Politisch korrekte Kommentare

Hier ist der verspätete Artikel zu einem Nebenaspekt des gestrigen Spiels. Eigentlich muss man ja nur noch das Wort »Reichsparteitag« sagen, um zu wissen, was gemeint ist. Ich wollte das gestern kurz vor Mitternacht noch hochladen, aber da fehlte mir gerade die Verbindung.

Die Wendung »das ist ihm ein innerer Reichsparteitag« war (soweit ich das beurteilen kann) nie ein Nazi-Spruch. Es gab damals viele Sprüche und Witze, mit denen die Propagandamaschine der Nazis ironisch gebrochen wurde. Victor Klemperer hat in LTI dafür Beispiele gebracht. Nach der Machtergreifung hatten viele Menschen noch die Hoffnung, dass der Spuk bald ein Ende haben würde. Und im Zusammenbruch war der bittere Witz für die Menschen eine Überlebenshilfe.

Auch aus der Erfahrung mit der Diktatur in der DDR muss ich sagen: so reden eigentlich nie die Parteigänger eines Regimes, sondern eher die Distanzierten. Insofern halte ich es für Quatsch, der ZDF-Moderatorin eine rechtsradikale Einstellung oder einen rechtsradikalen Spruch zu unterstellen. Unprofessionell war es aber trotzdem. Denn der Spruch ist in Bezug auf einen Fußballer im Torjubel völlig deplaciert.


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23 Responses to Politisch korrekte Kommentare

  1. stefanolix sagt:

    PS: Niemand hätte sich über die Wendung »es ist ihm ein innerer Vorbeimarsch« aufgeregt, obwohl Vorbeimärsche in Diktaturen aller Art üblich waren …

  2. foster sagt:

    Ich musste erstmal googeln, was da wieder los war. Danke für den Kopfschüttler des Morgens. Ohne deinen Beitrag wäre das an mir vorbeigegangen.

    • stefanolix sagt:

      Wobei ich als Kind »innerer Vorbeimarsch« immer in einem etwas anderen Sinne gedeutet habe. Passend zu Podolski und Klose: jetzt marschieren alle Kritiker an ihrem inneren Auge vorbei. Die meisten Kritiker treffen ja selbst kaum das Tor.

  3. tigger sagt:

    Ich suche gerade ein besseres Wort als „Tabellenführer“. Möchte ja nich…

  4. Antifa sagt:

    Der Vergleich mit der DDR hinkt, denn wir leben einfach nicht mehr in selbiger. Ich unterstelle dieser Frau schon merkwürdige Denkstrukturen, denn auf eine Erklärung oder irgendwas in der Art hatte ich bis zum Ende vergeblich gewartet.

    • stefanolix sagt:

      Wir leben nicht in der Zeit der DDR und auch nicht in der Zeit der Nazidiktatur. Das habe ich auch nicht gemeint. Ich habe gemeint, dass so die Distanzierten geredet haben, dass also solche Sprüche nicht von Parteigängern der jeweiligen Diktatur kamen.

      Wenn man es wirklich politisch-ernst betrachten will, komme ich zu dem Schluss: die Moderatorin steht nicht in der falschen Tradition.

      Muss das ZDF dazu noch lange Erklärungen abgeben? Ich meine, dass sich solche Erklärungen erübrigen, weil dadurch eine eigentlich unwichtige Bemerkung zu viel Bedeutung bekommt. Immerhin ging es um Sport und nicht um Politik.

      • Antifa sagt:

        Sollen wir also also in Zukunft einfach jede dieser Äußerungen unkommentiert im Raum stehen, nur weil sie bei „unpolitischen Ereignissen“ stattgefunden haben? Was soll das denn für ein Signal sein und an wen? Es gibt keine Trennung von Politik und Sport. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Schon die Entscheidung die Fußballweltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent auszurichten, war eine politische Entscheidung und keine sportliche.

      • Antifa sagt:

        Da fehlt „lassen“.

      • stefanolix sagt:

        Ich würde die Äußerungen unkommentiert lassen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht rechtsradikal oder in anderer Weise rechtsgerichtet motiviert sind.

        Ich äußere mich nur zu Wendungen, mit denen unbewusst rassistisches oder rechtsgerichtetes Gedankengut transportiert wird. Das beginnt schon bei der abwertenden Redewendung »Fidschi« für den Gemüsehändler aus Vietnam. Dazu lasse ich mir immer etwas einfallen, wenn das jemand in meiner Gegenwart sagt.

        Zum Wort »Reich«: Die Saarländer sind ein gastfreundliches und offenes kleines Völkchen. Viele sagen aber bis heute »das Reich«, wenn sie den Rest der Bundesrepublik meinen. Ganz bestimmt nicht mit neonazistischer Bedeutung.

