Zwei Texte schreiben

Amelie Fried hat ihren Text über die Misshandlungen an ihrer ehemaligen Schule unter das Motto gestellt:

Schnell wurde mir klar, dass ich eigentlich zwei Texte schreiben müsste.

und das trifft in seiner verblüffenden Einfachheit eigentlich auf fast jede Schule und auf fast jede Jugend zu.

Die Gedanken an die Schule und den Beginn des Erwachsenwerdens laufen auch bei mir etwas mehr als 20 Jahre nach der friedlichen Revolution beim Denken, Schreiben und Lesen[1] eigentlich immer zweigleisig.

Da war zum einen die Jugendzeit mit Lesen, Sport, Kultur, Feiern und vielen persönlichen Freiheiten. Da waren einige Lehrer, die uns wirklich wachsen ließen.

Da war zum anderen der völlig sinnlose sozialistische Druck und Drill, der uns Jungen längerdienend in die NVA und möglichst viele junge Erwachsene in die SED bringen sollte. Als wäre den linientreuen Lehrern nicht klar gewesen, dass man mit Druck und Drill gerade keine Motivation stärken kann[2].

Nein, es gab wohl an unserer Schule keine sexuellen Misshandlungen oder Belästigungen (zumindest sind mir bis heute keine bekannt). Aber der am penetrantesten SED-treue Lehrer hat Schüler systematisch erniedrigt, Laufbahnen versperrt und junge Erwachsene denunziert. Wo es unkontrolliert ausgeübte Macht gibt, bleibt das wohl nicht aus …

Schlechte Lehrer haben ihre Macht auch im Osten genutzt, um junge Menschen zu erniedrigen. Gute Lehrer haben ihre Macht auch im Osten genutzt, um jungen Menschen den Rücken zu stärken. Ich bin bis heute dankbar, dass bei mir die guten Lehrer leicht in der Mehrheit waren …


[1] Man kann ja zum Beispiel gegen Tellkamps »Turm« eine Menge Argumente vorbringen, vielleicht sogar berechtigte Einwände, aber zum Nachdenken und Erinnern brachte mich das Buch auf jeden Fall.
[2] Auf welchem Stand war eigentlich in der DDR die Theorie von der Motivation des Menschen? Weit kann sie nicht entwickelt gewesen sein …


48 Responses to Zwei Texte schreiben

  1. Frank sagt:

    Zufälligerweise hatte ich heute morgen zum Thema Frau Fried folgendes gelesen (bis dahin war sie mir unbekannt):

    http://tinyurl.com/yh8onbv

    Das hat zwar nicht direkt etwas mit Deinem Text zu tun, aber da Fried dein Einstiegsthema war, vielleicht doch …

    • Elbnymphe sagt:

      Frank, ich hab den von Dir verlinkten Text gelesen, und mir ist bei der Lektüre schlecht geworden.
      Wer aus der Tatsache, daß sexueller Mißbrauch oft erst im Erwachsenenalter reflektiert werden kann, das Argument herleitet, aus 20,30 Jahre alten Fällen („Altpapier“) solle eine Kampagne gestrickt werden, hat nichts begriffen, nichts, weder wie institutionell gedeckter Mißbrauch funktioniert, noch wie er in den Betroffenen nachwirkt.

      Es würde mich schon interessieren, WARUM Du den Text verlinkt hast. Welche Passagen fandst Du wichtig? Wie beziehst Du Stellung zu dem Text? Es tut mir leid, so insistierend nachzufragen, aber mir ist unwohl bei dem Gedanken, daß Du uns mit der Verlinkung hier einen Brocken hinschmeißt, von dem ich nicht weiß, ob er mir Deiner Ansicht nach schmecken, ich ihn herunterwürgen oder gleich wieder auskotzen soll.

    • Elbnymphe sagt:

      Frank, ich nochmal. Habe nach meiner Antwort den Artikel nun ein drittes Mal gelesen und finde den Text noch schlechter.

      Frau Fried „durfte“ sich ausbreiten? Ja, so etwas! Wo sie als ehemalige Schülerin und als Mädchen, das in seinen Grenzen verletzt wurde, doch überhaupt keine Kompetenzen zu sprechen besitzt. Wohl aber Herr Elsässer!

