Der Einsatz in Afghanistan

wurde mit der Zustimmung der CDU/CSU, der SPD, der Grünen und der Liberalen beschlossen. Es gibt gute Gründe, diesen Einsatz aus der heißen Phase des Wahlkampfs herauszuhalten:

  1. Der Einsatz hat das Ziel, die Menschenrechte und speziell die Rechte der Frauen in Afghanistan zu stärken. Ohne den Einsatz hätten Frauen dort nahezu gar keine Rechte. Heute können immerhin viele Mädchen eine Schule besuchen und haben die Chance auf eine weitere Ausbildung. Auch wenn noch viel zu tun ist: die Menschen haben insgesamt deutlich mehr Rechte als unter der Taliban-Regierung.
  2. Der Einsatz hat das Ziel, den Volksgruppen in Afghanistan zumindest eine landestypische Form der Demokratie und des Rechtsstaats zu ermöglichen. Diese werden wohl nie 1:1 allen unseren Kriterien genügen. Aber die Menschen dort können sich nur mit Hilfe von außen eine eigene Art des demokratischen Rechtsstaats aufbauen.
  3. Der Einsatz hat das Ziel, die Terrorgefahr zu mindern, die von Afghanistan ausgehen kann. Er soll auch die innere Sicherheit in Afghanistan stärken. Islamistische Terroristen müssen dort bekämpft werden, wo sie ihre Basis haben. Dazu braucht man afghanische Sicherheitskräfte, die von westlichen Staaten ausgerüstet und ausgebildet werden. Und dazu braucht man Soldaten, die gegen Terroristen kämpfen.

Im Krieg wird es immer Vorfälle wie den letzten NATO-Luftangriff geben. Es wird aufzuklären sein, wie es dazu kommen konnte und wer Fehler gemacht hat. Die Informationspolitik der Bundesregierung muss kritisch untersucht werden. Aber das taugt nicht als Wahlkampf-Thema. Die Kanzlerin, der Außenminister und der Verteidigungsminister haben gar keine andere Wahl, als die Untersuchungen abzuwarten.

Kein demokratischer Rechtsstaat geht in einen solchen Einsatz mit dem Ziel, dass Kinder und andere Zivilisten getötet werden. Aber man musste in einer kritischen Situation handeln und man konnte nicht warten, bis sich diese Fahrzeuge in Waffen mit ungeahnter Sprengwirkung verwandeln. Die Ursache — und das darf nicht vergessen werden — lag bei den Terroristen, die die Fahrzeuge in ihre Gewalt gebracht hatten.

Natürlich hat die LINKE im Wahlkampf das Recht, populistisch den sofortigen Abzug aus Afghanistan zu fordern. Aber was wäre damit für die Menschenrechte, die afghanischen Frauen, die Sicherheit und die ersten Ansätze von Demokratie und Rechtsstaat gewonnen?

Natürlich kann beim Lesen der Nachrichten ein sehr ungutes Gefühl entstehen. Natürlich ermöglicht es uns in Deutschland die Meinungsfreiheit, auch anders über den Einsatz in Afghanistan zu schreiben (in Afghanistan gäbe es ohne den NATO-Einsatz noch nicht mal eine Ahnung von Meinungsfreiheit). Mag sich, wie immer, jeder sein eigenes Urteil bilden … ich habe meinen kleinen Beitrag zur Diskussion geleistet.

74 Responses to Der Einsatz in Afghanistan

  1. […] Und genau deshalb kann es nur 2 Konsequenzen aus dieser neuerlichen Tragödie geben: Deutschland muss raus aus Afghanistan und Jung runter vom Ministersessel. Wie tragbar ist ein Verteidigungsminister, der die Bürger dieses Landes wohlwissentlich über bestimmte Sachverhalte in Unkenntnis hält, Unwahrheiten verbreitet und nicht zuletzt Sicherheit und Ansehen unseres Landes im Ausland Gefährdungen aussetzt? Weitere interessante Einsichten in das Thema finden sich hier und auch hier. […]

  2. stefanolix sagt:

    An dieser Stelle noch ein Update zum Artikel. In der DNN von heute ist ein Bericht über einen afghanischen Jungen, der Batterie-Säure getrunken hat und dem in Dresden das Leben gerettet wurde. Ohne den Afghanistan-Einsatz wäre er wohl kaum noch am Leben.

    Auch wenn es einige Schattenseiten gibt: Fragen wir uns doch mal, ob insgesamt durch den Einsatz mehr Gutes oder mehr Schlechtes angerichtet wurde.

  3. Jane sagt:

    Man darf hier aber auch eines nicht vergessen: Ohne die permanenten Stellvertreterkriege, die in Afghanistan auch seitens westlicher Industrienationen seit Jahrzehnten tobten, wäre das Land weder von Taliban beherrscht noch von Krieg derart zerrüttet und seine Infrastruktur dem Erdboden gleichgemacht worden. Es hätte ohne all dies höchstwahrscheinlich eine Infrastruktur gegeben, die es ermöglicht hätte, Kindern wie dem betreffenden Jungen vor Ort zu helfen, statt ihn dazu ins Ausland ausfliegen zu müssen.
    Wie immer hat jede Medaille 2 Seiten.

  4. stefanolix sagt:

    Bei Stellvertreterkriegen ist es meiner Meinung nach schon angemessen, alle Seiten zu nennen: also zumindest die Amerikaner, die Russen, bestimmte arabische Staaten, die an Afghanistan angrenzenden Staaten der ehemaligen UdSSR und auch Pakistan. Das ist ja unumstritten. Aber wir müssen mit der Situation klarkommen, die jetzt dort angetroffen wird.

    • Jane sagt:

      Deshalb schrieb ich ja „auch seitens westlicher Industrienationen“.
      Die Taliban wurden jedenfalls von den USA und ihren Verbündeten aufgebaut, um gegen die UDSSR zu kämpfen, genauso wie die USA zunächst einen Saddam Hussein aufbauten, um im Interesse des Westens Einfluss zu nehmen. Und als diese Leute anfingen, ein Eigenleben zu entwickeln, wurden sie lästig und mussten weg. An ihrer Stelle sitzen heute al-Maliki und Karsai, bis auch die irgendwann nicht mehr mitspielen und lästig werden, so, wie auch Mossadeq im Iran seinerzeit lästig wurde etc.

