Post von der Beitragsservicezentrale

31. Mai 2012

Heute lag ein formschöner und betont neutral gehaltener Briefumschlag in der Geschäftspost. Beim Öffnen stellte sich heraus, dass die GEZ offensichtlich neue Umschläge ohne Logo verwendet.

In dem Umschlag lag eine doppelseitig bedruckte DIN-A4-Seite mit geschickt verpackten Unverschämtheiten. Von einem einfachen Modell, von Entlastungen und von fairen Regelungen war die Rede.

Ich konnte dem Schreiben nichts von alledem entnehmen: Ab 2013 muss ich eine deutlich höhere Gebühr zahlen. Bisher konnte ich die Zwangsgebühren durch den Verzicht auf ein Fernsehgerät reduzieren.


Möglicherweise ist es kein Zufall, dass die Post in einem anderen Umschlag kam. SPIEGEL-Online zitiert aus einer Agenturmeldung, nach der die GEZ offiziell in

ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice

umbenannt werden soll. Wenn es stimmt, dann wäre das einen Eintrag bei neusprech.org wert. Es ist eine dreifache Unverschämtheit: Erstens ist es kein Beitrag, sondern eine Zwangsabgabe. Zweitens bietet diese wuchernde bürokratische Einrichtung den Abgabenzahlern gar keine Dienstleistung an. Drittens wird die Umbenennung auch noch unser Geld kosten — und zwar nicht zu knapp.



Motivation zur Medienkritik

29. Mai 2012

In den letzten Tagen gibt es in den Dresdner Blogs interessante Beiträge aus der Rubrik »Medienkritik«. Einen davon hat Steffen Peschel geschrieben. Sein Beitrag An was sich Journalisten messen lassen müssen: Transparenz! befasst sich mit einer Seminararbeit von drei Studentinnen, die im »Flurfunk« veröffentlicht wurde. Sie hatten unter dem Titel

»Der menschenverachtende Schnapsburger« –
Möglichkeiten als Dresdener Bürgerjournalist

drei Angebote zum Mitmachen getestet, bei denen Leserinnen und Leser einer Zeitung den Medien Fotos oder Informationen bereitstellen können.

Ich finde Steffens Titel gut (auch wenn ich mit »Woran« begonnen hätte). Ich kann seine Kritik an dem Beitrag aber nicht so recht teilen. Er kritisiert zum einen, dass das Angebot der »Sächsischen Zeitung« zu kurz behandelt wird. Das mag stimmen: Die Studentinnen haben keine Reaktion der »SZ« bekommen und es steht nicht im Artikel, wie oft sie nachgefragt haben.


Allerdings habe ich den Eindruck, dass in der »Sächsischen Zeitung« kaum noch Meldungen oder Fotos aus der Leserschaft veröffentlicht werden. Vielleicht ist der »SZ-Augenzeuge« eingeschlafen?

Und selbst wenn er nicht eingeschlafen ist: Stellt sich eine Zeitung als besonders glaubwürdig dar, wenn sie auf ihren Seiten ein nicht honoriertes fremdes Werk verwendet, wo doch eigentlich die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten hingehört?

Für mich als Blogger mit offenen Augen und gern genutzter Kamera käme es jedenfalls niemals in Frage, der »Sächsischen Zeitung« einen Text oder ein Bild zu schenken, damit sie mit meinem Werk Geld verdient.

Ich denke, dass Bloggen mit einiger Berechtigung als »Bürgerjournalismus« bezeichnet wird, während die Nutzung von Werken der Bürger in einem kommerziellen Medium eigentlich kein Bürgerjournalismus ist. Diese Wortwahl würde ich kritisieren, wenn ich die Seminar-Arbeit der drei Studentinnen bewerten müsste.


Steffen kritisiert zum anderen, dass die BILD in der Arbeit der Studentinnen am meisten Beachtung findet. Das mag an zwei großen Unterschieden gegenüber dem anderen Angebot liegen. Erstens bietet man bei der BILD einen materiellen Anreiz. Zweitens wollten die Studentinnen testen, ob ihr »Ekelfoto« in der BILD abgedruckt worden wäre. An dieser Sache sind sie drangeblieben und das war gut so.


Apropos BILD: Das BILD-Blog nimmt sich schon seit einiger Zeit auch Artikel aus anderen Medien vor, wenn diese Medien gegen die Grundsätze des guten Journalismus verstoßen. Sie haben das Thema meines Artikels über die Titelseite der »Dresdner Neuesten Nachrichten« vom Freitag heute aufgegriffen.

Nachdem jetzt einige Anfragen hereinkommen: Als ich diesen Artikel über penetrante PR für eine Automarke geschrieben habe, wollte ich damit einfach nur auf einen Missstand hinweisen — nicht mehr und nicht weniger. Ich muss zugeben: Die Profis beim BILD-Blog haben es lockerer gelöst als ich.


Ich hatte eine Schreckensvision vor Augen, die heute in der Print-Ausgabe der F.A.Z. veröffentlicht wurde: Die Stadt New Orleans wird Kürze die größte Stadt in den USA ohne täglich erscheinende Lokalzeitung sein.

Ich möchte nicht, dass es in zehn oder fünfzehn Jahren in Dresden nur noch die BILD gibt. Ich würde gern weiterhin die beiden Dresdner Zeitungen lesen, die nicht zur Boulevardpresse gehören. Aber dafür müssten sich »DNN« und »Sächsische Zeitung« wirklich sehr anstrengen und das Vertrauen der Leser neu gewinnen. In Abwandlung eines Zitats von Johann Wolfgang Goethe:

Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in den Medien, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht.

Die Abwandlung des Zitats besteht einzig darin: Goethe sprach im März 1832 im Gespräch mit Eckermann über die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten. Ich halte aber inzwischen die Pfuscherei in Medienangelegenheiten fast schon für gefährlicher. Deshalb empfehle ich zum Abschluss noch einen Artikel im »ZETTELs Raum« über den politischen Gleichklang in deutschen Medien.



Angewandte Medienkompetenz

28. Mai 2012

Was ist geschehen? Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat in einer Glosse im Feuilleton behauptet, dass das neue Gedicht von Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung ein Coup der Titanic-Redaktion sei. Gestern verbreitete sich diese Nachricht im Netz …   Den Rest des Beitrags lesen »


Was sagt der Leserbeirat der DNN zur PR auf der Titelseite und zum Qualitätsverlust der Zeitung?

27. Mai 2012

Die Dresdner Neuesten Nachrichten haben — nach einem Bericht des Flurfunks — einen Leserbeirat. Er soll die Interessen der Leserinnen und Leser vertreten. Aus einer Meldung des BDZV vom 22. Juli 2010:

20 Männer und Frauen werden der „DNN“-Chefredaktion künftig beratend zur Seite stehen. Sie sollen helfen, den Kontakt zwischen Lesern und Blatt zu intensivieren, den Leserservice zu verbessern und den Inhalt noch besser auf die Leserbedürfnisse abzustimmen (…)

Nun würde ich nach jahrzehntelangem Abonnement gern mit diesem Leserbeirat Kontakt aufnehmen, weil die Qualität der Zeitung inzwischen wirklich besorgniserregend ist (ich habe das am Freitag mit deutlichen Worten kritisiert).


Ich sehe in dem kritisierten Titelbild und in anderen Berichten eine Grenzüberschreitung zwischen Journalismus und PR.

Ich empfinde das als Qualitätsverlust. Ich würde es dem Leserbeirat gern mitteilen. Erstaunlicherweise finde ich aber im Impressum der Zeitung keine Kontaktadresse. Ich kann natürlich mit Google nach

Leserbeirat site:dnn-online.de

suchen. Dort findet man wunderschöne Eigenwerbung. Man erfährt: Der Leserbeirat darf an DNN-Empfängen und DNN-Festen teilnehmen. Der Leserbeirat hat das Hauptstadtbüro in Berlin besucht und war begeistert.

Man erfährt allerdings nicht, ob sich der Leserbeirat bisher jemals um die journalistische Qualität der Zeitung gekümmert hat. Und eine Adresse ist erst recht nicht zu finden.


Ich habe ein wenig recherchiert, was der Autor der wunderbaren Auto-PR noch so schreibt. Er betreibt nämlich auch eines der beiden Blogs der DNN.

Nun würde ich die Männer und Frauen in diesem Leserbeirat gern fragen, wie sie einen Artikel aus diesem Blog bewerten, der am 10./11. März 2012 auch in der gedruckten DNN-Ausgabe erschienen ist. Es geht dabei um ein Erotikmassage-Studio in Dresden.

Es gibt eine ganz einfache Methode, um zu erkennen, ob ein Artikel dem Journalismus oder der PR zuzuordnen ist.

Wenn der Inhalt komplett mit der Selbstdarstellung des Unternehmens übereinstimmt und auf Angaben des Unternehmens basiert, dann ist es PR. Wenn der Autor erkennbar an anderer Stelle recherchiert und nachgefragt hat, dann ist es Journalismus.


Der Artikel über das Massagestudio enthält (zusammengefasst) folgende Fakten:

  1. Die Chefin der Erotikmassage-Studiokette stellt sich selbst und ihr Unternehmen dar.
  2. Sie gibt uns Informationen über die Zielgruppe der Kunden und Kundinnen.
  3. Sie betreibt Eigenwerbung: »Bei uns werden sie voll als die Person akzeptiert, die sie sind, mit all ihren sinnlichen Bedürfnissen.«
  4. Sie stellt sich als erfolgreich dar: »Nachdem erst mal meine Internetseite online war, schoss die Nachfrage durch die Decke.«
  5. Wir erfahren, wie viele Frauen (in »Nebenbeschäftigung«) für die Erotikmassage-Studiokette arbeiten. Zitat der Chefin: »Nur des Geldes wegen macht das keine.«

Zu den unverzichtbaren professionellen Grundsätzen eines Journalisten muss gehören, dass er alle beteiligten Seiten oder zumindest mehrere Seiten berücksichtigt. Aber für den ganzen Artikel wurde keine Masseurin, kein Kunde, keine Partnerin eines Kunden, kein Anwohner und auch kein Experte oder eine Expertin befragt.


Mindestens eine prägnante Aussage der Unternehmerin hätte den Journalisten nachfragen lassen müssen: Wenn es keine Frau nur für’s Geld tut — wie ist dann das Verhältnis zwischen Leistung und Bezahlung? Ob es für eine solche »Nebenbeschäftigung« eine soziale Absicherung durch den Auftraggeber gibt, wäre auch zu hinterfragen.

Ich sehe in diesem Artikel einen logischen Widerspruch: Über die Eigentümerin wird berichtet, dass sie selbst unbedingt Geld brauchte und deshalb erotische Massagen durchgeführt hat. Zitat aus dem verlinkten Artikel:

Als sie mit dem Geld weder ein noch aus wusste, sah sie eine Zeitungsanzeige „Nette Frauen für Erotikmassagen gesucht“ – und ging hin. „Ich fand die Arbeit dort ziemlich würdelos – den Frauen wie den Männern gegenüber und alles so huschhusch“, erinnert sie sich. „Aber ich brauchte das Geld.“

Aber sie sagt über ihre eigenen Masseurinnen: »Nur des Geldes wegen macht das keine.« Ist sie in dieser Beziehung sicher oder ist das eine Vermutung?