      Die Hatz gilt nun nicht mehr nur allein der Katholischen Kirche, sondern auch den Reformschulen? Ja, so etwas! Liebe Politisch Korrekte, wenn Ihr Euch doch auf eine Zielscheibe begrenzt hättet, wärt Ihr so viel glaubwürdiger!

      Herr Elsässer meint also, die Tatsache, daß institutionalisierter Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen nicht allein in der katholischen Kirche stattgefunden hat, mache die ganze Debatte unglaubwürdig? Was ist denn das für ein Lapsus in der Logik?

      • Frank sagt:

        Es ging mir um den 6. Absatz – der mit „(Zitat) …“ beginnt – und dem darauf folgenden. Hätte ich freilich auch mit rein schreiben können. Ich fand die Überlegungen nachvollziehbar, denn anscheinend ist damals gar nichts passiert, zumindest nichts, was mit Missbrauch zu tun hat. Ich hätte es vielleicht nicht gleich so übereifrig verlinken sollen, denn bei Elsässers Logik (alles was vom Kampf gegen das Internationale Finanzkapital ablenkt, ist selbst kritikwürdig) sitzt man schon gelegentlich etwas verwundert vor dem Bildschirm, (z.B. bei „Schützt die Schweiz“ oder „Stoppt die Katholikenhatz“).

        „Herr Elsässer meint also, die Tatsache, daß institutionalisierter Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen nicht allein in der katholischen Kirche stattgefunden hat, mache die ganze Debatte unglaubwürdig? „

        Jaja … und das hatte ich in seinem Blog so ähnlich auch schon mal selbst kritisiert.

      • Frank sagt:

        Ich schlage mal vor, wir lassen das, denn ich muss zugeben, den Text heute nur so kurz überflogen und nicht einmal bis zum Ende gelesen zu haben. Ich habe es mir soeben selbst noch einmal durchgelesen und daber gemerkt, dass ich mich anscheinend schon zu sehr an Elsässers – manchmal leicht übers Ziel hinausschießende – Denkweise gewöhnt habe und die entsprechenden Passagen bereits automatisch ausblende. Das Ende beispielsweise wirklich ziemlich haarsträubend. Man f

  2. Frank sagt:

    (uups! Falsch geklickt) … Man findet allerdings gelegentlich interessante Informationen oder Gedanken bei ihm (und muss dann immer etwas mitdenken, was aber gleich wieder als Trainiung dient).

  3. dd-jazz sagt:

    Von Lehrern geduldete Diskriminierungen der Schüler untereinander gab es auch. Wenn Kinder offensichtlich von Eltern gezüchtigt wurden, erfolgte keine Strafanzeige, wie es heute üblich ist. Sexueller Mißbrauch wurde zu DDR-Zeiten totgeschwiegen, es konnten allerdings Blitz-Scheidungen erfolgen, doch den Kindern wurde NICHT geholfen und die Traumatisierung wird tatsächlich erst Jahrzehnte später reflektiert („Was totgeschweigen wird, kann es nihct gegeben haben…“ Die öffentlichen Diskussionen empfinde ich mit Vorbehalt nötig, denn für die lebens-lang Geschädigten ist jeder öffentliche Fall „eine Wiederholung an sich selbst“, egal wie rhetorisch eine Diskussion geführt wird.

    • Elbnymphe sagt:

      dd-jazz: Ich finde eine öffentliche Debatte wichtig. Das Wissen, mit seinem Leid nicht allein gewesen zu sein, kann den Opfern helfen, die Dinge zu verarbeiten. Ein Kind, das ausschließlich vom eigenen Mißbrauch weiß, wird sich für schmutzig und schuldig halten. Ein Kind, das ein System dahinter erkennt, kann lernen, daß es nicht an ihm gelegen hat.

      • dd-jazz sagt:

        Ich schrieb: „unter Vorbehalt“.
        Ein Kind wird das System nicht erkennen können (die Mechanismen sind viel zu komplex), maximal ein Mensch, der viell. eine halbes Leben mit einem unbewussten Schulkomplex gelebt hat, und sich vielleicht oder „durch Zugfall“ die Frage laut auszusprechen traut! Viele wissen es nicht bewußt, weil der Verdrängungsmechanismus lebenserhaltend ist.

  4. dd-jazz sagt:

    Schreibselfehler inklusive

  5. dd-jazz sagt:

    …vielleicht sollte deshalb (ahnungsvoll) im letzten Jahr in Polen die Kastration bei Sexual-Straftätern gesetzlich verankert werden, überleitend im Zuge der Strafverfolgung von Homosexuellen?
    …je hemmungsloser die Medien über menschliche Handlungen berichten; ändert sich der Mensch dadurch?

