Wie gingen wir früher mit Zeit um?

Vorträge werden oft durch Fragen noch interessanter. So war es auch gestern, als ein Besucher die Frage stellte: »Wie hat es sich auf die Künstler in der DDR ausgewirkt, dass sie mehr Zeit als die Künstler im Westen hatten?«

Alle vier Beteiligten waren kompetent genug, um die Frage zu beantworten, denn sie hatten die DDR und auch den Westen sehr bewusst erlebt — wer als junger Erwachsener nach jahrelanger Wartezeit in ein anderes System ausreist, sieht alles doppelt so klar: so wie der Kopf auf dem nächsten Bild.

»Kopf« von Christine Schlegel (Klick vergrößert).

»Kopf« von Christine Schlegel (Klick vergrößert).

Dass DDR-Künstler mehr Zeit hatten, wurde in der Runde nicht hinterfragt, sondern vorausgesetzt. Angela Hampel berichtete zum Beispiel, dass bildende Künstler nach dem Studium drei Jahre als »Kandidaten« des Künstlerverbandes einen eigenen Stil finden konnten. Es gab vom Staat 400 Ostmark im Monat und das war den meisten Künstlern zum Leben genug.

Dies war der relativ bequeme Weg. Aber Künstler mit Ausreiseantrag haben auch oft als Friedhofsgärtner oder in der Landwirtschaft gearbeitet. Ein künstlerisch begabter Mitschüler in der Berufsschule hatte damals ein wenig in Künstlerkreisen zu tun und sagte immer: »Wenn alles andere nichts wird, dann werde ich Hilfsholzfäller im Großen Garten.« Heute ist er Bäckermeister …

Viele Künstler mit Ausreiseantrag wurden auch als Heizer eingesetzt und ich kann das gut nachfühlen. Als Studenten hatten wir in Weimar auch Heizdienst. Das bedeutete: um vier Uhr aufstehen, Kohlen schaufeln, Schubkarren bewegen, Asche entsorgen. So weiß ich noch sehr gut, wie man nur mit Kohlenstaub bekleidet aussieht. Heizen war zwar ein harter Job, aber trotzdem beliebt: man konnte nämlich in den ausgedehnten Pausen lange lesen. Im Warmen!

In der Diskussion haben die Künstler dann einige Aspekte zum Thema genannt, die ich einfach ohne Zuordnung zu Personen notiert habe und auch so wiedergeben möchte:

  • es gab eine Lebensqualität der verlangsamten Zeit,
  • man hatte Zeit zum Denken und in-sich-Graben und Setzenlassen,
  • man plante regelmäßige Bibliotheksbesuche,
  • man konnte geduldig am Werk und an der Technik arbeiten,
  • man hatte Zeit für die Rezeption der Werke anderer Künstler,
  • viele bildende Künstler konnten in Ruhe Literatur in ihren Werken verarbeiten (wozu man sicher mehr Zeit braucht).

Es wurde nicht ausgesprochen, aber ich unterstelle es einfach: Künstler hatten in der DDR mehr Zeit, über die Kunst zum Ich zu finden. Wir kennen das ja von den Kindern. Wie stolz sind Eltern, wenn sie hören, dass das Kind zum ersten Mal »Ich« sagt. Das Kind ist nicht stolz. Das Kind ist einfach »Ich«.

Das »Ich«-Werden als Künstler geschah in einer Gesellschaft, die durch eine Ideologie des »Wir« geprägt war. Diese Gesellschaft stand unter der Diktatur einer Partei, die die allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit vornehmlich als Teil der sozialistischen Gesellschaft sah. Aber ich schweife schon wieder in eine Vergangenheit ab, die ich eigentlich nicht mehr haben wollte.

Jetzt wird vielleicht verständlich, warum der Stasi solche Ausdrucksformen wie die Improvisation oder auch die Annäherung an den Expressionismus unheimlich waren: darin ist immer ganz viel Ich und ganz wenig Wir.

Jedenfalls konnte man gestern spüren, wie die Künstler an diesem Druck gewachsen sind. Es wurde nur indirekt ausgesprochen, aber man merkte es deutlich. Bleibt immer noch die Frage, woran Künstler und Kinder heute wachsen. Denn einen Druck wie in der DDR gibt es ja nicht mehr. Gestern blieb es offen. Vielleicht findet Ihr Antworten?

