Fasten

wäre besser gewesen — mag Bischöfin Käßmann jetzt wohl denken. Ich habe ein schönes Interview gefunden, in dem sie unter anderem sagt:

Wenn ich das manchmal so auf der Autobahn sehe: manche Leute fahren wirklich, als hätten sie überhaupt nicht im Blick, welche Kraft in einem Auto steckt. Schon bei Tempo 50. Also wie lebenszerstörend ein Auto wirken kann. Viele sind sich nicht bewusst, dass sie mit einer Kraft umgehen, die sie gar nicht so beherrschen können. Ich bin als Pastorin oft mit Tod, Krankheit und Behinderung konfrontiert. Da kann ich über das riskante Gedrängel auf der Autobahn immer nur noch mehr den Kopf schütteln.
(…)
Es gibt zum Teil schon ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein, insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind. Ich habe gerade gelesen, dass immer mehr Autofahrer drogenauffällig sind. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich sehe ja, was das bedeutet. Bei den zig tausend Kilometern, die ich jedes Jahr dienstlich fahre, stehe ich nicht nur viel im Stau, sondern sehe auch viele Unfälle und bekomme dementsprechend mit, wie zerfetzte Autos aussehen.

Das Lächeln über die weit geöffnete Schere zwischen Moral und Handeln vergeht einem aber, wenn man daran denkt, dass Fahrer mit 1.54 Promille durchaus jemanden totfahren können — wenn sie den Fußgänger genauso übersehen wie die rote Ampel.


17 Responses to Fasten

  1. Alex sagt:

    Ein gewisses Lächel konnte ich mir da gestern bei der „Schlagzeile“ allerdings nicht verkneifen. Ja, Geistliche sind auch nur Menschen. Auch wenn sich´s hier offenbar um einen Flaschengeist handelte. Tja, predigen kann man viel…

    • stefanolix sagt:

      Zweifellos machen Menschen Fehler. Jeder von uns. Wäre sie als Temposünderin geblitzt worden, würde ich überhaupt nichts sagen. Auch ein Unfall kann passieren: es gibt den berüchtigten Sekundenschlaf, es gibt andere Situationen … Da darf niemand den ersten Stein werfen.

      Aber man kann doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht so einen großen Widerspruch zulassen. Es gibt schließlich von Frau Käßmann genügend Stellungnahmen zum Fasten und zu vielen anderen moralischen Themen.

      Wenn ich z.B. hier im Blog schreibe, dass ich bis zum Treppenmarathon keinen Alkohol trinke, dann mache ich das auch. Dann kann ich mich nicht mit Glühwein auf der Straße oder mit Schnaps in der Kneipe erwischen lassen. Damit würde ich mich doch völlig unglaubwürdig machen.

      Wenn ihr das Feiern wichtiger ist, dann hätte sie doch zum Thema Alkohol einfach schweigen können. Aber nach dem Motto handeln »Moral ist nur doppelt gut« — das geht wirklich nicht.

  2. Alex sagt:

    Deswegen mein ich ja, predigen kann man viel. Hätte Ihr in der Position nicht passieren dürfen. Ist im übrigen recht häufig in den Schlagzeilen die Dame in letzter Zeit. Ist ja wegen Afganistan auch angeeckt. Aber das is ein anderes Thema.

    • Jane sagt:

      „Hätte Ihr in der Position nicht passieren dürfen.“

      Wenn man so hört und sieht, wie unnatürlich verklärt Repräsentanten des Glaubens in Deutschland immer noch werden, sodass sie fast schon etwas übernatürlich-fleischloses erhalten (sei es etwa durch das Zölibat der Katholischen Kirche oder aber den unbedingten Imperativ, die Fehler „normaler Menschen“ nicht machen zu dürfen), dann ist man schon fast erleichtert und beinahe froh darüber, dass Fehltritte wie der Käßmanns mit solcherlei Verklärung und Überhöhung auch mal gründlich aufräumen. Ähnliches gilt im Prinzip auch für den Missbrauchsskandal bei den Katholiken:
      Egal, in welcher Position sich jemand in Kirchenkreisen auch befindet – er wird dadurch nicht automatisch zum Heiligen, sondern er ist und bleibt ein Mensch. Und Fehler zu machen, ist dem Menschsein immanent.

      • Jane sagt:

        Was jetzt nicht heißen soll, dass ich den Missbrauch eines Schutzbefohlenen entschuldige, ganz im Gegenteil. Ich kritisiere die Erwartungshaltung der Katholischen Kirche gegenüber ihren Priestern, bis in alle Ewigkeit enthaltsam zu leben, nicht begehren und lieben zu dürfen, außer in einem explizit göttlichen Zusammenhang.

      • stefanolix sagt:

        Na ja, ein gewisser Teil Selbstüberhöhung ist aber bei einigen »repräsentativen« Geistlichen schon vorhanden.

