Unter Beobachtung im ehemaligen Stasi-Knast

30. Oktober 2009

Gestern nacht hat hier ein Kommentator auf die Aktion eines ehemaligen Häftlings und einer Künstlerin hingewiesen: zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution will Carl-Wolfgang Holzapfel die Haft im Stasi-Knast nachstellen und Franziska Vu will die Aktion fotografieren.

Im Jahr 2009 wird der Insasse der Zelle nicht durch Stasi-Wärter beobachtet, sondern durch eine Webcam. Jeder kann sich die Bilder auf den Schirm holen. Ich habe den direkten Link gestern entfernt, weil er direkt auf einen schlafenden Menschen verwies und weil ich es nicht richtig finde, Menschen live beim Schlafen zu beobachten.

Die Sächsische Zeitung berichtet heute über die nicht unumstrittene Aktion. Dort gibt es auch Links zu Fotos und zu der Live-Webcam (so steht es zumindest in der gedruckten Ausgabe). Die SZ erwähnt aber online nur die Adresse, ohne die Seite direkt zu verlinken.

Umstritten ist das Projekt nicht nur wegen der Big-Brother-Überwachung, in die sich der ehemalige Häftling freiwillig begeben hat. Carl-Wolfgang Holzapfel wurde 1964 nach einer Demonstration für die Freilassung politischer Gefangener verhaftet, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt und nach 13 Monaten freigekauft. Er lebte dann in der BRD und war zeitweise Mitglied der Republikaner.

Auch mit der Vergangenheit als Republikaner hat er das Recht, sich zu politischen Fragen zu äußern. Es haben sich einige bekannte deutsche Politiker aus extremistischen Gruppen gelöst und in demokratischen Parteien Karriere gemacht. Der Mensch kann sein ganzes Leben lang umdenken und neue Wege beschreiten. So muss es grundsätzlich möglich sein, dass ein ehemaliges Mitglied der Republikaner eine solche Aktion durchführt.

Auf einem anderen Blatt steht die Frage: dient es der Sache? Auf der einen Seite wird an das Unrecht in der DDR erinnert. Auf der anderen Seite wird die Angelegenheit im politischen Kampf instrumentalisiert und es wird vom eigentlichen Anliegen abgelehnt. Ich denke, dass man die Aktion in ein Fotoprojekt umwandeln sollte. Die Live-Kamera kann mir im Jahr 2009 keine neuen Erkenntnisse mehr verschaffen.


Heimliche Leser in der DDR

16. Oktober 2009

Was haben Asterix, der Neckermann-Katalog, die »Kulturgeschichte der Erotik«, die »Permanente Revolution« von Trotzki und »Schwarzenberg« von Stefan Heym gemeinsam? Sie waren in der DDR verboten und konnten jederzeit unter dem Vorwand der Suche nach »Schund- und Schmutzliteratur« konfisziert werden.

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie das ist, wenn man als Schüler ohne Vorwarnung — vor allen anderen Mitschülern — den gesamten Inhalt aller Taschen auf den Tisch legen muss? Wenn Comics, Bücher, Plastetüten oder Zeitschriften einfach willkürlich eingezogen werden? Das fand bei uns mindestens einmal pro Schuljahr statt.

Gerade brachte mir der Paketdienst ein Päckchen mit dem Buch Heimliche Leser in der DDR. Ich werde die Aufsätze, Interview-Aussagen und Berichte später lesen und über einige Themen auch bloggen. Jetzt nur einige persönliche Anmerkungen.

Frisch ausgepackt: »Der heimliche Leser«.

Frisch ausgepackt: »Heimliche Leser in der DDR«.

Ich habe die Herausgeberin Ingrid Sonntag am Dienstag bei einer Ausstellungs-Eröffnung getroffen. Wir kamen sehr schnell ins Gespräch und schon nach ganz kurzer Zeit tauschten wir intensiv Erinnerungen aus. In der Selbstreflexion finde ich es hochinteressant, wie schnell die sonst übliche Distanz zu wildfremden Menschen schwindet, wenn man gemeinsame Erinnerungen an die Kultur in der DDR hat.

