Der Pranger

Es hätte eine Geschichte über Schuld, Gerichtsverfahren und gerechte Strafe werden können, so wie es zehntausende andere Geschichten gibt. Im Gerichtsverfahren hätte die Angeklagte einen Pflichtverteidiger gestellt bekommen. Der hätte sie sicher nicht vor Strafe bewahrt, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit vor sich selbst geschützt.

Doch dann wurde es diese Geschichte über den mittelalterlichen Pranger, den ein karriereversessener Staatsanwalt eigerichtet hat. Die Geschichte, in der eine einfache Frau an eben diesen Pranger gestellt wurde.

Es wurde eine Geschichte von Machtmissbrauch und Manipulation, weil ein Staatsanwalt seine Chance witterte, in den Medien den ganz großen Coup zu landen.

An diesem Fall sieht man einmal mehr, dass kein Rechtsstaat perfekt ist. Es gäbe Verfahrensregeln, um derartige Fälle zu verhindern. Aber wird man daraus lernen?

19 Responses to Der Pranger

  1. Claudia sagt:

    Das ist eine unsägliche Grausamkeit.
    Hierzulande gibt es eine Art Pranger in Form unausgegorenen Geschwafels zu Prozessen – die Kommentare zu den Online-Berichten über Prozesse. Da werden Angeklagte als Schuldige bezeichnet, wird Sippenhaft gefordert, werden neue Anklagepunkte erfunden – von Lesern so gutbürgerlicher Blätter wie dem Tagesspiegel.
    Ich stelle das im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen Yunus und Rigo fest, über den ich bereits mehrmals berichtete.
    Das ist schlimm genug – aber wenigstens ist es hierzulande illegal. Diese amerikanische Geschichte aber zeigt (nicht zum ersten Male, aber besonders deutlich), daß Amerika ein zutiefst undemokratisches Rechtssystem hat.

  2. stefanolix sagt:

    Verzeih, wenn ich Dir zum letzten Punkt ein wenig widerspreche ;-)

    Ich meine: das Rechtssystem und das demokratische System sind nicht sauber genug voneinander abgegrenzt. In vielen Bundesstaaten werden Sheriffs und Staatsanwälte gewählt und wollen wiedergewählt werden (oder streben ein neues Amt an). Das verleitet leider auch zu solchen Aktionen.

    Bei einer sauberen Abgrenzung wäre der Staatsanwalt an diesem Pranger überhaupt nicht interessiert gewesen und alles hätte seinen »normalen« Verlauf genommen. Denn dass Fundunterschlagung bzw. Diebstahl letztlich verfolgt werden muss, steht sicher außer Frage.

  3. Frank sagt:

    Der Spiegel-Artikel ist ein typisches Beispiel für die Oberflächlichkeit unserer Medien. Denn wenn man sich lediglich die Kommentare der ersten paar Seiten dazu durchliest, stellt sich die Sache bereits etwas anders dar. Hier einige Kommentarauszüge: „Wenn es jährlich 100.000sende von Strafverfahren gibt, dann ist es ja nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unausweichlich, dass Sakandal-Urteile vorkommen.“

    „Anstatt die Leser lediglich aufzuklären, dass ‚das Gutschein- und Rabatt- und Special-Offer-Wesen in den USA […] fast schon aufdringlich‘ ist, hätte man erwähnen können, dass der Gutschein keineswegs anonym war, sondern dass er namentlich auf das neunjährige Mädchen ausgestellt war. Zwei Gutscheine über 50 und 30 Dollar sind auch in den USA etwas mehr als man normalerweise als Werbegeschenk erwarten kann.
    Zweitens war der Gutschein nicht unbedingt verloren, sondern befand sich der Anklage zufolge nur achtlos auf einem Regal, während das Mädchen mit einem Verkäufer sprach.
    Schließlich wurden die ‚Finder‘ an der Kasse gefragt, ob der Gutschein wirklich ihrer sei, was sie bejahten.“

    „Festzuhalten bleibt auf jeden Fall, dass die Frau eine Unterschlagung begangen hat und nicht unschuldig ist.“

    „Auch in Deutschland gibt es leichte entwürdigende Formen der Bestrafung, wie Sozialstunden: Müllaufheben in der Fußgängerzone oder Gehegereinigen im Tierheim.“

    Ob die Strafe angemessen ist, möchte ich nicht beurteilen. Aber die Idee, den Pranger zumindest für ausgewählte Fälle wieder einzuführen, ist vielleicht gar nicht so schlecht? Bei manchen Tätern würde es vielleicht mehr bewirken, als dem Strafvollzug zugestellt zu werden, wo sie dann nur wieder unter ihresgleichen sind und noch blödere Ansichten bekommen.

    • stefanolix sagt:

      Aus beiden Darstellungen kristallisiert sich heraus, dass die Täterinnen genau gewusst haben, dass sie ein Eigentumsdelikt begehen.

      Für mich steht außer Frage, dass das Eigentumsdelikt auch bei einer nicht vorbestraften Person unbedingt geahndet werden muss. In Frage kommen nach meinem Rechtsverständnis beim genannten Schaden beispielsweise zehn Arbeitstage gemeinnützige Arbeit,
      aber definitiv mit eine Bewährungszeit von zwei Jahren und einer empfindlichen Strafandrohung (mindestens ein halbes Jahr Haft) verbunden.

  4. foster sagt:

    Die Pro-Pranger-Anreizsetzung mittels des Winks mit dem Vorstrafenregister ist gruselig.

    Der hätte sie sicher nicht vor Strafe bewahrt, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit vor sich selbst geschützt.

    Anscheinend nicht. Laut SPON hatte die Frau durchaus eine Pflichtverteidigerin. Falls – der Artikel sagt dazu nichts Explizites – die Anwältin ihrer eigenen Mandantin tatsächlich lediglich das Angebot des Staatsanwalts vorgelegt und ihr nicht wenigstens dringend von der Pranger-Variante abgeraten haben sollte, dann würde mir noch viel übler werden.

    • stefanolix sagt:

      Zur Verteidigung: Ich muss mich dazu noch mal eingehender informieren, ob in einem richtigen Prozess andere Regeln für (Pflicht)Verteidiger gelten. Die Pranger-Strafe wäre jedenfalls in einem richtigen Prozess wohl kaum verhängt worden.

      • foster sagt:

        Da bin ich mir gar nicht mal so sicher. Es gibt ähnliches schon. Im weltweiten Netz. Und das ganz offiziell, behördlich genehmigt.

        Der Schritt zu einem entsprechenden Richterspruch kommt mir eher klein vor. Wenn das juristisch ein gravierendes Problem wäre, würde der Staatsanwalt mit einem solchen „Angebot“ wie im in deinem Beitrag beschriebenen Fall seine Karriere gefährden.

      • stefanolix sagt:

        Es ist meiner Meinung nach doch noch ein ziemlich großer Unterschied, ob jemand als Täter in den Medien bekannt gemacht wird oder ob er an einem öffentlichen Ort »ausgestellt« wird.

        In der Sexualstraftäterdatenbank sind auch nicht einfach so Menschen ausgestellt, sondern man muss gezielt nach einem Namen suchen:

        Standard Search: Enter a last name and first name; then press Search to search the sex offender registries for all 50 states, the District of Columbia, Puerto Rico, Guam, and Indian Country.

  5. Claudia sagt:

    Auch wenn die Angeklagte gestohlen hat, ist Pranger keine angemessene Strafe. Der Grundsatz, daß niemand zweimal für ein und die selbe Sache bestraft werden darf, wird damit auf perfide Weise unterlaufen; die öffentliche Demütigung bleibt im Gedächtnis der Nachbarschaft. Hätte die Frau stattdessen z.B. eine Grünanlage geharkt oder einen Krankenhausflur geputzt (oder ähnliche soziale Arbeit geleistet), bliebe im Gedächtnis der Nachbarn die Sühne durch sinnvolle Arbeit; die Frau hätte zudem auch für sich selbst das Gefühl, etwas wieder gut gemacht zu haben.
    Pranger nützt niemandem, bedient die niederen Instinkte (Sensationsgier und Rachlust).
    Das bestohlene Kind lernt auf diese Weise, daß Schädigung anderer auf eine Weise gerächt wird, die niemandem nützt.

    • stefanolix sagt:

      Du hast recht: einen Täter-Opfer-Ausgleich gab es überhaupt nicht. Die niederen Instinkte des Staatsanwalts, seiner Anhängerschaft und der Medienkonsumenten wurden befriedigt. Die Frau ist ganz sicher nicht einsichtiger als vorher. Im Grunde ganz großer Pfusch und leider auch noch im Rahmen eines Rechtsstaats zumindest teilweise demokratisch legitimiert.

  6. Lina sagt:

    Pranger ist ehrlich, aber Pranger ist out.

    Warum? Weil keiner mehr bild_haft zu seinen Vergehen stehen will + soll (!). Schimpf + Schande sind wie öffentliche Scham bei uns nicht mehr vorstellbar und also auch nicht mehr zu versinn_bildlichen.

    Ob dahinter ein im Ganzen günstiger zivilisatorischer Prozess steht, entzieht sich meiner Beurteilung … momentan jedenfalls :-) .

    • stefanolix sagt:

      Also ich denke, dass 14 Tage gemeinnützige Arbeit unter Aufsicht und Leistungsdruck mehr als genug »zu-einem-Vergehen-stehen« bedeuten können, dazu darf’s dann auch gern etwas weniger Öffentlichkeit sein …

    • Claudia sagt:

      Ein guter Artikel über die Geschichte des Prangers ist hier zu lesen:
      http://sowi.st-ursula-attendorn.de/kf/kf1dok11.htm
      Weder out noch ehrlich.

    • stefanolix sagt:

      Also unter zivilisierten Umständen ist der Pranger nach wie vor »out«. Die »modernen Bestrafungsmethoden« einiger weniger Richter oder Staatsanwälte in den USA lasse ich mal beiseite. Die Methode »Pranger« hat eigentlich auf ganzer Linie versagt.

      So möchte ich auch den Pranger nicht in Zusammenhang mit »ehrlich zu einer Tat stehen« bringen. Denn »ehrlich zu etwas stehen« setzt ja zunächst mal Freiwilligkeit voraus. Unter Zwang am Pranger zu stehen hat kaum etwas mit Ehrlichkeit zu tun.

      • Lina sagt:

        ‚ehrlich‘ wollte ich eher im Sinne von ‚an sich gerecht‘ verstanden wissen, aber es ist – zugegeben! – eine zwiespältige Sache damit …

        Ich bin eben unsicher, wie weit echter Pranger heute zumutbar ist (der öffentliche der Sensationspresse ist nur eine Spiel_art und trifft i. d. R. auch nur die Prominenz). Über eine nachhaltige Wirkung des Prangers bestehen bei mir allerdings kaum Zweifel, denn mit der radikalen Offenlegung einer Straftat scheint mir fürs moralische Klima einer Gesellschaft mehr gewonnen als mit deren stummer Aufbewahrung zwischen Aktendeckeln; prinzipiell, meine ich.

        Als Naomi Campell für ihre Schlägereien mit dem eigenen Personal in New York Sozialarbeit abzuleisten hatte, war’s ein Riesenspektakel, sie weltweit dabei beobachten zu können; seitdem gibt sie Ruhe ;-) …

        Mrs. Evelyn Border trifft es zweifellos härter, anstatt in aller (unprominenten) Stille das selbe tun zu können, am echten Pranger stehen zu müssen. Aber muss ich sie deshalb bedauern? Mein Dilemma: Ich weiss es einfach nicht …

      • stefanolix sagt:

        Wenn ein Superstar öffentlich und um der Selbstdarstellung willen diese (doch eher symbolische) Strafe abarbeitet, dann ist etwas falsch gelaufen. Das hätte ich in der Rolle des Richters anders geregelt.