      • Antifa sagt:

        Scheinbar sieht das ZDF das immerhin anders und hat sich entschuldigt: „Das ist eine verbale Entgleisung, die ihr und uns leidtut. Sie ist im Eifer der Situation entstanden. Wir bedauern das, und das wird so auch nicht mehr vorkommen“, sagte ARD/ZDF-Teamchef Dieter Gruschwitz der Nachrichtenagentur dpa, „das ist ein umgangssprachlicher Ausdruck, der nicht in die Fernsehsprache gehört.“

      • tigger sagt:

        Na dann. Ist ja alles wieder gut. Gerade nochmal das vierte Reich verhindert. Puhhh…das war knapp.

  5. Elbnymphe sagt:

    Hast Du mir heute „meinen“ Artikel „geklaut“. Ihn aber viel besser geschrieben. Ich danke.

  6. tonari sagt:

    Der GöGa und ich dachten gestern, wir hätten uns verhört. Gehört definitiv nicht in den Sprachgebrauch und in den öffentlich-rechtlichen erst recht nicht.
    Freudsche Fehlleistung bei der Dame?

    • stefanolix sagt:

      Es war auf keinen Fall professionell, da sind wir uns ja einig.

      Aber wenn Du nach einer Freudschen Fehlleistung fragst: das würde ja bedeuten, dass »ein eigentlicher Gedanke oder eine Intention des Sprechers unwillkürlich zu Tage tritt« (Wikipedia). Und welche gefährliche Intention soll das gewesen sein?

  7. KurtE sagt:

    Wo jedes Jahr die Zahl der rechtsradikal motivierten Straftaten in der Statistik steigt; wo erhobene rechte Arme als Beschwörung des alten Ungeistes gezählt werden; wo jede Swastikaschmiererei zu Lichterketten animiert(mit Ausnahme der Schmiererei an der Synagoge, da von einem algerischen Mitbewohner angebracht. Ihn dafür zu bestrafen wäre ja rassistisch); wo es jährlich mehr Geld und damit mehr Vereine zur Bekämpfung des Neonazismus gibt – da müssen natürlich auch jedes Jahr mehr Untaten entdeckt und bearbeitet werden; da darf man nicht schweigen, wenn eine Moderatorin ein sprachliches Bild benutzt, was in der Generation ihrer Eltern noch gängig war. Auf meinem Schulhof redeten wir auch von einer [*]-schablone, wenn es um eine dürre Person ging. Oder jemand mit kurzgeschorenen Haaren war ein Stoppelrusse, was negativ gemeint war (Läuse-mangelnde Hygiene- ). Oder der Hilfswillige, eine Person, die freiwillig bereit war, dem 3.Reich zum Endsieg zu verhelfen (Letten. Esten, Ukrainer) wurde an unseren Universitäten gern als HiWi abgekürzt, …
    Und da ich gerade beim Thema bin: „gaskrank“ und „bis zur Vergasung“ kommt aus der rüde Soldatensprache des 1.WK, dessen Gasangriffe samt der Folgen so entsetzlich waren, daß im folgenden Krieg keiner mehr welches auf dem Schlachtfeld eingesetzt hat. Das hat nichts mit Nazionalsozilismus zu tun.

    Es ist manchmal schon absurd, was heute alles als rechts verdammt wird. Zuletzt las ich, daß das neueste Positionspapier der Jungen Union als „vom rechten Geist getragen“ markiert wurde.
    Ich sehe hier eine neue Bigotterie heraufziehen, die noch lustig werden wird.

    [(*) Anmerkung ganz ohne Bigotterie: den KZ-Bezug habe ich entfernt. Den Spruch gab es bei uns auch, bis wir über das betreffende Lager einen Film gesehen hatten (ohne SED-Propaganda). Ich bitte um Verständnis.]

    • stefanolix sagt:

      Prinzipiell stimme ich der Warnung vor Denk- und Sprachverboten zu. Man darf aber dabei die Fälle nicht vergessen, in denen wirklich Contra gegeben werden muss. Nicht immer steckt dahinter Bigotterie. Ich finde es z.B. wichtig, auf antisemitische Untertöne deutlich zu reagieren.

      Sind die Schmierereien an der Synagoge wirklich bisher nicht geahndet worden? Den Täter haben sie doch auf Kamerabildern erkannt?

      PS: Bei uns galten wir als HIWIs übrigens als »Hilfswissenschaftler«, nicht als »Hilfswillige« ;-)

      • KurtE sagt:

        – Durch das Entfernen des Wortes nimmst Du natürlich jüngeren Lesern die Möglichkeit, selbst festzustellen, was wirklich nicht geht. Aber es ist dein Blog. Ich war letztes Jahr wieder dort. Es ist immer noch anstrengend, aber auch interessant. Die Daueraustellung ist sehr gut modernisiert worden und ganz unten am Hang haben auch die Opfer des sowjetischen Speziallagers ihre Würdigung bekommen. Mein Wandertipp: Erst zur Ettersburg und dann durch die Schneise zum Lager. Da hat man dann Licht und Schatten Deutschlands greifbar.

