Bürgersinn und Kommunalpolitik (1)

Es ist ja noch nicht alles verloren. Als im vorigen Jahr bekannt wurde, dass das Gemälde mit dem berühmten Canaletto-Blick auf Dresden restauriert werden muss, tauchten plötzlich überall Spendenboxen auf und Prominente unterstützten die Aktion. Seither soll schon eine Menge Geld zusammengekommen sein. Doch gestern sah ich die Trümmer einer aufgebrochenen Spendenbox auf dem Fußweg liegen …

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Zerbrochene Spendenbox
(am 30.05.2010 auf einem Fußweg in DD-Blasewitz).

Heute morgen sah ich beim Bäcker eine andere Spendenbox auf der Ladentheke stehen. Sie war mit einem Band befestigt, um sie gegen schnellen Diebstahl zu schützen. Ein Symbol dafür, dass die Spendenbereitschaft gesichert bleiben soll?

Man kann zwar die Spendenboxen so sichern, dass sie nicht von der Theke gestohlen werden. Doch der Bürgersinn in Dresden ist viel größeren Gefahren ausgesetzt: wir zweifeln an der Kompetenz unserer Verwaltung, wir zweifeln am Urteilsvermögen unserer Kommunalpolitiker und wir verzweifeln an der Kommunikation mit unserer Oberbürgermeisterin.

Ich möchte in den nächsten Tagen einige Fragen zum Bürgersinn stellen und vielleicht eine Diskussion in Gang bringen. Es gibt viele gute Gründe für eine solche Diskussion und es gab in der vorigen Woche einen unmittelbaren Anlass:

Bei einem Treffen mit Elternvertretern erhob Finanzbürgermeister Vorjohann zudem Vorwürfe gegen die Dresdner Eltern. Diese würden zu wenig für die Sanierung der Schulen und gegen die Streichungen bei Stadt und Land kämpfen. Vorjohann warf den Eltern vor, sie seien schlecht organisiert. Der Fußballverein Dynamo Dresden habe mit einer guten Lobbyarbeit die »schwachsinnige Entscheidung« erzwungen, ein neues Stadion zu bauen. Die Eltern hätten dagegen noch nicht einmal eine Bürgerinitiative gegründet. [Bericht: MDR]

In den Dresdner Zeitungen gibt es seither wütende Leserbriefe mit persönlichen Anwürfen gegen Vorjohann. Ich will von einer ganz anderen Seite an diese Äußerung herangehen. Der Künster Georg Baselitz hat zum berühmten Gemälde mit der Stadtansicht gesagt:

»Canaletto hat etwas gesehen, was wir nicht mehr sehen, deshalb beflügelt sein Bild unsere Phantasie.«

Vielleicht wird unsere Phantasie durch Vorjohanns intelligente Provokation beflügelt? Vielleicht sagen wir den Politikern, dass wir von ihnen keine Versprechungen und Plakate und Präsentationen mehr haben wollen? Vielleicht verschieben wir mal im gegenseitigen Einvernehmen einige Prestige-Projekte?


Fortsetzung folgt …


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14 Responses to Bürgersinn und Kommunalpolitik (1)

  1. Jane sagt:

    Die ist aber sehr ungünstig zerbrochen:“…analetto“ :D

    • stefanolix sagt:

      Das ist aber authentisch. Die anderen Splitter lagen zu weit weg. Ich wollte kein Foto »stellen« oder etwas montieren ;-)

      Ich hätte heute morgen gern die Box mit dem Band beim Bäcker fotografiert, aber da hatte ich keine Kamera mit.

      • Jane sagt:

        Schon klar, ich wollte ja gerade die humoristische Komponente dieser netten kleinen Laune der Natur bewundern ;)

  2. torsten sagt:

    „wir zweifeln am Urteilsvermögen unserer Kommunalpolitiker“

    Zu Recht. Allerdings nicht dolle genug, sonst würden sie nicht immer wieder gewählt werden.