    • Elbnymphe sagt:

      dd-jazz: Du provozierst die Gegenfrage, was sich durch Totschweigen ändert? Offenbar nichts, denn so konnte der Mißbrauch jahrzehntelang weiterbestehen. Nicht die Berichterstattung der Medien ist der Skandal, so reißerisch sie bisweilen auch ausfallen mag. Don’t shoot the messenger.

  6. Lina sagt:

    << "…je hemmungsloser die Medien über menschliche Handlungen berichten; ändert sich der Mensch dadurch?"

    ich glaube nicht.

    mir fallen an der angeworfenen empörungs_maschine vor allem die lockeren schrauben auf, die nicht angezogen werden (können): beim häuslichen missbrauch nämlich, der zu dem in kirchen und öffentlichen einrichtungen bekannt gewordenem zahlenmässig in keinem verhältnis stehen dürfte …

    keine frage, dass aufgedeckt und aufgeklärt werden soll, was geht, damit sich zumindest an dieser praxis gegenüber öffentlich schutzbefohlenen etwas ändert. aber wer hilft den wahrscheinlich zahllosen anderen, denen gute onkelz und väter vertraulich auf den leib rücken?

    nein, 'der mensch' ändert sich nicht. vielleicht wird er temporär aufmerksamer … oder aber eines tages (wieder) allzu aufmerksam, als dass man sein anzeige_verhalten nicht totalitär nennen müsste; es ist ein schmaler grat …

  7. dd-jazz sagt:

    Das ist mir zu einfach und löchrig gestrickt, außerdem habe ich im oberen Absatz ebenfalls das „Drama des Verschweigens benannt!“

  8. dd-jazz sagt:

    @Lina
    Sorry, mein Kommentar galt der geschätzten Elbnympfe- Du warst schneller

  9. Elbnymphe sagt:

    dd-jazz: „Ich schrieb: “unter Vorbehalt”.“
    Ja, stimmt.

    „Ein Kind wird das System nicht erkennen können (die Mechanismen sind viel zu komplex)“

    Ja.

    „maximal ein Mensch, der viell. eine halbes Leben mit einem unbewussten Schuldkomplex gelebt hat, und sich vielleicht oder “durch Zufall” die Frage laut auszusprechen traut! Viele wissen es nicht bewußt, weil der Verdrängungsmechanismus lebenserhaltend ist.“

    Warum eigentlich ist es lebenserhaltend – Verdrängung kostet und bindet unglaublich viel Energie. Ein lebenswertes Leben ist mit so einer unaufgearbeiteten Hypothek m.E. nicht möglich.

  10. dd-jazz sagt:

    @elbnymphe
    Ach „Nymphe“, frag doch mal TäterInnen, Betroffene, Psychologen, Traumatologen etc.-
    Geschönte Theorie ist nicht gleichbedeutend Lebenspraxis, sonst wären wir doch alle normbar lebbbar, unverletzbar, fehlerlos. Und wenn Du bisher verdrängslos und kräftesparend (wie in einem Elfenbeinturm) im Leben wandeln konntest, so danke dieser schicksalhaften Unversehrtheit.

    • Elbnymphe sagt:

      dd-jazz: Wie kommst Du zu dem Schluß, ich lebte ein Leben im Elfenbeinturm? Was meinst Du denn, von welcher Warte aus ich mich hier in die Diskussion einklinke?

  11. Elbnymphe sagt:

    Lina: Es ist ein Trugschluß zu sagen, es sei sinnlos, gegen das eine Übel (institutionellen Mißbrauch) etwas zu unternehmen, solange es an anderer Stelle (heimlich/häuslich) weitergeht. Demnach müßte man alle Hoffnung fahren lassen.

    Natürlich bräuchten wir auch eine Diskussion, was familiäre Strukturen betrifft. Ich stieß neulich in einem bekannten und etablierten Forum für erotische Literatur auf einen Riesen-Thread, der ganz offen mit dem Thema Mißbrauch zwischen Stiefvater und -tochter kokettierte. Gruselig. Aber legal, da Fantasie.