        – Es gibt ja noch mehr, was man nicht mehr sagen sollte. Neben den Fitschis gab es noch Mosis (aus Mosambiqe) und Kohlen (aus Ankola) als Gastarbeiter in Dresden. Nach Mohrenköpfen frage ich auch keinen Bäcker mehr und was ein Negerkuß war ist zurecht vergessen. Echt Grabower Schaumzuckerkuß klingt eh besser.

        – Ob der algerische Staatsbürger bestraft wurde konnte ich unseren Medien nicht mehr entnehmen. Ich hoffe doch, obwohl er sich nicht antisemitisch, sonder antiisraelisch argumentiert hat. Interessant war die Relativierung in der Presse. Da stand dann sinngemäß, Schmiererei hin oder her, a b e r zwei Deutsche haben in der selben Nacht zwei Inder geschubst (es war UNITY-NIGHT und alle besoffen).

        – Hier noch ein paar Sprachbilder: „jetzt ist Polen offen“ auch in Verbindung mit „und Warschau brennt“ – soll auf die Polenkriege im 18.Jahrhundert zurückgehen und wurde von unseren Zeltnachbarn beim Skatspielen benutzt;
        „keine Fisimatenten machen“ geht auf die französischen Eroberungskriege unter Napoleon zurück und wird von Sachsen verwendet;

      • information sagt:

        @Kurt: Ich weiß ja nicht, wie alt Du bist, aber vielleicht bin ich ja einer dieser „jüngeren Leser“.

        Es ist ja wirklich schön zu wissen, was Du Dir mit Deinen Kumpels damals auf dem Schulhof so Tolles um die Ohren geschmissen hast. Auf meinem Schulhof waren solche Ausdrücke nicht üblich. Und da bin ich auch froh drüber. Ob diese Sprüche ihren semantischen Ursprung nun im Nationalsozialismus oder im Kaiserreich oder sonstwo haben, ist mir relativ Rille. Sie sind schlicht selten dämlich.

        Es ist ja immer die Frage, welchen Blickwinkel man hat und was aus diesem dann geht oder nicht mehr geht. Bei Dir scheint ja Einiges zu gehen. Hier dann mal ein Link über ein „Positionspapier“ der Jungen Union Göppingen: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/cdu-stellt-sich-hinter-ak-hitler/
        Die Jungs von der JU haben das mittlerweile „wegen missverständlicher Formulierungen“ wieder zurückgezogen. Schon klar.
        Vielleicht hast Du dieses Papier ja gemeint. Mögen die „jüngeren Leser“, die ja noch ein bisschen doof sind, mal kucken, ob sie das „rechts“ finden oder nicht….

      • stefanolix sagt:

        Ich habe das dort erwähnte Pamphlet der Jungen Union nicht gelesen und ich werde so etwas auch nicht lesen. Aber die Konstruktion der taz-Überschrift

        CDU stellt sich hinter „AK Hitler“

        aus der dürren Faktenlage im Text — das hat schon etwas Demagogisches an sich.

        Noch mal zu den Sprüchen: Es ist bei jedem Spruch eine Abwägung notwendig. Ich finde vor allem solche Sprüche und Worte abstoßend, die sich abfällig auf Rasse und Herkunft beziehen. Dafür kann wirklich kein Mensch etwas, alle Menschen sind gleich.

        Wer den Victor Klemperer wirklich gelesen hat, der hat auch etliche Beispiele des Volks- und Widerstandswitzes kennengelernt. Victor Klemperer analysiert zum Teil sehr anschaulich, woher die Sprüche kamen. In diesem Zusammenhang ist der »innere Reichsparteitag« eher harmlos.

  8. carluv sagt:

    Ich vermute, dass man beim ZDF sehr verwundert war, unter den Zuschauern so viel Jungvolk zu haben, das den „inneren Reichsparteitag“ nicht als Scherz aus der eigenen Jugendzeit in den 30er Jahren kannte…
    Das waren „herorische Zeiten“, wie meine Oma gern den Mutschmann zitiert und dazu erzählt, dass sie sich mit ihrer Freundin bei jeder an unfreiwilligen Verballhornungen reichen Mutschmannrede kaum das Lachen verbeißen konnte, aber dringend verbeißen musste. Man hat dann zu Hause darüber gelacht, was ich auch für die richtige Reaktion auf den rein stilistischen Fehlgriff der ZDF-Dame halte.

    • stefanolix sagt:

      Ja, der damalige Gauleiter Sachsens war bekannt und berüchtigt für seine sprachlichen Fehler. Aber er hat trotzdem sehr viel Unheil angerichtet.

      Wenn man bedenkt, dass noch vor historisch kurzer Zeit in der DDR politische Witze oder Meinungsäußerungen gefährlich werden konnten … zwar war die Macht der SED und der Stasi am Ende schon nicht mehr so groß wie in den 50er bis 70er Jahren, aber es gab bis zur Wende politische Gefangene.

      Ja, hätten die Leute mal alle zu Hause auf die Bemerkung reagiert. Dann wären uns viele sinnlose Zeitungsartikel erspart geblieben. Immerhin gab es nach einigen Tagen in der Presse auch vernünftige, mäßigende Reaktionen.

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