Bundesversammlung

Die Bundesversammlung hat noch gar nicht begonnen. Doch Zettel schreibt schon über eine Laudatio praecox und über die Zukunft mit dem neuen Bundespräsidenten.

Es wird wohl kaum Überraschungen geben. Was mich aber persönlich sehr wundert: warum lassen sich Abgeordnete und Delegierte von der Presse über ihr Wahlverhalten befragen? Es ist eine geheime Wahl und sie sollte auch geheim bleiben …


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26 Responses to Bundesversammlung

  1. Was soll man zu dem öffentlichen Spektakel sagen?

    Natürlich wird der Bundespräsident, der von der Regierungsfraktion benannt wurde. Weil alles andere undenkbar ist.

    Was würde politisch passieren in diesem Deutschland, wenn die Mehrheit in der Bundesversammlung sich für den Vorschlag der Opposition aussprechen würde?
    Und genau dieses Szenario ist es ja, warum die Opposition diesen Kandidaten gewählt hat. Nicht, weil er der Bessere ist. (Das ist er zwar auf jeden Fall, aber darum geht es ja der Politik nicht)
    Nein, weil seine Wahl ein politischesDesaster auslösen würde.

    Nur deshalb werden wir heute Abend feststellen, dass eine Kanzlerin mit begrenztem Horizont …

    (Entschuldigung, Frau Dr. Merkel, zweifellos sind Sie intelligent und integer, aber ein Freigeist würde die Ministerämter und auch das Präsidentenamt nicht mit „Parteisoldaten“ und „Parteisoldatinnen“ besetzen, die fast ausnahmslos überfordert sind und ohne die teure Beratung durch Externe nicht das Wochenende erleben würden, sondern ein Freigeist würde die intelligentesten und kompetentesten Menschen um sich sammeln, um das „Problem Deutschland“ zu lösen – und nicht weitermachen, wie Deutschland seit Jahren vor die Wand gefahren wird.)

    … einen Präsidenten mit begrenztem Horizont ein- und durchgesetzt hat.

    Schuld daran sind wir Deutschen, weil wir genau die Politiker bekommen haben, die wir verdienen. Weil uns eben die Biedenkopfs weniger lieb sind wie die Jungs, die Althausens, die …

    Morgen aber werden wir noch in uns gehen und uns sagen, dass wir hier eine Chance vertan haben. Und nur deshalb, weil die falschen Leute diesen Vorschlag gemacht haben. Und auch am Freitag noch werden wir nachdenklich sein und mit einem schlechten Gewissen vor dem Fernseher die Viertelfinals schauen.

    Am Samstag jedoch ist es vor bei mit der Nachdenklichkeit und wir verkleiden uns, tröten in unsere schwarz-rot-goldgelben Vuvuzelas und singen betrunken: „Schland … oh Schland!“

    Gauck – wer war das denn nochmal?

    • Jane sagt:

      Warum sollte eigentlich Gauck ein besserer Präsident als Wulff sein? Alle reden sich ja immer heiß, dass dieser oder jener der „Bessere“ sei, ohne aber wirklich Gründe dafür zu nennen.
      Warum sollte ein Behördenleiter, der mit den Menschen in diesem Land nach der Wende eigentlich nicht mehr wirklich etwas zu tun hatte, einen besseren Bundespräsidenten abgeben, als ein Politiker, der zumindest über seinen Wahlkreis regelmäßig Kontakt zum Wahlvolk hat?
      Ich denke ja, dass in solche persönichen Optierungen die eigenen Parteienpräferenzen hauptsächlich reinspielen, ebenso andere eher ideologische Aspekte wie etwa die Positionierung zur Religion, zur DDR-Vergangenheit usw.
      Beste Grüße.

      • stefanolix sagt:

        Mein einziges Kriterium ist momentan die Unabhängigkeit. Ich bin wütend darüber, dass es der weit unabhängigere der beiden Kandidaten nicht schaffen wird.

        Die Weltanschauung tritt für mich eher in den Hintergrund. Beide bekennen sich auf unterschiedliche Weise zu einer christlichen Kirche: Gauck ist Protestant, Wulff ist Katholik. Doch die Unterstützer der jeweiligen Kandidaten scheinen bunt gemischt zu sein.

        Vermutlich glaubt die Mehrheit der deutschen Wählerinnen und Wähler in der einen oder anderen Form an einen Gott. Dann kann auch der Repräsentant Deutschlands ein Christ sein (muss natürlich nicht).

