Gier

Wir kennen Sparsamkeit und Geiz. Die Sparsamkeit ist eine Tugend. Der Geiz ist nach alter Kirchenlehre eine der Wurzeln der Todsünden. An welchem Punkt geht Sparsamkeit in Geiz über?

Das fragte ich mich, als ich Zettels Beitrag über sein Unwort des Jahres las. Zettel kritisiert zunächst die Wahl des »Unworts« und schreibt dann:

Das natürliche Bestreben der meisten Menschen ist es, ihren Wohlstand zu mehren. Ohne dieses Motiv würden sie nicht arbeiten, ihr Geld nicht anlegen, sich nicht anstrengen, überhaupt nicht als Wirtschaftssubjekte in Erscheinung treten.

Es ist abwegig, das mit dem herabsetzenden Wort “Gier” zu bezeichnen. Aber es war 2009 in aller Munde. Deshalb ist es mein Unwort des Jahres.

Ich widerspreche ;-)

Scheinbar fehlt der deutschen Sprache noch ein Wort, mit dem das gesunde Streben nach Wohlstand und nach der Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse beschrieben wird. Ehrgeiz kann gesund und produktiv sein. Doch Gier ist nicht mehr gesund. Gier ist das rücksichtslose Streben nach materiellem Besitz.

Ist »Ehrgeiz« das fehlende Wort oder findet man noch ein besseres?

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20 Antworten zu Gier

  1. tigger sagt:

    Meistens ist es aber Neid, der aus Ehrgeiz Gier werden lässt.

    • stefanolix sagt:

      Neid kann auch andere Folgen haben. Aber Gier gehört sicher dazu.

      Vielleicht haben wir die Wurzeln der Todsünden bald zusammen? ;-)

      • tigger sagt:

        Ich meinte nicht die Folgen, sondern die eigene Perspektive, die der Neid verändert: Wer in der Schule ehrgeizig war, wurde als “Streber” verachtet, wer ehrgeizig seinen Wohlstand zu mehren versucht, wird als “gierig” betitelt.

        Um wirklich objektiv “Gier” an einem Menschen feststellen zu können, muss man ihn und seine Fähigkeiten, aber auch seinen Antrieb sehr genau kennen. Dazu wird das Wörtchen “Gier” aber all zu häufig für fremde Menschen verwendet, von denen wir allerhöchstens ihr Jahresgehalt kennen – meist nicht mal das. Und das ist eindeutig zu wenig, um über sie urteilen zu können.

      • stefanolix sagt:

        Gut, aber darf man nicht Gier konstatieren, wenn man erkennt, welchen Schaden sie angerichtet haben?

        Ich war übrigens ziemlich ehrgeizig, aber meine Klassenkameraden reden noch heute mit mir ;-)

      • tigger sagt:

        Der Betrachtung ex post steht die Betrachtung ex ante gegenüber. War es denn Gier, als noch kein Schaden erkennbar war ?

      • stefanolix sagt:

        Ja, eindeutig. Der Schaden war ja voraussehbar. Es ging doch in den letzten Jahren für viele Banken (z.B. in Amerika und hier) nur noch um das Prinzip »wie finde ich einen Dummen, der mir das kontaminierte Produkt abkauft?«.

  2. Claudia sagt:

    Das bloße Streben nach genug Eigenem, um ohne Dekadenz versorgt zu sein, bezeichne ich als Selbsterhaltungstrieb – kein besonders schönes Wort, aber ich denke, ein treffendes.
    Neid (haben wollen, was der andere hat) und Gier (immer mehr haben wollen) sind wohl nicht immer zu trennen, aber ich sehe Neid eher als eine mögliche Folge denn als eine Voraussetzung für Gier.
    Wo der Selbsterhaltungstrieb aufhört und die Gier anfängt, kann man m.E. nicht genau bestimmen – und erst recht nicht, wo die Grenze zwischen läßlichen und zerstörerischen Formen der Gier verläuft.
    Häufig macht ja nur eine für den anderen nicht oder kaum bemerkbare innere Einstellung den Unterschied, etwa ob ich denke “Schicker Mantel, so was könnte mir auch stehen” oder “Die Mistbiene hat so einen Mantel und ich nicht”. ;-)

    • stefanolix sagt:

      So etwas denkt man doch nicht ;-)

      Die Befürworter der Gier kennen wohl gar keine lässliche Form, sondern nur die positiv wirkende Gier. Dieser Einstellung kann ich mich nicht anschließen — vor allem nicht in einer Zeit der knappen Ressourcen.