Es ist mehr als zwanzig Jahre her, dass ich als junger Student in einer Evangelischen Studentengemeinde Bücher in die Hand bekam, die offiziell verboten waren. Für ein ESG-Treffen habe ich dann aus Stefan Heyms »Schwarzenberg« den basisdemokratischen Verfassungsentwurf abgetippt. Im Computerraum der HAB Weimar, mit »Wordstar«, gespeichert auf dünnen Disketten, vervielfältigt mit einem 9-Nadel-Drucker. Aber es hat funktioniert und wir hatten alle eine Kopie zum Diskutieren.

Damals muss ich wohl einen Schutzengel gehabt haben, denn zur gleichen Zeit wurden drei Studenten zwangsweise exmatrikuliert, weil sie gegen das Verbot des sowjetischen Digests »SPUTNIK« demonstriert hatten, in dem manchmal etwas über Gorbatschows Perestroika stand. Das ist übrigens ein ganz kleiner Mosaikstein zum Thema: War die DDR ein Rechtsstaat? — Die drei Studenten hatten Glück im Unglück: ein Jahr später gab es an der Hochschule keinen SED-Parteisekretär mehr und sie durften weiterstudieren.

Tja. So war das damals. Wer von Euch aus der DDR stammt und eigene Erlebnisse mit verbotenen Büchern beisteuern möchte: da unten ist viel Platz. Es geht nicht nur um politische Bücher. Es geht auch um Erotik, Werbung, Krimis oder Abenteuerromane. Holt die Erinnerungen heraus — gegen das Vergessen.


Heimliche Leser in der DDR. Herausgegeben von Ingrid Sonntag und Siegfried Lokatis. Das Buch kann für Sachsen über die Landeszentrale für Politische Bildung bezogen werden. Man bekommt eine Publikation pro Halbjahr kostenlos zugeschickt. Leser außerhalb Sachsens können sich an die Bundeszentrale für Politische Bildung wenden.


Wie gingen wir früher mit Zeit um?

14. Oktober 2009

Vorträge werden oft durch Fragen noch interessanter. So war es auch gestern, als ein Besucher die Frage stellte: »Wie hat es sich auf die Künstler in der DDR ausgewirkt, dass sie mehr Zeit als die Künstler im Westen hatten?«

Alle vier Beteiligten waren kompetent genug, um die Frage zu beantworten, denn sie hatten die DDR und auch den Westen sehr bewusst erlebt — wer als junger Erwachsener nach jahrelanger Wartezeit in ein anderes System ausreist, sieht alles doppelt so klar: so wie der Kopf auf dem nächsten Bild.

»Kopf« von Christine Schlegel (Klick vergrößert).

»Kopf« von Christine Schlegel (Klick vergrößert).

Dass DDR-Künstler mehr Zeit hatten, wurde in der Runde nicht hinterfragt, sondern vorausgesetzt. Angela Hampel berichtete zum Beispiel, dass bildende Künstler nach dem Studium drei Jahre als »Kandidaten« des Künstlerverbandes einen eigenen Stil finden konnten. Es gab vom Staat 400 Ostmark im Monat und das war den meisten Künstlern zum Leben genug.

Dies war der relativ bequeme Weg. Aber Künstler mit Ausreiseantrag haben auch oft als Friedhofsgärtner oder in der Landwirtschaft gearbeitet. Ein künstlerisch begabter Mitschüler in der Berufsschule hatte damals ein wenig in Künstlerkreisen zu tun und sagte immer: »Wenn alles andere nichts wird, dann werde ich Hilfsholzfäller im Großen Garten.« Heute ist er Bäckermeister …

Viele Künstler mit Ausreiseantrag wurden auch als Heizer eingesetzt und ich kann das gut nachfühlen. Als Studenten hatten wir in Weimar auch Heizdienst. Das bedeutete: um vier Uhr aufstehen, Kohlen schaufeln, Schubkarren bewegen, Asche entsorgen. So weiß ich noch sehr gut, wie man nur mit Kohlenstaub bekleidet aussieht. Heizen war zwar ein harter Job, aber trotzdem beliebt: man konnte nämlich in den ausgedehnten Pausen lange lesen. Im Warmen!