    Als Advokatin der Gedankenfreiheit und der Freiheit von Kunst war es trotzdem grenzwertig für mich – und zugleich aufschlußreich. Offensichtlich existieren diese Fantasien en masse, wir sollten uns also fragen, wie man damit umgeht. Aber diese Diskussion findet nicht statt.

    Man könnte auch an anderer Stelle ansetzen und sich ein Phänomen wie die frühe Britney Spears ansehen, die so inszeniert wurde, daß sie ganz bewußt bestimmte Klischees bediente. Ein weites Feld.

    Und dennoch sehe ich einen entscheidenden Unterschied: der Mißbrauch in der Familie wird von keinem System am Laufen gehalten. Er wird nicht, wie im Fall der Reformschulen, als „zwischenmenschliche Nähe“ ideologisiert, nicht, wie im Fall der katholischen Kirche, als „Bubenstreiche“ verbrämt.

    Wer innerhalb der Familie mißbraucht, verläßt ganz klar gesellschaftliche Konventionen. Inzest ist in fast allen Gesellschaften tabuisiert.

    Wenn aber betroffene Schüler der Odenwaldschule zu hören bekommen, ob nicht vielleicht sie es gewesen seien, die verführt hätten, begeben wir uns in eine viel weniger stark tabuisierte Grauzone.

    Ich selbst kenne mehrere Beziehungen im Bekanntenkreis zwischen Lehrern/Lehrerinnen und Schülerinnen/Schülern, die ich nach wie vor problematisch finde. Auch eine volljährige Schülerin ist ihrem Lehrer an Wissen, Lebenserfahrung und Einfluß unterlegen. Es mag äußerlich kein (Macht-)Mißbrauch vorliegen, aber es soll mir keiner erzählen, daß wir es hier nicht mit einem Gefälle zu tun haben, in dem eine Partei die deutlich unterlegene ist.

    Ich sage wohlgemerkt nichts gegen Altersunterschiede innerhalb Beziehungen. Es geht aber um das Umfeld einer Bildungsanstalt, die für mich ein hochsensibles Milieu darstellt.

    • dd-jazz sagt:

      @ elbnympfe
      ..und es ist auch ein gravierender Unterschied, ob man die „erholungssuchende Freiheit“ öffentlich seinem Blog besitzt, von Erkältungen und anderen Erschöpfungszuständen zu berichten und wohlmeinende Genesungswünsche zu erhalten, oder mit wirklich sehr tiefgreifenden Blockade-Störungen NICHT „hausieren“ zu können.

    • stefanolix sagt:

      Bitte nehmt mal etwas das Tempo aus der Diskussion, ich komme erst am Abend wieder in mein virtuelles Zimmer zurück. Ausgerechnet an so einem Tag kann ich nicht mitdiskutieren, aber ich hole das später nach ;-)

      Ja, es gibt /auch/ bei diesem Thema und /auch/ beim Burnout immer diese Vermutung mit dem nach-außen-Tragen (Amelie Fried wurde das zum Beispiel unterstellt). Sie hatte nun als relativ bekannte Autorin die F.A.S. als Plattform, andere verschaffen sich auf ihre Weise Gehör. Aber betrachten wir es mal unabhängig von Personen und Plattformen.

  12. dd-jazz sagt:

    Pardon, ich reiche ein „in“ nach

  13. Lina sagt:

    @ elbnymphe

    >> „Es ist ein Trugschluß zu sagen, es sei sinnlos, gegen das eine Übel (institutionellen Mißbrauch) etwas zu unternehmen …“

    ja, das wäre einer, elbnymphe, aber ich habe hier lediglich einen fehlbestand an aufklärung deklarieren wollen.

    weiter oben schreibst du:

    >> „Ein lebenswertes Leben ist mit so einer unaufgearbeiteten Hypothek m.E. nicht möglich.“

    womit du prinzipiell recht hast – und imho doch übertreibst, wenn du ein leben nach missbrauch kategorisch für nicht lebenswert hältst … selbst folter_opfer werden das anders sehen.

    ausserdem möchte ich dd-jazz zustimmen, wenn sie verdrängung als wichtigen, den ambivalenzen des lebens geschuldeten mechanismus rechtfertig. wir haben keine andere wahl.

    • Elbnymphe sagt:

      Ich stimme Euch beiden zu. Eigentlich wollte ich nur davor warnen, daß mit der unbedingten Hochhaltung von Verdrängung jenen nach dem Mund geredet wird, die sagen, „jetzt laßt doch mal die ollen Kamellen ruhen. Ist doch 30 Jahre her.“

      • Lina sagt:

        gleichermassen halte ich es für notwendig, dreissig jahre alten passions_erfahrungen auch mit kritischer distanz zu begegnen … d.h., den kick durch die empörungspotenz, die eine mediale inszenierung naturgemäss freisetzen kann, von der substanz (der anklage) zu isolieren.

        olle kamellen lassen sich in der microwelle auch prima erhitzen …

  14. dd-jazz sagt:

    DEM stimme ich unbedingt zu!

  15. Elbnymphe sagt:

    @ Lina: Das ist mir, mit Verlaub, zu salopp. Ich glaube, daß es Themen gibt, bei denen sich niemand sich nur deswegen echauffiert, weil’s grad hip ist und es sich so gut anfühlt, mal auf die k…e zu hauen.

    • Lina sagt:

      mit verlaub, elbnymphe, das ist mir wiederum im bezug auf das geschriebene von dir etwas zu eigen_willig interpretiert ;) …

      denn, sorry: wenn etwas ‚grad hip‘ ist (wovon im übrigen nicht die rede war), ist das was völlig anderes als u. u. einen persönlichen ‚kick‘ daraus zu beziehen, dass die medien sich für die eigene leidensgeschichte interessieren.

      wobei ich niemanden konkret vorwerfen kann oder will, seine erlebnisse zugunsten eines aufmerksamkeits_gewinns zu dramatisieren oder zu verzerren; aber die gefahr ist mehr denn je gegeben.

      sind wir inzwischen nicht alle etwas ads-syndromisiert?

      • Elbnymphe sagt:

        Was das Hip-Sein betrifft, sehe ich nun, daß ich Dich mißverstanden habe.

        Jemanden, der einen Kick daraus bezieht, daß die Medien sich für den Mißbrauch interessieren, müßtest Du mir allerdings schon einmal benennen, wenn Du warnend den Zeigefinger hebst. Mir ist da noch niemand eingefallen (zuallerletzt übrigens Frau Fried).

        Was ADS mit secuellem Mißbrauch zu tun hat? Herzlich wenig, um nicht zu sagen gar nichts. „Ich bin ein Mißbrauchsopfer, holt mich hier raus“ wird es auch in absehbarer Zeit auf den Privatsendern nicht geben, egal, wie viele Details jetzt noch an die Öffentlichkeit gelangen. Wer mißbraucht wurde, empfindet Scham, und wer sich schämt, wird vermutlich eher versuchen, in der Masse unterzugehen, als sich von ihr abzuheben.

        Interessanterweise haben wir doch noch von kaum einem Opfer namentlich erfahren; außer Bodo Kirchhoff fällt mir niemand ein. Keines der Opfer hat bisher seine Biographie als Rührstück in der Bild inszeniert.

        Nimm einmal – ein zugegebenermaßen anders gelagerter Fall – Samantha Geiner: nach der Verhaftung Polanskis hätte sie alle Chancen gehabt, ihre Vergangenheit medial als süßen, klebrigen Candybatzen zu inszenieren (um mal im Bild zu bleiben) – und dennoch war ihr wichtiger, eben nicht erneut ins Rampenlicht gezerrt zu werden, als daß ihr endlich Gerechtigkeit widerfahre.

      • Lina sagt:

        @ elbnymphe

        >> „Jemanden, der einen Kick daraus bezieht, daß die Medien sich für den Mißbrauch interessieren, müßtest Du mir allerdings schon einmal benennen“

        gerne, wenn’s hilft. einer, der deine vermutung, dass, „wer sich schämt, vermutlich eher versuchen wird, in der Masse unterzugehen“, nicht stützt, ist:

        http://norbert.denef.com/

        … der z.b. in plasbergs ‚hart aber fair‘ damit drohte, das studio zu verlassen, falls seine persönlichen belange zu kurz kämen. ein gebaren, das eine mehr_dimensionale öffentliche wahrnehmung der problematik ermöglichte … inkl. der sie begleitenden ads_symptomatik.