      • stefanolix sagt:

        Aufgebaut haben sie Saddam Hussein nicht. Sie wussten jedenfalls, um welche Art von Diktator es sich handelt. Sie haben ihm Waffen und Technik geliefert, um den Irak gegen den Iran zu instrumentalisieren. Das ist Politik aus einer Zeit, als der Spruch galt: »Er mag ein Bastard sein, aber er ist unser Bastard.«

      • Jane sagt:

        „Aufgebaut haben sie Saddam Hussein nicht… Sie haben ihm Waffen und Technik geliefert, um den Irak gegen den Iran zu instrumentalisieren.“

        Das ist ein Widerspruch in sich. Ohne diese Form der Unterstützung wäre Saddam Hussein niemals in der Lage gewesen, das zu werden, was er schließlich wurde: ein Diktator, der die Waffen und Geldmittel, die die USA ihm in Unterstützung zukommen ließen, auch gegen die eigene Bevölkerung richtete und zur Durchsetzung seiner eigenen Interessen nutzte (z.B. gegen die Kurden oder in Kuwait).

      • stefanolix sagt:

        Ich war gerade selbst überrascht, wer dem Irak wie viele Waffen geliefert hat. Da war ja sogar die DDR dabei.

      • foster sagt:

        Da gabs doch vor ein paar Jahren mal eine Studie zum Thema Militärische Untersutzung des Irak.
        Ergebnis war: die mit Abstand führenden Drei waren Frankreich, SU und China, die USA rangierten eher unter ferner liefen, auch die damals noch 2 deutschen Staaten waren mit von der Partie.

        Muss mal gucken, ob ich die Daten noch wiederfinde.

    • foster sagt:

      Muss natürlich „Unterstützung“ heißen. Sowas aber auch.

  5. Jane sagt:

    Da fällt mir noch was auf:

    „Im Krieg wird es immer Vorfälle wie den letzten NATO-Luftangriff geben.“

    Da stimme ich natürlich zu. Der Punkt, der imho jedoch kritikwürdig ist, ist doch der, dass unser Verteidigungsminister Jung sich nach wie vor weigert, von „Krieg“ zu sprechen, wo das doch sogar mittlerweile Leute tun, die den Afghanistan-Einsatz befürworten. Und das zieht nur konsequenz den Vorwurf der Schönfärberei bzw. des Realitätsverlustes an die Adresse Jungs nach sich.

  6. stefanolix sagt:

    Als beteiligtes Land haben wir die Pflicht, so sorgfältig wie möglich erst alles zu prüfen, bevor wir eine Stellungnahme abgeben.

    Erst wenn sich herausstellt, dass unsere Regierung zweifelsfrei früher Bescheid wusste, ist Kritik angebracht. Dann aber an allen dreien: an der Kanzlerin, am Außenminister und am Verteidigungsminister. Denn die dürften alle Informationen zeitgleich erhalten. Bisher sind CDU und SPD so klug, die Sache aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Das sollte auch so bleiben.

    • Jane sagt:

      „Als beteiligtes Land haben wir die Pflicht, so sorgfältig wie möglich erst alles zu prüfen, bevor wir eine Stellungnahme abgeben.“

      Genau! Das ist ja der Punkt. Wie konnte Jung VOR Abschluss der NATO-Überprüfung mit Sicherheit wissen, dass es keine zivilen Opfer gegeben hat? Das war es doch, was er dem Volk bis zur Entlarvung durch die NATO-Berichte in seinen öffentlichen Stellungnahmen weismachen wollte.

      • stefanolix sagt:

        In diesem Fall würde ich das nicht an Personen festmachen. Die gesamte Bundesregierung hat hier eine Informationspolitik zu vertreten, die später vielleicht durch einen Untersuchungsausschuss bewertet werden muss. Aber ich fürchte, dass nicht viel dabei herauskommen wird. Ungeschehen machen kann man es sowieso nicht.

  7. stefanolix sagt:

    Ergänzung: Bericht über die Befreiung eines Journalisten aus der Hand von Terroristen. Hätte man dort warten sollen, bis er vor laufender Kamera umgebracht wird?

    • henteaser sagt:

      „Er sei auf sein Hausdach gestiegen und hätte Schüsse in dem Haus von Mohammed Nabi gehört. […] Nach Angaben des Polizeichefs handelt es sich bei den Toten um die Frau und den Sohn von Mohammed Nabi.“

      Zum Glück geschah das nicht vor laufender Kamera. Was sollen nur die Leute denken.

      • stefanolix sagt:

        Es kann bei uns in Deutschland bei einer Geiselbefreiung auch passieren, dass Unschuldige getötet werden.

      • henteaser sagt:

        Genau das will mir nicht in den Kopf, wo ich seit Jahren in P.M. und anderswo über nichttödliche Hightechwaffen, Drohnen und auf unblutige Geiselbefreiungen spezialisierte SWAT-Teams lese. Wenn schon Häuserkampf, dann doch bitte humanitäreren Mitteln als die zu bekämpfenden Schurken einsetzen. Sonst fragen sich ‚die Afghanen‘ nämlich zurecht, wozu sie solche Freunde und Aufbauhelfer brauchen.

      • stefanolix sagt:

        Wenn man weiß, dass Taliban entführte Menschen [auch einen Journalisten] vor laufender Kamera schon bestialisch hingerichtet haben, dann kann man vielleicht nicht immer das perfekte Material zum Ort des Geschehens bringen(?)

      • henteaser sagt:

        Obwohl diese ‚Friedensmission‘ bereits seit Jahren andauert und sich die Fälle in Vorgeschichte (Entführung sozusagen auf offener Straße durch Banditen) und Ablauf (Lösegeld, Drohvideo, etc.) immer ähneln?

        Gerade deshalb bin ich nun wirklich der Meinung, dass es da verdammt noch mal die Pflicht von Jung und Konsorten ist, ausreichend Spezialisten* und Spezialgeräte abrufbereit zu haben. Tödliche Zwischenfälle in Deutschland könnte ich deshalb noch eher verstehen; hierzulande sind es Sonderfälle, dort sind sie genauso alltäglich wie Selbstmordanschläge und Schlafmohnanbau.

        Also: Wenn Jung immer behauptet, es wäre kein Krieg dort drüben, warum heuert er dann keine mexikanischen Counterentführer an, statt mit PR-Debakeln seine Truppen in Verruf zu bringen?

