Dresdner Debatte

Als ich Anfang der 90er Jahre in technischen Newsgruppen meine ersten Kontakte mit dem Internet hatte, gab es ganz wenige einfache Regeln:

Wenn Du in eine neue Gruppe kommst, dann höre erst mal den anderen zu. Schau Dir an, welche Themen schon behandelt wurden. Wirf einen Blick in die FAQ. Und dann schreibe Deinen ersten Artikel.

Daran musste ich denken, als ich auf die Dresdner Debatte aufmerksam wurde. Dort ist es nämlich anders. Man sieht als Blickfang zuerst ein Dialogfeld mit der Überschrift:

Debattieren – Wie wird der Neumarkt ein Platz für die Dresdner?

Das Debattieren steht hier fast schon im Imperativ. Wer könnte da widerstehen? Ich wende mich also dem Formular zu. Es gibt die Pflichtfelder Titel und Idee. Zusätzlich kann man auch noch ein Thema wählen und diese Auswahl macht mich etwas ratlos:

  1. Büros
  2. Gewerbe, Dienstleistungen, Handel
  3. Freizeit, Sport und Spiel
  4. Gastronomie
  5. Kultur (Museum, Kunst, Theater)
  6. öffentliche Einrichtung (Behörde, Schule etc.)
  7. Architektur und Gestaltung
  8. Wohnraum

Warum erklärt man mir in Klammern die Bedeutung der Optionen »Kultur« und »öffentliche Einrichtung«? Wenn mir das jemand erklären müsste, wäre ich doch falsch hier? ;-)

Ich möchte mich jedenfalls zuerst in die Diskussion einlesen und greife mir einen Vorschlag zur Begrünung des Platzes heraus. Jemand fordert mehr Grün und erhält von einem Moderator die Antwort:

Ich weise hier auf den bereits laufenden Dialog über die Begrünung des Neumarkts hin [Link]. Vielleicht mögen Sie sich dort weiterhin mit diesem Thema auseinandersetzen. Vielen Dank!

Es stellt sich schnell heraus: ähnliche Hinweise stehen unter vielen anderen Artikeln. Aber wenn eine Debatte solche Moderationen nötig hat — tut mir leid! — dann taugt die Technik nichts. Schon vor 20 Jahren gab es lange Gesprächsfäden und aufeinander bezogene Artikel. Seitdem wurden Foren und andere Diskussionsmöglichkeiten entwickelt. Warum muss ein Moderator den Bezug manuell herstellen? Warum sieht man den nicht?

Ich finde übrigens

Viele Grüße
Moderation Mustermann

etwas unpersönlich ;-)

Vielleicht liegt es an der mangelnden Übersichtlichkeit, dass nur sehr selten ein Dialog in Gang kommt. Vielleicht liegt es auch am prominent platzierten Eingabefeld. Ich kann mich jedenfalls mit der Seite nicht so recht anfreunden. Dort rufen viele in den Wald hinein. Aber anscheinend will kaum einer hören, was herausschallt …


Die Blogs Frank informiert, Umgebungsgedanken und Dresdner Rand haben schon auf die Webseite zur Dresdner Debatte hingewiesen.


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4 Responses to Dresdner Debatte

  1. Frank sagt:

    Ich versuche zur Abwechslung mal, positive Punkte zu sehen: Die Stadtverwaltung will das ja später auswerten. Insofern ist es vielleicht nicht so schlimm, wenn sich Vieles doppelt. Man wird also herauslesen: Viele Leute wünschen sich dort Bäume. Insofern kann diese permanente Wiederholung sogar gut sein.

    Negativ: Die von Dir schon erwähnten Pflichtfelder Titel und Idee. Ich war bei deren (einmaliger) Nutzung auch etwas ratlos. Und auch alles weitere von Dir Erwähnte.

    Ich fand übrigens einige Ideen recht lustig: Einer wünschte sich Begrünung und Bänke, damit man „dort auch einmal mit Freunden grillen“ könne (stelle ich mir sehr romantisch vor und die Gaststättenbetreiber ringsum werden sich freuen). Jemand wünschte sich angemessener gestaltete Toilettenhäuschen, wobei ich mich automatisch fragte, ob da auch nur ein streng historischer Nachbau infrage käme?

    Worüber man sich übrigens Gedanken machen könnte sind die gelegentlich lesbaren Wünsche nach Wohnungen in den Häusern am Neumarkt. Warum eigentlich? Wollen die Schreiber selbst dahin ziehen? Also ich möchte da nicht wohnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Wohnungen bei den Grundstückspreisen bezahlbar wären. Insofern würde mich mal interessieren, wie das früher war: Lebten dort halbwegs normale Menschen (also auch ein paar ärmere) oder war die Gegend vielleicht damals schon nur etwas für Reichere?

    • stefanolix sagt:

      Für die Auswertung der Präferenzen kann man doch aber eine Abstimmung per Formular ins Netz stellen. Manipuliert werden kann beides: eine Person kann mehrere Artikel »pro Grün« schreiben oder mehrmals auf »pro Grün« klicken.

      Grillen auf dem Neumarkt? Das kommt sicher gut an, wenn der ganze Platz danach riecht ;-)

      Und barocke Dixi-Toiletten sind natürlich ein Muss.

      Wenn ich das Gebiet ein klein wenig erweitern darf: Vor 1945 lebten rund um die Frauenkirche durchaus auch viele »normale« Menschen, wie ich von Verwandten gehört habe. Auf alten Bildern sieht man auch, dass lange nicht alle Häuser in perfektem Zustand waren. Die Reichen lebten doch eher in den Villenvierteln.

  2. randOM sagt:

    Die Toiletten sind auf jeden Fall eine gute Idee. Ich finde es dämlich, dass das Angebot in einer zunehmend alternden Gesellschaft noch immer so mies ist. Wer schon mal die Freude hatte, die Toiletten am Külz-Ring zu benutzen, der weiß, was ich meine: Steile, enge Treppen führen in ein eher zwielichtig anmutendes Etablissement. Wie soll ein fusskranker Rentner da runterkommen, wenn ihn die Blase drückt?
    Ja, das Zentrum war mal ein Ort, an dem normale Menschen gelebt haben. So schlimm finde ich das Ganbze auch nicht, wenn’s bezahlbar ist. Persönlich bin ich mehr der Fan von Ruhe aber es gibt auch Leute, die den Trubel mögen. Warum nicht.

  3. […] Diskussion im Blog von Stefanolix: Dresdner Debatte […]

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