    • stefanolix sagt:

      Zum Zeitpunkt einer Wahl kann man ja nicht ahnen, dass Fraktionen irgendwann tränenreich ihre Konflikte austragen (CDU 2010) oder sich spalten (PDS in der WOBA-Frage). Oder dass Politiker die Seite wechseln. Oder dass Politiker noch kurz vor Toresschluss einen millionenteuren Supermanager installieren wollen. Oder dass sie oft nur Unpolitik treiben … Irgendwen muss man ja als Demokrat schließlich wählen.

      • torsten sagt:

        Stimmt, hab ganz vergessen, dass PolitikerInnen im Allgemeinen als äußerst zuverlässig und worttreu gelten.

  3. casus sagt:

    Ich war übrigens fassungslos, als bei mir auf Arbeit tatsächlich eine Spendenbox für gemeinnützige Zwecke (nicht Canaletto) gestohlen wurde…. Unglaublich. #

    Die ersten (nach meiner Meinung positiven) Reaktionen auf Vorjohanns (nennen wir es) Provokation gibt es bereits:

    http://www.dresden-macht-schule.de

    Natürlich auch mit facebook-Gruppe. Es reicht heutzutage nicht, sich auf die „Demokratie zu verlassen“. Marketing gehört dazu. In jedem Fall. Man könnte es Lobbyismus nennen. Oder Basisdemokratie. Die Namensgebung ist Ansichtssache, die Grenzen sind fliessend.

    Ich bin überzeugt davon, dass es sich für engagierte Bürger lohnt, für Ziele zu kämpfen. Um die Mehrheit zu ringen. Bis zu einem gewissen Punkt, wo man eventuell erkennen muss, dass man eine Minderheitenmeiung vertritt.

    Und die aktuellen Wahlergebnisse in Tschechien stimmen mich hoffnungsfroh, dass sich die Demokratie erneuern kann. Dass nicht alles so bleibt, wie es ist. Dass Hoffnungsträger eine Chance haben. Dass nachvollziebare Politikverdrossenheit a la @Torsten nicht zu Depressionen und anhaltendem Wachstum der Nichtwähler führen muss.

    • stefanolix sagt:

      Trotzreaktionen. Aber besser sind solche als keine. Man sollte gar nicht auf den Boten (Vorjohann) einprügeln, sondern schnell einen Dialog mit der Oberbürgermeisterin und dem Stadtrat erzwingen. Notfalls mit der Drohung, dass es bald statt einer Bürgerfraktion eine Elternfraktion geben könnte.

    • stefanolix sagt:

      Oh, ich sehe gerade: nix mit neuer Fraktion. Die Webseite kommt von einer etablierten Partei.

    • stefanolix sagt:

      Ergänzung: Ich hoffe, dass der Kreiselternrat wenigstens überparteilich ist und vielleicht bildet sich ja doch noch mal eine neue demokratische Kraft.

    • KurtE sagt:

      Na, diese Dresden-Macht-Schule-Seite ist aber sehr im populistischen Duktus des Mokanten getextet.
      Wieder so eine Aktion, die nur diejenigen überzeugt, die ohnehin schon überzeugt sind.
      Und das sich ausgerechnet die Melonenpartei über „2 überteuerte Platanen auf dem zugepflasterten Hof“ erregt, lässt mich sprachlos zurück.

      • stefanolix sagt:

        Das ist doch vorwiegend eine Aktion, um den politischen Gegner vorzuführen. In der anderen Diskussion habe ich das ja zitiert. Eines ist unbenommen: man soll sich für gute Schulen engagieren. Aber nicht in diesem Stil.

  4. casus sagt:

    Zum Zeitpunkt, als ich auf die Seite gestoßen bin, war m.E. nichts von einem parteipolitischen Herausgeber zu lesen. Ändert zwar nichts an den Tatsachen vor Ort, gibt dem Ganzen aber schon wieder eine parteitaktische Note.

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