        Und für die Bombardierung der Tanklaster gibt es eigentlich auch keine Entschuldigung. Wenn schon Luftschlag, dann mit einem Löschflugzeug voll Tränengas oder so. Alles andere ist Pfusch und bereits auf kurze Sicht gefährlicher Leichtsinn, weil jede Leiche eine zuviel ist. Egal, auf welcher Seite bzw. wie ’schuldig‘ sie als lebende Person war.

      • stefanolix sagt:

        Nachdem Du darüber geschlafen hast: meinst Du wirklich, dass die Vorschläge Aussicht auf Erfolg haben? Ein Flugzeug auf einem Flughafen zu stürmen ist doch eine völlig andere Situation.

        Da sind Sicherheitskräfte in der Nähe, da gibt es eine Feuerwehr für den Brandfall und ein Krankenhaus für die Verletzten. Trotzdem kann auch ein einziger Schuss zu einem Querschläger führen und ein Querschläger kann einen Menschen töten.

        Verantwortlich für die Todesopfer sind die Terroristen, die ihre Geiseln in dieses Haus gebracht haben. Momentan ist noch nicht klar, ob der Hauseigentümer zu der Mordbande gehört hat. Aber auch wenn er gezwungen wurde, die Verantwortung liegt bei den Terroristen.

        Von hier aus kann man leicht darüber diskutieren, dass jeder Tote ein Toter zuviel ist. Dort musste gehandelt werden. Und ich gehe davon aus, dass niemand absichtlich auf Zivilisten geschossen hat.

    • henteaser sagt:

      „Ein Flugzeug auf einem Flughafen zu stürmen ist doch eine völlig andere Situation.“ – Inwiefern? Weil’s nicht so weit ist bis zum Krankenhaus für die von Querschlägern getroffenen Passagiere?

      Einen größeren Horror könnte ich mir jedenfalls nicht vorstellen, als die Gewissheit, dass mir durch meine Befreier ein gräusligeres Lebensende bereitet wird, als es mir durch meine Entführer droht. Beslan, Waco, Fallujah, usw.

      „Verantwortlich für die Todesopfer sind die Terroristen“ – Oh nein, das hast du jetzt nicht geschrieben, oder? Mit dieser schäublesken Begründung braucht’s natürlich keine Sorgfaltspflicht seitens der Counterterroristen mehr. Egal, wie viele Geiseln vom friendly fire zerfetzt werden – sooo gesehen wurden sie ja direkt von Bin Ladens „Mordbande“ getötet.

      (Und die Japaner sind noch heute froh über die A-Bombardierung.)

      Es ist ja noch dazu immer die Frage, ob es sich überhaupt um waschechte Terroristen handelt, oder eher um Trittbrettler, die das Chaos im Land nutzen, um schnelles Geld mit der Entführung westlicher Medienvertreter zu machen.

      „Dort musste gehandelt werden.“ – Ähm… Zitat:

      „Sein Übersetzer habe er später am Boden liegend gesehen, so Farrell, „er bewegte sich nicht mehr, er war tot.“ Nach ein bis zwei Minuten habe er sich vor einem britischen Soldaten als Geisel zu erkennen gegeben. Farrell sagte, er könne nicht sagen, wer seinen Kollegen getötet habe.“

      Soll heissen: Diese Geiselbefreiung hätte durchaus auch komplett für den Arsch gewesen sein können, weil die Natotruppen einen Robocop abgezogen haben. Und deshalb ist es nicht zu verantworten, wenn solche Taktiken weiterhin geduldet werden.

      Denn um damit auf längere Sicht Eindruck zu schinden, müsste(n)

      1.) die Mentalität der westweltlichen Bevölkerung sowie der Einwohner zu befriedender Gebiete eine andere sein: Nämlich die von Opferlämmern, die auch noch froh darüber sind, im Zuge der Demokratisierung den Kollateralschaden-Bodycount hochzutreiben.

      2.) die Terrorischde andere Schlüsse ziehen als nur: Hey, unsere Besatzer sind auch nicht besser als wir bzw. spielen sogar insofern unfair, weil sie auf unsere halbgaren Aktionen mit Overkill und Napalm am Morgen antworten.

  8. Torsten sagt:

    Egal was genau bei dem NATO-Luftangriff vorgefallen ist, es ist ein wunderbarer Grund um den Terroristen Afghanistans neue Leute in die Arme zu treiben. Sie werden sagen: „Seht her, die bombardieren eure Leute…“. Das schlimme daran – sowas wird immer wieder passieren. Und je mehr solcher Vorfälle es gibt, desto mehr Afghanen werden sich den Terroristen anschließen. Eine Spirale die sich unaufhaltsam weiter dreht.

    Es ist von den sogenannten „Westmächten“ naiv zu glauben, man könnte in einem Land mit militärischer Gewalt eine stabile Demoktratie schaffen. Da Demokratie ja schon vom Namen her vom (jeweiligen) Volk ausgeht, gibts nur eine Lösung: Raus aus Afghanistan. Auch wenns hart klingt und vielleicht einige Zeit braucht. Eine Demokratie muss sich von den Menschen gewollt entwickeln, alles andere wird nicht von Dauer und schon gar nicht von Stabilität sein. Was sich jetzt dort unter Karsai zu entwickeln scheint ist eine Diktatur unter dem Deckmantel der Demoktratie (Siehe Berichte zu gefälschtem Wahlergebnis). Da haben wir (die Guten, also die Westmächte) uns ja wieder sowas von mit Ruhm bekleckert – ganz große Klasse.

    Torsten

    • stefanolix sagt:

      Was sich dort entwickelt, ist eine nicht vollständig funktionierende und teilweise noch korrupte Demokratie — aber keine Diktatur und auch keine Herrschaft religiöser Fanatiker. Beides wäre schlimmer.

      Und wenn die Leute traditionell mit ihrem Stammesältesten oder ihrem lokalen Clan-Chef abstimmen, dann sollen sie es vorerst so machen. Vielleicht wird es eines Tages besser.

      Schau noch mal nach oben auf die drei Ziele. Sie sind bei weitem nicht erreicht, aber es gibt langsame Verbesserungen.

      • Torsten sagt:

        Mag sein, dass die Grundlage für diesen Einsatz diese Ziele sind. Meiner Meinung nach erreicht man damit aber genau das Gegenteil, weil man die Bevölkerung nicht konsequent genug einbindet.

