Die naiven Amerikaner?

Manche Blogger und Journalisten machen sich gerade über eine Resolution des Senats von Louisiana lustig, in der zu einem landesweiten Gebet aufgerufen wird. Nun ist es ja ziemlich einfach, aus »Religion«, »Amerika« und »Sarah Palin« ein paar überhebliche Sätze zu produzieren.

Sicher ist niemand im Senat von Louisiana so naiv, dass er Gott um ein Wunder bitten wird — in der Art, dass plötzlich ein Pfropfen im Bohrloch steckt und dass die Strände durch das Wirken einer unsichtbaren Hand wieder sauber werden. Die Katastrophe wurde durch Menschen verursacht, also müssen Menschen damit zurechtkommen. Warum wurde trotzdem folgendes beschlossen?

WHEREAS, a day of unified, intercessory prayer, by and for those people living throughout the regions around the Gulf of Mexico, to pray for an end to this environmental emergency, sparing us all from the destruction of both culture and livelihood; [Quelle]

Man kann »intercessory prayer« wohl am besten mit »Fürbitten« übersetzen. Das gemeinsame Gebet stärkt die Motivation einer (virtuellen) Gemeinschaft von Gläubigen aus ganz unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. Ich lese dort weniger die Bitte um eine schnelle Lösung des Öl-Problems heraus, sondern den Aufruf: wir dürfen uns unser Gemeinwesen nicht durch die Katastrophe kaputtmachen lassen.

Und darüber ist vielleicht nicht so leicht zu spotten wie über Sarah Palin und die naiv-gläubigen Amerikaner …


Ergänzung: Hier ist die Resolution im Volltext.


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7 Responses to Die naiven Amerikaner?

  1. falschgold sagt:

    die verlachte stelle ist glaube ich weniger die von dir zitierte, als diese:

    „..a crisis that remains unaffected by the efforts of mortal man; and WHEREAS, we now turn our attention and our prayers to the present circumstances and humble ourselves before Almighty God“

    der mensch bringts nicht, gott, uebernehmen sie! superidee.

    • stefanolix sagt:

      Das würde ich nicht auf diese Aussage zuspitzen. Es drückt ein Gefühl der Ohnmacht aus und eine Bitte um Stärkung. Das muss doch gar nicht jeder nachvollziehen, aber man kann es respektieren.

      Es gibt viele Christen, die den Menschen als eigenverantwortlich ansehen, aber trotzdem von Gott Stärkung erbitten. Denen ist schon klar, dass kein Gott dafür sorgen wird, dass die Strände wieder sauber werden.

      PS: Gelacht wurde vorwiegend deshalb darüber, weil Sarah Palin dieses Thema getwittert hat.

      PPS: Tut mir leid, dass der Kommentar im Spamfilter hing. Ich habe von der Arbeit aus selbst nur kommentiert, aber nicht administriert.

  2. foster sagt:

    Ich lese dort weniger die Bitte um eine schnelle Lösung des Öl-Problems heraus

    Also ich schon. Besonders im Nebensatz „to pray for an end to this environmental emergency“ in dem von dir zitierten Abschnitt.

    Und u.a. hier auch:
    „WHEREAS, the citizens of Louisiana are urged to pray for a solution to this crisis“

    Ich kann mich da gar nicht mehr so richtig drüber belustigen, denn so einen – sorry – Humbug erwarte ich eigentlich nur von Theokratien. Bei den USA bzw. einem US-Bundesstaat aber macht es mich eher fassungslos, zumal die Amis ja immer so stolz sind auf ihre zurecht deutliche Trennung von Staat und Kirche.

    • stefanolix sagt:

      In einem anderen Abschnitt steht aber wieder sinngemäß, dass Gebete auch eine eigene Kraft entwickeln können.

      Ich denke, in einer Theokratie würde das Beten wohl eher befohlen oder die Leute würden durch irgend eine Art von Druck dazu gezwungen. In diesem Fall ist es doch nur ein Aufruf. Die Leute können mitmachen, müssen aber nicht.

      Ich würde zum Beispiel öffentlich nicht aktiv mitmachen. Ich sehe aber, dass es in einer Gesellschaft mit vielen religiösen Menschen sinnvoll sein kann, auf diese Weise ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen.

      • foster sagt:

        Dass das „urge“ eine Aufforderung im Sinne einer (dringenden) Bitte und keine verbindliche Anordnung ist, ist mir schon klar. Das meinte ich auch nicht.

        Der ganze Gottesbezug an und für sich – zumal er eine derart zentrale Rolle in der Resolution einnimmt; der ganze Text ließe sich im Prinzip mit „Wir hoffen auf Gott, macht alle mit“ zusammenfassen – ist eines laizistischen Staatsapparates bestenfalls einfach nur unwürdig.

        Und auch was die Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls in einer großenteils religiösen Bevölkerung angeht, so ist eine solche Resolution aus meiner Sicht schon eine ganz andere Nummer, als wenn ein wichtiger Politiker eine motivierende Rede hielte, möglichst die technischen Möglichkeiten Zeit zu gewinnen deutlich machte (siehe hier), und dabei vielleicht, am Rande, auch mal erwähnte, dass man auch Beten könne.

        So wie es jetzt ist, haben wir da eine Kapitulationserklärung, die falsche Hoffnung verbreitet. Einfach nur fatal.

  3. stefanolix sagt:

    Na ja, im Prinzip hat der Staatsapparat aus meiner Sicht nichts damit zu tun. Die Trennung von Staat und Kirche scheint mir durch die Resolution nicht gefährdet.

    Das ist eine Resolution, die von frei gewählten Senatoren eingebracht und dann von allen Senatoren beschlossen wurde. Der Senat hat 39 Mitglieder.

  4. tigger sagt:

    Diese Hinterwäldler. Die Deutsche Antwort auf eine Katastrophe solchen Ausmasses wäre selbstverständlich eine Lichterkette oder ein Trauerzug. Ist beides natürlich weit effektiver also dieses…Gebete!

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