  3. Jane sagt:

    „Das Lächeln über die weit geöffnete Schere zwischen Moral und Handeln vergeht einem aber, wenn man daran denkt, dass Fahrer mit 1.54 Promille durchaus jemanden totfahren können — wenn sie den Fußgänger genauso übersehen wie die rote Ampel.“

    Richtig. Margot Käßmann hat einen Fehler gemacht. Und zwar einen, den wahrscheinlich fast jeder in einem Anflug von feucht-fröhlichem Leichtsinn schon mal gemacht hat, ohne dass das gottseidank irgendwelche Folgen hatte.
    Margot Käßmanns vorrangiges Problem ist nicht etwa ihre mangelnde Einsicht oder dass sie regelmäßig durch derartige Fehltritte auffallen würde. Margot Käßmanns Problem ist: Sie steht im Lichte der Öffentlichkeit, und sie hat zudem vor nicht allzu langer Zeit einige sehr kritische Äußerungen gegenüber der allgemeinen Moral der Menschen in diesem Land getan, die vielen nicht sonderlich gefallen haben dürften.
    Beides zusammen bedeutet meist die Geburtsstunde sogenannter „Skandale“, die nicht selten von Rücktrittsforderungen begleitet werden.

    • stefanolix sagt:

      Dass jeder Fehler macht — Zustimmung! Ich habe ja im letzten Kommentar solche Fehler genannt. Da würde ich auch keinen Ton dazu sagen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit steht.

      Aber dass »fast jeder« schon mal diesen Fehler gemacht haben soll, das glaube ich nicht. Ich kenne sehr viele Menschen mit persönlich festgelegter und eingehaltener 0.0-Promille-Grenze.

      • Jane sagt:

        Und kennst du all diese Menschen schon seit sie ihren Führerschein haben? ;)

      • stefanolix sagt:

        Sie gehören zu den glaubwürdigen Bekannten, ja. Und ich nehme ihnen das ab.

        Der Alkoholgehalt in Frau Käßmanns Blut lag über dem Wert für die »absolute Fahruntüchtigkeit«. Von 0.0 bis dahin ist es ein ziemlicher Abstand.

      • Jane sagt:

        Ich sage ja, sie hat fraglos einen dummen Fehler gemacht.
        Aber ich bleibe bei meiner Anmerkung – und die speist sich aus grundehrliche Selbsteinschätzung sowie zahlreichen Beispielen aus Jugendtagen im eigenen Bekanntenkreis.

        Gerade, wenn man auf dem Lande lebt, auf das Auto als Fortbewegungsmittel also angewiesen ist, lässt man da als junger Mensch gerne mal fünfe grade sein. Spätestens dann, wenn alle deine Freunde volltrunken sind und du als einziger noch am ehesten geradeaus fahren kannst. So sieht die Realität auf dem Lande aus. Ich als Städter kenne das nur deshalb, weil ein Verflossener vor vielen Jahren vom Lande kam und ich des Öfteren Zeuge der dortigen Wochenend-Feierkultur wurde.

      • stefanolix sagt:

        Bei der Vorgeschichte können wir ja froh sein, dass Du noch lebend zur Dresdner Blogger-Gemeinde gehörst ;-)

        Nun ist sie ja aber nicht mehr 19, sondern Anfang 50. Da sollte doch die Vernunft schon etwas gewachsen sein …

  4. Alex sagt:

    Nun ist sie ja zurückgetreten. Irgendwie schade. Ich hatte und habe nach wie vor den „Eindruck“, die Frau ist nicht verkehrt.

    • stefanolix sagt:

      Letztlich ist das Amt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland wohl ein (teilweise) politisches Amt mit hohem Moralanspruch. Das kann man nach so einer Aktion nicht behalten. Sie bleibt jetzt wohl trotzdem eine Bischöfin, darf aber nicht mehr für den Rat der EKD sprechen.

    • stefanolix sagt:

      Oh, ich sehe gerade, dass sie auch als Bischöfin zurückgetreten ist. Das ist wirklich schade.

  5. casus sagt:

    Frau Käßmann hat zweifellos einen Fehler gemacht, der bestraft gehört. Wie bei jedem Bürger.

    Ihre Argumentation zum Rücktritt kann ich auch gut verstehen. Respekt wird zwar fast zu Worthülse, ist aber ehrlich gemeint.

    Habe dazu heute einen blogeintrag vom sächsischen Ex-Innenminister gelesen: http://bit.ly/9KilBC

    Wenn die (ev.) Kirche mehr (charismatische!) Käßmanns hätte, wären die Folgen eventuell nur für Fr. Käßmann dramatisch. So stehen da jetzt nur alte Männer.

    Ohne dass ich jede Meinung von Fr. Käßmann uneingeschränkt geteilt hätte. Sie wird fehlen. Trotz Fehler.

  6. foster sagt:

    Auch sehr schön: http://www.spiegel.de/sport/achilles/0,1518,613327,00.html

    Aber deswegen gleich zurückzutreten? Wenn sie tatsächlich einen Unfall verursacht hätte, wär’s was anderes, aber so finde ich es eher unsinnig.

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