        Wie kann eine „korrupte Demokratie“ die Menschen davon überzeugen, dass am Kern der Sache etwas Gutes dran ist? Wenn tatsächlich Wahlbetrug in dem bisher vermuteten Ausmaß betrieben wurde – wie weit ist diese Demokratie dann noch von einer Diktatur entfernt? Für mich sind alle Bekundungen der Verantwortlichen, dass doch bereits Fortschritte erzielt wurden scheinheilige Beschönigungen einer fehlgeleiteten Strategie. Glaubt man den Aussagen der Truppen, hat sich die Sicherheitslage (gerade in der letzten Zeit) alles andere als verbessert.

        Torsten

      • stefanolix sagt:

        Ich habe keine sicheren Angaben über den Umfang des Wahlbetrugs, vielleicht warten wir besser die Untersuchungen ab? Aber wo soll denn zwischen zwei schwachen Präsidenten für uns der Unterschied liegen? Das Sagen in den Provinzen hat doch nicht der Präsident in Kabul.

        Der Grad der Korruption soll in der Tat sehr hoch sein. Das werden die Bürger Afghanistans eines Tages mit sich selbst klären müssen. Aber solange von dem Land Gefahr nach außen ausgeht, muss man wohl noch vor Ort bleiben.

      • Jane sagt:

        Demokratie? Kann ich nicht bestätigen. Wenn man die demokratischen Teilregime mal genauer betrachtet, muss man feststellen, dass eigentlich kaum eines davon (Wahlregime, Freiheits- und Partizipationsrechte, Gewaltenteilung, effektive Staatsgewalt) funktionsfähig ist, sondern ein jedes vielmehr aufgrund mangelnder Stabilität der äußeren Umwelt stark eingeschränkt bis vollkommen blockiert ist. Sogar, um nur von einer defekten Demokratie zu sprechen, müssten wenigstens ein paar der Teilregime halbwegs funktionieren. Das tun sie aber nicht.

    • califax sagt:

      Es ist von den sogenannten „Westmächten“ naiv zu glauben, man könnte in einem Land mit militärischer Gewalt eine stabile Demoktratie schaffen.

      Sagt ein Deutscher. Und wieder ist niemand zur Stelle, der ihn mit einem Geschichtsbuch in die Schule zurück prügelt…

      Oh Herr! Wirf Bildung vom Himmel! Die eigene Landesgeschichte würde ja fürs erste schon reichen!
      Amen.

  9. tigger sagt:

    Immerhin sind sie mit ihrer Demokratie schon weiter als die Menschen im Iran. Dort durfte man nicht mal vom Wahlbetrug sprechen, ohne von den Staatsschergen verfolgt und ins Gefängnis geworfen zu werden.

    • Jane sagt:

      Woran genau machst du diese Einschätzung fest?

      • tigger sagt:

        Iran: Verhaftungen und brutale Misshandlungen von Demonstrantinnen und Demonstranten durch die iranischen Sicherheitskräfte, zahlreiche Todesopfer, die Unterdrückung der politischen Opposition und das massive Vorgehen gegen die Medien, einschließlich Eingriffe in die Informationsfreiheit des Internet.

        Afghanistan: Auf betreiben der Beschwerdekommision werden Wahlergebnisse gestrichen.

      • Jane sagt:

        Ich meinte nicht die Ereignisse im Iran, die mir natürlich bekannt sind, sondern was dich dazu veranlasst, zu vermelden, in Afghanistan sei die Demokratie bereits weiter.
        Fest steht doch folgendes: Am Tag der Wahl wurden Tausende daran gehindert, das Wahllokal zu betreten. Wer es dennoch tat, dem konnte es durchaus passieren, dass ihm die Hände abgehackt wurden. An einem Tag starben dutzende Menschen. Ein Zeichen, dass der Staat nicht die Kontrolle über das Wahlverfahren hat, für eine Demokratie unerlässlich.
        In Afghanistan fehlt es zudem im Gegensatz zum Iran an sozialem Kapital. Im Iran sind die Leute für ihre Rechte und gegen autoritäre Methoden auf die Straße gegangen, sie haben trotz der Gefahr für Leib und Leben (ähnlich wie 89 auch in der DDR) ihre Meinung geäußert, in Afghanistan hängt vielmehr alles von internationalen Organen ab, das Land selbst, seine Bürger sind wie gelähmt.
        Soziales Kapital ist ein untrügliches Indiz für das Vorhandensein einer aufgeklärten und halbwegs modernen Bürgerschicht – und diese ist mit das wichtigste Element überhaupt, um demokratische Strukturen zu etablieren.
        Im Iran ist man auf dem richtigen Weg, in Afghanistan lässt man sich weiter von außen bevormunden.

      • torsten sagt:

        @ tigger: zu „brutal“ und „massiv“:

        Warum nicht „brutalst“ und „massivst“? Oder „Brutalst-möglich“ und „Massivst-denkbar“?

        Ich find’s nicht so clever in Werte-Diskussionen immer wieder wertende Adjektive einzubauen. Damit kann man dann logisch begründen für oder gegen etwas zu sein (wer ist schon für einen brutalen Einsatz?).

        Ansonsten trifft ja Deine Schilderung der iranischen Zustände auch auf Deutschland zu. Sogar Todesopfer gibt es hier hin und wieder bei Studentenunruhen.

        Au Backe, jetzt habe ich schon wieder vergessen, dass wir hier ja in Freiheit und Demokratie leben. Blödes, blödes Gedächtnis!

      • tigger sagt:

        @Jane:
        Die Reife einer Demokratie kann man nicht an den Unterdrückungsmethoden ihrer Gegner ausmachen. Ich bewerte eine Demokratie eben darin, wie sie mit ihren Gegnern umgeht, und nicht, wie die Taliban mit der Bevölkerung umgehen, die ihr Wahlrecht ausübt.

        Und ein „starker Staat“ ist nicht notwendigerweise demokratischer als ein Schwacher, siehe Venezuela, siehe Iran. Ich gebe Dir aber recht, dass ein demokratisches Selbstverständnis (was Du als „soziales Kapital“ bezeichnetest) auch unter den Bürgern wachsen muss.

        @torsten
        Die Adjektive kannst Du einfach überlesen. Wenn Du dann allerdings zum Schluss kommst, dass die iranischen Zustände auch in Deutschland vorherrschen, lies sie lieber mit, denn sie scheinen wohl als wesentliches Element zu Deinem Textverständnis beizutragen.

      • torsten sagt:

        Es gibt Leute, die sogar in Deutschland „brutales“ Einschreiten von Polizei wahrnehmen und einen „massiven“ Eingriff in die Medienfreiheit erkennen können wollen. – Aach, diese verdammte falsche Wahrnehmung der Anderen!