Werbeanzeigen

14 Responses to Wie gingen wir früher mit Zeit um?

  1. Lina sagt:

    >>> ‚Bleibt immer noch die Frage, woran Künstler und Kinder heute wachsen. Denn einen Druck wie in der DDR gibt es ja nicht mehr. Gestern blieb es offen.‘

    Ich verstehe die Frage nicht so ganz – es sei denn, Du meinst, Künstler wüchsen erst im (politischen) Widerstand, und weil im kapitalistischen System keiner mehr gegeben sei, müsste deren Wachstum, deren Arbeit stagnieren? Da wäre ja auch durchaus was dran: statt Kunst gibt es heute den Kunstmarkt – überspitzt gesagt ;-) …

    Aber unabhängig davon: ‚Ich‘ ist man oder man ist es nicht, und gerade bei Künstlern ‚wächst‘ nichts: da ISS was! Da gilt alle Konzentration der eigenen Form des Ausdrucks des eigenen Ichs. Deshalb ist auch die Frage kaum zu beantworten, woran sie HEUTE wachsen, denn äussere Bedingungen (z. B., dass sie bei Euch mehr Zeit hatten als das Gros der sog. Werktätigen) spielen DIE grosse Rolle nicht. Im Zentrum steht das ortsunabhängige Ego, zentriert oder disparat, je nach dem …

    • stefanolix sagt:

      Ich würde nicht sagen, dass sie »im Widerstand« gegen den Staat DDR waren (siehe auch die anderen Artikel zu diesem Thema). Sie stießen einfach in jeder Beziehung an künstlerische und persönliche Grenzen — was ich für mein Leben bestätigen kann, obwohl ich kein Künstler war.

      Wer stößt denn heute noch gegen eine Grenze?

      Ich lese mich gerade in die »Theorie der Halbbildung« von Adorno ein. Wir könnten heute — von den Ressourcen her betrachtet – den besten Bildungsstand aller Zeiten haben. Wissen liegt (legal verfügbar und oft sogar aufbereitet) in Riesenmengen im Netz. Und was haben wir erreicht?

      • henteaser sagt:

        „Und was haben wir erreicht?“ – Unter anderem Mondlandung, Internet, DSDS, Ikea-Möbel, Blogkommentare.

        Bis zum Weltfrieden ist’s noch weit, ganz klar. Aber sonst können ‚wir‘ uns schon auf die Schultern klopfen, ‚uns‘ noch nicht mit Atomwaffen von der Erde gegrillt zu haben.

        „Wer stößt denn heute noch gegen eine Grenze?“ – Jeder mit zuwenig Zeit und/oder Geld und (daraus folgend) zuviel Gesellschaftsdruck. Was sicherlich teilweise auch nur ’ne Ausrede ist, nicht trotzdem mit irgendwas Kreativem (bzw. anderen geldunwerten Beschäftigungen) anzufangen.

        Wieviele Bundesbürger können sich’s denn leisten bzw. trauen sich tatsächlich, Auszeiten zu nehmen oder gar aus einer Laune heraus einen Neuanfang zu wagen?

      • henteaser sagt:

        „Das »Ich«-Werden als Künstler geschah in einer Gesellschaft, die durch eine Ideologie des »Wir« geprägt war.“

        Schade, dass du Vergleiche zwischen vor und nach ’89 nicht magst, doch meines Erachtens hat sich da nicht viel geändert. Nur, dass es inzwischen keine Partei mehr, sondern ‚die Gesellschaft‘ (oder doch nur die Wirtschaftsform?) als solche ist, vor der Künstler bestehen müssen. Wehe dem, der tatsächlich nur Wissen inhaliert oder einsam vor sich hin lebt, anstatt wenigstens in kleinem Maße erfolgreich ist.

        Früher hattest du vielleicht noch Honecker und Konsorten als feste Feindbilder. Und eventuell sogar die Hoffnung, dass nach dem Sturz des Regimes vielleicht sogar eine Straße nach dir, dem Freiheitsliebenden, benannt werden wird.

      • stefanolix sagt:

        Ich lasse das mal so stehen. Ich bitte aber zu respektieren, dass ich gern selbst über meine Feindbilder und den Umgang damit schreiben würde — das ist nämlich ein spannendes Thema und steht noch auf dem Plan.

      • henteaser sagt:

        Das „du“ war sowieso ein schlecht gesetztes allgemeines. Immer nur „man“ tippen schien mir zu unpersönlich für die potentiellen Leser meines Geschwalles.

      • Lina sagt:

        >>> Wer stößt denn heute noch gegen eine Grenze?

        Komische Frage eigentlich :-) …

        Ich wüsste Legionen (oder bilde sie mir ein), die im inneren Widerstand zu den Verhältnissen (des Mangels wie der Sattheit!) leben, und einen nur kleinen Haufen Kreativer jedweder Gattung, die ihn in unterschiedlicher Form als Widerspruch des eigenen Ichs erleben und äussern. ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen‘, you know?

        Was helfen die Riesenmengen legal verfügbaren und aufbereiteten Wissen im Netz und sonstwo der inneren (!) Entwicklung, da wir doch zugleich wissen, dass wir nichts wissen? An diese Grenze stösst m. E. jeder, der denkt + fühlt, bewusst oder unbewusst, und für einige Wenige mit dem ausgeprägten (oder entwickelten) Ich ist das der ortlose Raum, in dem das Unerklärliche zu Kunst wird.

      • stefanolix sagt:

        Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Über diesen Ausspruch Adornos sind wohl schon ganze Bücher geschrieben worden und ich (als kleiner Blogger) hatte ihn gerade auf meiner Liste für einen Artikel über das Leben in der DDR.