        Die Vergangenheit (DDR/BRD) spielt für mich auch keine Rolle bei der Präsidentenwahl. Bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit konkreter Personen sollte man ab und zu das Wort »Verjährung« bedenken. Gleichzeitig darf es kein Vergessen geben: Ideologie und Diktatur in der DDR müssen weiterhin erforscht und (mindestens) im Fach Geschichte vermittelt werden.

      • Jane sagt:

        Ich halte Gauck für alles andere als politisch unabhängig. Er steht der CDU politisch nahe, vertritt eine ausgesprochen konservative politische Sichtweise, auch wenn er seit Neuestem versucht, sich öffentlich als „mal links, mal liberal, mal konservativ“ darzustellen. Und so verwundert es schon ziemlich, dass der Mann, der zuvor Jahre lang keinen Ton zur sozialen Misere im Land sagte, just vor der Präsidentschaftswahl anfängt, das Sparpaket der Bundesregierung zu geißeln, um dann sofort umzuspringen und die deutsche Gesellschaft als „insgesamt gerecht“ zu bezeichen – eine Worthülse sondergleichen für meine Begriffe, die zudem allen sozioökonomischen Statistiken und Trends zuwiderläuft.
        Haarsträubend, kann ich da nur sagen.
        Man könnte auch sagen, Gauck kommt insgesamt ausgesprochen profillos daher. Nicht Fisch, nicht Fleisch, es werden jetzt sozial-romantisierende Phrasen gedroschen, weil man ja schließlich als Kandidat für SPD/Grüne ins Rennen geht. Das ist nicht ehrlich.

        Gauck verkörpert als Pfarrer zudem eine christliche Prägung von Land und Gesellschaft, die ich für überwunden im Sinne von Weltoffenheit, Vorwärtsgewandtheit und Multikulturalität halte.

        Spätestens dann, wenn er mit den Stimmen aus Union und FDP tatsächlich gewählt worden wäre, wäre es mit der Unabhängigkeit Gaucks vorbei gewesen.

    • stefanolix sagt:

      @Tom (zu den Vuvuzelas): Wo war noch mal der Live-Stream von der Bundesversammlung? Und wie viele Leute schauen sich so etwas an? ;-)

  2. Liebe Jane,

    warum Gauck der Bessere wäre? Dafür gibt es viele Gründe.

    Da sind zuerst die Gründe, die gar nicht in der Person von Herrn Gauck liegen. Dazu gehört, dass er ein überparteilicher Kandidat hätte sein können. Wulff wird es in der Zukunft bei links orientierten Menschen schwer haben, egal, was er tut.
    Weiter gehört dazu, dass er Farbe bekennt und sich nicht hinter den Worthülsen der Politiker versteckt.
    Ich persönlich fand es enorm stark, dass Gauck bei den Linken keine „Kreide gefressen“ hat, sich nicht auf Formulierungen eingelassen hat, mit denen alle Seiten leben können, sondern er hat das gesagt, was er denkt – auch wenn das seine Chancen, gewählt zu werden, minimiert.

    Und da sind die Gründe, die in Herrn Gauck liegen. Zweifellos ist er kein umtriebiger Unternehmer, aber er ist ein echter Freigeist.
    Nicht umsonst hat die Kanzlerin mit ihm oft über die Spitzenkandidatur in der CDU in MV gesprochen.

    Ich mag Wulff, ich finde ihn als Politiker gut. Und wenn er nur einen anderen roten Politiker gegen sich hätte, dann wäre ich froh, wenn er Präsident würde.
    Aber er ist nunmal alles andere als ein Freigeist. Er ist vom politischen System geprägt und seine Denkstrukturen sind ebenso.

    Wenn alle in Deutschland von Politikverdrossenheit reden und die Wahlbeteiligungen immer weiter zurück gehen, dann auch deshalb, weil das gedrechselte Politiker-Deutsch nicht mehr ankommt.

    Wortgebilde wie „wachstumsfreundlicher Defizitabbau“, das beim G20-Treffen erfunden wurde, will keiner hören.

    Wir wollen nicht weiter für dumm und unmündig erklärt werden, wenn die Kanzlerin in den Nachrichten verbreitet, man hätte sich beim G20-Treffen auf „eine Halbierung der Schulden bis 201..“ geeinigt.

    Und dieser Sprachmanipulation bedienen sich eben alle Politiker, die durch die gleichen Schulen gegangen sind.