In der Diskussion haben die Künstler dann einige Aspekte zum Thema genannt, die ich einfach ohne Zuordnung zu Personen notiert habe und auch so wiedergeben möchte:

  • es gab eine Lebensqualität der verlangsamten Zeit,
  • man hatte Zeit zum Denken und in-sich-Graben und Setzenlassen,
  • man plante regelmäßige Bibliotheksbesuche,
  • man konnte geduldig am Werk und an der Technik arbeiten,
  • man hatte Zeit für die Rezeption der Werke anderer Künstler,
  • viele bildende Künstler konnten in Ruhe Literatur in ihren Werken verarbeiten (wozu man sicher mehr Zeit braucht).

Es wurde nicht ausgesprochen, aber ich unterstelle es einfach: Künstler hatten in der DDR mehr Zeit, über die Kunst zum Ich zu finden. Wir kennen das ja von den Kindern. Wie stolz sind Eltern, wenn sie hören, dass das Kind zum ersten Mal »Ich« sagt. Das Kind ist nicht stolz. Das Kind ist einfach »Ich«.

Das »Ich«-Werden als Künstler geschah in einer Gesellschaft, die durch eine Ideologie des »Wir« geprägt war. Diese Gesellschaft stand unter der Diktatur einer Partei, die die allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit vornehmlich als Teil der sozialistischen Gesellschaft sah. Aber ich schweife schon wieder in eine Vergangenheit ab, die ich eigentlich nicht mehr haben wollte.

Jetzt wird vielleicht verständlich, warum der Stasi solche Ausdrucksformen wie die Improvisation oder auch die Annäherung an den Expressionismus unheimlich waren: darin ist immer ganz viel Ich und ganz wenig Wir.

Jedenfalls konnte man gestern spüren, wie die Künstler an diesem Druck gewachsen sind. Es wurde nur indirekt ausgesprochen, aber man merkte es deutlich. Bleibt immer noch die Frage, woran Künstler und Kinder heute wachsen. Denn einen Druck wie in der DDR gibt es ja nicht mehr. Gestern blieb es offen. Vielleicht findet Ihr Antworten?


Der Malstrom und die Subversion

14. Oktober 2009

Weshalb lassen sich Ausstellungsmacher immer so schwierige Titel einfallen? Als ich die Einladung zur Ausstellung Im Malstrom subversiver Bilder erhielt, haben mich die Schlüsselworte eine Zeitlang irritiert. Ich hielt die These doch für etwas vermessen, dass die DDR in einem Malstrom oder Strudel subversiver Kunst untergegangen sein soll …

Denn unangepasste Kunst aus der DDR kannte ich zwar von solchen Bildern:

Dolorosa-Bild von C. M. P. Schleime.

Dolorosa-Bild von C. M. P. Schleime.

Aber als »subversiv« hatte ich sie nicht in Erinnerung. Im Verlauf der Eröffnung wurde schnell klar, dass sich die Künstler selbst nicht als subversiv gesehen hatten. Im Gegenteil: sie wollten sich eigentlich nur in der DDR entfalten wie Künstler auf der ganzen Welt: wollten malen, improvisieren, schreiben — oder Literatur, Musik und bildende Kunst zusammenbringen.

Doch sie hatten vom Staat den Stempel »Geprüfte Subversion« aufgedrückt bekommen und wer diesen Stempel einmal trägt, der muss wohl zumindest ein klein wenig subversiv werden, um überleben zu können. Man stelle sich das aus Sicht Erich Mielkes vor: IMPROVISATION! Auf Musikinstrumenten! Ohne Noten! Ohne genehmigtes Manuskript!

Oben im Bild ist der Name Sascha Anderson verewigt. Wenigen wird er noch bekannt sein: am Ende der DDR war er ein junger Literat und dann wurde seine Biographie bekannt, in der so viel Verrat und Gemeinheit steckte, dass es für zwei Leben gereicht hätte. Er hat nicht nur gespitzelt, er hat für die Stasi richtiggehend Projektmanagement betrieben.

