Unpolitik mit Obama

Seit der Wahl entwöhne ich mich ja von der Politik und es geht mir dabei schon viel besser. Doch dieses kleine Blog scheint inzwischen Einfluss auf die Presse zu haben und das macht mich nachdenklich.

Als ich heute morgen die »Sächsische Zeitung« las, dachte ich spontan: Jetzt wenden die sich auch von der Politik ab ;-)

Die Seite 4 wird von einem Bericht über die sportliche Aktivität des Präsidenten Obama dominiert. In Amerika wird nämlich gerade genau nachgeprüft, ob der Präsident Frauen oder Männer mit zum Sport nimmt — und wenn ja, wie viele. Die »SZ« räumt diesem weltpolitisch wichtigen Thema großen Raum ein. Ich erfahre:

  • dass Obama ein Basketballspiel gemeinsam mit lauter Männern angeschaut hat(!),
  • dass der Sprecher und die Kommunikationsdirektorin des Präsidenten Stellungnahmen zu Obamas sportlicher Aktivität abgeben,
  • dass der Präsident eine junge Hilfskraft mit zum Golfen genommen hat (merken Sie sich den Namen Ben Finkenbinder!) und
  • dass der Präsident in Zukunft mehr auf eine ausgewogene Besetzung seiner Entourage bei Golf und Basketball achten wird.

Zum Artikel gehören zwei Bilder: Melody Barnes, eine Frau(!), die mit Obama auf den Golfplatz durfte. Und richtig groß: ein winkender Präsident im Golf-Klub.

Nun frage ich mich die ganze Zeit, warum sie über die Seite 4 in großen Lettern das Wort »POLITIK« gedruckt haben. Eigentlich wäre »Klatsch und Tratsch aus Washington« angemessen.

23 Responses to Unpolitik mit Obama

  1. Elbnymphe sagt:

    Aber Stefanolix, nun muß ich Dich öffentlich tadeln! ;-) Wie uns die Frauenbewegung lehrte, ist das Private doch politisch! :-)

    • stefanolix sagt:

      Eher die 68er-Bewegung. Ich weiß schon. Aber es kommt wirklich eher wie eine Geschichte aus dem »Vermischten« an. Und eine Tageszeitung muss sich ja nicht unbedingt an der BUNTEN orientieren ;-)

      • Elbnymphe sagt:

        Ich möchte nochmal Zweifel anmelden. Historisch gesehen, war es die amerikanische Frauenbewegung, die auf die primär politischen Forderungen der Bürgerrechtsbewegung mit „The Private is the Political!“ reagierte. Du glaubst doch nicht, daß es die stundenlang deklamierenden APO-Aktivisten auch nur im geringsten interessierte, wie es um die Lebensumstände von Frauen bestellt war? Solange in der Kommune geputzt und gekocht wurde, war die Weltordnung zuhause auch für die linken Männer nicht anzuzweifeln.

      • stefanolix sagt:

        Die 68er bestanden dem Vernehmen nach zu 50% aus Frauen ;-)

        Aber um auf die Frauenrechte und Obama zurückzukommen: es gibt (soweit ich weiß) kein Recht auf diskriminierungsfreies Golfen mit dem US-Präsidenten. Anders gesagt: auch Obama soll sich frei und privat entscheiden dürfen, mit wem er golft, joggt oder Ball spielt.

      • stefanolix sagt:

        PS: Was empfindest Du, wenn Du das Familienfoto der Obamas von Annie Leibowitz siehst?

      • Elbnymphe sagt:

        Pff, bei den 68ern gab es doch genau die selben paternalistischen Strukturen wie in dem Milieu, aus dem sie kamen (bürgerliche Mitte) und das sie vorgeblich aufbrechen wollten.

        Auch im Hinblick auf Obamas Freizeit glaube ich, daß in der öffentlichen Wahrnehmung das politikwissenschaftliche Konzept des „body politic“, wie es z.B. zu Elisabethanischen Zeiten aufgefaßt wurde, nach wie vor gilt: mit dem Moment seiner Wahl hörte der Regent auf, Privatperson zu sein, selbst sein Körper gehörte der Öffentlichkeit bzw. seinem Amt. Insofern denke ich, die Amis achten sehr genau darauf, ob, wie und mit wem er Freizeit verbringt.

        Leider konnte ich trotz Google Suche nciht herausfinden, auf welches Porträt Du Dich beziehst. Könntest Du es mal verlinken, bitte?