  16. Elbnymphe sagt:

    @ Lina, guten Morgen: Wie definierst bzw. verwendest Du den Begriff ADS? Als Du ihn hier zum ersten Mal in die Diskussion einfließen ließt („sind wir inzwischen nicht alle etwas ads-syndromisiert?“), klang es (durch die Anlehnung an die Bluna-Werbung), eher salopp-metaphorisch. Nun aber attestierst Du einem Menschen eine pathologische Symptomatik, so daß ich denke, Du verwendest ADS doch im engeren Sinn? Findest Du diese Ferndiagnostik nicht etwas problematisch? Ich meine, ich habe den von Dir erwähnten Herrn nicht erlebt, aber auch Du kennst ihn doch nur medial verzerrt. Nochmals, ohne ihn selbst erlebt zu haben, würde ich mich hüten, sein Verhalten im klinischen Sinne zu pathologisieren.

    Wie dem auch sei. Angesichts der unzähligen Mißbrauchsfälle bleibt mein Eindruck, daß wir bisher mit erstaunlich wenigen Profilierungs„süchtigen“ konfrontiert wurden.

    • stefanolix sagt:

      Zu letzterem Zustimmung für die Situation im Jahr 2010 und in der aktuellen Diskussion um die Katholische Kirche. Man kann aber nicht in die Menschen hineinsehen und kennt letztlich nicht ihre wahre Motivation. Ich kann mich erinnern, dass es vor einigen Jahren schon einmal eine Debatte über den »Missbrauch mit dem Missbrauch« gegeben hat und da ging es nicht nur um Profilierung, sondern auch um knallharte Interessenpolitik.

      Eine ergänzende Frage ist: wo beginnt pathologisieren? Achtgeben muss man darauf immer, doch Lina schrieb von Symptomen, das würde ich persönlich noch nicht darunter einordnen.

      • Elbnymphe sagt:

        Ja, stimmt, Lina hat differenziert. Das sehe ich genau so. Trotzdem würde ich persönlich doch eher von Profilierungssucht als von ADS reden, aber hey, letzten Endes hat jeder seine eigene Semantik.

        Was ist denn die Interessenspolitik beim Mißbrauchsthema?

    • Lina sagt:

      guten abend, @ elbnymphe!

      um deine frage zu beantworten: der begriff ‚ads‘ weist m. e. auf ein gestörtes verhalten hin, das sich aus defiziten in der erwarteten aussen_wirkung einer person ergeben kann, und genau so verwende(te) ich ihn.

      zu der an mir diagnostizierten ‚ferndiagnostik‘: nach der von dir hergestellten auslegung meiner worte hätte sich statt pathologisieren doch bestimmt auch stigmatisieren angeboten, gell ;)) ?

      also verspreche ich, hart an mir zu arbeiten, damit, hey: meine semantik in zukunft (noch) differenzierter, (noch) präziser nur und ausschliesslich das transportiert, was explizit ‚rüber_kommen soll :) …

      • Elbnymphe sagt:

        Ich hoffe, Du findest es nicht doof, daß wir uns hier um Worte streiten? Ich empfinde es so, daß diese illustre Runde aus Dir, dd-jazz und Stefanolix aus Menschen besteht, die den Wert, das Gewicht, die Gewalt und auch die Schönheit von Wörtern verstehen.

        Anderswo wären bestimmt schon längst Kommentare à la „Ich hol‘ schon mal das Popcorn“ oder „Ihr habt Probleme“ gekommen.

        Wenn ich so insistiere und auch kritisiere, dann deswegen, weil ich den Diskussionsgegenstand so immens wichtig finde. Und ich Dich und die Anderen verstehen, aber auch selbst verstanden werden will.

      • Lina sagt:

        das finde ich ganz und gar nicht doof, @ elbnymphe, im gegenteil, aber du hast nach meinem gefühl eine betroffenheit von mir erwartet, zu der ich aus gründen der (mir) oft peinlichen und mehr_deutigen schmal_spurigkeit im öffentlichen diskurs zum thema nicht bereit war. nur ein adolf muschg hat (im weltspiegel) meines wissens mehr dazu beigetragen als die üblichen plattitüden, auch wenn er dabei grenzen des postmodern eingeübten bürgerlichen anstands überschreitet.

        die ‚illustre runde‘ würde ich übrigens nicht so eng sehen wie du; hier schreiben leute mit grosser wort- und sprach_gewandtheit und mit viel verstand, der ja für sich auch was wert ist ;) …

      • Elbnymphe sagt:

        Ich habe Betroffenheit erwartet? An welcher Stelle soll das gewesen sein? Habituelle Betroffenheit Anderer ruft in mir oft genug Fremdschämen hervor. Ich wünsche mir eine differenzierte Diskurskultur, der hinter die Mechanismen des Machtmißbrauch blickt. Der Papst ist sicher auch sehr betroffen, aber wird sich deswegen an den grundsätzlichen Strukturen innerhalb seiner Kirche etwas ändern? Ich glaube, kaum.

        Betroffen kann man nur agieren, wenn man selbst betroffen ist. Und selbst dann muß man es nicht. Aber man kann als Betroffener durchaus über eine Sache diskutieren, genauso, wie als Nicht-Betroffener.

        Zunächst einmal ging es mir vornehmlich darum, Herrn Elsässers unlogischen und selbstgerechten Thesen etwas entgegenzusetzen.

        Da Du nun schon Muschg erwähnst: sein Intellektualisieren erwachsener Grenzüberschreitungen gegenüber Schutzbefohlenen („Sexualität ist immer ein Normenverstoß“, wenn ich mich recht erinnere, ohne nochmals nachzusehen) empfinde ich als geschmäcklerisches Geseiere.

        Was die illustre Runde betrifft, nochmals zur Klarstellung: ich habe nur jene namentlich genannt, die an dieser Diskussion unmittelbar beteiligt waren (und Frank glatt vergessen) – aber natürlich sollte es kein Ausgrenzen all der anderen Kommentatoren sein, die sich in diesem Blog täglich klug äußern, worauf Du mich gewiß nicht extra hinweisen mußt! :-)

      • Lina sagt:

        >> „Ich wünsche mir eine differenzierte Diskurskultur, der hinter die Mechanismen des Machtmißbrauch blickt.“

        auch mir ist dieser wunsch gegenwärtig, aber die aufgabe zu gross (geworden). deine von mir so verspürte universale betroffenheits_erwartung: weniger in als zwischen den zeilen hat mir die aussicht vermasselt, strukturen und wirkungen sexuellen missbrauchs an schutzbefohlenen in allen aspekten sachlich erörtern zu können.

        und achtung: wenn du (wie im eigenen blog) mit der zuweilen ätzenden macht der frau und ihrer (männer) herausfordernden habi_tusse (*g*) kokettierst, wird das nichts. denn: ‚die wahrheit ist zumutbar‘ … die nackte, die unverzierte. nur so, sofern gewollt, funktioniert aufklärung; alles andere buche ich unter zugegeben (auch literarisch) reiz_voller vernebelung ab …

        danke für die klarstellung zur ‚illustren runde‘. ich habe deine bemerkung als selbst_verliebt wahrgenommen und also missverstanden: sorry :) !

        (ich bin dann mal weg.)

  17. Elbnymphe sagt:

    Und ein „die“ statt „der“ im 4. Satz.

  18. casus sagt:

    @stefanolix hat mit diesem Thema (ich nenne es mal „sexuelle Gewalt“) eine weitere Gestaltungsform benannt (ich nenne es mal „politische Gewalt“), die im Vergleich Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweisen.

    In der weiteren Diskussion ging es hier dann eher um sexuelle Gewalt. Ein sehr sensibles Thema, wenn man davon ausgehen kann, dass hier vielleicht tatsächlich Betroffene mitlesen. Was sexuelle Gewalt bedeutet, kann ich (mangels eigener Erfahrung) insbesondere auch fürs spätere Leben nur ansatzweise erahnen. Die Psyche und vieles Andere mehr wird mehr oder minder stark für immer angegriffen sein.

    Die politische Gewalt hat mich in meiner Jugend geprägt, die durfte ich selbst erleben. Die Spuren davon empfinde ich auch heute noch. Vielleicht auch ein Grund, warum mir mir FREIHEIT heute so wichtig ist – für Andere ist dieses Ziel, dieser Wert nur eine Floskel.

    Was nun schlimmer wiegt, vermag ich nicht zu sagen. Ich komm im täglichen Leben mit meinen Erinnerungen ganz gut klar. Auf manche Sachen (poltische Gewalt) kann man sich einstellen, Andere (sexuelle Gewalt) kommen überaschender und haben (vielleicht) nachhaltigere Wirkungen im persönlichen und privaten Leben jenseits einer politischen Diskussion. Ich bin dankbar, heute FREIER als damals zu leben. Und ich bin dankbar, nie Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein.