        Ich lasse mich mal nicht vom öffentlich bekannten Bild dieser Evelyn Border leiten. Ich gehe von einer gewissen grundlegenden Menschenwürde aus, die unantastbar sein sollte. Und ausschließlich in diesem Zusammenhang bedaure ich sie.

        Nicht bedauern würde ich, wenn sie der Richter zum Toilettenputzen in ein Krankenhaus geschickt hätte, damit sie (in Leistung) den Schadenersatz erarbeiten kann. Denn das wäre einfach eine von vielen Arten, den Schaden zu regulieren und die Täterin eine Konsequenz spüren zu lassen.

      • Lina sagt:

        >>> „Ich gehe von einer gewissen grundlegenden Menschenwürde aus … “

        Ja, das sollte man natürlich auch! Ich hab‘ halt die Angewohnheit, mich über den Einzelnen hinaus in die gesellschaftliche Gesamt_gemenge_lage zu denken, die mich tatsächlich beunruhigt: Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit im Umgang, Verrohung, Aggressivität und Kriminalität – alles anwachsend, steigend. Das mag der Grund sein, dass ich den öffentlich zur Schau stellenden Pranger in seiner erheblichen Abschreckungswirkung (!) ins Kalkül gezogen habe …

        Die feine Art eines Strafvollzugs ist er natürlich nicht …

      • Lina sagt:

        PS: Ich stell‘ mir gerade vor, dass, wenn die paar üblen Typen, die den hilfreichen Mann aus der Münchener S-Bahn im vergangenen Herbst totgetreten haben, an einem Pranger stünden (daneben die, die es durch Wegschauen so weit kommen liessen): doch, ich glaube, ich würde sie gerne persönlich fragen, bereden …

      • henteaser sagt:

        „Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit im Umgang, Verrohung, Aggressivität und Kriminalität“ willst du bekämpfen, indem du veraltete Methoden wieder einführst?

        „alles anwachsend, steigend“ – Bitte liefere die Beweise, dass diese Generation die schlimmste ist. Aber verwechsle bitte nicht Wetter (gewalttätige Jugendliche) mit Klima (Humanismus), oder rechne mit unbeweisbaren Dunkelziffern.

        „[M]it der radikalen Offenlegung einer Straftat scheint mir fürs moralische Klima einer Gesellschaft mehr gewonnen als mit deren stummer Aufbewahrung zwischen Aktendeckeln[.]“

        Und wie? Was hat es dir persönlich gebracht, dass Fritzl, Bin Laden, H5N1 usw. an den Medienpranger gestellt werden?

        Ein Zitat hierzu:

        „2006 haben Ermittler in Großbritannien potentielle Attentäter identifiziert und verhaftet lange bevor die überhaupt angefangen hatten, ein Attentat ernsthaft vorzubereiten. Mission „Anschlag verhindern“ also erfolgreich – die Menschen haben trotzdem Angst.

        Dasselbe gilt für die „Sauerlandattentäter“ alias „Blondierungsbomber“. Auch hier waren die Ermittler erfolgreich. Sie haben die Gruppe frühzeitig identifiziert und durch Austausch der Kanister eine mögliche Ausführung verhindert. Die Menschen haben trotzdem Angst.“

        http://antiterror.blog.de/2010/01/04/anschlaege-verhindern-7689564/

        Womit ich nicht sagen will, dass ‚wir‘ nicht Bescheid wissen sollten. Nur sollte, wenn denn was passiert, die Spurensuche nicht beim Alter, Angetrunkenheitsgrad, dem Festplatteninhalt oder dem ’südländischen Aussehen‘ der Täter enden.

        Und dies sind allesamt Pranger (und Scheiterhaufen), die uns in den Medien und von Tagespolitikern vorgesetzt werden.

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