Dresden im Jahr 2025 (Teil 1)

Dresdner Blogger sind auch Dresdner Bürger. Ich werde in den nächsten Tagen eine kleine Serie über die Visionen der Oberbürgermeisterin für das Jahr 2025 schreiben. Den Text ihrer Präsentation kann man sich auf einer Webseite der Stadt Dresden ansehen.

Auf der gleichen Webseite wird auch das komplette Redemanuskript der Oberbürgermeisterin als PDF-Datei zum Herunterladen angeboten.

Nach dem Öffnen der Datei fällt mir zuerst eine furchtbar schlechte Typografie auf. Da stimmt überhaupt nichts: Satzspiegel, Schriftgröße und Zeilenabstand passen nicht zusammen, der Blocksatz ist fast schon unterirdisch schlecht. Ich lese und bewerte sehr viele Texte. Wenn ich solche Manuskripte sehe, kann ich den meisten Fällen darauf wetten, dass sich der Absender nicht wirklich für das Textverständnis der Empfänger interessiert.

Helma Orosz hat diese Rede also in der Bürgerversammlung vorgetragen. Dem Vernehmen nach waren viele Zuhörer verblüfft und verwundert, als die Oberbürgermeisterin auf ihren ureigenen Verantwortungsbereich zu sprechen kam:

Dresden ist 2025 eine Stadt mit sympathischer Bürokratie, in der die Verwaltung nicht herrschen, sondern dienen will.
Zum Leitbild unserer Stadtverwaltung sollte gehören, dass sich jeder ihrer Mitarbeiter für das gute Ansehen Dresdens mitverantwortlich und zuständig fühlt. Die Verwaltung muss den Bürgern und Unternehmen dienen und aus deren Sicht mitdenken können. Sie muss zügig für sie arbeiten und ihnen ohne obrigkeitliche Attitüde auf Augenhöhe freundlich entgegenkommen. Muss sie einen Wunsch oder Antrag ablehnen, habend die Bürger einen Anspruch auf eine allgemeinverständliche Begründung. Nicht immer werden wir bisher diesem Anspruch an uns selbst gerecht.

Wer »Verwaltung« meint, darf nicht synonym »Bürokratie« verwenden! Das Prinzip »Bürokratie« kann durch kein Attribut der Welt schöner oder sympathischer gemacht werden. »Bürokratie« ist ein Wort mit ausschließlich negativer Bedeutung.

Doch wo ein sprachlicher Fehler so offensichtlich ist, versteckt sich meist auch ein inhaltlicher Fehler. Dresden braucht zuerst eine funktionierende Verwaltung, in der zum Beispiel vernünftig geplant wird — heute ist Dresden eine Großstadt voller Planungsfehler! Dresden braucht eine reaktionsschnelle Verwaltung — heute sind die Dienstwege ermüdend lang.

Dresdens Verwaltung braucht eine vernünftige Führung, damit es nicht notwendig ist, leitende Mitarbeiter mit zehntausenden Euro abzufinden oder irgendwelche »Supermanager« zu installieren. Auf die besonders sympathische Note meiner Stadtverwaltung verzichte ich gern, solange sie funktioniert, schnell reagiert und ordentlich geführt ist!

Frau Orosz sagt: Zum Leitbild unserer Stadtverwaltung sollte gehören, dass sich jeder ihrer Mitarbeiter für das gute Ansehen Dresdens mitverantwortlich und zuständig fühlt.

Es sollte zum Leitbild gehören? Und warum gehört es heute noch nicht dazu? Sollen wir als Dresdner Bürger bis 2025 darauf warten, dass diese Selbstverständlichkeit in ein Leitbild der Stadtverwaltung geschrieben wird?



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16 Antworten zu Dresden im Jahr 2025 (Teil 1)

  1. Jane sagt:

    Der Fehler liegt ja bereits in der in sich widersprüchlichen Formulierung: „ist eine sympathische Bürokratie, in der die Verwaltung *nicht* herrschen,…will“.
    Die Bürokratie ist – sympathisch oder nicht – die Herrschaft der Verwaltung, Punkt.

    • stefanolix sagt:

      Ich vermute, dass ihre Redenschreiber oder Berater sich dessen einfach nicht bewusst waren. Frau Orosz soll dem Vernehmen nach schon bei ihren Reden als Ministerin vieles nur vom Blatt abgelesen haben.

      Beim Wort Bürokratie muss ich gerade an eines der ersten Computerspiele in der DDR bzw. der Wendezeit denken: Perestroika. Da saßen überall im Sumpf grässliche Bürokraten und wollten den kleinen Helden wegfangen, der über die festen Punkte ins Ziel springen musste. Heute ist das wieder ähnlich ;-)

      • Jane sagt:

        Einem Politiker, der zuvor irgendetwas in Richtung Politologie oder Soziologie studiert hätte (was man imho routinemäßig als Qualifikation für diesen Job voraussetzen sollte), wäre dieser Lapsus wahrscheinlich nicht passiert. Dort lernt man über das Wesen der Bürokratie schon im 2. Semester mit Weber Thesen zu den verschiedenen Organisation- und Herrschaftsformen.
        Wenn allerdings gerlernte Krippenerzieherinnen über den Amtsweg in den OB-Stuhl klettern, kann man solche Kenntnisse logischerweise nicht erwarten.

      • stefanolix sagt:

        Ach, das lernen heutzutage auch alle Fachwirte und Betriebswirte im Rahmen der Aufstiegsfortbildung ;-)

        Sie hat die Rede wahrscheinlich nicht selbst geschrieben. Muss sie auch nicht. Aber wenn sie nicht selbst schreibt, muss sie sich qualifizierte Leute holen, die sachlich richtigen Inhalt liefern und die natürlich auch verständlich formulieren.

        Wenn Profis am Werk gewesen wären, hätte die Druckvorlage der Rede auch besser ausgesehen als eine Hausaufgabe aus dem zweiten Semester ;-)

      • Jane sagt:

        Auch in einer nicht selbst geschriebenen Rede können mir durchaus inhaltliche Fehler auffallen – wenn ich die nötigen Kenntnisse habe. Hat Frau Orosz offensichtlich nicht. Hätte sie wohl, wenn sie anständig studiert hätte – meinetwegen auch BWL im Aufbaustudiengang ;)

      • stefanolix sagt:

        Interessant finde ich übrigens auch, dass die seriöse(re) Presse [nach meinem Eindruck] sehr wenig über die Veranstaltung geschrieben hat.

  2. casus sagt:

    Bürokraten sind eben keine Visionäre. Genauso wie eine Stadtverwaltung als quasi Monopolanbieter komunaler Entscheidungen per se nie wirklich kundenorientiert sein wird. Warum auch?

    In kleineren Kommunalverwaltungen mag es gehen, wenn eine charismatische und engagierte Führungskraft (z.B. Bürgermeister) mit einem kleinen Team die Kommunal- („Dorf“-)Interessen steuert. In einem Büroktratiemonster wie der Stadtverwaltung Dresden mit Tausenden von Verwaltern, die Ihren Hintern breitsitzen, ist ein solche „Vision“ eine Fiktion.

    Auch wenn ich mir in bestimmten Kreisen damit keine Feunde mache: Die effizienteste (Stadt-)Verwaltung ist eine KLEINE Stadtverwaltung. Alles privatisieren, was privatisierbar ist, dann gibt es Wettbewerb. Und nur der bringt Menschen auf Trab. Appelle an das Bewusstsein bringen in großen Einheiten nichts, selbst engagierte Mitarbeiter werden im Laufe der Zeit von ihren „Dienst-nach-Vorschrift“-Kollegen paralysiert und demotiviert. Übrigens in etwas geringerem Ausmaß auch in großen Unternehmen und Konzernen.

    Wettbewerb, kleine Einheiten und die konsequente Antwendung des Subsidaritätsprinzipes sind die Zauberworte für Effizienz.

    Und um es in diesem Blog an anderer Stelle nochmal zu wiederholen: Wer gut gemeinte Visionen hat, diese veröffentlicht und den Bürger zum Mitmachen auffordert – gleichzeitig aber im selben Atemzug betont, dass Zuschriften nicht persönlich beantwortet werden können, der hat die Signale noch nicht gehört. Oder ist noch nicht bereit für Visionen! Nachsitzen, Frau Oberbürgermeisterin.

    • stefanolix sagt:

      Müssen die Mitarbeiter einer Verwaltung wirklich »kundenorientiert« sein? Sollten sie sich nicht eher an den Gesetzen, an der Effizienz und an den Regeln einer guten Verwaltung orientieren?

      Frau OB Orosz greift hier ein Wort aus der Wirtschaft auf, weil es vielleicht in ihren Ohren gut klingt. Aber in Wahrheit kann man »kundenorientiert« auf Verwaltungen kaum anwenden, denn zu den Ämtern kommen keine Kunden, sondern Bürger bzw. Unternehmen.

      In der privaten Wirtschaft müssen wir an unseren Kunden orientiert sein. Die Kunden müssen das merken, ohne dass wir überhaupt darüber reden. Große und mittlere Unternehmen reden (meiner Meinung nach) viel zu viel über »Kundenorientierung«, weil ihre Organisationen schon zu groß sind. — Und genau dort hat sich Frau Orosz diese Phrase wohl auch abgeschaut, Deine Bemerkung mit den großen Konzernen trifft voll ins Schwarze.

      Zum Thema Effektivierung habe ich einen etwas anderen Vorschlag, dem ich später einen eigenen Artikel widmen möchte.

      • Jane sagt:

        „Müssen die Mitarbeiter einer Verwaltung wirklich »kundenorientiert« sein? Sollten sie sich nicht eher an den Gesetzen, an der Effizienz und an den Regeln einer guten Verwaltung orientieren?“

        Genau das müssen sie. Eine Verwaltungsinstitution ist kein Kaufmannsladen, sondern sie hängt von Vorgaben, Gesetzen und Richtlinien ab, die großteils von den Ländern vorgegeben sind (siehe Gemeindeordnungen bzw. -verfassungen).

      • stefanolix sagt:

        Also müsste man einen anderen Begriff finden. Sie sollen den Bürgern gerecht werden, sich also »bürgerorientiert« verhalten?

      • Jane sagt:

        Im Prinzip ist die kommunale Ebene (so lerne ich gerade im aktuellen Studien-Reader) noch die am ehesten basisdemokratische der 3 Verwaltungsebenen (Bund, Länder, Kommunen). Immerhin wählen die Dresdner ihren Bürgermeister direkt und auch ihren Stadtrat, auch gibt es diverse Bürgerentscheide.
        Was spräche z.B. dagegen, wenn sich die Bürger noch mehr aktiv einmischten? Blöderweise ist die Neustadt diesbezüglich eine ziemlich einsame Insel in der Stadt. In anderen Stadtteilen sieht das bürgerschaftliche Engagement zunehmend düsterer aus.

      • stefanolix sagt:

        Dagegen spricht, dass sich die meisten Bürger von der Verwaltung einfach nichts versprechen und umgekehrt auch nicht …

  3. casus sagt:

    Ob Kunden, Bürger, Mandanten, Klienten oder Patienten: Als Dienst-Leister (falls man sich als solcher versteht, was nachwievor gerade in Deutschland eine Seltenheit ist) sollte man sich in seinen Gegenüber hereindenken, -fühlen, reagieren und entsprechend handeln können.

    Das heisst ja nicht, dass man alles genauso macht, wie gefordert und gewünscht. Aber selbst Ablehnungen kann man kundenorientiert rüberbringen – z.B. Alternativen empfehlen. Von einer Steuerzahlerorientierung (um noch einen neuen Begriff zu bringen) sind öffentliche Dienstleister Meilen entfernt.

    In kundenorientierten Unternehmen gilt der Grundsatz: Nicht der Chef zahlt das Gehalt, sondern der Kunde! Bei allen Besonderheiten des öff. Dienstes wünschte ich mir Ansätze für eine solche Dienstleistungsmentalität. Gerade auch für Stadtverwaltungen…

    Auf eine sympathische Bürokratie kann ich gut und gern verzichten, weil es sie per se nie geben wird.

    • stefanolix sagt:

      Oh, die Wunschliste wird wohl ziemlich lang.

      Jetzt sollen die öffentlich Bediensteten auch noch sorgfältiger mit dem Geld umgehen, dass sie sich bei uns geliehen oder von uns eingezogen haben ;-)

      Aber das müsste normalerweise natürlich in diesen Absatz mit aufgenommen werden. Tja, Frau Orosz: da heißt es wohl nacharbeiten.

  4. […] einem Zug fehlerfrei vorlesen, ohne dabei Luft zu holen? Dann bewerben Sie sich um einen Job in der sympathischen Straßen- und Tiefbaubürokratie der Landeshauptstadt […]

  5. […] erinnern sich nicht? Bitte hier entlang […]

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