Eine kleine Entscheidung

Heute ist ein Tag der großen Entscheidungen und ich habe ihn auch zu einem Tag für eine persönliche Entscheidung gemacht.

Ich bin an diesem wunderschönen Sonntag von Dresden nach Bonn gefahren. Meine Route führte quer durch Deutschland, über Thüringen, Hessen und Rheinland-Pfalz. Ich habe noch an meinem Manuskript für morgen gearbeitet und unter meinen Kopfhörern Orgelmusik gehört. Aber ich habe auch oft aus dem Fenster geschaut und nachgedacht.

Die Menschen draußen haben das wunderbare Wetter genutzt, um in der Sonne zu entspannen, zu wandern oder zu radeln — aber auch um zu ernten, zu pflügen oder zu schreiben. Ob sie alle zur Wahl gegangen sind? Ist ihnen das Wählen genauso wichtig wie ihre Freizeit oder ihre Arbeit?

In Sachsen haben wir in diesem Jahr viermal gewählt. Ich habe jedes Mal das getan, was ich für meine Pflicht hielt. Doch ist das Politische mir noch so wichtig, dass ich mich jede Woche einige Stunden damit beschäftigen will?

Wenn jetzt die meisten Menschen vor den Fernsehern sitzen, werde ich meinen Fernseher im Hotelzimmer allein lassen. Ich werde durch Bonn laufen, nachdenken und noch ein wenig fotografieren. Aber meine Entscheidung ist getroffen. Was ich bisher nur angedeutet habe, werde ich jetzt wirklich tun: ich will mich entpolitisieren.

Ich werde ab jetzt das »Tagebuch eines Unpolitischen« führen. Ihr werdet [bei mir] vielleicht Entzugserscheinungen spüren und ich sage nicht, dass es einfach wird. Aber wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann schaffe ich es nicht mehr.

Ich kann nicht sagen, ob die Reisenden sich im ICE über die Wahl unterhalten haben, denn meine Kopfhörer schirmen Außengeräusche ziemlich gut ab und mir war heute nicht nach Reden zumute. Doch es schien niemand politische Gespräche zu führen. Die meisten haben geschlafen oder gedöst oder Belangloses gelesen.

Ich werde mein Leben jetzt nicht mit Schlafen, Dösen oder Belanglosigkeiten verbringen. Doch ich will auch keine Energie mehr an politische Debatten verschwenden. Was zählt meine Stimme gegen die lauten Stimmen der Berufspopulisten im Netz?

25 Responses to Eine kleine Entscheidung

  1. Claudia sagt:

    Sich mit Kultur beschäftigen – was Du ja doch nicht lassen kannst – ist politisch. Ob ein Mensch Bildung wichtig oder unwichtig findet, Sprache auf die eine oder andere Weise braucht oder mißbraucht, sind bereits politische Äußerungen. Also tu ruhig so, als seiest Du unpolitisch – Du wirst es nie. ;-)

    • stefanolix sagt:

      Der Spaziergang durch Bonn war wunderschön und ich habe erst nach zwei Stunden etwas vom Ergebnis gehört. Wenn ich an einem solchen Wahlabend »auf Entzug« gehe, dann schaffe ich es garantiert auch weiterhin;-)

      Mit Kultur, Bildung, Sprache und viel Privatem wird es weitergehen. Und natürlich hast Du im gewissen Maße recht, ein bewusster Mensch ist nie ganz unpolitisch. Doch das ist auch Sache der Auslegung. Waren es nicht die 68er, die selbst das Privateste als politisch definiert haben?

      All das Parteiengezänk, das Gewinnen oder Verlieren, das leere Zurechtbiegen von Verlusten — das wird es hier jedenfalls nicht mehr geben.

  2. che2001 sagt:

    Wäre nur schön, wenn Du – unpolitisch, kultiviert und privat – weiterbloggst. Flotte Grüße!

  3. che2001 sagt:

    Dann bin ich beruhigt und gespannt.

  4. catapult22 sagt:

    Lieber stefanolix,

    musste Deinen Artikel 2x lesen und schüttele immer noch den Kopf…

    Vielleicht haben Dich die Orgelmusik und die Bilder aus dem Zugfenster etwas melancholisch gemacht. Vielleicht hast Du auch den Eindruck, Deine Energie, die Du in diesen Block, die Artikel und die Kommentare steckst, ist vergebene Liebesmüh. Es ändert sich ja doch nichts…

    „Ihr werdet vielleicht Entzugserscheinungen spüren“. Die werden nur wenige haben. Nämlich die paar Hanseln (dazu zähle ich mich), denen Deine politischen statements etwas bedeuten. Für die Anderen bist Du schnell vergessen. Besiegt. Ruhig gestellt. Eine bissige, liberale Stimme weniger. Die Anderen werden um so lauter. „Wahr“ genommen.

    Das ist ein bisschen so wie: Ich geh nicht mehr wählen, ändert sich ja doch nix. (Ich weiß, Du gehst weiter wählen.) Resignation führt zum Erstarken der Extremisten.

    Energie muss man gut einteilen. Damit genug zum LEBEN bleibt. Mach mal bissel langsamer, aber schweige nicht!

    Gerade in Zeiten von web2.0 ist die direkte Demokratie erstarkt. „Zensursula“ zeigt, dass von einzelnen Stimmen Wellen ausgehen können, die das Ufer der Politik zumindest (auf-)hören lassen. Und das ist erst der Anfang.

    Das „Tagebuch eines Unpolitischen“. Argh. Sowas gibt es jenseits der Belanglosigkeit nicht. Du willst schweigen zur Politik? Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. (Sprüche 31,8).

    Wer schweigt, ist schon ein Stückchen tot. Ich wünsche Dir ein ausgeglichenes Leben und erfüllte Diskussionen, wann immer DU magst!

    Herzliche Grüße.

    • stefanolix sagt:

      Im Gegenteil: die Fahrt war sehr schön und hat mich kein bißchen melancholisch gemacht. Ihr werdet Entzugserscheinungen bei mir spüren, weil ich auf bestimmte Themen nicht mehr eingehe. Aber von Schweigen war nie die Rede!

      Es wird Natur, Wirtschaft, Statistik, Kultur, Sport und vieles andere geben. Keine Angst: das große Schweigen wird hier nicht ausbrechen.

      Meine Auswertung der Landtagswahl in einen einfachen Diagramm war damals völlig unpolitisch. Die Schlüsse blieben jedem selbst überlassen ;-)

      Das Museum Koenig auf einem der Fotos aus Bonn war zum Beispiel eine Stätte, an der die Demokratie in Deutschland quasi entstanden ist. Da mag jeder Nichtwähler mal über die Entwicklung der Wahlbeteiligung nachdenken. Auch als Unpolitischer kann man Demokrat bleiben.

      Ich wünsche allen einen schönen Nach-Wahltag. Mal sehen, ob ich hier in Bonn neben der Arbeit heute ein passendes Netz finde.

    • stefanolix sagt:

      Zählt das als politisch? Wenn ja, dann rechne es meinen Entzugserscheinungen zu ;-)

  5. foster sagt:

    Schließt das etwa auch ein, dass du bei den „Bissigen“ als Autor wegfällst?

    • stefanolix sagt:

      Dazu habe ich bisher keine Entscheidung getroffen. Wir haben bei B.L.O.G. eine sehr gute Balance zwischen gemeinsamem und individuellen Bloggen gefunden. Ich muss weder dort noch hier schreiben.

  6. torsten sagt:

    Du willst Dich entpolitisieren? Wie soll’n das gehn? Gibts da Kurse an der Volkshochschule? Oder Nikotinpflaster? Willste aufhören Dich zu bewegen und zu denken? Ziehste jetzt in’n Wald in eine einsame Hütte?

    Ich finde es ist unmöglich sich zu entpolitisieren. Abgesehen davon, dass entpolitisieren ja auch schon ein blödes Wort ist.

    • stefanolix sagt:

      Entzug ist auch kein schönes Wort.

      Ich will mich von all dem Ballast befreien, den das herkömmliche politische Bloggen mit sich gebracht hat. Von all der sinnlosen Polemik. Von all den Diskussionen, die im Sande verlaufen. Von all dem Halbwissen, das diese Diskussionen dominiert.

      Ich habe den Wechsel gewählt und ich gebe ihm unvoreingenommen eine faire Chance.

      Doch die Schulden des Bundes sind immens hoch und die Spielräume der Politik sind sehr klein. Die Arbeitslosenzahl wird wachsen, wenn die Kurzarbeit ausläuft. Ich erwarte keine wirkliche Erleichterung bei Steuern und Abgaben, sondern ich erhoffe mir nur, dass die Mehrbelastung in Grenzen bleibt.