        Das Wissen im Netz hilft uns insofern, dass es heute keine finanzielle Barriere mehr gibt: ich muss dieses Material nicht bezahlen, ich kann es gleich nutzen. Doch es gibt auch zwei beschränkende Momente: die Zeit und meine Aufnahmefähigkeit.

        Natürlich stehen wir einem Meer an Wissen gegenüber, natürlich hat jeder seine persönlichen Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Doch noch nie in der Geschichte war es so einfach, sich an seine eigenen Grenzen anzunähern.

      • Lina sagt:

        >>> Doch noch nie in der Geschichte war es so einfach, sich an seine eigenen Grenzen anzunähern.

        Das stimmt; wie man von Dir weiss, kann man sie auch ‚laufend‘ erfahren – was aber wenig systemrelevant sein dürfte … oder doch? Das passende Laufzeug aus ‚zig Variablen auswählen zu können, ist kapitalistische Freiheit … im Wissen um ihr breites Befriedigungsspektrum und deren Profitabilität ;-).

        >>> … hatte ihn (Adornos Spruch) gerade auf meiner Liste für einen Artikel über das Leben in der DDR.

        Ja, mach‘ doch … falls Zeit und Aufnahmefähigkeit reichen :-) ! Wer könnte z. B. die Frage ‚Markt oder Plan?‘ besser und ehrlicher beantworten als so ein ‚kleiner Blogger‘ ;-) , der beides zu gleichen Zeitanteilen kennengelernt und erfahren hat? Umso interessanter, wenn es dabei nicht nur um die materialen, sondern auch die psychischen Ressourcen ginge, sich im Alltag mit so unterschiedlichen Systemen zu arrangieren, bzw. ihnen das jeweils ‚Passende‘ abzugewinnen …

      • stefanolix sagt:

        Die Anzahl der Variablen bei meiner Laufsportkleidung ist wesentlich geringer als man annehmen könnte. Der Einzelhandel bietet immer nur wenige Stücke an und hat ja keine Lager mehr vor Ort. Außerdem kommen nur wenige Anbieter und Materialien in die engere Wahl. Am besten sieht es noch bei Laufmessen vor den großen Marathons aus, wenn die Hersteller selbst kommen.

        Also falls Du am nächsten Marathon bei Euch teilnehmen möchtest, habe ich viele Tipps für Dich, frag einfach. Aber ein Überangebot gibt es sicher nicht ;-)

        Wirtschaftliche Erfahrungen in der Plan/Staatswirtschaft (mit immanentem Markt): von der ersten Ferienarbeit bis 1989 waren es ca. acht Jahre. Wirtschaftliche Erfahrungen in der Marktwirtschaft: seit 1990.

    • stefanolix sagt:

      Sicher ist die Begabung da. Aber erst das entwickelte Ich nutzt die Begabung.

  2. tigger sagt:

    Könnten die Expressionisten (AusdrucksKünstler ?) heute nicht eher an der Suche nach Selbstfindung wachsen ? Möglicherweise ist es sogar eher ein Problem, in einer Gesellschaft zu vieler „Ichs“ sich selbst zu finden oder sich darzustellen, als in einer kollektivierten Gesellschaft, (in der man wahrscheinlich schon etwas darstellt, wenn man als einziger lila Socken trägt :-)

    • henteaser sagt:

      Doch was, wenn am Ende dieser Selbstfindung die Erkenntnis steht, dass ich nicht der einzige bin? Dass ich eben doch Teil einer Gruppe bin, eines Kollektivs. (Das Internet etwa ermöglicht diese Gruppenbildung auf globaler Ebene.)

      Noch dazu hat – ebenfalls dank Internet und Trendscouts – jeder Auswuchs an Originalität das Potential dazu, einen (Massen-)Markt zu finden. Da gibt es dann Dalí-Wecker oder Che-Guevara-Fußmatten; es findet sozusagen eine Trivialisierung des Besonderen statt.

      Mit dem Ergebnis, dass Originalitäts-Süchtige sich nun auf Teufel komm raus noch mehr abgrenzen müssen, weil alles immer schneller ‚Mainstream‘ wird. Mit body modifications der übelsten Sorte etwa. Und wenn der eine Aktionskünstler Kühe aus Helikoptern wirft, muss der nächste das überbieten.

      Die einzige künstlerische Herausforderung scheint zu sein, bei diesem Wettbewerb nicht mitzumachen. Aber auch das artet nach kurzer Zeit zum Trend aus: Normal ist das neue krass.

    • stefanolix sagt:

      @tigger: Das ist eine interessante Frage. Wobei ich die Entwicklung des ICH und die Präsentation des ICH noch trennen würde. Viele präsentieren heute etwas, das sie weder haben noch sind.

      Lila Socken [Brrr! Neben meinen Fotos?] hatten wir nicht. Wir hatten im Grunde nichts und davon ganz wenig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: