Tu es!

Es wird hier kaum jemanden überraschen: der Autor dieses kleinen Blogs zieht heute nicht durch die Biergärten. Das hat ganz viele gute Gründe. Aber der wichtigste Grund ist: ich nutze den Himmelfahrtstag gern, um meine Gedanken zu ordnen. Natürlich nicht alle. Aber irgendwo muss man ja anfangen.

In letzter Zeit habe ich viel über Arbeit nachgedacht.

Eigentlich begann alles im Januar. Aus recht unerfreulichen Gründen musste ich plötzlich extrem viel arbeiten. Ich habe mich abends oft mit dem Spruch »was dich nicht umbringt, macht dich härter« getröstet, aber ich konnte natürlich in 70-Stunden-Wochen nicht wirklich über das Thema Arbeit nachdenken. Diese Phase dauerte fast ein ganzes Quartal. Aber im Hinterkopf bohrte es … und manchmal braucht man einen Denkanstoß.

Ende April ging es in einer Diskussion beim Neustadt-Geflüster um die Fotoausstellung »Dresden im Netz«. Die Ausstellung entstand im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit (AGH). In dieser Arbeitsgelegenheit sollten junge Erwachsene unter Anleitung fotografieren lernen und sich gleichzeitig (wieder) an den Alltag des Arbeitslebens gewöhnen. Kommentator Torsten stieg in die Diskussion mit den Worten ein:

Vielleicht geht es dabei gar nicht um die Fotos, sondern darum, eine Disziplinarmaßnahme als Kunst zu verkaufen?

und er hat auch im weiteren Verlauf der Diskussion immer wieder den Zwangs-Charakter der Arbeitsgelegenheit betont. Das ist eine von vielen Meinungen, die man dazu haben kann. Man kann auch über Effektivität und Effizienz solcher Maßnahmen nachdenken — aber das soll heute gar nicht mein Thema sein. Denn diese Maßnahme ist nun schon fast vorbei und wenn man der Teilnehmerin Jenny glauben darf, hat es ihr eine Menge gebracht.

Ich bin also von einer ganz anderen Seite an die Sache herangegangen. Ich habe mir die Bilder angesehen und an meine eigenen Bilder gedacht. Und dann kam mir dieser Beitrag aus einem Fotoblog in den Sinn, in dem einfach daran erinnert wird: Du kannst mit jedem Foto besser werden. Du kannst aber nicht besser werden, wenn du nicht fotografierst.

Martin Gommel (der Autor des Fotoblogs) zitiert: Put the hours in, do it for long enough, and magical, life transforming things happen eventually. Sure, that means less time watching TV, Internet surfing, going out to dinner, or whatever. But who cares? ~Hugh MacLeod [Quelle]

Als ich den Artikel gelesen hatte, war mir klar: so wie Martin schreibt und zitiert jemand, dem die Arbeit richtig Spaß macht. Im Gegensatz dazu standen die Kommentare von Torsten. Er war davon überzeugt, dass den jungen Leuten die Arbeit an dem Fotoprojekt als »Disziplinarmaßnahme« keinen Spaß gemacht haben kann.

Und dazwischen stand ich. Ich arbeite sehr gern. Aber es gibt natürlich auch Tage, an denen mich der Arbeitsumfang fast erschlägt oder an denen Routineaufgaben mich fast zu Tode langweilen.

Wenn ich meine eigenen Fachmanuskripte in der zweiten Autorkorrektur lese, dann kann ich den Text eigentlich nicht mehr sehen. Ich arbeite eigentlich schon am nächsten Text oder an Zeichnungen oder an Grafiken. Trotzdem ist hier die größte Konzentration gefragt, denn der Setzer kann ja Fehler gemacht haben, die im ersten Durchlauf noch nicht vorhanden waren.

Arbeit macht also an jedem Tag Spaß und ist gleichzeitig an jedem Tag »Disziplinarmaßnahme«. Hannah Arendt spricht in »Vita activa« von den drei Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln. Und darüber würde ich gern an anderer Stelle weiterschreiben …

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8 Responses to Tu es!

  1. Hallo Stefan,

    was Du hier skizzierst ist leider Standard in Deutschland. Wir freuen uns nicht mehr über Gelegenheiten, sondern wir sind darauf fixiert, etwas zu suchen, was uns deprimiert. Und dann leiden wir – und das wird genossen.

    Dabei wäre es so einfach: wenn Du das hast, was Du liebst (in diesem Fall Arbeit, eine Beschäftigung, eine Chance), dann ist das Leben einfach schöner.

    Und wenn Du nicht das hast, was Du liebst, dann musst Du lieben, was Du hast. Du musst es lieben lernen.
    Es ist doch klar: wenn Du schlimmstenfalls eine Autobahn-Toilette betreust und das nicht lieben lernst, dann gehst Du täglich frustriert zur Arbeit.

    Frustration wiederum führt zu Krankheiten und so geht die Spirale immer weiter in die falsche Richtung.

    Wie sehr liebe ich es, wenn ich merke, dass jemand seinen Job liebt – und wenn dieser noch so „niedrig“ ist.

    Schade, dass es Dauernörgler wie Torsten gibt …

    • tigger sagt:

      Wollte jetzt irgendwas längeres schreiben, aber nach lesen dieses Kommentars reicht ein „W0rd!“. Sehe ich alles genauso. Ausserdem könnte ich auch gar nicht mehr schreiben, weil ich im Gegensatz zu stefanolix genügend gute Gründe fand, den Tag zu würdigen :-)

  2. Elbnymphe sagt:

    Hannah Arendt spricht in »Vita activa« von den drei Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln. Und darüber würde ich gern an anderer Stelle weiterschreiben

    Und ich lesen! Habe davon noch nie gehört.

    “I thought I could see the light at the end of the tunnel, but it was just some bastard with a torch, bringing me more work.” (Office Wisdom 29): bq.

  3. Liebe Elbnymphe,

    genau die Sprüche sind es, die vordergründig lustig sind, die uns aber immer tiefer runterziehen.

    „… der Bastard, der uns mehr Arbeit bringt!“ (Wenn Du Deine Arbeit liebst oder lieben gelernt hast, dann bringt man Dir etwas Gutes!)

    „Wir sind auf der Arbeit, nicht auf der Flucht!“ (Was ist denn schöner, als so richtig Stress zu haben? Ich für meinen Teil liebe meine Arbeit so sehr, dass ich traurig bin, wenn ich wenig zu tun habe – und deshalb fühle ich mich gut und zufrieden.)

    „Endlich Wochenende!“ (Das suggeriert, dass das Leben am WE stattfindet und dass die Arbeitswoche ein komatöser Zustand ist, den es zu überwinden oder zu überstehen gilt.

    Wir übersehen so gerne, dass es Millionen von Mitbürgern gibt, die gar nicht verstehen, dass wir, die wir Arbeit haben, uns damit unglücklich fühlen. Die würden gerne arbeiten, dürfen das aber nicht tun. Weil sie nicht „marktgerecht“ ausgebildet sind, nicht in der „richtigen Gegend“ wohnen, „zu alt“ sind oder sogar „überqualifiziert“ sind.

    Und wir jammern denen etwas vor, wie doof unser Arbeitsleben ist?

    • stefanolix sagt:

      Wobei diese »office-wisdom«-Artikel wie auch Dilbert-Comics und viele ähnliche Werke vor allem von der Unternehmens(un)kultur in Großkonzernen inspiriert sind, wo keiner keinen richtig kennt und wo es viel Leerlauf gibt. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich lieber in überschaubaren Gruppen bzw. für mittelständische oder kleine Unternehmen arbeite. Da macht es allemal mehr Spaß.

  4. Elbnymphe sagt:

    Ich würde mich mit meiner Arbeit glücklicher fühlen, wenn sich der Aufwand auch materiell niederschlagen würde. Dennoch bin ich froh, in meiner Arbeit das zu tun, was ich gut/am besten kann und das mir demzufolge Spaß macht.

  5. casus sagt:

    Manchmal habe ich den Eindruck, es ist schon eine Gesetzmäßigkeit:

    Arbeit macht Spaß, in kleinen Einheiten. Man sieht Fortschritte, seinen eigenen Beitrag. Erfolg. Meist wird Arbeit, die Spaß macht, weniger gut bezahlt und ist meist stressig. Man fühlt sich unterbezahlt.

    Arbeit in großen Einheiten ist weniger inspirierend. Viel Bürokratie, viel „Politik“, viel Selbstdarstellung. Aber: Alles ist geregelt. Sicheres Einkommen. Meist akzeptabel. Urlaub planbar. Der Mittelpunkt des Lebens.

    Was ist nun der richtige Weg? Der Mittelweg? Wo ist der? #Navi_On.

    • stefanolix sagt:

      Die richtige Methode ist (meiner Meinung nach): das Navigationsgerät im Kopf immer bewusst angeschaltet lassen. Man muss sich immer bewusst sein, welches Ziel man am Ende hat.

      Ich hatte in meinem Leben auch schon Jobs, die todlangweilig waren, die ich aber gemacht habe, weil ich bestimmte Ziele erreichen wollte. Die Gedanken sind frei.

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