Anderson hatte jedenfalls die Wege aller Diskussionsteilnehmer in der kleinen Dresdner Kunstszene gekreuzt. Es war sehr interessant, dass die Beteiligten differenzierten: sicher war seine Arbeit für die Stasi abscheulich, aber er hat die Künstler, die ja davon nichts ahnten, auf irgendeine Weise auch inspiriert und weitergebracht.

Er hatte beispielsweise dafür gesorgt, dass kleine Auflagen gedruckt werden durften — aber die Stasi hatte die Vorlagen natürlich schon vor dem Druck …

Tja, so war das damals. Die Menschen wuchsen unter dem Druck des Staates und reiften im Ernst der Situation. Sie waren nicht subversiv, sondern wollten einfach kreativ »ihr Ding machen« (sächsischer Ausdruck für: sich selbst verwirklichen). Weil sie Kunst produzierten, die die Bonzen nicht verstehen konnten, hat man sie bespitzelt und hat man ihnen Grenzen gesetzt.

Doch heute fragen sie sich, woran man in unserer Zeit wachsen könnte. Dazu später mehr ;-)

Gerhard Wolf, 13.10.2009.

Gerhard Wolf im Gespräch mit Ingrid Sonntag (im Hintergrund Angela Hampel), 13.10.2009.



Eintauchen in die eigene Vergangenheit

14. Oktober 2009

In Dresden wurde gestern die Ausstellung »Im Malstrom subversiver Bilder« mit DDR-Künstlern aus der Zeit vor der »friedlichen Revolution« eröffnet. Über die Bilder selbst kann ich gar nicht viel sagen — ein sehr beeindruckendes Erlebnis war für mich die Eröffnung.

Gerhard Wolf hatte die Künstler Angela Hampel (Malerin), Ralf Kerbach (Professor an der Kunsthochschule) und Lothar Fiedler (Musiker) zum Gespräch geladen — soviel darf man im Voraus sagen: er war ein guter Gastgeber und es wurde ein hochinteressantes zweistündiges Gespräch.

Lothar Fiedler improvisierte zu Beginn auf einer verzerrt-verstärkten Gitarre. Damit sollte auf eine Tradition Bezug genommen werden, die es in Dresden, Ost-Berlin und anderswo in der DDR gab: die Symbiose aus Literatur, Malerei und Musik. Es ist nicht überliefert, ob eines der Weingläser auf dem Buffet vor der Tür zersprungen ist ;-)

Weingläser vor der Eröffnung: einer nascht immer;-)

Weingläser vor der Eröffnung: einer nascht immer;-)

Ich kann in dieser Nacht unmöglich alle Notizen bloggen, die ich mir in den zwei Stunden gemacht habe. Es ging um den Einfluss des Staates auf die Künstler, um unterstellte Subversion, um Verrat in Künstlerkreisen, um Freude und Qual der Ausreise — und ganz sehr um die Sehnsucht nach dem ungefilterten Leben. Und natürlich ging es um den Stasi-Spitzel Sascha Anderson, der den Lebensweg des Verlegers und seiner Künstler gekreuzt hatte. Darüber war auch nach der Veranstaltung noch zu diskutieren:

Lothar Fiedler und Ralf Kerbach im Gespräch mit Angela Hampel.

Lothar Fiedler und Ralf Kerbach im Gespräch mit Angela Hampel.

Für mich war es wie ein Eintauchen in das kalte Wasser der eigenen Vergangenheit.

Ausreise war immer ein Thema, seit ich denken kann …

Ausreise war immer ein Thema, seit ich denken kann …

… wie auf diesem Bild von Martin Hoffmann.

… wie auf diesem Bild von Martin Hoffmann.

Die Künstler waren sich in enger Freundschaft verbunden, aber es gab auch gegenseitige Überwachung, Verrat und Konkurrenz. Vielleicht ist unter solchem Eindruck dieses Tagebuchblatt von C. M. P. Schleime entstanden?

Beginn eines Bildtagebuchs.