      • stefanolix sagt:

        Es trifft zweifellos zu, dass man Adjektive mit Bedacht einsetzen sollte. Ich finde aber auch, dass ein Kommentar zum brutalen Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte nicht unbedingt der beste Anlass für Stilkritik ist. Wir schreiben hier keine Leitartikel, sondern (meist) spontane Kommentare.

        Der Vergleich zwischen den Wahlen in Afghanistan und den Wahlen im Iran beschäftigt mich schon eine Weile. Vielen Dank an alle, die sich hier an dieser Diskussion beteiligt haben, ich komme später noch einmal darauf zurück.

      • torsten sagt:

        Die Stilkritik übte ich nicht um ihrer selbst willen, sondern um darauf hinzuweisen, dass ein Polizeieinsatz in Iran nicht an sich brutal ist, sondern erst durch eine wertgeleitete Beurteilung zu einem solchen wird.

        Mir geht es hier auch nicht darum, dass in obigem Beitrag etwas stilistisch nicht korrekt ist. Ich wollte eher darauf hinweisen, dass es m.E. kein Urteil jenseits eigener Wertvorstellungen gibt. Und gerade diese Erkenntnis finde ich im Kontext einer Diskussionen über Geschehnisse in Iran oder Afghanistan sehr spannend.
        Mir scheint es, als ob sich Ursachen des Afghanistan-Einsatzes in Kommentaren wie dem obigen kristallisieren.

        Die eigenen Werte können ja durchaus die eigene Welt regieren. Wenn man aber nicht versteht, dass diese Werte in den anderen Welten nicht geteilt werden, darf man sich dann auch nicht wundern wenn’s weh tut.

      • stefanolix sagt:

        Das erschreckt mich und ich hoffe, Du hast es anders gemeint, als ich es lese: Der Einsatz gegen die Demonstranten und die Folterung der Gefangenen waren ohne jeden Zweifel brutal — nach welcher wie auch immer ausgerichteten »Beurteilung« denn bitte nicht?

      • torsten sagt:

        „ohne jeden Zweifel brutal“

        Was meinst Du mit brutal? Viehisch? Animalisch? Von niederen Instinkten geleitet? Unmenschlich?

        Waren es am Ende Unmenschen, die dort gute Menschen geschlagen haben? Oder viehische Barbaren? Ohne Zweifel?

        Was dieser Welt zum Frieden fehlt sind m.E. nicht mehr Urteile sondern mehr Zweifel und Verständnis. (Scheiße, ich komm mir gerade verdammt schlau vor. Ich mach Feierabend. Danke für Deinen zu Kontroversen einladenden Eingangsbeitrag und Deinen Blog, der mir gut gefällt.)

      • stefanolix sagt:

        Torsten, es geht in meinem Kommentar lediglich um brutale Handlungen. Ich behaupte über die Täter nicht, dass sie »animalisch« oder »viehische Barbaren« seien. Ich argumentiere zur Tat und nicht zur Person.

        Sollte es eines Tages einen Rechtsstaat im Iran geben und sollten die Täter verfolgt werden, müssen sie in ihrem Prozess die Rechte eines Beschuldigten haben. Es ist für mich klar, dass ihre Strafe auch keine Körperstrafe wie Peitschen, Prügeln oder Verstümmeln sein darf.

  10. torsten sagt:

    > Und wenn die Leute traditionell mit ihrem Stammesältesten
    > oder ihrem lokalen Clan-Chef abstimmen, dann sollen sie es
    > vorerst so machen. Vielleicht wird es eines Tages besser.

    Wieso sollte das besser werden? So ein lokaler Modus der Abstimmung hat ja in Afghanistan vielleicht mehr Berechtigung als unsere Art der „Demokratie“.

  11. torsten sagt:

    Ach so und zu den Zielen: Man kann prima erkennen, das eine Ideologie dahinter steckt die westliche Werte (Freiheit, Gleichheit, etc) als die alleinig seelig machenden dahinter stecken. Ja Stefan, für Dich und mich ist es toll, dass Frauen in die Schule gehen dürfen. Aber wir sind ja auch nach westlichen Werten konditioniert wurden.
    Und die Aussage, dass die Menschen in Afghanistan jetzt mehr Rechte haben als unter den Taliban halte ich für gewagt, weil sich Rechte-Haben einfach mal schlecht messen lässt bzw. sich ein Recht schlecht gegen ein anderes abwägen lässt.

  12. torsten sagt:

    > Immerhin sind sie mit ihrer Demokratie schon weiter als die
    > Menschen im Iran.

    Ich weiß, dass es nach einem Großanranzer aussieht, aber: diesen Eurozentrismus, der davon ausgeht, dass alles schlecht ist, was nicht nach „unseren“ Werten funktioniert find ich einfach arrogant. Allerdings ist er eine prima Basis für einen Kriegseinsatz in Gegenden in denen die Sachen eben falsch (nach westlichen Vorstellungen) laufen.

    • tigger sagt:

      Werterelativismus ist hingegen eine prima Basis zur Legitimation von Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt.

      • torsten sagt:

        Oha, da wird schon mal der Vorschlaghammer ausgepackt. Na gut, ich war ja auch nicht kleinlich.

        Ich stimme Dir natürlich zu, dass Werterelativismus eine prima Basis zur Legitimation von Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt ist. Aber mir scheint, dass die Legitimation von Menschenrechtsverletzungen immer noch weniger tödlich ist als Menschenrechtsverletzungen.

      • tigger sagt:

        Genau. Und um letztere zu verhindern, reicht es eben nicht, nur das THW zu entsenden.

      • torsten sagt:

        … sondern die Armee Deutschlands, na logisch….

        Wenn ich mir ansehe, welche Rechte, welcher Menschen aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln durch den mit Euphemismen verzierten Kriegseinsatz der Deutschen Armee bisher geschützt wurden, wünschte ich, man hätte statt der Bundeswehr lieber gleich ein Heer von Immobilienmaklern, Lifestyle-Beratern, PR-Managern und Sozialpädagogen nach Afghanistan entsendet. Das wäre billiger, lustiger und vor allem ehrlicher, denn wer kann westliche Werte besser vertreten, als die oben Genannten? Zurück in Deutschland hätten diese dann prima über das Interesse der Afghanen an westlichen Werten referieren können.

