Der Malstrom und die Subversion

Weshalb lassen sich Ausstellungsmacher immer so schwierige Titel einfallen? Als ich die Einladung zur Ausstellung Im Malstrom subversiver Bilder erhielt, haben mich die Schlüsselworte eine Zeitlang irritiert. Ich hielt die These doch für etwas vermessen, dass die DDR in einem Malstrom oder Strudel subversiver Kunst untergegangen sein soll …

Denn unangepasste Kunst aus der DDR kannte ich zwar von solchen Bildern:

Dolorosa-Bild von C. M. P. Schleime.

Dolorosa-Bild von C. M. P. Schleime.

Aber als »subversiv« hatte ich sie nicht in Erinnerung. Im Verlauf der Eröffnung wurde schnell klar, dass sich die Künstler selbst nicht als subversiv gesehen hatten. Im Gegenteil: sie wollten sich eigentlich nur in der DDR entfalten wie Künstler auf der ganzen Welt: wollten malen, improvisieren, schreiben — oder Literatur, Musik und bildende Kunst zusammenbringen.

Doch sie hatten vom Staat den Stempel »Geprüfte Subversion« aufgedrückt bekommen und wer diesen Stempel einmal trägt, der muss wohl zumindest ein klein wenig subversiv werden, um überleben zu können. Man stelle sich das aus Sicht Erich Mielkes vor: IMPROVISATION! Auf Musikinstrumenten! Ohne Noten! Ohne genehmigtes Manuskript!

Oben im Bild ist der Name Sascha Anderson verewigt. Wenigen wird er noch bekannt sein: am Ende der DDR war er ein junger Literat und dann wurde seine Biographie bekannt, in der so viel Verrat und Gemeinheit steckte, dass es für zwei Leben gereicht hätte. Er hat nicht nur gespitzelt, er hat für die Stasi richtiggehend Projektmanagement betrieben.

Anderson hatte jedenfalls die Wege aller Diskussionsteilnehmer in der kleinen Dresdner Kunstszene gekreuzt. Es war sehr interessant, dass die Beteiligten differenzierten: sicher war seine Arbeit für die Stasi abscheulich, aber er hat die Künstler, die ja davon nichts ahnten, auf irgendeine Weise auch inspiriert und weitergebracht.

Er hatte beispielsweise dafür gesorgt, dass kleine Auflagen gedruckt werden durften — aber die Stasi hatte die Vorlagen natürlich schon vor dem Druck …

Tja, so war das damals. Die Menschen wuchsen unter dem Druck des Staates und reiften im Ernst der Situation. Sie waren nicht subversiv, sondern wollten einfach kreativ »ihr Ding machen« (sächsischer Ausdruck für: sich selbst verwirklichen). Weil sie Kunst produzierten, die die Bonzen nicht verstehen konnten, hat man sie bespitzelt und hat man ihnen Grenzen gesetzt.

Doch heute fragen sie sich, woran man in unserer Zeit wachsen könnte. Dazu später mehr ;-)

Gerhard Wolf, 13.10.2009.

Gerhard Wolf im Gespräch mit Ingrid Sonntag (im Hintergrund Angela Hampel), 13.10.2009.


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10 Responses to Der Malstrom und die Subversion

  1. dd-jazz sagt:

    Nun sind meine Schutzhäute doch aufgeweicht und ich lasse mich zu einem Kommentar hinreißen:
    Da ich mich vorwendig inmitten der Dresdner Szene verschiedenster Künstler befand (jung + damals nur literarisch geprägt, plötzlich explosiv- staunend das verborgene, andere Ich entdeckend- legendär waren die Montag-Abende im Kunsthochschulklub bei Wanda) und nachwendig, bedingt durch die Begleitung einer kleinen Galerie, die sehr intensiv- erschöpfenden Diskussionen und Entwicklungen mancher miterlebte, bin ich emotional noch immer sehr berührt, vermeide und maße mir „objektive Sichtweisen“ nicht an, zumal die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen wichtig bleibt, vor allem weil zu viel zu schnell verwischt erscheint-
    Interessant ist, dass künstlerisch- unschuldige Arbeiten oftmals bedeutsamer benannt („subversiert“) wurden, als sie gemeint waren und heute dennoch im Kontext zur Gegenwart erneut hochaktuell bleiben-
    Die besondere künstlerische Dichte und Stimmung im DDR- Vakuum verhalf Künstlern UND Freundschaften zu einem besonders intensiven Schaffensprozeß, unspektakulär + gut erklärt in einer kürzlich gesendeten Doku bei http://www.arte+7 (ich bemühe mich um Quellenangabe)-

  2. stefanolix sagt:

    Ich maße mir auch keine objektive Sichtweise an. Ich gehe immer davon aus, dass Ihr meine Beiträge als subjektive Betrachtungen wahrnehmt. Ich schreibe es nur nicht immer dazu. Ich war ja gestern ein absoluter Neuling und interessierter Laie (diese Sichtweise wollte ich mir aber auch bewahren), während Du vielleicht viele Hände geschüttelt hättest.

    Es stimmt auch aus meiner Sicht: die Arbeiten sind heute noch aktuell und man könnte — durch das Blockhaus gehend — viele Bilder in einen aktuellen Kontext stellen. Die Stimmung bzw. Dichte im Dresden der 80er Jahre vergisst man nicht — allein, wenn man an das Kleine Theater Reick denkt oder an einige Aufführungen im Großen und Kleinen Haus.

  3. dd-jazz sagt:

    ..eben wegen der lupenscharfen Betrachtungsweise und den sachlich- gründlichen Ausführungen (D)einerseits (+ den vermehrt vulkanartig- ausbrechenden Diskussionen andererseits) ist dieser Blog „mein täglich Brot“-

    • stefanolix sagt:

      Einen wichtigen Aspekt habe ich vergessen, vielleicht habt Ihr es Euch dazugedacht: »Malstrom« war nicht als Strudel, sondern als »Strom des Malens« gemeint.

      Mach mich also nicht verlegen mit solchem Lob, ich übe noch ;-)

  4. Lina sagt:

    Ich persönlich hab‘ mir insgeheim gedacht – dass bei soviel (für Dich) unauffindbarer Suberversivität der philologische ‚Begriffsforscher‘ mit Dir durchgegangen ist ;-) …

  5. Elbnymphe sagt:

    Ich bin hier ganz das interessierte Mäuschen und freue mich ob der Diskussion.

    • stefanolix sagt:

      Geh doch die paar Schritte bis zum Blockhaus und schau Dir die Bilder mal in Ruhe an ;-)

      Ich habe oben mit dem dritten Teil erst mal abgeschlossen. Ich montiere aber (bald) aus den drei Teilen und noch einigen Fotos eine permanente Seite, die man dann im Ganzen kommentieren kann.

  6. Elbnymphe sagt:

    Noch ein paar Anmerkungen zu den Bildern:

    C. M. P. Schleime klingt sehr geheimnisvoll; ich denke, landläufig ist die Künstlerin als Cornelia Schleime bekannt.

    Das unterste Bild zeigt Gerhard Wolf im Gespräch mit der Autorin Ingrid Sonntag vor einem Bild von Karla Woisnitza; im Hintergrund die Dresdner Künstlerin Angela Hampel.

    • stefanolix sagt:

      Ich korrigiere das (zumindest was Frau Sonntag betrifft).

      Hast Du schon das Bild im ersten Artikel gesehen? Ich wollte alle vier auf dem »Podium« einmal namentlich vorgestellt haben.

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