Beginn eines Bildtagebuchs.

Soviel für jetzt — ich bin sicher der erste, der heute in Dresden einen Artikel über die Eröffnung veröffentlicht. Aber auf einige sehr interessante Themen werde ich gern zurückkommen — wenn es jemand von Euch lesen will ;-)


Die Ausstellung ist im Blog DieNeustadt.de beschrieben. Vielleicht wird dort auch noch darüber gebloggt …


Das Sandmännchen

12. Oktober 2009

Von den Titelseiten meiner beiden Frühstückszeitungen F.A.Z. und DNN schaute mich heute eine altbekannte Figur an: das Sandmännchen. Vordergründiger Anlass: die Figur wird in diesem Jahr sechzig Jahre alt.

Die F.A.Z. weist darauf hin, dass auch die Politiker den Wählern oft Sand in die Augen streuen — es bliebe zu hinterfragen, ob wir dadurch einschlafen oder den Blick auf die Realität verlieren sollen. Und zum anderen macht die F.A.Z. auf die Streitereien in Thüringen aufmerksam, wo sich die Vertreter der eher linken Parteien gerade wie die Kinder in einem Sandkasten benehmen.

Mir fällt noch ein, dass da in der letzten Woche jemand in seinen kleinen Saar-Sandkasten zurückgekehrt ist, der damit seiner Kindergruppe die letzte Chance im Kampf um die Sandspielwerkzeuge genommen hat. Es wäre so interessant gewesen, ihren Sandburgen beim Einstürzen zuzusehen ;-)

Eigentlich ist das alles schade. Das Sandmännchen hätte zu seinen bevorstehenden Geburtstagen Besseres verdient. Und wir als Wahlvolk auch.



Wertsteigerung

8. Oktober 2009

Viele Taschenbücher kosteten in der DDR etwa zwei bis drei Ost-Mark. Heute werden sie antiquarisch für einen Euro verkauft. Das Bild entstand gestern am Körnerplatz vor einem Antiquariat neben dem »Arabusta«.

Bücherkiste mit Taschenbüchern aus der DDR.

Bücherkiste mit Taschenbüchern aus der DDR.

Die Bücherkiste weckt Erinnerungen an die alten DDR-Taschenbuchreihen. Man bekam zwar viele Bücher nur durch »Beziehungen«, aber es war bis zum Ende der DDR immer genug Stoff zum Lesen da ;-)


Stefanolix erzählt von früher: Plan und Markt in der DDR (1)

29. September 2009

Im Grunde ist ja dieser Tom Sawyer an allem schuld. Ich weiß nicht mehr, ob ich zwölf oder dreizehn Jahr alt war, aber an die Geschichte mit Tante Pollys Zaun erinnere ich mich bis heute.

Tom bekommt dort von seiner humorlosen Tante eigentlich eine harte Strafarbeit: er muss mit Kalk einen langen Zaun weiß anstreichen. Doch er sagt sich: wenn ich das schon machen muss, dann mache ich es lieber gern. Und als das seine Freunde sehen, betteln sie ihn geradezu darum, auch ein Stück streichen zu dürfen. Sie bezahlen sogar dafür — am Ende ist Tom zufrieden und »reich«, weil er seine Arbeit auf die richtige Art angepackt hat.

Als ich diese Geschichte gelesen hatte, wollte ich auch mein eigenes Geld verdienen. Ab dem 14. Geburtstag durfte man in der DDR arbeiten gehen: maximal vier Wochen im Jahr und nur in den Winter- oder Sommerferien. Ich weiß noch, dass ich alle Beteiligten überreden musste, die Vorschrift großzügig auszulegen, denn ich hatte immer erst am Ende der Winterferien Geburtstag ;-)

Mein erster Betrieb hat Schaltschränke hergestellt. Der Meister beschäftigte mich mit Bohren, Schrauben, Gravieren und Stanzen. Als er merkte, dass ich wohl doch ganz gewissenhaft war, ließ er mich mit filigranen Werkzeugen winzige Löcher in Leiterplatten bohren. Und am letzten Tag hat er mich gefragt, ob ich in den Sommerferien wiederkommen würde … Ab diesem Tag war ich für zwei Jahre der junge Mann mit den Leiterplatten.