    Der Leiter der OSO, Gerold Becker, scheint ein guter Pädagoge gewesen zu sein. Bis auf die Ausnutzung seiner Macht – in diesem Fall in sexueller Richtung.

    Macht verführt ganz offensichtlich zu Machtmissbrauch. Macht und Abhängigkeiten (gerade zu Kindern, aber nicht nur) wird es immer geben. Wir sollten bereits in der Schule lernen. mit Macht und Machtmißbrauch umzugehen. Scheint mir aus aktuellem Anlass wichtiger als (das bei einer meiner Tochter ungeliebte) Bockspringen. Und das ist ganz Eindeutig gemeint.

  19. Elbnymphe sagt:

    Pfff, Lina, wird WAS nichts? Du meinst, die Gleichschaltung aller Menschen zu politisch korrekten Wesen? Ich finde nicht, daß es Deinerseits einer Warnung dazu bedarf, wie ich mich auf meinem eigenen Blog geriere – solange ich außerhalb meines Biotops halbwegs mit Sachverstand argumentiere. Sehe ich mich dazu außerstande, halte ich oft genug meine Klappe – wie man an meiner wochenlang nur passiven Anteilnahme an Stefanolix großen Debatten wohl merkt. Ich mag ein wenig selbstverliebt sein (ist das nicht eigentlich wünschenswert, daß eine Frau auch mal mit sich im Lot ist, als sich ständig nur wegen ihrer körperlichen oder intellektuellen Unzulänglichkeiten zu zerfleischen?) – aber Du bist ja auch nicht gerade wenig von Deiner eigenen Urteils- und Verurteilungskraft eingenommen. ;-)

    • Lina sagt:

      wie oft willst du mich eigentlich noch fehl_interpretieren, @ elbnymphe? da muss ich ja doch nochmal um_kehren :) …

      WAS (so) nichts wird, ist: dass der MISSBRAUCH aufhört! es ist auch NICHT das ‚gleichgeschaltete pc_wesen‘ (das ja wohl niemand ernsthaft wollen kann), sondern ein wünschenswertes, klares einvernehmen darüber, sich und den anderen in seinen motiven und handlungsweisen besser verstehen zu WOLLEN. eine offene artikulation des selbst_ und am anderen erkannten kann geschlechter_beziehungen imho wesentlich ent_krampfen, ohne ihnen die prickelnde substanz zu rauben :) … und, um doch noch den bogen zu kriegen: ursachen und wirkungen von sexuellem missbrauch besser erkennen und (vielleicht) direkt an der wurzel bekämpfen lassen.

      überhaupt, elbnymphe: ist die wahrheit nicht prinzipiell aufregender als die lüge? oder ping_pong spannender als pokern? oder dialektik raffinierter als koketterie? so von narzissE zu narzissE gesprochen ;)) … ?

      • Elbnymphe sagt:

        „Ist Dialektik nicht raffinierter als Koketterie“ – den Satz werde ich das nächste Mal definitiv einbauen, wenn ich einem Mann kokett die Butter vom Brot nehme. Ich sehe da keinen Gegensatz. Das eine schließt das andere nicht aus.

        Und nein, ich bin, durch Vater & Bruder Ping-Pong geschädigt. Tischtennismetaphern veruursachen mir akute Unlust, weiterzudenken. Einigen wir uns auf Screwball? „Don`t make them sexual – make them crazy instead!“

  20. Elbnymphe sagt:

    Casus, hast Du diese Anregung mal an der Schule vorgebracht? Ist eine ganz ernstgemeinte Frage.

  21. Lina sagt:

    einigen? nö, bin da kein fan von. methodisch tooooooooo gestylt, finde ich, ‚l’art pour l’art‘, ergebnis_los. lubitsch et al. waren noch klasse, die bewegten noch was … sogar herzen, diese fremden dinger! aber mach nur, solange dir die kokett konkurrierenden argumente nicht ausgehen und der ofen nicht kalt wird.

    muss dir ja recht geben, dass koketterie dialektik nicht ausschliesst (und umgekehrt). es ist halt nur die frage, ob’s auch weiterhin sehenden auges beim permanenten geschlechter_kampf bleiben kann …

    (jetzt ist sie definitiv erreicht, die ot_grenze; wir können uns vor’m blogger nur dadurch entlasten, titel_gerecht ‚zwei texte‘ geschrieben zu haben ;)

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