?).


Als kleine Hilfestellung: Wenn man im Grafikprogramm einen Skalierungsfaktor für flächenhafte Darstellungen benötigt, legt man sich einfach eine kleine Tabelle in der Tabellenkalkulation an:

Zahlen und Skalierungsfaktoren

Zahlen und Skalierungsfaktoren

Dabei ist die Verhältniszahl in der Spalte C auf MIN($B3:$B6) bezogen. Der Rest sollte sich selbst erklären, Anfragen werden gern per E-Mail oder in den Kommentaren beantwortet.


Literatur zur Darstellung der Zahlen: Der Klassiker »So lügt man mit Statistik« von Prof. Walter Krämer kostet als Taschenbuch etwa zehn Euro. Sie sind für alle Journalisten und Blogger, die mit Daten umgehen, sehr gut angelegt ;-)


Es gibt aber noch einen Grund, warum die Grafik problematisch ist: Feinstaub entsteht bei weitem nicht nur durch Autos. Feinstaub entsteht zunächst einmal auf ganz natürliche Weise. Das Wetter eines Jahres hat dabei einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Messwerte. Feinstaub entsteht auch durch die Industrie und das Bauwesen.

Weiterer Feinstaub wird durch die Eisenbahn und durch andere Verkehrsmittel verursacht. Ein Personenkilometer im dieselbetriebenen Regionalzug verursacht z. B. mehr Feinstaub als ein Personenkilometer im PKW (Mittelklasse, Diesel). Auf elektrifizierten Strecken ist es umgekehrt [Quelle: Umwelt-Check der Deutschen Bahn].

Um es also zusammenzufassen: Die Grafik mit dem Auto und den Auspuffwolken ist nicht geeignet, um die Statistik zu visualisieren. Erstens stimmt die Skalierung nicht. Zweitens ist der PKW-Verkehr bei weitem nicht der einzige Verursacher des Feinstaubs. Andere Faktoren haben einen entscheidenden Einfluss auf die Messwerte.



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