Ich fühlte mich nie ausgebeutet. Ich habe wirklich nur freitags mal eine halbe Stunde die Halle kehren müssen, sonst durfte ich immer etwas Sinnvolles tun — dafür bin ich allen Beteiligten bis heute dankbar. Die Arbeit wurde leistungsorientiert abgerechnet und für meine Verhältnisse kam eine Menge Geld dabei rüber. Meine ersten Wünsche waren Schallplatten, Bücher und ein gutes Fahrrad — alles Dinge, die man für Ost-Geld noch kaufen konnte. Und im Grunde galt das für fast alle Wünsche, die ich als Junge bis zum Erwachsenwerden hatte. Bald sollte ich lernen, dass es auch andere Wünsche gab.

Das Geld für die Ferienarbeit wurde noch bar ausgezahlt — eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Mein erstes eigenes Konto hatte ich zwei Jahre nach meinem ersten Job. Ich war inzwischen sechzehn und begann eine Lehre als Baufacharbeiter mit Abitur.

Ich erinnere mich bis heute an meinen ersten Job als Lehrling auf dem Bau: ich musste auf der Baustelle im Werk für Sanitärporzellan Dresden einen Haufen Drahtbügel aus einem dichten Gestrüpp bergen. Die Baustelle hatte für einige Zeit geruht und die Natur hatte ihr Werk getan. Dabei war unsere Arbeit eigentlich wichtig, denn es musste eine moderne Mühle gebaut werden.

Solche Absurditäten beobachtete man in der DDR jeden Tag und schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass all meine Arbeitsstellen eine Sache gemeinsam hatten. Das war der Spruch »Privat geht vor Katastrophe«.

Ich weiß nicht, seit wann es diesen Spruch gab. Doch er gibt letztlich ein Gefühl wieder, das damals jeder selbständig denkende DDR-Bürger hatte: wenn du nichts anzubieten hast, dann kannst du nicht erwarten, dass dir jemand etwas gibt. Die Wirtschaft entwickelte sich zu einer Tauschwirtschaft. Das Anbieten und Akzeptieren ist ja auch die Grundlage der Marktwirtschaft. Ich habe damals mehr Praktisches gelernt, als man heute im besten VWL-Buch finden kann ;-)

Und weil sich niemand den Grundsätzen des Marktes entziehen kann, wurde das Ost-Geld in der DDR von Jahr zu Jahr bedeutungsloser, es wurde immer mehr zu einem Alibi. Eigeninitiative, Eigenleistungen und Westgeld wurden immer wichtiger.

Ich weiß noch, dass es damals großen Ärger gab, als sich einige Lehrlinge aus Ost-Markstücken Knöpfe für die Wattejacken gebastelt hatten. Die Lehrmeister haben natürlich sofort dafür gesorgt, dass wieder Knöpfe aus Plaste angenäht wurden. Aber eigentlich hatten sie kein wirklich überzeugendes Argument gegen die Alu-Knöpfe.

Dann wurde ich 18 und in der Nachbarschaft wurde eine privat vermietete Wohnung frei. Die Hauseigentümerin war ein Drache, doch sie konnte mich nur bis zur Wohnungstür verfolgen. Und als sie sah, dass ich viel »selbst gemacht« habe, hat sie mich meist in Ruhe gelassen.

Denn »selbst machen« war auch so ein Zauberwort der Achtziger in der DDR. Man bekam zwar erst nach einem bürokratischen Hürdenlauf eine »Um- und Ausbauwohnung«. Doch dann konnte man sich die Wohnung selbst sanieren. Und es war uns immer eine kleine Genugtuung, dass sich die behäbige Kaste der SED- und Verwaltungsspießer eben nicht selbst zu helfen wusste.