Noch einmal ganz klar und deutlich zusammengefasst: Alle Informationen in dem Artikel beruhen auf der Selbstdarstellung des Unternehmens. Aber in der Zeitung wird der Artikel natürlich nicht als PR gekennzeichnet.


Der DNN-Autor hat die Erotikmassage später auch noch im Selbstversuch getestet. Er hat in einem weiteren Artikel darüber berichtet, der ebenfalls abgedruckt wurde. Man könnte es auch etwas kritischer sehen: er hat regelrecht für die Erotikmassage geworben. In seinem Bericht wird sogar die Frage beantwortet, ob man mit Karte zahlen kann oder ob man mit Bargeld zahlen muss.

Das Angebot der Erotikmassage ist in einer offenen Gesellschaft grundsätzlich völlig legitim, und dagegen richtet sich meine Kritik in diesem Artikel nicht. Allenfalls würde ich gern jeden männlichen Kunden fragen: Wäre es in Ordnung für Sie, wenn Ihre Frau oder Ihre Tochter diese »Nebentätigkeit« ausführen würde?


Aber darum geht es mir heute gar nicht. An diesen beiden Artikeln kann man gut zeigen, wie welcher Geschwindigkeit die journalistischen Grundsätze den Bach heruntergespült werden. Der bekannte deutsche Journalist Hanns Joachim Friedrichs hat einmal gesagt:

Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Man kann sich wohl kaum noch mehr mit einer Sache gemein machen, als es der Autor des Artikels über das Erotikmassagestudio getan hat. In dem Artikel ist die professionelle Distanz nicht wirklich erkennbar. (Ergänzung): Sogar die Fotos hat das Erotikmassagestudio beigesteuert.


Der unvergessene Honoré de Balzac hat in seinem Roman »Das Chagrinleder« ein magisches Objekt erfunden, das sich bei jedem Wunsch etwas mehr zusammenzieht. Am Ende verschwindet das Leder und der Besitzer findet den Tod.

Mein Vertrauen in den Journalismus der DNN ist auch so ein Chagrinleder: Wenn diese Zeitung immer mehr von journalistischen Grundsätzen abweicht, dann wird das Vertrauen immer kleiner, bis mein Abo irgendwann stirbt.

Darüber hätte ich gern mit dem Leserbeirat gesprochen. Wenn ich eine Adresse gefunden hätte ;-)



Unverblümte PR im redaktionellen Teil

25. Mai 2012

Die Dresdner Zeitung DNN präsentiert in ihrer heutigen Ausgabe ein unglaublich schlechtes Titelbild. Das Bild ist so peinlich, dass ich es in diesem Blog nicht zeigen, sondern nur beschreiben kann.

Am Rand einer Straße im Osterzgebirge ist ein pinkfarbener PKW mit offener Beifahrertür an einem leicht abschüssigen Straßenrand geparkt — völlig willkürlich, als ob die Fahrerin gerade eine Panne gehabt hätte. Auf der Motorhaube stützt sich eine schwarz, kurz und eng bekleidete Frau ab. In der Mitte des Bildes prangt das Logo eines großen Autokonzerns.

Im Hintergrund ist eine formschöne Leitplanke zu sehen. Dahinter erkennt man einige Bäume und das Schloß Weesenstein. Das Schloß ist schief und mit abgeschnittenem Turm dargestellt. Schauderhaft! Dieses Bild auf Seite 1 wirkt wie ein schlechter Schnappschuss mit dem Smartphone und es wurde offensichtlich nicht einmal amateurhaft bearbeitet.


In der Bildunterschrift wird auf die Seite 17 der aktuellen Ausgabe verwiesen. Dort ist der PKW an der selben Stelle abgebildet, aber an der Motorhaube lehnt nun DNN-Mitarbeiter Heiko Weckbrodt. Die Bildkomposition ist insgesamt genauso gräßlich wie auf Seite 1. Aber es gibt eine Überraschung: Die Seiten 17 und 18 gehören gar nicht zum redaktionellen Teil. Ganz klein erkennt man den Hinweis »— Anzeigen —« und auf Seite 17 prangt auch der Sponsor: »UNTERSTÜTZT VON: AutoForum Heidenau«.

Was soll das Ganze? In der Online-Ausgabe der DNN gibt es im redaktionellen Teil Aufklärung (Hervorhebung im Zitat ist von mir):

DNN-Redakteure von heute sind die Strecken von damals nun in diversen VW-Automobilen erneut abgefahren. Geändert haben sich seit damals die Siedlungen, die Menschen und der Alltag entlang der Strecken – die Landschaften sind reizvoll wie eh und je. Zum Auftakt unserer neuen-alten Serie hat sich DNN-Redakteur Heiko Weckbrodt ins Auto gesetzt und ist durch die Täler des östlichen Erzgebirges gekurvt.


Es kommt noch besser. Ausdrücklich nicht als Werbung gekennzeichnet findet man im redaktionellen Teil der Online-Ausgabe der DNN einen Teaser, mit dem die Abonnenten auf den vollständigen Artikel bei »DNN-Exklusiv« hingewiesen werden sollen. Der Beginn des Artikels liest sich bei DNN-Online so:

Der Motor des kleinen Stadtwagens surrt am Startplatz in Heidenau leise, aber vergnüglich vor sich hin, als ob sich der “Up!” schon auf den Ausflug durch das kurvige Müglitztal freuen würde. Der Hochsommer hat an diesem Mai-Tag seine Boten …

Unter diesem PR-BlaBla steht: »Als Abonnent von DNN-Exklusiv haben Sie unbegrenzten Zugang zu allen Artikeln unseres Angebotes.« Ja, Sie haben richtig gelesen: Dafür soll man sogar noch Geld bezahlen! Möchten Sie wissen, wie der letzte Absatz des Artikels beginnt? Ein Zitat aus der Print-Ausgabe der DNN (dort wenigstens als Anzeige gekennzeichnet):

Auch der kleine »UP!« hat sich einigermaßen wacker geschlagen. Obzwar eher ein Stadtauto, hat er die steilen und engen Kurven des Erzgebirges relativ gut gemeistert. (…)

Dann wird der niedrige Treibstoffverbrauch des Autos gelobt. — Ich stehe jetzt wirklich vor der Entscheidung: Soll ich dieses Blatt noch länger abonnieren? Eigentlich täte es mir sehr leid, wenn die Lokalpresse aussterben würde. Aber andererseits möchte ich mich auch nicht mit solchen Leistungen — auf Deutsch gesagt — verarschen lassen.

Passend: Ein Artikel aus den Blogs der F.A.Z. über die maschinelle Herstellung von Texten für Online-Medien. Man fragt sich: Ist man Teil eines Experiments?



Strafsteuer für Konfessionslose? Was für eine platte Polemik! Ein doppelter Widerspruch.

17. Mai 2012

Einige katholische Mandatsträger der Grünen haben ein Diskussionspapier über ihr Verhältnis zur Katholischen Kirche veröffentlicht. Das Magazin Telepolis hat zwei Aussagen aus dem Zusammenhang entnommen und zugespitzt.

Grüne wollen Konfessionslose mit »Kultursteuer« belegen.
Das Instrument soll Katholiken vom Kirchenaustritt abhalten

Diese Steuer will die Grünen-Gruppe ausschließlich von Konfessionslosen erheben, was Steuerpflichtige davon abhalten soll, aus der römisch-katholischen Kirche auszutreten.

Jetzt wird in manchen Blogs hitzig über die Einführung einer neuen »Strafsteuer« diskutiert. Als kritischer und neutraler Betrachter fragt man sich: Was steht denn wirklich in diesem Diskussionspapier? Ist die Analyse richtig? Sind die Schlussfolgerungen richtig?


Treten die Christen wirklich wegen der Kirchensteuer aus der Katholischen Kirche aus? Im Grunde wäre das nicht notwendig: Dem Kirchensteuerzahler entsteht kein finanzieller Nachteil gegenüber dem Konfessionslosen. Die Kirchensteuer kann bei der Einkommenssteuer-Erklärung geltend gemacht werden. [Edit:] Die steuerlichen Auswirkungen kann der Steuerberater berechnen. Rayson weist in den Kommentaren darauf hin, dass effektiv doch eine Belastung entsteht.


Eigentlich müsste also niemand wegen der Kirchensteuer aus der Katholischen Kirche austreten. Es gibt aber einige sehr persönliche Gründe für einen Austritt.

Die Führung der Katholischen Kirche hat bis heute nicht angemessen auf die vielen Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger innerhalb der Kirche reagiert. Über Jahrzehnte wurden diese Straftaten verdrängt und vertuscht. Das Organisationsversagen der Katholischen Kirche ist evident.

Man hört immer wieder von weiteren Problemen: Die Laienorganisationen der Katholiken fühlen sich seit Jahrzehnten von der Kirchenhierarchie missachtet und einige Gruppen fühlen sich aus der Kirche ausgegrenzt. Die Autoren aus den Reihen der Grünen haben das erkannt. Sie schreiben unter anderem:

Viele Gläubige empfinden das Verhalten der Kirchenleitung als Bevormundung und nicht als Ausdruck der befreienden und gütigen Botschaft Christi. (…) Die reine Lehre darf nicht wichtiger sein als die konkrete Fürsorge und Barmherzigkeit. Die Kirche kann nicht glaubwürdig die Barmherzigkeit Gottes verkünden, wenn sie z.B. wiederverheiratete Geschiedene lebenslänglich von der Eucharistie ausschließt.

Marginalie: Wenn man sich durch die gewundenen Sätze der ersten beiden Seiten dieses Papiers durchgekämpft hat, möchte man eigentlich nicht mehr umblättern. Kostprobe:

Was mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil so hoffnungsvoll begonnen hat – die Öffnung der Kirche zur Welt, die Verheutigung der christlichen Botschaft – hatte nicht lange Bestand.

Aus welcher Welt stammt denn bitte das Wort »Verheutigung«? Was soll das bedeuten? Und welches Heute ist gemeint? Das Zweite Vatikanische Konzil begann 1962 und endete 1965.


Die Autoren des Diskussionspapiers kommen jedenfalls selbst zu dem Schluss, dass es sehr viele Gründe für einen Austritt aus der Katholischen Kirche geben könnte. Aber dann reagieren sie wie echte Politiker: Der eigentliche Grund für den Austritt muss ein finanzieller Anreiz sein, den Menschen reagieren ja vornehmlich auf finanzielle Anreize:

Ist es sinnvoll zuzuschauen, dass viele Menschen wegen der Kirchensteuer aus unserer Kirche austreten? Wir meinen, es ist auch aus der Perspektive unserer Kirche richtig, einen Reformweg zu beschreiten, der sich am italienischen Vorbild einer »Kulturabgabe« orientiert, welche alle Menschen an eine gemeinnützige Institution ihrer Wahl entrichten. Dies stärkt die Position der Kirche mehr als Debatten über die kircheninternen Konsequenzen der Verweigerung von Kirchensteuerzahlung.

