Stefanolix erzählt von früher: Plan und Markt in der DDR (1)

Im Grunde ist ja dieser Tom Sawyer an allem schuld. Ich weiß nicht mehr, ob ich zwölf oder dreizehn Jahr alt war, aber an die Geschichte mit Tante Pollys Zaun erinnere ich mich bis heute.

Tom bekommt dort von seiner humorlosen Tante eigentlich eine harte Strafarbeit: er muss mit Kalk einen langen Zaun weiß anstreichen. Doch er sagt sich: wenn ich das schon machen muss, dann mache ich es lieber gern. Und als das seine Freunde sehen, betteln sie ihn geradezu darum, auch ein Stück streichen zu dürfen. Sie bezahlen sogar dafür — am Ende ist Tom zufrieden und »reich«, weil er seine Arbeit auf die richtige Art angepackt hat.

Als ich diese Geschichte gelesen hatte, wollte ich auch mein eigenes Geld verdienen. Ab dem 14. Geburtstag durfte man in der DDR arbeiten gehen: maximal vier Wochen im Jahr und nur in den Winter- oder Sommerferien. Ich weiß noch, dass ich alle Beteiligten überreden musste, die Vorschrift großzügig auszulegen, denn ich hatte immer erst am Ende der Winterferien Geburtstag ;-)

Mein erster Betrieb hat Schaltschränke hergestellt. Der Meister beschäftigte mich mit Bohren, Schrauben, Gravieren und Stanzen. Als er merkte, dass ich wohl doch ganz gewissenhaft war, ließ er mich mit filigranen Werkzeugen winzige Löcher in Leiterplatten bohren. Und am letzten Tag hat er mich gefragt, ob ich in den Sommerferien wiederkommen würde … Ab diesem Tag war ich für zwei Jahre der junge Mann mit den Leiterplatten.

Ich fühlte mich nie ausgebeutet. Ich habe wirklich nur freitags mal eine halbe Stunde die Halle kehren müssen, sonst durfte ich immer etwas Sinnvolles tun — dafür bin ich allen Beteiligten bis heute dankbar. Die Arbeit wurde leistungsorientiert abgerechnet und für meine Verhältnisse kam eine Menge Geld dabei rüber. Meine ersten Wünsche waren Schallplatten, Bücher und ein gutes Fahrrad — alles Dinge, die man für Ost-Geld noch kaufen konnte. Und im Grunde galt das für fast alle Wünsche, die ich als Junge bis zum Erwachsenwerden hatte. Bald sollte ich lernen, dass es auch andere Wünsche gab.

Das Geld für die Ferienarbeit wurde noch bar ausgezahlt — eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Mein erstes eigenes Konto hatte ich zwei Jahre nach meinem ersten Job. Ich war inzwischen sechzehn und begann eine Lehre als Baufacharbeiter mit Abitur.

Ich erinnere mich bis heute an meinen ersten Job als Lehrling auf dem Bau: ich musste auf der Baustelle im Werk für Sanitärporzellan Dresden einen Haufen Drahtbügel aus einem dichten Gestrüpp bergen. Die Baustelle hatte für einige Zeit geruht und die Natur hatte ihr Werk getan. Dabei war unsere Arbeit eigentlich wichtig, denn es musste eine moderne Mühle gebaut werden.

Solche Absurditäten beobachtete man in der DDR jeden Tag und schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass all meine Arbeitsstellen eine Sache gemeinsam hatten. Das war der Spruch »Privat geht vor Katastrophe«.

Ich weiß nicht, seit wann es diesen Spruch gab. Doch er gibt letztlich ein Gefühl wieder, das damals jeder selbständig denkende DDR-Bürger hatte: wenn du nichts anzubieten hast, dann kannst du nicht erwarten, dass dir jemand etwas gibt. Die Wirtschaft entwickelte sich zu einer Tauschwirtschaft. Das Anbieten und Akzeptieren ist ja auch die Grundlage der Marktwirtschaft. Ich habe damals mehr Praktisches gelernt, als man heute im besten VWL-Buch finden kann ;-)

Und weil sich niemand den Grundsätzen des Marktes entziehen kann, wurde das Ost-Geld in der DDR von Jahr zu Jahr bedeutungsloser, es wurde immer mehr zu einem Alibi. Eigeninitiative, Eigenleistungen und Westgeld wurden immer wichtiger.