        Nur um nicht falsch verstanden zu werden: ich will hier kein Bild von ursprünglichen, guten, natürlichen und vielschichtigen Kulturen zeichnen, die von bösen, entarteten, dekadenten und imperialistischen Mächten überfallen werden, um diesen ihre Werte aufzuzwingen. Ich denke vielmehr, dass es einfach nur imperialistische Mächte sind, die vielschichtige Kulturen überfallen müssen um diesen ihre Werte aufzuzwingen und so die eigene (Werte-) Herrschaft auszubauen.
        Der Hinweis auf Menschenrechte ist da m.E. nur ein Mittel zur Legitimation der anfallenden Kosten (Menschenleben, Ressourcen, Wohlbefinden etc…).

        Mmm…klingt jetzt irgendwie marxistisch. Na anyway, ich finde diesen Krieg total bekloppt. Vielleicht geht es den Afghanen ja anders, dann will ich nichts gesagt haben.

      • tigger sagt:

        Ja, Werterelativismus wird oft mit dem Vorwurf des Kulturimperialimus begleitet. Aber was ist daran so falsch, anderen Menschen unsere Ideale wie zum Beispiel von Gleichberechtigung der Geschlechter, die freie Entfaltung der Persönlichkeit oder weiblicher Selbstbestimmung über den eigenen Körper nahezubringen ?

        Und was ich bei Werterealtivisten am wenigsten verstehe, ist, warum sie innerhalb eigener nationaler Grenzen durchaus dominierende Werte „ihrer“ Gesellschaft ausmachen können. Wieso sehen sie vielschichtige Kulturen nicht auch innerhalb der eigenen Staatsgrenzen ?

      • torsten sagt:

        Was daran falsch ist „anderen“ Menschen „unsere“ Ideale „nahezubringen“? (Oh die Bundeswehr bringt anderen Menschen nahe“ Und noch dazu „meine“ Werte. Weihnachtsstimmung! Sehr schön!)

        Es ist nicht falsch, aber wieso sollte man es? Andere Länder, andere Sitten.

        Ansonsten musst Du die Afghanen fragen warum sie sich so gegen unsere Werte wehren. (Ich nehme an, die sind da unten einfach noch nicht so weit. <-Satire )

      • stefanolix sagt:

        @tigger: um das noch mal zu unterstreichen — es geht schlicht um grundlegende Menschenrechte der afghanischen Frauen: es geht um das Existenzrecht als Frau, was beim Recht beginnt, das Gesicht zeigen zu dürfen, was vollständige Gleichstellung vor dem Gesetz einschließt und was beim Recht auf die Wahl eines Partners und eines Berufs noch lange nicht aufhört.

        Zwar sind die Verbrechen des Nationalsozialismus singulär und jeder Vergleich (siehe califax‘ Kommentar) mit der Befreiung Deutschlands am 08. Mai 1945 muss sehr vorsichtig gelesen werden. Aber im Grunde muss auch Afghanistan dauerhaft befreit werden. Wie sich das Land dann weiterentwickelt, wird die Geschichte zeigen. Aber dass ein Mindestmaß an Menschenrechten durchgesetzt werden muss, steht für mich außer Frage.

      • tigger sagt:

        @stefanolix: Das musst Du mir nicht sagen.

        @torsten: „Die Afghanen“ wehren sich nicht gegen „unsere“ Werte. Falls für Dich allerdings nur die als Taliban bekannten radikalen Islamisten als „Afghanen“ gelten, dann solltest Du auch die Kultur, Ethik und Wertvorstellungen der übrigen dort lebenden Menschen respektieren :-)

      • stefanolix sagt:

        Das war jetzt auch eher an andere Leserinnen und Leser gerichtet. Das »@tigger« sollte lediglich einen Bezug zu Deinem Kommentar herstellen.

      • torsten sagt:

        @ stefan:

        Gut seh ich ein. Du als weißer, männlicher, mitteleuropäischer Angehöriger der Mittelschicht bist offenbar Derjenige, der die Wünsche und Bedürfnisse der afghanischen Frauen genau kennt.

        Ich dachte, ich sei der Mann der die Frauen versteht – Pustekuchen!

      • stefanolix sagt:

        Ganz bestimmt verstehst Du die Frauen der »weißen, weiblichen, mitteleuropäischen Mittelschicht« sehr gut. Aber dieses Verständnis lässt sich leider kaum quantifizieren und deshalb möchte ich nicht mit Dir in einen Wettbewerb einsteigen ;-)

        Nein, ich maße mir nicht an, die Wünsche der Menschen in Afghanistan zu kennen. Aber schrieb ich dort oben eigentlich von »Wünschen« oder von Menschenrechten?

        Noch einmal: dass ein Mindestmaß an Menschenrechten durchgesetzt werden muss, wenn NATO-Truppen aus Sicherheitsgründen dort sind, steht für mich außer Frage. Für welches Leben sich die afghanischen Bürger darüber hinaus entscheiden, ist deren Sache.

    • stefanolix sagt:

      Es gibt IMHO Menschenrechte, die nicht nur »eurozentriert« sind.

      • torsten sagt:

        Ja und welches sind die richtigen? Die von den Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz beschlossenen? Oder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte? Oder die Menschenrechte, wie Sie von der Chinesischen Regierung verstanden werden?

      • Jane sagt:

        Es ist richtig und wichtig, dass es als internationale Leitlinie verankerte Menschenrechte gibt. Dennoch halte ich es für a) unmöglich, diese pauschal einer jeden Gesellschaft überzustülpen und b) für kontraproduktiv, dies mit militärischen Mitteln durchzusetzen.
        Die Menschen der einzelnen Kulturkreise müssen vielmehr selbst die Pros und Cons dieser Werte abwägen, selbst erkennen, dass garantierte Menschenrechte Garantie für Gleichheit und Stabilität sowie für ein Miteinander verschiedenster Konfessionen und Auffassungen sind.
        Das geht nicht von heute auf morgen und ganz sicher macht militärisches Eingreifen vieles kaputt, was auf einem guten Wege war. Das hat nicht zuletzt der Fall Irak gezeigt.

  13. catapult22 sagt:

    Die Frage „Auslandseinsätze“ stellt sich grundsätzlicher und fundamentaler. Die Relevanz zum aktuellen Wahlkampf ist dabei eher nebensächlich bzw. nachrangig.