Hier stellt sich die spannende Frage: Wer soll einen Reformweg beschreiten? Die Katholische Kirche oder der Staat? Eine obligatorische Abgabe zu gemeinnützigen Zwecken nennt man Mandatssteuer. Doch diese Bezeichnung war den Autoren des Papiers offensichtlich zu deutlich. Die Bezeichnung »Kulturabgabe« klingt ja viel freundlicher.

Hier kommt trotzdem der zweite Widerspruch, diesmal gegen die Telepolis: Es handelt sich gerade um keine Strafsteuer, wenn alle Steuerzahler diese gemeinnützige Spende steuerlich geltend machen können. Das stellen die grünen Politiker nicht in Frage. Es muss sich nur jeder Steuerzahler entscheiden, welchem Zweck er das Geld zukommen lässt. Von einer Strafsteuer kann absolut nicht die Rede sein.


Ein weiteres Zitat aus dem Papier der grünen Katholiken zeigt allerdings, dass sie sich der Vorteile einer staatlich eingezogenen Steuer durchaus bewusst sind:

Wir halten es aber für richtig, dass die Kirchensteuer – egal in welcher Ausgestaltung – über staatliche Institutionen eingezogen werden kann. Dies vermindert bei allen Beteiligten Verwaltungskosten. Richtig bleibt auch, dass die Kirchensteuer wie Spenden an gemeinnützige Organisationen steuermindernd wirkt.

Das ist gleich mehrfach falsch. Erstens zahlen die beiden großen Kirchen für das Einziehen der Kirchensteuer eine Kostenpauschale an den Staat. Diese Kostenpauschale würde gar nicht entstehen, wenn die Mitglieder ihre Beiträge freiwillig an die Kirchen überweisen würden. Zweitens entsteht bei jedem Unternehmen mit abhängig Beschäftigten ein bürokratischer Aufwand, den niemand ausgleicht.

Insgesamt wäre es volkswirtschaftlich günstiger, wenn die Kirchenmitglieder ihren Beitrag freiwillig an die Kirche entrichteten und dafür eine Bescheinigung zur Vorlage beim Finanzamt bekämen.


Aber das Problem verbirgt sich wohl hinter dem Wort »Inkasso«. Ohne Staatsgewalt könnten die beiden großen Kirchen zum Beispiel diejenigen Bürger nicht mehr verfolgen lassen, die vor Jahrzehnten aus der Körperschaft Kirche austraten und es jetzt nicht mehr beweisen können. Diese Steuerpflichtigen werden vom Staat unbarmherzig zur Kasse gebeten. Wer also aus der Kirche austritt, sollte die Bescheinigung bis an sein Lebensende aufbewahren, wie die F.A.Z. Ende 2012 schrieb:

Sonst droht auch Menschen, die seit Jahrzehnten im Berufsleben stehen, plötzlich eine Nachforderung des Finanzamts über Kirchensteuern für die vergangenen fünf Jahre. (…) Das Problem: Die Beweislast für den Austritt liegt bei demjenigen, der einst getauft worden ist. (Quelle: F.A.Z.)


In einer älteren Ausgabe der F.A.Z. ist übrigens ein interessantes Gespräch mit einem Finanzwissenschaftler zu finden, in dem es um das Pro und Contra zum staatlichen Einzug der Kirchensteuer geht. Und ganz am Ende meines Artikels: Der Hinweis auf einen Artikel zum feinen Unterschied zwischen einem Christen und einem Kirchensteuerpflichtigen.



»Sie können das alles senden«: Horst Seehofer mit viralem Politmarketing via Youtube

15. Mai 2012

Ein seltener Moment der politischen Berichterstattung wird gerade bei SPON verlinkt: Der Politiker Horst Seehofer greift zum Äußersten und sagt seine Meinung. Sagt einfach im Nachgespräch zu einem Fernseh-Interview seine Meinung über Herrn Röttgen und die Hauptursachen für die krachende Niederlage in NRW.

Wenn Sie wenig Zeit haben: Beginnen Sie einfach an dieser Stelle des Videos. Wenn Sie etwas mehr Zeit haben: Schauen Sie sich das Interview oder das Nachgespräch (der Link führt an die Stelle nach 5 Minuten Videolaufzeit) komplett an.

Es lohnt sich. Denn in der ganzen Zeit seit Herbst 2009 war Horst Seehofer kein Zuschauer, sondern ein Akteur. Er hat selbst mit zu den Zuständen beigetragen, die er heute so wortreich beklagt. Doch auch wenn die Methode durchsichtig ist: Mit seinen Bemerkungen über das Weglaufen vor den eigentlichen Problemen der Politik hat er nicht ganz unrecht. Warum hören wir solche ungefilterten Meinungen so selten?


Via: Artikel bei SPON.

Ergänzung: Die Sache schlägt natürlich Wellen. Hier ist z.B. ein Beitrag von Falk Lueke, der auch nicht an einen Zufall glaubt. Mal sehen, was noch alles ans Tageslicht kommt.



Ich bin Urheber

10. Mai 2012

Ich kann einen Teil des Aufrufs »Wir sind Urheber« unterschreiben. Ich bin mit einem anderen Teil des Aufrufs nicht einverstanden. Damit Sie verstehen, in welcher Situation ich diesen Artikel schreibe, lege ich zuerst meine Situation offen.


Ich würde bei einer Zerschlagung des Urheberrechts sofort ein Drittel meiner Einnahmen als Freiberufler verlieren. Ich will das jetzt nicht näher begründen oder beschreiben. Glauben Sie mir bitte: Ich habe sehr gründlich darüber nachgedacht.

Ich habe in meinem Leben schon schlimmere Situationen gemeistert. Ich habe sehr gute Alternativen und ich werde immer weiterarbeiten.

Aber ich denke gar nicht so sehr an mich. Ich bin wütend, weil so viele Leute für einen ganz kurzfristigen Vorteil den Parolen der Urheberverächter folgen, ohne auch nur mittelfristig weiterzudenken. Denn was heute mit den Werken der Urheber geschieht, steht exemplarisch für jedes Produkt menschlicher Arbeit.


Die technische Entwicklung kommt niemals zum Stillstand. Der Erfindungsreichtum des Menschen ist so groß, dass er jedes Arbeitsgebiet grundlegend verändern kann. Heute trifft es die Urheber: Weil es die Technik erlaubt, wollen einige politische Kräfte alle Werke zwangsweise gemeinfrei machen.

Doch vielleicht trifft es morgen Ihren Industriezweig, Ihr Forschungsgebiet, Ihre Dienstleistung, Ihr Sozialwesen oder Ihre Verwaltung? Niemand kann es Ihnen sagen. Jedes Gebiet des menschlichen Schaffens kann innerhalb kurzer Zeit total verändert werden.

Die Marktwirtschaft ist die Grundlage unseres Wohlstands. Sie ist auf einem einfachen Prinzip aufgebaut: Leistung soll sich lohnen. Wer eine Leistung bringt, die andere nachfragen, wird dafür eine Gegenleistung bekommen. Wenn man dieses Prinzip auf einem Gebiet außer Kraft setzt, dann ist am Ende die gesamte Marktwirtschaft bedroht.


Nein, ich denke nicht an mich. Es gibt Autoren und Künstler, die zu hundert Prozent von urheberrechtlich geschützten Werken leben. Dazu kommen Übersetzer, Verleger, Lektoren, Techniker und viele andere Menschen. Sie arbeiten in Kooperation mit den Urhebern oder sind selbst Urheber. Hunderttausende Menschen leben in Deutschland letztlich vom Ertrag aus urheberrechtlich geschützten Werken.

Die technische Entwicklung hat das illegale Kopieren der Werke möglich gemacht. Die Betreiber einiger Plattformen haben damit millionenschwere Profite eingefahren und stehen nun völlig zu Recht vor Gericht. Das Geschäftsmodell dieser Straftäter war einfach: Viele Nutzer haben keine Lust, die Werke der Urheber zu honorieren. Also bieten wir ihnen die Werke kostenlos an und profitieren von der Gier der Masse.


Doch muss man wirklich mit der Masse mitmachen? Würde man mit der Masse jemanden treten oder mit der Masse extremistische Parolen brüllen, solange es keiner nachweisen kann? Würde man die Zeche prellen, wenn man in einem günstigen Augenblick in der Masse untertauchen kann?

Hoffentlich nicht! Warum glauben dann so viele Leute daran, dass man in der anonymen Masse das Urheberrecht brechen darf? Weil es niemand nachweisen kann? Aber wenn es keiner merkt, dann könnte man doch auch — ein wenig Treten, Brüllen oder Zechprellen?


Jeder Mensch, dem ich als Teil der Menge begegne, hat Respekt verdient — so auch der Wirt und der Urheber. Aktiver Respekt zeigt sich jeden Tag in unseren Entscheidungen und Meinungsäußerungen: Handle so, dass die Maxime Deines Handelns als Maxime des Handelns aller Akteure dienen kann.

Es gab in der Finanzkrise einen Tag, an dem ich besonders angewidert war. Das war der Tag, an dem ich eine teure Beratung angeboten bekam: Wir zeigen Ihnen, wie Sie ganz legal Ihre Rechnungen nicht bezahlen müssen, bis Ihre Gläubiger aufgeben oder bankrott sind. Kurzfristig verlockend.

In Wahrheit aber genauso widerlich wie das Geschäftsmodell von kino.to oder megaupload. Es war sofort klar: Wenn das alle machen würden, wäre die Wirtschaft bald zusammengebrochen. Deshalb: Handle so, dass die Maxime Deines Handelns als Maxime des Handelns aller Akteure dienen kann.


Und damit bin ich bei dem Teil, den ich nicht unterschreiben kann. Es fehlt mir in dem Aufruf eine kritische Distanz der Urheber-Köpfe zu den Exzessen der Verwertungsindustrie. Es fehlt mir auch die kritische Distanz zur Konzentration der Medienmacht in einigen wenigen Konzernen. Es fehlt der Hinweis auf die Ambivalenz zwischen dem Mitverdienen am Rechtsbruch und dem Anprangern des Rechtsbruchs.

Und es ist eine Sache in dem Aufruf völlig fehl am Platz: Der Seitenhieb gegen ominöse »Internetkonzerne«. Denn nicht die Internetkonzerne sind das Problem, sondern die Millionen Einzelentscheidungen der Nutzer — an jedem einzelnen Tag.


Zum Weiterlesen: Die (aus meiner Sicht sehr schwache) Gegenposition zum Aufruf der Urheber ist bei netzpolitik.org zu finden. Vor einiger Zeit hat sich Spreeblick in einem interessanten Artikel mit dem Thema befasst.



Worthülsen

8. Mai 2012

Noch ein Rätsel. Von wem stammen folgende Worthülsen und wann wurden diese Worte geschrieben?