Ich weiß noch, dass es damals großen Ärger gab, als sich einige Lehrlinge aus Ost-Markstücken Knöpfe für die Wattejacken gebastelt hatten. Die Lehrmeister haben natürlich sofort dafür gesorgt, dass wieder Knöpfe aus Plaste angenäht wurden. Aber eigentlich hatten sie kein wirklich überzeugendes Argument gegen die Alu-Knöpfe.

Dann wurde ich 18 und in der Nachbarschaft wurde eine privat vermietete Wohnung frei. Die Hauseigentümerin war ein Drache, doch sie konnte mich nur bis zur Wohnungstür verfolgen. Und als sie sah, dass ich viel »selbst gemacht« habe, hat sie mich meist in Ruhe gelassen.

Denn »selbst machen« war auch so ein Zauberwort der Achtziger in der DDR. Man bekam zwar erst nach einem bürokratischen Hürdenlauf eine »Um- und Ausbauwohnung«. Doch dann konnte man sich die Wohnung selbst sanieren. Und es war uns immer eine kleine Genugtuung, dass sich die behäbige Kaste der SED- und Verwaltungsspießer eben nicht selbst zu helfen wusste.

Die trugen Hosen aus dem »VEB Herrenmode« aus dem berüchtigten Stoff »Präsent 20«. Die hatten so wenig Humor wie Tom Sawyers Tante. Sie haben bis zum Ende nie verstanden, dass man sich an einer Arbeit freuen muss, um sie gut zu machen oder gut zu organisieren … bis heute wählen die Ex-Bonzen, Ex-Schranzen und Ex-Bürokraten am liebsten die PDS, damit ihnen jemand die Renten sichert, die sie eigentlich nie mit richtiger Wertschöpfung verdient haben.


Demnächst: Über Schurwerken und Eigenleistungen ;-)


6 Responses to Stefanolix erzählt von früher: Plan und Markt in der DDR (1)

  1. Stephan sagt:

    sehr gut lesbar. Tolle schreibe!

    • stefanolix sagt:

      Gern geschrieben ;-)

      Das war im (späten) Zug zwischen meinem alten Studienort Weimar und Leipzig.

      Aber wenn ich mich gerade so an die alte Zeit erinnere: So etwas wie Nachhaltigkeit spielte in den evangelischen Studentengemeinden auch schon eine Rolle. Neben gelebter Demokratie und Verbotene-Bücher-Lesen …

      • Stephan sagt:

        Gerade die Kirche versteht meiner Meinung das Problem der Nachhaltigkeit sehr gut. Das sieht man unter anderem daran, dass so manche Kirche Solaranlagen aufm Dach haben. Das ist zwar nur ein kleines Beispiel, zeigt aber die Denke.

        Und auch sonst sind Kirchen und Klöster ja auch Wirtschaftsbetriebe die eine gesunde Zukunft brauchen. Und wenn da ein Kloster auf 800 Jahre Wirtschaftsleben zurückblicken kann, ist da sicher die ein oder andere Weisheit hängen geblieben.

        Daher ist es mir umso unverständlicher, das die C-Partei das Thema nicht wirklich besetzt. Die echten Christen die man so trifft hingegen, denken scheinbar immer unterschwellig an eine gesunde Zukunft aller.

      • stefanolix sagt:

        Mir wäre es zwar aus ästhetischen Gründen lieber, wenn sie die Solarzellen woanders anbringen würden, aber OK, lassen wir es so stehen ;-)

        Die C-Partei ist beim Umweltschutz beispielsweise in Baden-Württemberg weiter als Du denkst. Dort sind auch die Grünen in Fragen der Marktwirtschaft weiter als anderswo. Grüne und CDU, das muss nicht für immer ein Widerspruch bleiben.

        Im übrigen hat die C-Partei kaum etwas mit Christentum zu tun. Allenfalls hat sie eine gute Verbindung zu den beiden großen christlichen Kirchen — was aber schon ein gewisser Unterschied ist …

  2. foster sagt:

    Für „Schurwerken“ musste ich tatsächlich googeln. Ist der Begriff evt. ostsächsisches Lokalkolorit? Ich kenne das nur unter der Formulierung „nach Feierabend machen“.

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