      • stefanolix sagt:

        Ich bin gerade im Durchflug: hier ist das Bild.

      • Elbnymphe sagt:

        Aha, Danke. Meine Interpretation (d.h. gänzlich subjektiv):

        1. Mein erster Gedanke? „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!

        2. Alle Frauen stehen in engem Körperkontakt, bilden eine Einheit, nur Obama hält die Hände gefaltet. Er darf nicht den Eindruck erwecken, die Familie beanspruche ihn zu sehr. Seine Hände sind verschränkt, bereit, jederzeit zu handeln.

        3. Michelle trägt ein schwarzes Kleid – warum? Ihre Liebe zu expressiven, leuchtenden Farben ist bekannt. Haben wir es mit dem selben Phänomen wie seinerzeit bei Prince Charles und Lady Di zu tun, wo sie ihn nach kurzer Zeit in den Hintergrund zu drohen drängte? Muß sie deswegen „dressing-down“ betreiben?

        4. Malia lehnt sich sehr eng an Michelle Obama, es wirkt, als enge das Kind sie ein; wird hier eine Frau auf die Mutterrolle zurechtgestutzt, obwohl ihr Intellekt deutlich mehr zuließe?

        5. Die Medien berichten immer wieder, Sasha sei „Daddy’s girl„, während Malia nach der Mutter komme. Warum wird dieser Umstand durch die Wahl weißer auf der einen und dunkler Kleidung auf der anderen Seite noch unterstützt?

        Da ich Annie Leibovitz‘ photographisches Œuvre seit Jahren kenne, glaube ich kaum, daß die von mir beobachteten Äußerlichkeiten Zufälligkeiten sind.

        Nun bin ich gespannt auf Reaktionen! :-)

      • Lina sagt:

        @ Elbnymphe

        ‚Sehr gut beobachtet‘ – wirft der Comment-Automat aus.

        Deiner Interpretation folge ich auf’s Wort, will auch hinzufügen, dass ich Familienfotos prinzipiell eher (tödlich!) gelangweilt beäuge. Nur ein subversives Arrangement wie Leibowitzens machen sie mir überhaupt erst interessant ;-) …

      • stefanolix sagt:

        Zu (1): Es ist einfach die demokratische Fortsetzung der Gemälde, auf denen Könige zu sehen waren ;-)

        Zu (2): Sehe ich nicht so, es gibt eine Kontaktkette zwischen allen Personen. Das Mädchen neben dem Vater hält gleichzeitig die Hand der Mutter.

        Zu (3): Warum trägt Michelle Obama ein schwarzes Kleid? Weil der Schlips ihres Mannes auf diese Weise der einzige Farbtupfer (Blickfangpunkt) in der Personengruppe ist? Mit einem bunten Kleid hätte sie mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

        Zu (4): Michelle Obama hat kein politisches Amt. Ihre Intelligenz wird sie sicher klug und selbstbewusst nutzen, aber auf dem offiziellen Bild nimmt sie sich zurück — wie der Gatte der englischen Königin ;-)

        Zu (5): Ich weiß im Grunde überhaupt nichts über die internen Verhältnisse der Familie — wahrscheinlich lese ich zu selten die Politik-Seiten der Sächsischen Zeitung. Aber man hatte nur die Wahl, das jüngere Mädchen in ein graues, weißes oder schwarzes Kleid zu stecken. Das weiße sieht am sympathischsten aus und lenkt gleichzeitig nicht vom Friedensnobelpreisträger ab.

        Nein, nichts ist auf diesem Bild Zufall. Doch diese Arbeit lässt jegliche Distanz vermissen. Das Bild ist gut gemacht, aber es hat keine Seele. Annie Leibowitz hat (meiner Meinung nach) aus Menschen schon mehr herausgeholt.

      • stefanolix sagt:

        Es ist alles sorgsam politisch korrekt austariert. Die beiden Erwachsenen sind fast auf Augenhöhe und beide nehmen auch auf der horizontalen Achse ähnliche Positionen ein.

        Doch das kleinere Mädchen im weißen Kleid bildet gemeinsam mit Präsident Obama eine Art Schwerpunkt im Bild. Die weiße Fläche und der rote Schlips lenken alle Aufmerksamkeit auf den Kopf des Präsidenten.