Es ist nicht der Protest, der uns die Wähler zutreibt, sondern das Versagen der etablierten Parteien, die es nicht schaffen, den Bürger am politischen Geschehen teilhaben zu lassen. Wir bieten den Menschen in diesem Land, die sich ernsthaft an Politik beteiligen wollen, eine echte Alternative. Wir werden diese Demokratie mit neuem Leben erfüllen, wir werden Politik neugestalten.

(a) Von den Grünen nach ihrem ersten Einzug in den Hessischen Landtag.

(b) Von den Piraten nach ihrem Einzug in den Landtag Schleswig-Holsteins 2012.

(c) Von der Statt-Partei nach ihrem Einzug in die Hamburger Bürgerschaft.

(d) Von der Linkspartei nach ihrem Einzug in den Landtag Schleswig-Holsteins 2009.


Diese Sätze könnten von allen vier Parteien stammen. Sie sind problemlos austauschbar. Es gibt drei Möglichkeiten: Manche Partei etabliert sich und wird so wie alle anderen. Manche Partei bleibt ein wirkungsloser Außenseiter. Manche Partei verschwindet von der Bildfläche.

Die Worthülsen stammen übrigens vom Vorsitzenden der Piratenpartei aus dem Jahr 2012.



Ein kleines Rätsel zum Thema Meinungsmache

8. Mai 2012

Stellen Sie sich vor, dass Sie im ICE zwischen Köln und Frankfurt eine Zeitung finden. Der Zug jagt mit knapp 300 Kilometern pro Stunde durchs Land, kurz vor dem Frankfurter Flughafen wird ihnen langweilig und Sie lesen noch ein paar Minuten. Die Zeitung beschreibt einen Politiker einer traditionsreichen demokratischen Partei mit folgenden Worten:

Intrigant, Quertreiber, Windmacher, Star, Schuft, Springteufel

Welche deutsche Zeitung haben Sie gefunden und wen beschreibt sie?

(a) Die BILD schreibt über den griechischen Finanzminister.

(b) Das Zentralorgan der NPD schreibt über den SPD-Vorsitzenden.

(c) Die Süddeutsche Zeitung schreibt über einen FDP-Politiker.

(d) Die Rote Fahne schreibt über einen »neoliberalen« Lobbyisten.


Keine Angst: Es ist nicht die Boulevardzeitung und es ist auch kein extremistisches Blatt. Klicken Sie hier, um den ganzen Artikel zu lesen. So sieht die Meinungsmache zugunsten der FDP aus, die auf den Nachdenkseiten herbeiphantasiert wird …


Nachtrag am 10.05.2012: Heute hat sich Jan Fleischhauer bei SPON mit dem Artikel im »Neuen Süddeutschland« befasst. Überschrift: 100.000 Zeilen Hass.



Nur nicht nachdenken!

7. Mai 2012

An Wahlabenden werden Verschwörungstheorien geboren. Das Blog »Nachdenkseiten« hat heute morgen eine besonders schöne Verschwörungstheorie vorgestellt: Die Ergebnisse von gestern beruhen auf Meinungsmache. Von Meinungsmache profitiert besonders die FDP. So ist das!

Das kommt mir im Ansatz bekannt vor: Meinungsmache war schon in der DDR das Zauberwort des seligen Karl Eduard von Schnitz’ und der anderen SED-Ideologen, wenn das Verhalten der irregeführten Menschen im Kapitalismus erklärt werden sollte. Es ist bis heute eine herabwürdigende Begründung, denn damit wird unterstellt, dass die Menschen durch Meinungsmache obskurer Kräfte in beliebiger Richtung beeinflussbar seien.

Ich will gar nicht auf alle Bausteine dieser Theorie eingehen. Lesen Sie selbst, wie der Autor in seiner unergründlichen Weisheit das Ergebnis der Wahl in Schleswig-Holstein analysiert, ohne die Piratenpartei auch nur einmal zu erwähnen.

Doch ein Zitat gönne ich mir, weil es stellvertretend für andere Teile zeigt, aus was für billigem Plastik diese Theorie geschnitzt ist:

Und Sie werden jetzt in der weiteren Zeit auch nichts anderes mehr über die Linke hören, als die vom zitierten Bonner Professor Decker intonierte Linie: »Die Linke kann sich in den westdeutschen Ländern nicht verankern. Sie bleibt eine ostdeutsche Regionalpartei.«

Was soll man denn nach dieser Wahl sonst über die Linkspartei berichten? Sie war im Kieler Landtag und sie hatte ihre Chance. Sie konnte in Schleswig-Holstein aber kaum noch jemanden überzeugen. Vielleicht lag es ja daran, dass diese Partei im Westen altlinke Sektierer geradezu magisch angezogen hat?

Die LINKE hat in Schleswig-Holstein seit 2009 insgesamt 62.000 Wähler verloren und von keiner einzigen Gruppe Wähler gewonnen. Es ist interessant, an welche Gruppe die LINKE die meisten Wähler verloren hat: 39.000 von den 62.000 wurden Nichtwähler. Lag das an der unterstellten »Meinungsmache zugunsten der FDP« oder an den Fehlern der Linkspartei?



Wahlkampf in der BUNTEn

7. Mai 2012

Die F.A.S. gibt uns Männern jeden Sonntag einen kleinen Einblick in die Welt der ganz speziellen Frauenzeitschriften — mit ironischer Distanz und immer sehr unterhaltsam. Nur selten verirrt sich eine Meldung aus der Politik in die Rubrik »Herzblatt-Geschichten«.

Doch in NRW wird am kommenden Sonntag gewählt und da zählen natürlich auch die Stimmen der Leserinnen dieser Herzblätter. Also hielt es die CDU für richtig, ihren Spitzenkandidaten Norbert Röttgen in der Zeitschrift BUNTE zu positionieren.

Soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, hat die Zeitschrift BUNTE journalistisch völlig unabhängig gearbeitet und investigativ recherchiert. So unabhängig und investigativ, dass die CDU den Beitrag direkt auf ihrer Wahlkampf-Website einsetzen konnte.


Aber das ist noch nicht die Pointe. In den »Herzblatt-Geschichten« erfahren wir nämlich von Ebba Röttgen via BUNTE, was wir über Norbert Röttgen immer schon wissen wollten:

Mein Mann hinterfragt übrigens jeden Punkt meiner Einkaufsliste, ob das denn wirklich alles notwendig ist.

Die F.A.S. kommentiert süffisant:

Das mag jetzt nicht sehr sympathisch und recht knauserig klingen, ist aber in Zeiten klammer NRW-Kassen subtilste Wahlwerbung für den Gatten.


An dieser Stelle legte ich gestern die Zeitung weg, ging ins Arbeitszimmer und suchte bei Google nach Ebba und Norbert Röttgen. Das konnte unmöglich alles gewesen sein. Oft ist so ein Zitat subtil (subtilst?) aus dem Zusammenhang gerissen und man findet in der Nachbarschaft etwas noch Groteskeres. Frau Röttgen im O-Ton:

Mein Mann hinterfragt übrigens jeden Punkt der Einkaufsliste, ob das denn wirklich alles notwendig ist. Letztendlich kauft er dann aber doch alles … 

Treffer.


Fassen wir den Verwertungskreislauf kurz zusammen: Die Volkspartei initiiert eine herzergreifende Home-Story in einer bunten Publikumszeitschrift. Die Zeitschrift produziert diese Home-Story. Das fertige Produkt wird auf der Kampagnen-Website der Partei ausgiebig zitiert.

Dabei schafft die CDU ein besonderes Kunststück der politischen PR: Der Kandidat wird im ersten Satz als sparsam und im zweiten Satz als großzügig beschrieben. Das ist vermutlich optimal für solche Wählerinnen und Wähler, die sich immer nur einen Satz gleichzeitig merken können.


Zum Abschluss noch ein Bonbon für Freunde der politischen Blähsprache. Die Überschrift auf der Website der NRW-CDU lautet:

Ebba und Norbert Röttgen gemeinsam im Gespräch mit der BUNTEN.

Merke: Im Wahlkampf muss man in jeder Situation das Wort »gemeinsam« verwenden, auch wenn es sich eigentlich von selbst versteht.

Vermutlich ist die ganze Aktion als subtil(st)e Wahlwerbung für die anderen Kandidaten angelegt und ich habe es nur noch nicht gemerkt.



Die Piraten nehmen die Sitze der Linkspartei ein …

6. Mai 2012

Im Jahr 2009 war es in Schleswig-Holstein en vogue, die Linkspartei zu wählen, wenn man seinen Protest gegen die »etablierten Parteien« ausdrücken wollte. Das blieb weitgehend folgenlos. Die Linkspartei wollte mit niemandem koalieren und niemand wollte mit der Linkspartei koalieren.

Im Jahr 2012 ist es in Schleswig-Holstein en vogue, die Piraten zu wählen, wenn man seinen Protest gegen die »etablierten Parteien« ausdrücken will …



Ein Artikel bei SPON. Ein Bericht aus einem Blog.

3. Mai 2012

Es liegen Welten dazwischen: SPON und Zettels Raum berichten in den Morgenstunden über das Duell zwischen den Kandidaten Nicolas Sarkozy und François Hollande.

Hier ist der Artikel bei SPON. In diesem Artikel berichtet der Autor in weiten Teilen über Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten. Er ist in diesen Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten auch noch so plump parteiisch, dass man sich beim Lesen schämt. Einige Fakten über den Inhalt des Duells erfährt man immerhin am Ende des Artikels, wenn man bis dahin nicht aufgegeben hat.

Hier ist der Artikel in Zettels Raum. In diesem Artikel finde ich eine kühle und kluge Analyse des Duells. Obwohl Zettel aus ökonomischer und politischer Sicht eher für Sarkozy ist, ist sein Artikel in einem angenehm sachlichen Ton verfasst. Er behandelt beide Politiker — in ihren Schwächen wie in ihren Stärken — mit Respekt.

Wenn man wirklich etwas über die politische Entwicklung in unserem großen Nachbarland wissen will, kommt man derzeit in den deutschen Medien nur selten auf seine Kosten. Im Anschluss an die Diskussion von gestern: Es muss doch irgendein Modell geben, in dem man die Leistungen von Bloggern honorieren kann, die außerordentlich informative Beiträge liefern. Die bisher ausprobierten Modelle kenne ich alle, aber sie überzeugen mich nicht …



Und wer zahlt wirklich für den Rabatt in Pillnitz?

25. April 2012

Einen wirklich faulen Kompromiss erkennt man daran, dass er einer Erklärung bedarf. Der Rabatt für den Eintritt in den Schlosspark Pillnitz ist in dieser Hinsicht ein wahres Prachtstück.

Die beiden Dresdner Zeitungen »DNN« und »SZ« sind nun endlich ihrer Verantwortung nachgekommen und haben zumindest damit begonnen, nach den wahren Zusammenhängen zu fragen. Als Leser erfahre ich heute morgen:

Der Freistaat Sachsen kassiert in Pillnitz nur noch die Hälfte des Preises, wenn der Besucher entweder Stammkunde der DVB oder der DREWAG ist. Der Freistaat verzichtet also bei diesen Gästen auf 50% der Einnahmen, aber er diskriminiert die Autofahrer, die Kunden anderer Energieversorger und die Touristen. So weit, so schlecht.


Aber woher kommen dann die Einnahmen für den Schlosspark?

Die beiden städtischen Unternehmen DVB und DREWAG werden dem Freistaat diese Einnahmenverluste nicht ausgleichen. Stattdessen wird heute in den »Dresdner Neuesten Nachrichten« angegeben: »Als Ausgleich für den gewährten Nachlass bei Drewag und DVB-Stammkunden erhalten die Staatlichen Schlösser und Gärten den Angaben zufolge von den Unternehmen Werbeleistungen.« DVB und DREWAG bestätigen: Es gäbe »keine finanziellen Transaktionen«.


Gibt es Werbung ohne finanzielle Transaktionen?

Schauen wir uns diese Seite des faulen Kompromisses genauer an. Die DVB hat eine begrenzte Anzahl an Werbeflächen zur Verfügung. Sie kann diese Werbeflächen entweder vermarkten oder kostenlos zur Verfügung stellen. Wenn sie die Werbeflächen kostenlos zur Verfügung stellt, verzichtet sie auf Einnahmen. Zusätzliche Werbeflächen können nur durch Investitionen geschaffen werden. Werden sie kostenlos bereitgestellt, bringt die Investition keinen Ertrag.

Ob die Werbung nun kostenpflichtig oder kostenlos abgegeben wird: In jedem Fall müssen die Medien für die Werbung erstellt werden. Das Bekleben einer Straßenbahn mit Folie, das Drucken von Printprodukten oder das Erstellen eines Werbespots sind Leistungen, die niemals kostenlos erbracht werden können. Entweder bezahlt dafür die DVB oder die Verwaltung der freistaatlichen Schlösser.

Für die DREWAG gilt sinngemäß dasselbe. Man kommt zu dem Schluss: Dieser faule Kompromiss kostet immer unser Geld als Steuerzahler, als Straßenbahnfahrgast oder als Stromkunde — auch wenn er verfälschend als »Kooperation« bezeichnet wird. Es gibt in Wirtschaft und Politik nichts Kostenloses.


Man muss doch aber den Effekt dieser Kooperation berücksichtigen?

Jetzt könnte ein ganz schlauer Mensch kommen und einwenden: Aber was passiert, wenn sich die Anzahl der Besucher in Pillnitz verdoppelt, wenn die DREWAG dadurch Kunden zurückgewinnt und wenn die DVB dadurch mehr zahlende Fahrgäste haben? Dann wäre es doch kein fauler Kompromiss mehr!

Doch. Es bleibt ein fauler Kompromiss. Denn jeder Bürger kann jeden Euro nur einmal ausgeben. Und auch die beteiligten Unternehmen können jeden Euro nur einmal ausgeben.

Die Kosten dieser Maßnahme werden natürlich Auswirkungen auf die Bilanzen der beteiligten Unternehmen haben: Einnahmeverluste bei der Werbung und/oder Kosten für die Erstellung der Werbemedien und/oder andere »Kooperationskosten«.

Folglich wird es Auswirkungen auf die Energiekosten, auf die Kosten der Straßenbahn-Tickets, auf die Subventionen für die Verkehrsbetriebe und/oder auf die Höhe des Eintrittsgeldes in Pillnitz geben.

All dieses Geld würden die Bürger und Unternehmen sonst für andere Waren oder Dienstleistungen ausgeben, die nun nicht mehr nachgefragt werden. Es kann also niemals eine zusätzliche Leistung »geschaffen« werden, sondern es wird auf andere Leistungen verzichtet. Die Ökonomie lässt sich nicht austricksen ;-)


Können die Rabatte rückwirkend geltend gemacht werden?

Ein besonderes Bonbon habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Mir wurde soeben mitgeteilt:

Laut Abstimmung mit »Schlösser und Gärten« können Sie den Rabatt für eine bereits gekaufte Jahreskarte nachträglich geltend machen.

Das ist ja nun der Gipfel: Man kann eine bereits getroffene Kaufentscheidung zu 50% rückgängig machen. Und mit der Jahreskarte kann ich dafür sogar »kostenlos« einmal nach Pillnitz und wieder zurück fahren. Nur gut, dass in Pillnitz bis zum Sonntag augenscheinlich weniger als 2.000 Jahreskarten verkauft worden sind: Ich habe die Nummern 1671 und 1672 …


Ergänzung (1): Wie kann man das Thema politisch ausschlachten?

Es gibt eine interessante Seite der Parkeintritt-Gegner mit vielen Links zu Medien-Meldungen zum Thema Pillnitz. Die jüngsten Meldungen stehen immer ganz unten.

Dort habe ich gerade einen Bericht der »Sächsischen Zeitung« gefunden, in dem zuerst die FDP lächerlich gemacht wird, um dann über Pillnitz berichten zu können. Das ist ja inzwischen eine regelrechte Kampagne. Die FDP ist zwar der Absteiger der Saison, aber Nachtreten gilt im Fußball traditionell immer noch als grobes Foulspiel.

Nun hat Herr Zastrow — wie so oft — zuerst gepoltert und dann nachgedacht. Und manch andere Wortmeldung war wohl etwas differenzierter. Aber die Art und Weise, in der die SPD-nahe »Sächsische Zeitung« die Sache ausschlachtet, finde ich trotzdem befremdlich. Fette Überschrift und Unterzeile:

FDP missversteht den Rabatt für Parkeintritt in Pillnitz

Holger Zastrow glaubt, dass städtische Unternehmen die Karten subventionieren, was nicht stimmt. Stattdessen sind Drewag-Kundenkarten gefragt wie nie zuvor.

Was soll dieser Unsinn? Differenziert und ökonomisch betrachtet hat Herr Zastrow nicht unrecht.



Und wer zahlt?

24. April 2012

Die Pressemitteilung der Stadt Dresden und ihrer Oberbürgermeisterin ist eine Freude für viele Dresdner — sofern sie sich noch keine Jahreskarte für den Schlosspark Pillnitz gekauft haben, wie ich am Sonntag ;-)

jahreskarte_klein

Jahreskarte vom 22.04.2012 …


Für Stammkunden der DREWAG und der Dresdner Verkehrsbetriebe AG (DVB) halbiert sich der Preis einer Jahreskarte für den Besuch des Pillnitzer Schlossparks. Unter dem Titel „Gartenfreund für ein Jahr“ kostet die spezielle Dauerkarte dann lediglich 4,00 statt der sonst fälligen 8,00 Euro. Diese Vergünstigung gilt für alle, die beim Kauf eine DREWAG-Kundenkarte oder eine Abo-Monatskarte bzw. Jahreskarte der DVB vorlegen.


Ich kann mir keinen fauleren Kompromiss vorstellen: Die Oberbürgermeisterin hat laut Zeitungsmeldungen dafür gesorgt, dass dieser Rabatt zustandekommt. Aber niemand schreibt, wer denn eigentlich die Kosten trägt. Die DNN formulieren es so:

Ab sofort bieten Dresdner Verkehrsbetriebe und Drewag ihren Kunden die Pillnitzer Jahreskarte „Gartenfreund für ein Jahr“ zum halben Preis an. Inhaber von Abo-Monatskarten, Jobtickets oder Jahreskarten der Verkehrsbetriebe (derzeit etwa 80000 Personen) sowie Besitzer der Drewag-Kundenkarte (bisher rund 67000) zahlen jetzt vier, anstatt normalerweise acht Euro. Dieses Sonderangebot speziell für die Dresdner hat Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) auf den Weg gebracht.


Interessant: Die Stadt schreibt, dass man den Rabatt einfach bei Vorlage der Jahreskarte oder Kundenkarte erhält. Damit kann ja eigentlich keine Registrierung verbunden sein. Die Zeitung schreibt, dass die beiden städtischen Unternehmen den Rabatt anbieten. Aber wer trägt denn nun wirklich die Kosten für den Rabatt?

  • Verzichtet der Freistaat auf die Hälfte des Eintrittspreises?
  • Zahlen die hochsubventionierten Dresdner Verkehrsbetriebe?
  • Wird die DREWAG die Kosten auf unsere Wassergebühren oder Stromrechnungen aufschlagen?

TANSTAAFL (Nichts ist umsonst). Um eine Sache zu bekommen, die wir mögen, müssen wir üblicherweise eine andere Sache aufgeben, die wir mögen. Entscheidungen zu treffen bedeutet, Ziele gegeneinander abzuwägen (N. Gregory Mankiw).


Bei den Dresdner Verkehrsbetrieben findet man keine Antwort:

Wir freuen uns außerordentlich, dass es der Oberbürgermeisterin gelungen ist, diesen Rabatt für DVB- und DREWAG-Kunden zu vereinbaren und damit den Beginn einer Partnerschaft zwischen den Stadtunternehmen und den Staatlichen Schlössern und Gärten zu begründen.

Wenn sie sich so außerordentlich freuen, dann zahlen sie wohl nicht? Auf der DREWAG-Website ist die Meldung bis jetzt noch gar nicht angekommen. Und in der Zeitung steht auch nichts Eindeutiges. Warum fragt niemand nach?


Noch einige Ergänzungen. Die Oberbürgermeisterin wurde gestern folgendermaßen zitiert:

„Ich bin sehr dankbar, dass die städtischen Unternehmen jetzt ihren Kunden eine so preiswerte Lösung anbieten können“, sagte sie gestern Abend. Das Angebot sei auch „ein Signal an den Freistaat, dass die Stadt Dresden nach Lösungen sucht.“

Die DREWAG macht es sich ganz einfach. Sie mischt die Pressemitteilung der Stadt mit etwas Eigenwerbung für ihre Kundenkarte.

Fassen wir zusammen: Der Chef der DVB freut sich außerordentlich, dass es der Oberbürgermeisterin gelungen ist, diesen Rabatt zu vereinbaren. Die DREWAG erklärt uns den Rabatt als Vorteil ihrer Kundenkarte. Die Oberbürgermeisterin ist sehr dankbar, dass DVB und DREWAG diesen Rabatt anbieten. Aber niemand sagt uns, wer dafür zahlt. Sind wir kleine Kinder, denen man die Wahrheit nicht zumuten kann?



Zwei Meldungen zu unserem Geld

20. April 2012

Am 16.04.2012 schrieb die Frankfurter Allgemeine unter dem Titel Doppelschlag aufs Online-Konto

Ein Computervirus macht den von den Banken versprochenen Sicherheitsgewinn durch neue Verfahren für Online-Überweisungen zunichte. In Spanien wurden mit seiner Hilfe schon drei Millionen Euro erbeutet.

Die Dresdner Neuesten Nachrichten berichten zwei Tage später über unsere regionale Ostsächsische Sparkasse.

