Eintauchen in die eigene Vergangenheit

In Dresden wurde gestern die Ausstellung »Im Malstrom subversiver Bilder« mit DDR-Künstlern aus der Zeit vor der »friedlichen Revolution« eröffnet. Über die Bilder selbst kann ich gar nicht viel sagen — ein sehr beeindruckendes Erlebnis war für mich die Eröffnung.

Gerhard Wolf hatte die Künstler Angela Hampel (Malerin), Ralf Kerbach (Professor an der Kunsthochschule) und Lothar Fiedler (Musiker) zum Gespräch geladen — soviel darf man im Voraus sagen: er war ein guter Gastgeber und es wurde ein hochinteressantes zweistündiges Gespräch.

Lothar Fiedler improvisierte zu Beginn auf einer verzerrt-verstärkten Gitarre. Damit sollte auf eine Tradition Bezug genommen werden, die es in Dresden, Ost-Berlin und anderswo in der DDR gab: die Symbiose aus Literatur, Malerei und Musik. Es ist nicht überliefert, ob eines der Weingläser auf dem Buffet vor der Tür zersprungen ist ;-)

Weingläser vor der Eröffnung: einer nascht immer;-)

Weingläser vor der Eröffnung: einer nascht immer;-)

Ich kann in dieser Nacht unmöglich alle Notizen bloggen, die ich mir in den zwei Stunden gemacht habe. Es ging um den Einfluss des Staates auf die Künstler, um unterstellte Subversion, um Verrat in Künstlerkreisen, um Freude und Qual der Ausreise — und ganz sehr um die Sehnsucht nach dem ungefilterten Leben. Und natürlich ging es um den Stasi-Spitzel Sascha Anderson, der den Lebensweg des Verlegers und seiner Künstler gekreuzt hatte. Darüber war auch nach der Veranstaltung noch zu diskutieren:

Lothar Fiedler und Ralf Kerbach im Gespräch mit Angela Hampel.

Lothar Fiedler und Ralf Kerbach im Gespräch mit Angela Hampel.

Für mich war es wie ein Eintauchen in das kalte Wasser der eigenen Vergangenheit.

Ausreise war immer ein Thema, seit ich denken kann …

Ausreise war immer ein Thema, seit ich denken kann …

… wie auf diesem Bild von Martin Hoffmann.

… wie auf diesem Bild von Martin Hoffmann.

Die Künstler waren sich in enger Freundschaft verbunden, aber es gab auch gegenseitige Überwachung, Verrat und Konkurrenz. Vielleicht ist unter solchem Eindruck dieses Tagebuchblatt von C. M. P. Schleime entstanden?

Beginn eines Bildtagebuchs.

Beginn eines Bildtagebuchs.

Soviel für jetzt — ich bin sicher der erste, der heute in Dresden einen Artikel über die Eröffnung veröffentlicht. Aber auf einige sehr interessante Themen werde ich gern zurückkommen — wenn es jemand von Euch lesen will ;-)


Die Ausstellung ist im Blog DieNeustadt.de beschrieben. Vielleicht wird dort auch noch darüber gebloggt …


9 Responses to Eintauchen in die eigene Vergangenheit

  1. dd-jazz sagt:

    Gestern ließ ich bewusst „das Tuch über den Gräben der Vergangenheit“ ruhen, bin jedoch sehr aufmerksam für weitere Einträge und werde diese Ausstellung besuchen. Nicht wenigen Betroffenen ist eine verarbeitende Auseinandersetzung dieser Zeiten nicht (mehr) gelungen.

    • stefanolix sagt:

      Es gab nicht bloß Gräben und es gab nicht die Grabenkämpfe, die man befürchten könnte. Zwei bis drei Themen waren einfach aus sich heraus interessant und nicht aus den Themen Stasi oder SED.

      Allerdings gebe ich natürlich zu, dass ich als Blogger gestern einerseits der naive und unbefangene Außenseiter sein konnte. Ich bin ja nicht »in der Szene« drin. Andererseits war ich eben nicht der naive und unbefangene Außenseiter, weil es um meine eigene Vergangenheit ging.

      Da wird man einer Autorin und Herausgeberin vorgestellt, die sich mit dem Thema »Verbotene Bücher« befasst und sofort kommen all die Themen wieder nach oben: wie wir einen Giftschrank mit Büchern hatten, wie sich Umweltgruppen mit Literatur versorgt haben — und so weiter. Ich hatte das zwanzig Jahre lang abgelegt.

      Anmerkung für mich und die o.g. Autorin: Und in der Nacht fiel mir dann auch der Name des Studentenpfarrers wieder ein ;-)

  2. Elbnymphe sagt:

    Wie, Du warst auch da, Stefanolix? Wenn wir Blogger nicht so wahnsinnig auf unser incognito achten würden, dann hätten wir uns ja begegnen können! ;-)

    Ein schöner Artikel, und ich freue mich auch auf weitere Einträge von Dir zu diesem Thema.

  3. momorulez sagt:

    „Es ging um den Einfluss des Staates auf die Künstler“

    Und, das siehste mal: Das ist heute für Künstler der Markt.

    (…. womit ich aber keineswegs verniedlichen will, was Künstlersein in der DDR bedeuten konnte … habe mal Musik-Videos gucken dürfen, die noch unter Bisky an der Filmhochschule Postdam gedreht wurden, ziemlich großartige Sachen, und die bestanden fast nur aus Zäunen, Gittern, Enge …)

    • stefanolix sagt:

      Dazu gab es gestern sehr, sehr interessante Wortmeldungen. Ich werde versuchen, meine eigenen Notizen zu verstehen und ins Blog zu bringen ;-)

      Aber nicht als Markt-Kritik, sondern als ein Echo auf die Stimmen von gestern. Ich gebe Dir einen Hinweis, wenn die Fortsetzung fertig ist.

      Die Künstler haben hochinteressant differenziert. Wenn man mich für’s Bloggen bezahlen würde, schriebe ich gleich weiter, aber jetzt muss ich erst mal ein paar Stunden (was Schönes) programmieren.

  4. hotelfalken sagt:

    super wein, super bilder

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