Die trugen Hosen aus dem »VEB Herrenmode« aus dem berüchtigten Stoff »Präsent 20«. Die hatten so wenig Humor wie Tom Sawyers Tante. Sie haben bis zum Ende nie verstanden, dass man sich an einer Arbeit freuen muss, um sie gut zu machen oder gut zu organisieren … bis heute wählen die Ex-Bonzen, Ex-Schranzen und Ex-Bürokraten am liebsten die PDS, damit ihnen jemand die Renten sichert, die sie eigentlich nie mit richtiger Wertschöpfung verdient haben.


Demnächst: Über Schurwerken und Eigenleistungen ;-)


Mein erstes Interview

18. August 2009

als politisch interessierter Dresdner Blogger habe ich eben mit Karl-Heinz Gerstenberg geführt. Er ist Direktkandidat der Grünen und hat heute im Wahlkampf für zwei Stunden am Schillerplatz Station gemacht. Im Vorfeld hatte ich Herrn Gerstenberg per E-Mail nach einer möglichen Koalition mit der LINKEN gefragt:

Wenn wir von aktuellen Umfragewerten ausgehen, würde eine Koalition aus SPD, Grünen und Linkspartei unter Führung der SED-Nachfolger stehen (…) Bitte beantworten Sie mir zwei Fragen:

  1. ob Sie als DDR-Bürgerrechtler einen Ministerpräsidenten der
    LINKEN mitwählen würden und
  2. ob Sie mit Ihrem Kollegen Johannes Lichdi übereinstimmen, dass die Grünen als kleinster Partner in eine Dunkelrot-Rot-Grüne Koalition einsteigen sollten.

Herr Gerstenberg hat sich sofort an die Mail erinnert und wir konnten schnell zur Sache kommen. Zu den beiden Fragen sagte er mir:

  1. Nein, ich würde André Hahn nicht zum Ministerpräsidenten wählen.
  2. Inhaltlich sind die Schnittmengen der Grünen mit SPD und Linkspartei größer als mit der CDU.

Ich sehe die erste Antwort als eine ehrliche persönliche Antwort, die sich aus seiner gesamten Biographie ergibt. Herr Gerstenberg ist ein Bürgerrechtler der ersten Stunde. Er hat in mehreren Gremien zur Untersuchung der DDR-Vergangenheit mitgearbeitet. Er wurde von den Rechtsnachfolgern der SED verklagt und für seine Aufklärungsarbeit angegriffen.

Im Gespräch hat er sehr deutliche Kritik an den MfS- und SED-belasteten Teilen der heutigen Linkspartei geäußert, aber auch differenziert auf die persönliche Entwicklung einzelner PDS-Politiker hingewiesen.

Wahlplakat mit Karl-Heinz Gerstenberg

Wahlplakat mit Karl-Heinz Gerstenberg

Ich sehe die zweite Antwort als ehrliche und typische Politiker-Antwort. Die sächsischen Grünen sind auf vielen Politikfeldern relativ einig mit der SPD und relativ einig mit der LINKEN. Eine Koalition mit der CDU würde ihre Basis vor eine Zerreißprobe stellen und ihre Wählerschaft wahrscheinlich spalten. Herr Gerstenberg wies auch darauf hin, dass die CDU in Sachsen ganz anders ausgerichtet ist als die CDU in Hamburg.


Der Journalist Hanns-Joachim Friedrichs hat den berühmten Satz geprägt, den die meisten heutigen Journalisten längst verdrängt haben:

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.

Nun war ich heute kein Journalist, sondern Blogger, Wähler und Bürger. So sei mir verziehen, dass mein Bericht subjektive Züge enthält und dass jetzt noch einige persönliche Anmerkungen kommen ;-)

Ich habe mit Herrn Gerstenberg in Bezug auf die DDR-Vergangenheit sehr schnell persönliche Anknüpfungspunkte gefunden. Er ist ein sehr kompetenter und authentischer Gesprächspartner, er kann sich sehr schnell auf Fragen einstellen und seine Wahlkampfführung war im Gegensatz zu anderen Politikern angenehm zurückhaltend.

Andererseits vermute ich, dass wir in Bezug auf Marktwirtschaft und Leistungsdifferenzierung eher unterschiedlicher Meinung bleiben werden. Und ein Gespräch über die Vereinbarkeit von Marktwirtschaft und Grüner Energiepolitik war im Verkehrslärm des Schillerplatzes wirklich nicht möglich.