  3. Klaus sagt:

    Die Lösung liegt kaum im Festnageln bestehender Begriffe noch im Erfinden neuer Worte, und schon gar nicht die Zuordnung von gut und böse zu ambivalenten Worten wie Ehrgeiz und Geiz. Bei Phrasen wie “das gesunde Streben” kräuseln sich mir die Fußnägel ;-)

  4. Jane sagt:

    Ich würde gleich im ersten Satz Widerspruch anmelden wollen. Sparskamkeit ist meines Erachtens nicht pauschal als “Tugend” zu deuten. Sie kann auch zur Last werden und Leid auslösen – z.B. wenn Eltern zu sparsam mit Liebe und Zuwendung für ihr Kind umgehen. Sparsamkeit ist auch dann keine Tugend, wenn sie ungleichmäßig und unsinnig praktiziert wird: z.B. wenn an allem gespart wird, außer an der Befriedigung des eigenen Ego.
    Bescheidenheit wäre mir hier eher angebracht, denn die bezieht sich vorrangig auf die eigene Person, weniger auf andere.
    Mein Wort für ein “gesundes Streben nach Wohlstand und Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse” wäre “Gemeinwohlorientierung” im Sinne eines ethischen Imperativs. Wer das Gemeinwohl im Auge hat, hat immer auch sein eigenes Wohl im Auge, ohne allerdings das eigene Wohl zu sehr über das anderer zu stellen.

    • stefanolix sagt:

      Ich beobachte, dass die Sparsamkeit in den Augen der meisten Menschen eine Tugend ist und das der Geiz bereits als etwas ganz anderes gesehen wird. Wo in Deinen Beispielen die Sparsamkeit keine Tugend mehr ist, schlägt sie doch gerade in Geiz um?

      Der letzte Satz ist eine schöne Umkehrung der Theorie, dass aus viel einzelnem Eigennutz auch Gemeinnutz werden kann ;-)

      • Jane sagt:

        Ich sehe das ein klein wenig anders. Gier ist für mich Habsucht, also der Wille, sich selbst an Bestimmten über Gebühr zu bereichern. Was hat das damit zu tun, wie viel ich selbst abgebe (Sparsamkeit)?
        Ich kann zum Beispiel in meiner Gier jede Menge Habseligkeiten anhäufen und dennoch über Gebühr verschwenderisch sein, also wenig sparsam.

        Und zum Thema Gemeinnutz:
        Ich sehe aus viel einzelnem Eigennutz nicht zwangsläufig viel Gemeinnutz werden. Eigennutz kommt eben nicht zwangsläufig der Gemeinschaft zugute, dazu braucht es eben genau die Einsicht vom Gemeinnutz, der immer auch Eigennutz ist. Nur so lässt sich der Eigennutz des Einzelnen nämlich gemeinsinnorientiert kanalisieren, statt einzig auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein.

      • stefanolix sagt:

        Ich hatte auch Sparsamkeit und Geiz in eine Reihe gestellt. Gier ist doch (maßloses) Habenwollen und Geiz ist Behaltenwollen.

        Habseligkeiten ist ein schönes deutsches Wort ;-)

        Nach der Theorie ergibt sich aus dem Eigennutz der vielen Einzelnen schließlich der Gemeinnutz — aber solche theoretischen Märkte gibt es eben nicht.

      • jane sagt:

        Naja, aber insgesamt gings in deinem Beitrag ja schon um Gier.
        Aber dennoch bleibt es dabei: Sparsamkeit ist nicht immer tugendhaft. Und bestenfalls ist für meine Begriffe die Existenz von Geiz der Nachweis der potenziellen Untugendhaftigkeit von Sparsamkeit.

  5. dd-jazz sagt:

    a.: stimme ich Janes letztem Absatz beidhändig-zusprechend zu;
    b.: ist es interessant, bei Internet-Suche, die dafür bezeichnenden Begriffe “Mähen oder Schützen” zu finden;
    ungleich dessen “kommt die Moral vor dem /Pardon, den/ Fressen”..und ist erstebenswerte §Theorie # gesellschaftsrelevanter Praxis$ ;-)

    • stefanolix sagt:

      Mähen muss ja nun nicht mit Schützen im Widerspruch stehen, wie uns die Landwirtschaft zeigt. Mähen kann sinnvoll sein, wenn ich dafür sorge, dass auch etwas nachwächst.

  6. Lina sagt:

    weihnachten wird’s (vier virtuelle lichtlein brennen … ): warum sich nicht mal ein märchen von geiz und gier erzählen lassen … von damals, im orient, als es noch irgendwie gerechter zuging und strafen noch vom himmel fielen ;-) ?

    Adalbert von Chamisso: Abdallah

    http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=310&kapitel=118&cHash=09052beb9dcham110#gb_found

  7. stefanolix sagt:

    Ich bin nicht so für Strafen, die vom Himmel fallen. Die sind nicht rechtsstaatlich ;-)

    Ging es damals gerechter zu? Ich lebe lieber heute …

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