    Gibt es überhaupt Gründe für einen Auslandseinsatz der Bundeswehr? Ist die Missachtung von Menschenrechten ein Grund? Wann marschieren wir in China ein? Wo setzt man die Grenzen für oder gegen einen Einsatz? Sollten wir uns nicht wahlweise auf Deutschland, Europa oder NATO-Partner konzentrieren? Sollten wir nicht Menschen irgendwo auf dieser Welt Ihrem vielschichtigen Elend überlassen, bis sie es selbst (von sich aus) überwinden? Wieviel Unrecht müssen wir (egoistisch gesehen) in dieser Informationsgesellschaft tagtäglich ertragen können? Und vor allem diejenigen, denen fundamentale Menschenrechte jede Stunde entzogen werden? Sollen wir zusehen, wie in Ruanda Tausende abgeschlachtet werden? Um nur ein halbwegs aktuelles Beispiel zu bringen und nicht gleich auf die Geschichte zu verweisen.

    Dieses Thema berührt so viele Fragen, dass man sie unmöglich hier alle beantworten kann. Und was die Missachtung der Menschenrechte betrifft: So ein abstrakter Begriff! Aber was heisst es wirklich, wenn man weiblichen Geschlechts Null Chance in der herrschenden Gesellschaft hat? Wenn man wegen vermeintlichen Verfehlungen mittelalterlichen Strafen (auspeitschen, steinigen) ausgesetzt wird? Schon mal ein Video davon gesehen? Gibt’s frei verfügbar im Netz …

    Sollten wir irgendwo Minderheiten, Unterdrückte, Menschen eines Geschlechts, eines Glaubens, einer Rasse, einer Nationalität ihrem Schicksal überlassen? Never, zumindest nicht mit mir. Wenn wir ein Ziel haben, müssen wir „kämpfen“… Kämpfen ist im Deutschen ein vielschichtiges Wort.

    Ich bin kein Politiker. Mir ist es egal, ob wir es in Afghanistan als Krieg bezeichnen oder nicht. Krieg und Militäreinsätze sind IMMER das schlechteste Mittel. BILDUNG ist der Schüssel zum „Glück“. Aber wie können wir Bildung in eine kriegerische Region bringen, wo die Herrschenden keine Bildung wollen?

    Es gibt nicht nur „Bildung“ oder „Freiheit“ oder „Wohlstand“ oder „Wiederaufbau von Infrastruktur“ oder „Krieg“ („militärischer Schutz von humanitären Aufgaben“). Es gibt alles in unterschiedlicher Mischung. Militärische Mittel = Krieg ist immer die schlechteste Lösung, deshalb so wenig wie möglich davon. Aber eben auch nicht wegsehen und keine scheinbar „saubere“ Scheckbuchdiplomatie.

    Der Trend müsste sein, tendenziell militärische Mittel zurückzufahren und humanitäre Mittel zu stärken. Scheinbar passiert in Afghanistan das Gegenteil. Haben wir versagt?

    Nein. Wir müssen durchhalten. Bildung, Freiheit und Wohlstand kommen nicht von heute auf morgen. Sie brauchen Entwicklungszeit und wohl auch begleitenden, militärischen Beistand.

    Deshalb lasst deutsche Soldaten bald nach Hause kommen. Bald – nicht sofort!

    • stefanolix sagt:

      Danke, das war ja fast schon ein Gastbeitrag ;-)

      Auch wenn die NATO vordergründig in Afghanistan gegen den Terrorismus kämpft, bleiben die anderen Ziele in meinen Augen gleichrangig. Denn das Volk dort muss in die Lage versetzt werden, selbst für Sicherheit zu sorgen und sich selbst einen Staat aufzubauen.

      Deshalb ist es, wie Du sagst: wir müssen durchhalten.

      Natürlich muss die NATO-Präsenz irgendwann ein Ende haben. Aber jetzt ist das Ende noch nicht greifbar.

      Ich muss es hier angesichts der Umfragen noch mal betonen: die LINKE missbraucht das Thema für den Wahlkampf, obwohl sie wirklich keine Lösung anzubieten hat. »Sofort raus aus Afghanistan« ist angesichts von Verantwortung und Bündnisverpflichtungen völlig indiskutabel. Hoffentlich kann das den Wählern in den nächsten 14 Tagen noch vermittelt werden.

    • Jane sagt:

      Ich sehe das folgendermaßen:
      Wer kam Europa zu Hilfe, als es im Mittelalter und der Sturm- und Drang-Phase nach der Aufklärung bis hinein ins 20. Jahrhundert, hoffnungslos in Konflikten verknäult, nach neuen Identitäten und modernen Formen des Zusammenlebens suchte?
      Und wir haben es vielleicht gerade deshalb geschafft, stabile und vor allem moderne Systeme zu entwickeln, WEIL die Menschen hier ihre Konflikte selbst ausgefochten haben und zu sich selbst finden durften, OHNE dass noch Dritte mit wiederum eigenen Interessen mitmischten.

      Am Anfang einer jeden demokratischen Transformation stehen zwangsläufig ein autoritäres Regime, Unrecht und Auflehnung der Bevölkerung. Und wie du schon richtig feststelltest, wir können nicht überall sein, um zu helfen.
      Und vor allem zeigen die Kriegseinsätze der Vergangenheit allzu deutlich, dass wir zumeist dort im Einsatz waren, wo es auch für uns von Interesse war, Hilfe für die Unterdrückten also bestenfalls ein positiver Begleitumstand war. Das gilt für Einsätze in Afrika ebenso wie für die Einsätze in Ex-Jugoslawien.
      Keine der Westmächte würde hingegen auf die Idee kommen, Truppen nach Tibet zu senden, nach Nordkorea, nach Palästina oder nach Sri Lanka – obwohl in diesen Regionen Menschen oft schon seit Jahrzehnten Fürchterliches zu erdulden haben, teilweise gänzlich ihrer Rechte beraubt sind. Denn dort herrschen entweder die „Richtigen“ oder aber der Aufwand lohnt vor dem Hintergrund mangelnden strategischen Interesses nicht.