Meine Wahlprognose: Es wird nicht für eine Koalition aus LINKE, SPD und Grünen reichen. Und es wird nicht zu einer Koalition der CDU mit den Grünen kommen. Aber wenn Herr Gerstenberg über die Landesliste in den Landtag einzieht, haben wir mindestens einen authentischen Bürgerrechtler und kompetenten Gesprächspartner dort sitzen. Vielleicht lässt sich eine nachhaltige Verbindung zwischen Dresdner Bloggern und Dresdner Abgeordneten aufbauen.

Vielleicht bloggt Herr Gerstenberg auch noch ein wenig im Wahlkampf? Vielleicht sogar mit offenen Kommentaren — das wäre doch mal Bürgerbeteiligung ;-)



Die Koalitionsaussage der sächsischen Grünen?

15. August 2009

Sehr geehrter Herr Lichdi,

darf ich die folgende Aussage auf Ihrer Webseite so verstehen, dass Sie gern als kleinster Partner in eine Koalition unter Führung der SED-Erben einsteigen möchten?

Ich werbe insbesondere um die sozialdemokratischen Wähler, die sich eine Regierungsbeteiligung der SPD außerhalb einer Koalition mit der CDU wünschen. Meine Direktwahl wäre ein starkes Zeichen, dass auch in Sachsen eine Mehrheitsbildung links von der CDU möglich ist.

Momentan liegt die PDS/Linkspartei in den Umfragen ein ganzes Stück vor der SPD und die SPD liegt noch ein ganzes Stück vor den Grünen. Eine Koalition »links von der CDU« ist nur mit diesen drei Parteien möglich.

Ich habe Ihnen diese Frage vorgestern — am Jahrestag des Mauerbaus — in Ihrem Blog gestellt. Leider habe ich bis heute keine Antwort bekommen.

Mich würde auch interessieren, was die Vertreter Ihrer Partei dazu sagen, die 1989 mit vielen anderen (auch mit mir) gemeinsam gegen das SED-Regime auf die Straße gegangen sind. Bitte erklären Sie mir, wie Sie Ihre Koalitionsabsicht mit der Entstehung des Bündnis 90 aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR vereinbaren können.

Mit freundlichen Grüßen
Stefanolix,
Blogger aus Dresden

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Ruinen schaffen ohne Waffen …

9. März 2009

war vor 1989 hier in Dresden ein bitterer Spruch über die Baupolitik der SED. Bitter auch deshalb, weil damit ja das pazifistische Ansinnen »Frieden schaffen ohne Waffen« persifliert wurde. Aber was sollte man machen, wenn der Spruch passte.

Erinnerung (um 1985): Wir hatten in der Berufsschule einen mutigen Baukonstruktions-Lehrer, der ließ uns für eine Projektarbeit Bauschäden fotografieren und die Maßnahmen zur Behebung herausfinden …

Schillerplatz in Dresden: Die unbeachtete Rückseite ...

Schillerplatz in Dresden: Die unbeachtete Rückseite ...

Diese Ruinen sind allerdings erst in den letzten 20 Jahren entstanden.


Turmgeschichten aus der DDR (2)

1. Februar 2009

Wie Christian Hoffmann war ich Ende der achtziger Jahre bei der NVA, allerdings nur für 18 Monate Grundwehrdienst. Aber ein gepanzertes Fahrzeug musste ich auch fahren. Es war eine »Selbstfahrlafette« (SFL), heute würde man wohl »Feldhaubitze« sagen.

Auch mit meinem Fahrzeug hätte es um ein Haar ein Unglück gegeben. Eines Tages kam ein Gefechtsalarm und wir mussten die Gefechtsmaschinen starten, um zu einer Übung auszurücken. Ich war für die Maschine nicht verantwortlich, ich war als Soldat nur Ersatzfahrer. Die Maschine war jedenfalls schlecht gewartet oder repariert worden. Auf freier Straße versagte plötzlich die Lenkung.

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