Von den immerhin rund 600000 Sparkassenkunden nutzen Hoof zufolge inzwischen rund 180000 das online-Banking. Nicht nur bei diesem Service schreibe sein Geldinstitut das Thema Sicherheit groß: Ab Herbst werde die OSD auch alle EC-Karten austauschen. Die neuen haben einen so genannten NFC-Chip, der für “kontaktloses Bezahlen” vorbereitet ist, bei dem der Rechnungsbetrag im Geschäft ohne Bezahlvorgang direkt über die Karte abgebucht werden kann.

Im Grunde besteht der ganze Artikel nur aus einer Wiedergabe der Aussagen des Vorstandsvorsitzenden. Das Thema Sicherheit wird überhaupt nicht hinterfragt. Dabei könnten sich die Redakteure durch einfaches Zeitunglesen oder auf den Seiten des Heise-Verlags informieren.

Auch über den NFC-Chip hat der Journalist der DNN keine Hintergrundinformation recherchiert: Es handelt sich um eine Art Vorauszahlungs-Modell, bei dem man den Chip »aufladen« muss. Der Betrag wird also nicht über die Karte abgebucht, sondern von einem vorher aufgeladenen Guthaben abgezogen. Und natürlich ist das ein Bezahlvorgang. Er ist nur einfacher gestaltet.

Einige werden sich allerdings erinnern: Das Prinzip gab es schon mal (allerdings nicht kontaktlos). Man nennt es »Geldkarte« und es ist bis heute kein wirklich großer Erfolg geworden.



Eine Wortmeldung zum Abgeordneten-Maulkorb

15. April 2012

Der Kollege Rayson hat am Ende der Woche auf eine Meldung verwiesen, die in den Osterferien fast untergegangen ist:

Bisher stand Bundestags-Abgeordneten mit einer eigenständigen Meinung die Möglichkeit offen, diese Meinung in einem kurzen Redebeitrag zu begründen. Dieses Recht soll nun wegfallen.

Dabei ist es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wenn der direkt gewählte Abgeordnete meines Dresdner Wahlkreises anderer Meinung ist als sein Fraktionsvorsitzender Volker Kauder, dann soll er das auch im Bundestag sagen dürfen! Dafür repräsentiert er ja diesen Wahlkreis.

Im Bundestag gibt es einen Ausschuss, der für die Festlegung der Regeln im Parlament zuständig ist. Dieser Ausschuss hat mit den Stimmen von CDU, SPD und FDP beschlossen, das Rederecht der Abgeordneten einzuschränken. Das geschah maßgeblich auf Betreiben eben dieses CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder:

Wenn alle reden, die eine von der Fraktion abweichende Meinung haben, dann bricht das System zusammen.

Merkwürdigerweise ist das System in all den Jahrzehnten, in denen diese Regelung gegolten hat, kein einziges Mal zusammengebrochen. Selbst in der wichtigen Debatte um die Euro-Rettung haben gerade einmal zwei(!) Abgeordnete in jeweils fünf Minuten ihre von der Fraktion abweichende Meinung dargelegt.

Eine Kommentatorin fragt in ihrem Kommentar zu Raysons Artikel:

Warum erzeugt das bisher so wenig öffentlichen Unmut? Für mich ist das der Tropfen bei dem der Stein verdampft.

Dieser Artikel ist ein kleines Stück öffentlicher Unmut. In diesem Fall passt wirklich der Slogan »Empört Euch!«. Denn wozu sollte ich einen Abgeordneten direkt wählen, wenn der dann im Bundestag nicht mal fünf Minuten lang seine eigene Meinung sagen darf?



Wie ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1399 von der Stadtverwaltung Dresden in Bürokratensprache übesetzt wurde

12. April 2012

In einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung Dresden wird ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1399 wie folgt zitiert:

Mit der Bleibulle des Papstes Bonifatius IX. an rot und gelben Seidenfäden erteilt dieser allen, „die der täglich in der Kapelle des heiligen Kreuzes durch die Geistlichkeit stattfindenden Absingung des „Salve Regina” in Andacht beiwohnen werden, einen 40-tägigen Ablass”.

Im ersten Augenblick dachte ich: Alle Achtung! Ein Papst hat im Jahr 1399 den bürokratischen Sprachstil des Jahres 2012 vorweggenommen. Vielleicht gab es dafür einen guten Grund? Hat die täglich durch die Geistlichkeit stattfindende Absingung so schräg geklungen, dass man den Gläubigen dafür einen Ablass versprechen musste?

Aber dann kamen Zweifel auf: In diesem Stil haben die Päpste doch damals eigentlich nicht geschrieben? Freundlicherweise hat die Stadtverwaltung auch die Übersetzung der päpstlichen Bulle zur Verfügung gestellt. Darin heißt es:

Nachdem wir es deshalb so in Bezug auf die Kapelle des heiligen Kreuzes in der Stadt Dresden in der Meißner Diözese gehört haben, in der — wie behauptet wird — die besagte ruhmvolle Jungfrau durch das göttliche Wirken mit vielen Wundern strahlte und in dieser Kapelle wegen der Verehrung und Ehrerbietung dieser ruhmvollen Jungfrau gegenüber an jedem Tag zur späten Stunde die Antiphon über die ruhmvolle Jungfrau, die mit »Salve regina misericordiae« beginnt, durch den Klerus der genannten Stadt gewöhnlich feierlich und andächtig gesungen würde und weil zu dem derartigen Absingen eine große Menge des Volkes dieser Stadt mit Andacht zusammenkäme, erlassen wir, die wir wollen, dass die an Christus Glaubenden deshalb eifriger um der Andacht willen zu dem derartigen Absingen zusammenströmen, wodurch sie sich deshalb als dort reicher durch das Geschenk der himmlischen Gnade Gestärkte ansehen, wir erlassen [also] gemäß der Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes und im Vertrauen auf die Vollmacht seiner seligen Apostel Petrus und Paulus allen aufrichtig Büßenden und Beichtenden, die die Kapelle zu dieser Zeit andächtig besuchen und bei dem Gesang anwesend sind – wie vorgeschrieben, barmherzig 40 Tage von den ihnen auferlegten Bußen.

Den zuständigen Mitarbeitern der Stadtverwaltung würde ich gern mal den Unterschied zwischen Zitat und Paraphrase erklären. Und ich bin natürlich gespannt, ob die oben zitierte »Absingung« morgen in den Medien auch als Zitat auftauchen wird ;-)


DNN- und LVZ-Meldung: Manipulation oder Fahrlässigkeit?

10. April 2012

In der gedruckten DNN vom Gründonnerstag (05.04.2012) wurde die FDP in eine Reihe mit Neonazis und repressiven bewaffneten Organen Russlands gestellt:

Berlin/Bad Lausick (DNN). Der wegen seiner Homosexualität unter anderem in Russland von bewaffneten Organen und in Deutschland von Neonazis bedrohte Grünen-Spitzenpolitiker Volker Beck wird jetzt auch offen aus der FDP heraus bedroht.

Es stellt sich jetzt heraus, dass die Parteizentrale der FDP bereits mit Datum vom 03.04.2012 richtiggestellt hat: Die Absenderin der obskuren homophoben E-Mail ist nicht Mitglied der FDP. Das Portal queer.de hat dankenswerterweise ein Schreiben des Generalsekretärs Patrick Döring dokumentiert. Auf dem Fax ist ein Sendevermerk vom 04.04.2012 zu sehen.

Stellungnahme FDP: Klick vergrößert …

Ausriß aus der Stellungnahme der FDP.

In den Online-Ausgaben der DNN und der LVZ wurde der Wortlaut des ursprünglichen Artikels noch am 05.04.2012 klammheimlich geändert (ich habe darüber schon am Samstag berichtet). Dabei wurde die FDP aus der Einleitung der Meldung entfernt und plötzlich nicht mehr in einer Reihe mit Neonazis gestellt:

Der wegen seiner Homosexualität unter anderem in Russland von bewaffneten Organen und in Deutschland von Neonazis bedrohte Grünen-Spitzenpolitiker Volker Beck wird jetzt auch offen aus Sachsen heraus verbal angegriffen.

Am Ostersamstag (07.04.2012) war dann wiederum in der gedruckten DNN folgendes zu lesen:

Nachdem die Dresdner Neuesten Nachrichten am Donnerstag über die diffamierenden und beleidigenden Äußerungen der 39-Jährigen gegenüber Volker Beck berichtet hatte, klingeln die liberalen Drähte heiß. In Berlin und Dresden distanziert man sich von den Äußerungen der Bad Lausickerin.

Ein wichtiges Detail stimmt dabei nicht. Die FDP-Zentrale hat bereits vor dem Erscheinen des ersten LVZ/DNN-Artikels gegenüber dem Abgeordneten Volker Beck klargestellt, dass die Absenderin nicht Mitglied der FDP ist. Jetzt stellen sich folgende Fragen:

  1. Wann hat das Büro des Abgeordneten Beck vom Dementi der FDP-Zentrale erfahren?
  2. Wann hat das Berliner Büro der Leipziger Volkszeitung vom Dementi der FDP-Zentrale erfahren?
  3. Warum hat das Berliner Büro der Leipziger Volkszeitung nicht von selbst bei der FDP angefragt?
  4. Warum wurde der einleitende Satz des ursprünglichen Artikels in dieser diffamierenden Form verfasst?
  5. Warum wurde die Formulierung in den Online-Ausgaben von LVZ und DNN noch am 05.04.2012 stillschweigend geändert?

Ergänzung #1 am 10.04.2012 um 13.10 Uhr — eine Twitter-Meldung des Abgeordneten Volker Beck vom 05. April (interessanterweise twittert er nicht, dass im selben Schreiben auch die FDP-Mitgliedschaft der Absenderin dementiert wurde):



Einreiseverbot für Karl Eduard von Grass

9. April 2012

Warum Günter Grass nach Israel eingeladen werden sollte

Karl Eduard von Schnitz(ler) war ein Moderator des DDR-Staatsfernsehens. Er hat damals Bruchstücke aus den Nachrichtensendungen und politischen Magazinen von ARD und ZDF entnommen, aus dem Zusammenhang gerissen und für die SED-Propaganda missbraucht.

Die Beiträge des Schwarzen Kanals waren schon in Prosa unerträglich. Wenn Karl Eduard von Schnitzler auch noch gedichtet hätte, wäre dabei wohl ein Poem wie »Was gesagt werden muss« entstanden: falsch eingeordnete Halbwahrheiten, gemischt mit Propaganda, gesetzt in Knittelversen.

Es war aber im »Schwarzen Kanal« nie alles falsch. Die Ausschnitte aus dem Westfernsehen waren nicht gefälscht und — man sollte es nicht vergessen – an jedem demokratischen Staat muss auch Kritik geübt werden, ob er nun BRD, USA oder Israel heißt. Der »Schwarze Kanal« war nur deshalb so abstoßend, weil die Informationen böswillig und demagogisch in ein ideologisches Schwarz-Weiß-Schema eingeordnet wurden.

Es ist auch an dem Poem »Was gesagt werden muss« nicht alles falsch. Doch es werden auch in diesem Fall Informationen in einen völlig falschen Zusammenhang eingeordnet: Israels kleines Raketen- und Atomwaffenpotential ist nach aller militärischen Logik nur zur Abschreckung und zum Zweitschlag geeignet. Das Wort Abschreckung ist schrecklich genug, aber die Raketen sind angesichts der tödlichen Bedrohungen auch schrecklich notwendig.