      Dass aus Völkern, die sich in durchaus blutigen Auseinandersetzungen intern bekämpften, tatsächlich halbwegs demokratische Systeme erwachsen können, dass Konflikte innerhalb einer Nation auch wieder beigelegt werden können, wenn man sie diese Konflikte SELBST austragen LÄSST, zeigen z.B. Länder wie der Libanon. 15 Jahre Bürgerkrieg haben den Multikonfessionsstaat zumindest zu der Erkenntnis gebracht, dass man sich miteinander irgendwie arrangieren muss. Der Libanon ist heute weit davon entfernt, eine konsolidierte Demokratie zu sein, aber er hat eines geschafft: Alle ehemaligen Konfliktparteien (auch die Hardliner der Hizbollah) in die demokratische Entscheidungsfindung einzubinden und ihnen so einen Großteil ihres Fundamentalismus und ihres Spaltungspotenzials zu nehmen. Dass die Hizbollah hin und wieder übers Ziel hinausschießt, liegt vor allem am nach wie vor instabilen politischen System sowie an gravierendem Rechte- und Verteilungsungleichgewicht.
      Dennoch könnte der Weg des Libanon Vorbildcharakter für Afghanistan haben, was die Entschärfung der Taliban im eigenen Lande betrifft, die ja nach wie vor ein Haupthindernis auf dem Weg zu stabilen, ansatzweise demokratischen Strukturen darstellt.
      Dem islamischen Staat Afghanistan das Korsett einer westlichen Demokratie mittels militärischen Zwanges überstülpen zu wollen, muss scheitern, denn es ignoriert die regionalen und kulturellen Spezifika. Demokratie ist in solchen Fällen immer nur vor einem realistischen Hintergrund des aktuell Möglichen zu beurteilen.
      Ein weiteres Hindernis ist aber zwangsläufig die fehlende Selbstbestimmung des Landes. Die effektive Regierungsgewalt muss in die Hände eines klar definierten, souveränden Staatsapparates und jegliche interessensgesteuerte Einmischung von außen muss eingestellt werden.
      So begab sich der Libanon just ab dem Moment auf den Weg in stabilere Zeiten, als Israel und ein paar Jahre später auch Syrien ihre Einmischungspolitik endlich einstellten und ihre Truppen abzogen.

      My 2 cents.

  14. torsten sagt:

    > Wenn wir ein Ziel haben, müssen wir „kämpfen“…
    > Kämpfen ist im Deutschen ein vielschichtiges Wort.

    > Wir müssen durchhalten

    Oh Gott, ich glaub es nicht. Zum Glück muss mein Opa das nicht mehr erleben. Als Teilnehmer von Rommels Afrikaoffensive hatte er die Schnauze voll von Krieg.

    Und was heißt hier eigentlich „Wir“? Ich muss weder durchhalten noch kämpfen. Wieso müsst Ihr es?

    • Jane sagt:

      Ich glaube, er meinte das mit dem „Kämpfen“ durchaus „vielschichtig“. Kämpfen kann man auch ohne Militäreinsatz, auf zivilem, solidarischem Wege.

      • torsten sagt:

        ja, die vielschichtigkeit ist mir bewusst. man kann auch mit worten oder liedern kämpfen. dennoch: wen will man damit aus welchen gründen besiegen?

      • Jane sagt:

        Vielleicht formuliert man die Frage besser um in: Was will man bekämpfen. Z.B. die Armut in einem Land durch eine Korrektur der eigenen Auffassung davon, was alles vertretbar ist, um die eigene dominante Stellung in der Weltwirtschaft voranzutreiben (siehe Afrika).

  15. torsten sagt:

    > Vielleicht formuliert man die Frage besser um in:
    > Was will man bekämpfen. Z.B. die Armut in einem
    > Land durch eine Korrektur der eigenen Auffassung
    > davon, was alles vertretbar ist, um die eigene
    > dominante Stellung in der Weltwirtschaft
    > voranzutreiben (siehe Afrika).

    Dieser Vorstellung von Kämpfen schließe ich mich an.

  16. catapult22 sagt:

    Ich war in den 90ger Jahren viel in Asien und Südamerika (und erst letztes Jahr mit meiner damals 9jährigen Tochter in Nepal) „very basic“ unterwegs. Was ich da an Not und Elend (aber auch an Lebensfreude) gesehen habe, hat sich mir eingebrannt. Und ich habe mir geschworen, meinen kleinen Teil dazu zu tun, dies ein klein wenig zu ändern und zu be-kämpfen.

    Thx@Jane für die „kämpferische Klarstellung“.

    Niemand muss in diesem Sinne mit-kämpfen. Da bin ich im besten Sinne liberal. Aber mit Blogs und Kommentaren vermindert man Armut auch nicht. Und auch nicht nur mit einer

    > Korrektur der eigenen Auffassung
    > davon, was alles vertretbar ist, um die eigene
    > dominante Stellung in der Weltwirtschaft
    > voranzutreiben (siehe Afrika).

    Denn das würde NUR der Politik und Wirtschaft die Schuld für das existierende Elend in der 3. Welt geben. Aber jeder Einzelne in der westlichen Welt profitiert von z.B. billigen Kaffeepreisen im Supermarkt. Auch ich.

    Und: Jeder (der will), kann auch ganz privat oder in Gemeinschaft etwas gegen diese Dinge tun. Z.B. Fairtrade kaufen. Oder in Bildung in der 3. Welt investieren. Habe ich als Student begonnen (Patenkind) und mit etwas Ausdauer konnte ich letztes Jahr in Nepal „mein Patenkind“ zum Abschluß seines Studiums beglückwünschen.

    1 Mensch von 4 Milliarden. Na und? Sicher zu wenig. Aber nur auf Politik etc. schimpfen reicht nicht. Selbst aktiv werden! Deshalb: Wir müssen kämpfen.

  17. catapult22 sagt:

    Antwort @ Jane folgt (hoffentlich zeitnah).

  18. torsten sagt:

    Der Thread hier ist zwar nicht mehr der jüngste, aber ich habe im Guardian gerade folgenden Kommentar von Dr. Asma Barlas gefunden.

    Sie äußert sich darin recht kritisch zu dem m.E. heuchlerischen Argument, man könne die Befreiung der afghanischen Frauen und das Ende ihrer Unterdrückung mit dem aktuellen Krieg erreichen.

    Only Muslims can change their society – http://www.guardian.co.uk/commentisfree/belief/2009/aug/25/muslim-society-us-afghanistan

    Meines Erachtens hat sie den Finger auf der Wunde, wenn sie behauptet, dass imperialistische Bestrebungen, in denen Sie den Grund für den Afghanistan-Krieg sieht, durch den lang gehegten Wunsch westlicher Männer verschleiert werden, als Befreier muslimischer Frauen aufzutreten.

    Andererseits: Die Autorin ist nur eine Frau und noch dazu eine Muslima. Mitteleuropäische Mittelstandsmänner sollten sie also nicht so ernst nehmen, wenn Sie über die muslimische Frauen spricht.

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