      Ich werde natürlich noch zu gesellschaftlichen Themen schreiben, aber Kultur, Wirtschaft, Sport und praktische Dinge in den Mittelpunkt stellen.

      PS: Bei allem Respekt vor den Leistungen der Volkshochschule auf einigen Lehrgebieten: Lebenshilfe erwarte ich von dort nicht ;-)

  7. Sehr schade. Ich fand die Diskussionen mit Dir immer spannend.

    • stefanolix sagt:

      Wir können über Sachfragen immer gern diskutieren. Aber (ich habe es gerade an anderer Stelle gesagt):

      Die künftige Regierung wird aus Eurem linken Lager und Euren linken Medien schon jetzt als extremistisch-marktradikale Bande hingestellt, die das Land direkt in die Wolfsgesellschaft führen wird. Erspare mir jetzt bitte Einzelnachweise — das ist einfach die Meinung, die gemacht und verbreitet wird.

      Dieser Unsinn wird verbreitet, obwohl der Sozialstaat durch bürgerliche Parteien mit aufgebaut wurde. CDU und FDP haben zum Beispiel unter Kohl die Pflegeversicherung eingeführt und bei aller Diskussion über Details(*) finde ich es richtig, dass damit eine nachhaltige Maßnahme zur Sicherung der Pflege in einer Gesellschaft mit immer mehr Älteren und Pflegebedürftigen getroffen wurde.

      Alles was ich damit sagen will: kommt endlich zurück aus diesem unsinnigen Wahlkampf-Modus und diskutiert zu echten Sachfragen. Darüber gäbe es so viel zu bloggen und zu reden.

      ——
      (*) ich hätte für die Pflege eine zu 50% private Pflichtversicherung für richtig gehalten.

  8. Also gut, ein 4-Zeilen-Beitrag samt Video ist ganz übler Wahlkampf-Modus. Ok.

    • stefanolix sagt:

      Euer Lager hat im Wahlkampf eine Stimmung verbreitet, dass mit Schwarz/Gelb direkt die marktradikale Wolfsgesellschaft beginnen wird, in der wegen der bösen FDP alle Sozialsysteme zusammenbrechen.

      Ich wollte mit dem Hinweis auf die Pflegeversicherung oben nur zeigen, dass mit Schwarz/Gelb jetzt nicht die Wolfsgesellschaft beginnt, sondern dass allenfalls in Nuancen eine andere Realpolitik betrieben werden wird.

      Ich bin gegenüber der neuen Regierung in keiner Weise vertrauensselig, aber sie müssen doch wenigstens erst mal ein Konzept vorlegen und anfangen dürfen, bevor man sie schlechtredet.

      Ich bin gespannt, was Ihr aus der SPD machen werdet, denn eine Demokratie ist nicht möglich ohne wählbare Alternativen. Aber Euer Wahlkampf war wirklich unterirdisch. Du kennst den langen Artikel im »Freitag« über den Online-Wahlkampf der SPD? Und Dich wundert, dass man Euch nicht haben wollte?

  9. Lina sagt:

    Du machst also ernst? Markierst, unterstreichst, ver_sicherst Deinen Abgang (als Polit-Blogger) sicherheitshalber mehrfach, da und dort in den Blog-Arenen, um auch jaaaah nicht rückfällig zu werden ;-) ?

    Das KANN Dir nicht leichtfallen, das hat jenseits über_ge_zogener (?) Gelassenheit auch was Wehmütiges, Ver_zweifeltes gar! Vor allem aber isses schade für Deine Leser, MitdiskuTANTEN und -OnkelZ, die Deine ausgleichende Art des Umgangs vermissen werden – auch den aufrechten Eifer dabei.

    Ach, stefanolix … gut, dass Du (ganz oben) schon wieder (quer-)einsteigst, indem Du den Gebetsteppich erst ausrollst und dann (wissend/weise) gleich wieder einrollst ;-) …

    • stefanolix sagt:

      Zuerst zu dem ausgleichenden Umgang: ich finde das ja sehr schön, wenn ausgleichender Umgang geschätzt wird. Vielleicht wäre es aber ganz hilfreich, wenn zur Abwechslung mal ganz viele Beteiligte auf ausgleichenden Umgang setzen würden? Dann würde meiner gar nicht mehr auffallen ;-)

      Wir hatten jetzt hier in Dresden insgesamt vier Wahlen an drei Terminen und irgendwann will man all das Geschwätz und all das schlechte Marketing nicht mehr haben.