Über die Person Karl Eduard von Schnitzler hat die Geschichte ihr Urteil gesprochen.

Doch den Schriftsteller Günter Grass möchte ich unbedingt differenziert betrachten. Nachdem es die anerkannte dichterische Freiheit gibt: Warum sollten Schriftsteller und Dichter nicht auch den einen oder anderen Avatar am Kabel führen?

Ein Vorschlag zur Güte: Das Poem »Was gesagt werden muss« könnte einem fiktiven Dichter mit dem Pseudonym Karl Eduard von Grass zugeschrieben werden. Dieser Dichter hätte zu Recht Einreiseverbot in Israel.

Der Schriftsteller Günter Grass sollte aber nicht aus Israel ausgesperrt, sondern nach Israel eingeladen werden, damit er sieht, wie schrecklich die Konsequenzen einer Zerstörung Israels wären.

Tatsache ist: Günter Grass hat über Jahrzehnte engagiert an der politischen Meinungsbildung mitgewirkt. Er hat die demokratische Partei SPD und den demokratisch gewählten Kanzler Willy Brandt unterstützt. Unabhängig davon, wie man zu den politischen Aussagen des Günter Grass, zur SPD und zu Willy Brandt steht: Das war richtig und notwendig.

Deshalb soll man Günter Grass’ verunglücktes und einseitiges Poem in der Luft zerreißen, ihm selbst aber den angemessenen Respekt zollen. Das Einreiseverbot und die Forderungen nach Aberkennung des Nobelpreises sind unsinnig.



Unmerklich geändert

7. April 2012

Der Grünen-Politiker Volker Beck hat von einer Stadträtin aus dem kleinen Ort Bad Lausick in Sachsen eine homophobe E-Mail bekommen. Die »Leipziger Volkszeitung« (LVZ) hat zu diesem Thema am 05.04.2012 um 09.00 Uhr eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der es heißt:

Der wegen seiner Homosexualität unter anderem in Russland von bewaffneten Organen und in Deutschland von Neonazis drangsalierte und bedrohte Grünen-Politiker Volker Beck wird jetzt auch offen aus der FDP heraus bedroht. (Quelle 1, abgerufen am 07.04.2012 um 18.20 Uhr)

Man darf bei einer Veröffentlichung im offiziellen Presseportal davon ausgehen, dass der Artikel ursprünglich so verfasst wurde und auch so gemeint war. Im aktuell abrufbaren Artikel (mit dem Datum vom 05.04.2012, 14:40 Uhr) heißt es ohne Hinweis auf eine Berichtigung der ursprünglichen Mitteilung:

Der wegen seiner Homosexualität unter anderem in Russland von bewaffneten Organen und in Deutschland von Neonazis bedrohte Grünen-Spitzenpolitiker Volker Beck wird jetzt auch offen aus Sachsen heraus verbal angegriffen. (Quelle 2, abgerufen am 07.04.2012 um 18.24 Uhr )

Die Hervorhebungen in beiden Zitaten sind von mir. Die Leipziger Volkszeitung sollte so viel Zivilcourage besitzen, ihre Pressemitteilung in dieser entscheidenden Passage zu korrigieren und die Öffentlichkeit über die Berichtigung zu informieren.

In der gesamten Original-Pressemeldung wird eindeutig das journalistische Grundprinzip »Audiatur et altera pars« verletzt: Ganz offensichtlich hat niemand recherchiert, ob die Absenderin überhaupt Mitglied der Partei FDP ist und ob sie FDP-Positionen wiedergegeben hat.

Beides trifft nicht zu: Das Portal publikative.org hat einen Screenshot der kompletten E-Mail an den Grünen-Politiker veröffentlicht. In dieser E-Mail kommt die Bezeichnung FDP gar nicht vor. Die Absenderin ist auch nicht Mitglied der FDP.

Man kann ja über die FDP sehr geteilter Meinung sein. Aber halten wir uns an die Fakten: Die FDP hat genauso wie die Grünen und andere demokratische Parteien einen offiziellen Verband homosexueller Parteimitglieder und diese haben sich z.B. erst im März 2012 ganz klar gegen die Diskriminierung homosexueller Menschen und gegen homophobe Hetze in Russland ausgesprochen. Und falls es in Vergessenheit geraten sein sollte: Der ehemalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle war selbst oft das Ziel homophober Attacken.

Es gibt also nicht den geringsten Grund für die Annahme, dass der Grünen-Politiker Volker Beck aus der FDP heraus bedroht worden wäre. Er hat eine homophobe, beleidigende (und nebenbei: äußerst wirre) E-Mail einer Kommunalpolitikerin erhalten, die früher mal in der FDP war. Mehr ist nicht passiert. Diese Presseportal-Meldung sollte für die LVZ Anlass zur Selbstkritik und Richtigstellung sein.



Schreckensmeldungen

29. März 2012

SPON macht gerade mit der Schreckensmeldung des Tages Furore:

+++ EILMELDUNG +++
Hilfen für Schlecker-Mitarbeiter endgültig gescheitert

Vielleicht darf man mal ganz vorsichtig daran erinnern, dass die Hilfe unseres Sozialstaats für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch ohne Transfergesellschaft im weltweiten Maßstab vorbildlich ist. Es ist überhaupt nichts gescheitert, nur weil es nach aktuellem Informationsstand keine Transfergesellschaft geben wird.

Die Transfergesellschaft wäre auch ungerecht – gegenüber all den Mitarbeitern aus kleinen und mittleren Unternehmen, die im März ihre Arbeit verloren haben und ab 1. April Arbeit suchen. Alle haben die gleichen Beiträge zur Arbeitslosenversicherung geleistet und alle haben ihre Lohnsteuern gezahlt. Warum soll der Staat eine Gruppe willkürlich stark bevorzugen und mit vielen Millionen Euro abfedern? Was ist denn mit den anderen?

Natürlich ist es ein Schock, wenn eine große Handelskette viele Menschen entlassen muss. Aber alle diese Menschen werden weder ihre Krankenversicherung verlieren noch in ihrer Existenz gefährdet sein. Es gibt vielfältige gesetzlich verankerte Instrumente zur Umschulung in andere Berufe oder zur Vermittlung. Viele Unternehmen suchen Fachkräfte.

Es werden auch reguläre Existenzgründungshilfen bei der Übernahme von Filialen durch erfahrene Filialleiterinnen oder Verkäuferinnen angeboten. Wo ein Bedarf für eine Schlecker-Filiale war, muss es doch normalerweise auch einen Bedarf für ein ähnlich gelagertes Geschäft geben.

Die Schreckensmeldung »Hilfen für Schlecker-Mitarbeiter endgültig gescheitert« ist jedenfalls Unsinn. Die gesetzlich festgelegten Hilfen für alle im März arbeitslos gewordenen Menschen beginnen am Montag — so ist es sozial gerecht.



Schluss mit der Altersdiskriminierung in Diskotheken!

9. März 2012

Eine Meldung vom 1. April 2020: Das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung unterstützt Hausmeister Heinz X. (45) bei seiner Musterklage gegen Dresdner Jugendklubs und Diskotheken. Heinz X.:

»Ich bin ein Mann in den besten Jahren. Die Sicherheitsdienste haben mich wiederholt nicht eingelassen. Mit dieser Diskriminierung aufgrund meines Alters muss endlich Schluss sein! Ich kann doch nichts für mein Alter!«

Im Zentralen Büro gegen Altersdiskriminierung wurde nach dem Anruf von Heinz X. der Rotkäppchen-Sekt entkorkt. Man hatte lange nach einem neuen Betätigungsgeldfeld gesucht, denn die Altersdiskriminierung im Beruf war in den letzten Jahren stetig zurückgegangen: Qualifizierte ältere Mitarbeiter waren gefragt wie nie zuvor. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz musste sich doch noch auf irgendeinem anderen Gebiet gewinnbringend anwenden lassen …


Also zeigten sie Heinz X. an Beispielen in leicht verständlicher Sprache, wie heute die besonders schweren Fälle von Altersdiskriminierung aussehen:

Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Aussehens. Zum Beispiel: Ein Mann kommt nicht in die Disko hinein, weil er zu alt aussieht.

Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Alters. Zum Beispiel: Ein Mann tanzt in der Disko ganz allein, weil er sich so bewegt wie in seiner Jugend in den Achtzigern.


Diese Beispiele in einfacher Sprache waren notwendig, denn die Pioniere des Antidiskriminierungsgewerbes hatten sich in den letzten Jahren eine ganz eigene Sprache geschaffen:

Die Begriffe »jung« und »alt« verwenden wir nur in Anführungszeichen, um zu verdeutlichen, dass es sich um fragwürdige Konstruktionen handelt. Jung ist lediglich eine Selbst- oder Fremdzuschreibung der Mehrheit in der Diskothek.

Auf der einen Seite ist Jung in den Diskotheken die machtvolle und dominante Identität. Auf der anderen Seite steht Alt für alle Menschen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Sprechweise oder ihrer Kleidung als »nicht jung« wahrgenommen werden und Altersdiskriminierungserfahrungen machen. Die Begriffe »jung« und »alt« lehnen sich also an eine altersdiskriminierende mehrheitsjunge Bezeichnungspraxis an. Das können wir nicht länger hinnehmen.

Natürlich musste der Begriff »ältere Menschen« unbedingt vermieden werden. Er wurde durch P.O.A.C.A. ersetzt: »Person of a certain Age«.

Man verwendete dort nämlich auch gern Blähwörter, die möglichst wie Englisch aussehen sollten. So wurde der Test als »Testing« bezeichnet und bei jedem »Testing« wurde ein »Testingprotokoll« angefertigt …


Das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung führte nach der Beschwerde mehrere »Testings« durch, um die Altersdiskriminierung zweifelsfrei nachweisen zu können. Heinz X. (45) und sein Neffe Robert G. (22), beide schlank und sehr sportlich, verkleideten sich mit Schuhen, Jeans, Sonnenbrillen, Gel und Parfümwolken eines italienischen Markenherstellers. Dann standen sie am Eingang des Club U24.