        Was mich stört, ist diese Art demokratisch verbrämte Hofberichterstattung, in der Präsident Obama zwar in ungewöhnlich lässigen Posen fotografiert wird — beispielsweise beim Sport oder auch auf einer Freitreppe sitzend — doch immer genau so, wie er sich in Szene setzt.

  2. Elbnymphe sagt:

    „Google-Suche“ sollte das heißen.

  3. Elbnymphe sagt:

    Darüber werde ich nachdenken und morgen antworten. Wider die Geschwindigkeit des Internets! Zurück zum Modem!

  4. Elbnymphe sagt:

    @ Lina: Ich konnte nichts Subversives an der Inszenierung finden, sondern fand sie vor Leibovitz Hintergrund als feministische Photographin (und Witwe von Susan Sontag, der Bilder-Interpretatorin Nummer Eins) eher problematisch. Ich finde das Bild zum Teil hölzern (Malia über Michelle) und anbiedernd (Barracks Handgeste). Wo siehst Du Subversives?

    @ Stefanolix:

    ad 2. Kontaktkette i. S. v. Berührungen ja, aber Barrack verhält sich doch sehr passiv, nein?

    ad 3. Ganz altmeisterlich inszeniert, gewinnt der Schlips seine Leuchtkraft übrigens auch aus dem Komplementärkontrast des Rot gegenüber der grünen Tapete!

    ad 5. Ganz meine Meinung. Wobei man nie Äpfel mit Birnen vergleichen sollte und sich in der Beurteilung auf offizielle Porträts beschränken sollte, die ganz andere ikonographische regeln befolgen, als z. B. ein Popstarporträt oder VOGUE-Cover. Leibovitz‘ Porträts der englischen Königin finde ich z. B. sehr gelungen!

  5. Lina sagt:

    @ Elbnymphe

    In der entlarvenden Unterminierung von Sachverhalten, die durch Überhöhung (im Arrangement) sichtbar werden.

    >> „Inszenierung (…) eher problematisch“ …

    schreibst Du. Warum das? Hätte sie die weiblichen Mitglieder feministischerweise herausheben sollen? Dass sie es gelassen hat, zeigt imho ihr Genie.

    Das Gute am Foto ist ja gerade (jedenfalls sehe ich das so), dass sie die von ihr ‚investigativ‘ ent_deckten Wunsch-Verhältnisse innerhalb der Darsteller-Familie so abbildete, wie sie sich ihr vermittelten: als eine Konstruktion … um nicht gar von ‚Lüge‘ zu sprechen ;-)…

    • Elbnymphe sagt:

      @ Lina: interessante Antwort. Unterminierung durch Überhöhung, interessantes Konzept. dem kann ich durchaus beipflichten.

      Allerdings heißt für mich feministisch nicht, daß man alles Weibliche hervorkehren muß, weil das ja implizieren würde, daß man die Männer in den Hintergrund drängt.

      Vielmehr finde ich einfach, daß eine Künstlerin von Leibovitz‘ Format es schaffen sollte, die amerikanische First Lady so porträtieren sollte, daß ich nicht den Eindruck gewinne, sie würde von ihrer Mutterrolle erdrückt. Sie ist bestimmt gerne Mutter, wenn auch nicht ausschließlich.

      Und, mit Verlaub, Stefanolix: in dieser medialisierten Kampagne wurde sicher auch Michelle Obama gewählt, indirekt. Die beiden wurden im Doppelpack vermarktet, viel mehr als z.B. Cindy McCain, die sicher mit ihrer kalten Super-WASP-Ausstrahlung nicht gerade viel Sympathiepunkte für ihren Mann einstreichen konnte.

    • stefanolix sagt:

      Ich kann schon gut verstehen, warum man den Gatten unserer Kanzlerin so selten sieht. Bestimmt wäre er klug genug, nicht für ein solches Foto zu posieren ;-)

      Ich dachte auch ein wenig an Unterminierung, aber im Grunde ist Frau Leibowitz doch eine Anhängerin der Obamas und da habe ich diesen Gedanken wieder fallenlassen.

      Es stimmt: auch Michelle spielte eine große Rolle bei der Wahlkampagne. Aber sie hätte mit so einem roten Schlips etwas deplaciert gewirkt ;-)

  6. […] ihre perfekt inszenierten, aber zunehmend seelenlosen Starporträts viel Kritik gefallen lassen (unter anderem auch von sächsischen Bloggern). Wie herausragend sie einmal war, verdeutlichte unlängst ausgreechnet Terry Richardsons […]

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