      Ich will nicht mehr teilhaben am Gezänk der Parteien, denn ich erwarte von keiner Partei etwas Besonderes. Ich will nicht mehr teilnehmen an diesen Diskussionen, die sich doch nur im Kreis drehen. Das kostet mich Energie, die ich an anderen Stellen brauche.

      Der Artikel zu den Gebetsräumen ist in meinen Augen kein politischer, sondern ein menschlicher Artikel. Ich habe selbst Fundamentalismus am eigenen Leib erleben müssen und ich sehe keine andere Lösung, als die, die ich oben angedeutet habe. Ich habe mich auch (unter anderem) mit Hilfe des »Nathan« daraus befreit.

      Aber selbstverständlich kann man den Artikel auch als politischen Artikel sehen, denn alles ist auf irgend eine Weise politisch: die Inszenierung im Theater genauso wie die Bildung in der Schule und viele Entscheidungen in der Wirtschaft.

      Wenn Du danach gehst, bleibe ich also ein politischer Mensch und Blogger. Aber ich werde mich nicht mehr auf Diskussionen über die Kommunisten-Fraktion im Bundestag oder über die Schein-Politik der großen Parteien einlassen. Und ich werde auch nicht mehr allem Unsinn widersprechen, der in den Blogs über Politik ausgebreitet wird.

  10. che2001 sagt:

    Die letzten Sätze muten ja geradezu weise an. Nun denn, alles Beste auf Deinem weiteren Weg – eine ganz neue Richtung einzuschlagen ist immer gut. Wenn Du Dich in Politblogs nicht mehr meldest, werde ich Dich vermissen, freue mich aber für Dich, wenn Du eine Entscheidung getroffen hast, mit der Du im Reinen bist und die Dich weiterbringt.

  11. catapult22 sagt:

    Irgendwie versteh ich Dich jetzt. So ein blog mit der Kommentar- und Moderationsfunktion ist schon wahnsinniger Stress. Und auch Sucht. Kann selbst als Kommentator im Urlaub nicht davon lassen. Und Kommentator ist was anderes als Moderator/Blogbetreiber.

    Du übrigens kannst auch nicht davon lassen und streifst erkennbar nah die aktuelle Politik (Volkswirtschaft). Auch wenn Du vielleicht das ein oder andere triviale Thema auslässt.

    Hatte schon Gefallen an einen eigenem Blog gefunden. Bin jetzt skeptisch, ob das meinen Stress nicht ins Nichtschaffbare erhöht.

    Andererseits ist reden, diskutieren erfüllender als nur Lesen/input. Allerdings zu Lasten von Familie, Partnerschaft, Kinder und anderen persönlichen Interessen.

    Und immer die gleichen Diskussionspartner, manchmal nerds. Ein blog erreicht immer die gleichen Leute. Selten Otto Normalverbraucher. Wie kann man mit diesen Leuten reden? Wollen die das überhaupt?

    • stefanolix sagt:

      Wirtschaft ist nicht Politik! Nicht in dem Sinne, dass ich damit aufhören könnte ;-)

      Und gerade blogge ich über Kunst. Kann doch nicht sein, dass eine Ausstellung über DDR-Kunst eröffnet wird und kein Dresdner Blogger Notiz nimmt …

      Es ist schon interessant, mit Leuten zu diskutieren. Ich tippe schon manchmal schneller, als ich denke. Und ich spüre selbst, dass ich eine sehr steil ansteigende Lernkurve habe.

      So, jetzt schreibe ich noch den Artikel fertig und dann geht’s aber ins Bett.

    • stefanolix sagt:

      Ich weiß was: ich biete Dir einfach eine Rolle als Gast-Autor — nach Deiner Lust und Laune – an. Viele Deiner Kommentare sind eigentlich Artikel. Ich nehme natürlich nicht alles ;-)

      Nein, im Ernst: ich bin da ein ganz fairer Partner und würde auch Lektorat und Betreuung der Beiträge übernehmen (notfalls können wir die Kommentare für bestimmte Artikel auch sperren).

      Meine Kontaktdaten sind irgendwo da oben zu finden.

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