Was sie dort erlebten, empört die Chefin des Zentralen Büros gegen Altersdiskriminierung noch heute. Barbara H. (Alter: undefinierbar) liest mit bebender Stimme und bebendem Kinn aus dem »Testingprotokoll« vor:

Schon auf der Treppe schüttelt ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes den Kopf. Er bedeutet Heinz X: »Du kommst hier nicht rein.« – »Warum nicht?« – »Wir haben schon genug ältere Mitbürger drin.«

Sein Neffe Robert G. fragte: »Komme ich auch nicht rein«? Er wurde kommentarlos durchgewunken. Auf Nachfrage erklärte der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes: »30 ältere Mitbürger können rein, mehr geht leider nicht.«

Heinz X. hakte nach: »Auch 31 nicht?« — »Nein. Wir hatten schon mehrfach das Problem, dass dann die meisten jungen Leute gegangen sind. Jetzt haben wir unsere älteren Stammgäste.«

Heinz X. blieb hartnäckig: »Wie kann ich denn hier reinkommen und Stammgast werden?« — »Du kannst zeitiger kommen und hoffen, dass noch nicht mehr als 30 ältere Mitbürger drin sind.«

Das »Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung« sieht in dieser Reaktion eine eindeutige Verletzung der Menschenrechte des Heinz X. Dazu Barbara H.:

»Altersdiskriminierende Zurückweisungen dürfen wir nicht hinnehmen. Sie sind menschenrechtlich inakzeptabel und verstoßen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. In den Zentralen Büros gegen Altersdiskriminierung beschweren sich bundesweit mindestens 15 Männer pro Jahr über eine altersdiskriminierende Behandlung vor der Diskothek.

Doch darüber liegt noch die Spitze des Eisbergs! Die Dunkelziffer ist tiefschwarz!! Der Quantensprung ist unübersehbar!!! Jetzt muss der Staat endlich eingreifen!1!!

Wir bestehen darauf: Das Recht auf Gleichbehandlung wiegt ungleich schwerer als das Hausrecht. Vom Alter eines Gastes auf das mögliche Verhalten anderer Gäste zu schließen, ist ein altersdiskriminierender Generalverdacht.

Wenn die jungen Leute wirklich davongelaufen sein sollten, dann werden wir Mittel und Wege finden, das zu unterbinden.

Gegen den Namen des Clubs läuft übrigens schon eine Klage. Club U24 ist für uns völlig inakzeptabel. Das Recht auf Gleichbehandlung wiegt ungleich schwerer als das Recht auf die freie Wahl des Clubnamens. Und als nächstes werden wir bundesweit jeden Veranstalter einer Ü30-Party verklagen. Einfach aus Prinzip: Kein U und kein Ü.«


Nachdem das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung den Fall der Presse übergeben hatte, gab der Clubeigentümer Wolfgang W. schließlich nach: Heinz X. und Barbara H. durften für einen Abend in den Club U24. Was dann geschah, macht Hausmeister Heinz X. heute noch wütend:

»Nun war ich endlich im U24, aber niemand wollte mit mir tanzen.«

Er holte sein altes Nokia aus der Tasche und gab das verabredete Zeichen. Eine Aktivistengruppe der »Jungen Freunde des Zentralen Büros gegen Altersdiskriminierung« besetzte das U24 und legte den Hauptschalter um. Die Musik verstummte. Die Gruppe rollte ein Transparent aus. Alle Ausgänge wurden versperrt. Barbara H. und die Sozialpädagogin Traudel W.-S. initiierten einen spontanen Workshop mit den Jugendlichen. Zuerst sollten sich Mandy und Nicole vor der Gruppe rechtfertigen. Mandy (18):

Der hat sich doch bewegt wie früher in den Achtzigern. Die Hände über dem Kopf! Und gebalzt hat der! Und mit dem Prosecco wollte er auch nicht anstoßen. Nö. Ich suche mir meine Tanzpartner immer noch selbst aus.

Partylöwe Wolfgang W. konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die Aktivisten hielten eine zweistündige Vollversammlung ab und beschlossen eine Blockade des Clubs. Mandy S. und Wolfgang W. wurde ein Angebot gemacht, das sie nicht ausschlagen konnten: Ein vierwöchiger Vollzeitkurs im zentralen Umerziehungslager »Sozialistische Internationale«. Dort würden sich vom Staat bezahlte »Antidiskriminierungspädagog_innen« mit ihnen befassen …


Wolfgang W. wollte sich bis zum Ende des Kurses nicht ausreden lassen, dass er selbst bestimmen könne, wen er in seinen Laden einlässt. Er weigerte sich auch, alle Mitarbeiter zu einer obligatorischen Schulung beim »Zentralen Büro gegen Altersdiskriminierung« zu schicken. Die Ordnungsstrafe von 1.000 Euro pro Abend führte schon nach wenigen Wochen zur Pleite des U24. Heinz X. betrank sich vor dem geschlossenen Tor des Clubs.

Mandy und Nicole hatten es anfangs besser. Sie gingen seitdem nie wieder ohne ein Kärtchen aus, von dem sie im Ernstfall laut und langsam ablasen:

Es tut mir sehr leid, aber Ihr Dresscode entspricht nicht meinen Vorstellungen. Und außerdem muss ich gar nichts begründen.

Aber dann ließ das Zentrale Büro gegen Altersdiskriminierung auch diese Antwort juristisch überprüfen …



Ein wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ist eine Satire. Ein Zentrales Büro gegen Altersdiskriminierung in Diskotheken hat es nie gegeben und wird es hoffentlich nie geben. Aber es gibt heute Gesetze, die solche Büros möglich machen.

Ähnlichkeiten mit Ereignissen, Entwicklungen und »Testings« aus der Gegenwart sind allerdings nicht auszuschließen. Der Autor ist nicht für diese Ähnlichkeiten verantwortlich.

Das Zusammenleben von Menschen lässt sich mit Vernunft und Augenmaß regeln. Niemandem sollte aufgezwungen werden, mit wem er zusammen tanzt, feiert oder ein Bier trinkt. Nicht im Jahr 2012 und auch nicht im Jahr 2020.

In meiner Jugendzeit in den 80er Jahren in der DDR gab es ja nun wirklich eine stark ausgebaute Staatsbürokratie. Aber man wäre nie auf die unsinnige Idee gekommen, dass man sich bei einem »Antidiskriminierungsbüro« beschweren könnte, weil man in eine Diskothek nicht eingelassen wurde.

Wenn heute in eine Nobeldiskothek vorzugsweise junge Promis und Reiche hineinkommen, dann bleiben mehr als 99% der Bevölkerung draußen. Wie tief müsste man denn sinken, sich ausgerechnet beim Staat darüber zu beschweren, dass der Türsteher gesagt hat: »Du kommst hier nicht rein«? Eine diskriminierende Wirkung kann man ja dabei immer unterstellen. Ich würde mir jedenfalls einen Laden suchen, in den ich hineinpasse und der mit mir ein Geschäft machen will.

Weder im Jahr 2012 noch im Jahr 2020 brauchen wir stetig wachsende bürokratische Einrichtungen, die das Recht auf eine Teilnahme an privaten Veranstaltungen durchsetzen oder die uns darüber belehren, wie wir zu denken haben. Jedes Problem kann unter den Beteiligten kooperativ gelöst werden.

Für jede Nachfrage von Menschen mit einer entsprechenden Kaufkraft (und einem entsprechenden Benehmen) wird sich ein Angebot finden — Veranstaltungen wie Ü30 und Ü40 sind z.B. die Antwort auf einen solchen Bedarf. Gleichermaßen wird unkooperatives Verhalten eines Anbieters durch sinkende Nachfrage bestraft werden … aber all das können Anbieter und Nachfrager unter sich ausmachen.




Much Ado about Not(h)ing

22. Februar 2012

Das Medienblog »Flurfunk« aus Dresden berichtet über die politische Aufregung um eine vermutlich manipulierte Online-Umfrage zur Wahl des neuen Bundespräsidenten. Reden wir zuerst über mögliche Ursachen und dann über ein weiteres Beispiel für das Versagen des Journalismus.

Solche Online-Umfragen können ja beliebig manipuliert werden: Entweder man bringt viele Leute dazu, die Umfrage aufzurufen und »dafür« oder »dagegen« zu sein. Oder man manipuliert die Umfrage mit einem kleinen Script, das automatisch viele Male »dafür« oder »dagegen« aufruft.

Für die (wahrscheinlich) manipulierte Umfrage beim MDR sind zwei Erklärungen möglich: Viele Leute aus einer bestimmten politischen Richtung wurden auf die Umfrage aufmerksam gemacht, haben den folgenlosen »Klick gegen Gauck« und gegen das »System der etablierten Parteien« ausprobiert und sich nachher ganz groß gefühlt. Gleichzeitig könnten einige Nutzer gegen Joachim Gauck sein, die eine technische Hürde bei so einer einfachen Umfrage leicht umgehen können.

Der Flurfunk-Autor erwähnt als eine mögliche Ursache für das merkwürdige Kippen des Meinungsbildes den Verweis auf die Umfrage in »Fefes Blog« Wenn man »Fefe« (Felix von Leitner) seit den Zeiten der technischen Newsgroups kennt, dann kennt man auch sein Talent zum Polarisieren. Wenn man sein Blog seit den ersten Tagen liest, dann weiß man: Das Interesse seiner Leserschaft an den Links auf seinem Blog hat schon so manchen Server in die Knie gezwungen. Sein Blog zählt zu den Blogs mit den größten Besucherzahlen.

Felix von Leitners Position in der Bundespräsidentenfrage war von vornherein eindeutig: Neuer Bundespräsident soll der Kabarettist Georg Schramm werden. Er ist außerdem dezidiert gegen alles, was für ihn in irgendeiner Weise liberal oder konservativ aussieht. In der Vergangenheit gab es auf seinem Blog durchaus schon den offenen Hinweis an seine Leserschaft: Klickt doch mal da oder dort, das Ergebnis müsste sich doch drehen lassen.

Oh und wo wir gerade bei Umfragen sind: Die Süddeutsche fragt nach “Polit-Stars 2009″ und die aktuelle Auswertung geht zwar im Großen und Ganzen in die richtige Richtung, mit den ganzen Gruselpolitiker im roten Bereich, aber da geht noch was. Bei Westerwelle finden z.B. nur 63%, dass er völlig versagt habe, bei Merkel gar nur 53%. Hier könntet ihr helfen, die Realität genauer zu modellieren. (Quelle)

Der Eintrag zur MDR-Umfrage liest sich für mich als langjährigen Leser des Fefe-Blogs wie eine Aufforderung ohne Worte — wenn man die Vorgeschichte seiner Äußerungen zu Umfragen, zu Joachim Gauck und zu Georg Schramm kennt.

Aber auch ohne solche Überlegungen kann ist diese Umfrage journalistisch völlig wertlos. Und jetzt kommen wir zum Versagen des Journalismus. Der »Stern« schreibt beispielsweise ernsthaft über eine Umfrage der »Ostsee-Zeitung«:

In einer Onlineumfrage der Zeitung verneinen 73 Prozent der Nutzer die Frage, ob Joachim Gauck der richtige Bundespräsident sei.

Wie wir gesehen haben, können Umfragen binnen kurzer Zeit manipuliert werden. Das Ergebnis ist in keiner Weise repräsentativ — eigentlich weiß jeder, dass es völlig wertlos ist. Trotzdem wurde diese Online-Umfrage der »Ostsee-Zeitung« am Montag und Dienstag in den Medien als Indiz für eine Stimmung gegen die Nominierung von Joachim Gauck zitiert. Für mich gibt es nur zwei Schlussfolgerungen: Online-Umfragen sind den Klick nicht wert. Und Artikel über Online-Umfragen sind das Papier nicht wert.



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