    • stefanolix sagt:

      Ich stimme Dir zu, was die Unabhängigkeit angeht. Joachim Gauck redet und denkt unabhängiger als Christian Wulff. Doch niemand kommt unabhängig von der Politik in dieses Amt. Es gab ganz wenige Glücksfälle, in denen ein unabhängig redender und denkender Mensch Bundespräsident wurde: Richard von Weizsäcker und (mit Abstrichen) Roman Herzog fallen mir dazu ein.

      Horst Köhler? Auch nur mit Abstrichen. Er hatte sich zwar ein kleines Stück politische Unabhängigkeit bewahrt, aber in puncto Reden war er wohl von Zuarbeit abhängiger als andere. Er hat es nicht verstanden, die Leute in seinem Amt zusammenzuhalten, auf die er angewiesen war. Wie sollte er so noch vier weitere Jahre arbeiten?

      Was die Sprach- und Meinungsmanipulationen angeht: Wir merken das noch. Ich fürchte, dass die Aufmerksamkeit in den nächsten Generationen nachlassen wird.

    • Jane sagt:

      Es stellt sich doch aber die Frage: WARUM hätte Gauck ein überparteilicher Kandidat sein können? Weil die SPD ihn braucht, um ein Zeichen gegen die Linke zu setzen und er rein politisch betrachtet, der CDU im Prinzip am nähsten steht, sonst gäbe es sicherlich auch nicht so viele in der Union, die offen überlegten, ihm ihre Stimme zu geben. Bekämen wir also wirklich einen Bundespräsidenten, der sich von Christian Wulff politisch merklich unterscheiden würde?
      Abgesehen davon, dass die Überparteilichkeit allein noch nichts über die Fähigkeiten einer Person aussagt, ein Land zu führen, eine alle Lager und Gruppen ansprechende Vaterfigur darzustellen.

      Was das Farbebekennen und sich-nicht-hinter Worthülsen-der-Politker-Verstecken betrifft:
      Die wohl zuletzt am häufigsten kolportierte Worthülse auf politischer Ebene ist doch folgende: „Die Partei die Linke ist auf Bundesebene regierungsunfähig“. Es war ausgerechnet Gauck, der sich nicht verkneifen konnte, linke Wahlstimmen zu verprellen, indem er in eben jenen Gebetskanon öffentlich einstieg. Sehr unklug, zeugt von absolut mangelnder Erfahrung auf dem politischen Parkett. Genau hier zeigt sich für meine Begriffe, dass Gauck nicht auf dem Boden der heutigen politischen Tatsachen steht, sondern nach wie vor der Vergangenheit verhaftet ist. Das ist bei seiner Geschichte nachvollziehbar, aber für ein so hohes politisches Amt, das eben vereinen soll, statt zu spalten, ungeeignet.

      • stefanolix sagt:

        Nur mal eine kurze Frage: Hast Du eine Quelle dafür, dass Gauck die LINKE als (im Bund) regierungsunfähig bezeichnet hat?

  3. @Jane: Politisch unabhängig bedeutet nicht, politikfern zu sein. Jeder hat seine Prägung, seine Weltsicht.
    Und wenn ich von Worthülsen spreche, dann verstehst Du etwas anderes darunter, weil Deine Beispiele eben keine Worthülsen sind, sondern Meinungen.
    Man kann von der Partei DIE LINKE halten, was man will und die Einschätzung, ob sie regierungsfähig ist oder nicht, ist eine politische Aussage, eine Worthülse aber ist es nicht.

    Gerade die deutsche Sehnsucht, es allen Recht zu machen, führt zur Sprachakrobatik, die keiner mehr hören kann.

    Bei allen Treffen werden Lösungen gesucht, damit alle sich als Sieger darstellen können. Das nervt. Ich will Ehrlichkeit, Klarheit, Wahrheit …

    • Jane sagt:

      Was verstehe ich unter einer Worthülse? Eine Floskel, die inhaltlich eine indifferente Aussage ist und die im verwendeten Zusammenhang keinen Sinn macht.
      Darüber, ob die Linke auf Bundesebene regierungsfähig wäre oder nicht, könnte man höchstens dann eine haltbare und sinnvolle politische Aussage treffen, wenn man auf empirische Kenntnisse verweisen könnte (was man nicht kann, denn die Linke war noch nie an einer Regierung auf Bundesebene beteiligt) oder aber sich Zeit für eine Analyse von Kontext und Argumenten nehmen würde. Beides ist offensichtlich nicht der Fall.
      Ich kann bei den Gauckschen Verrenkungen, sich derzeit als Kandidaten aller Lager präsentieren zu wollen, beim besten Willen keine Ehrlichkeit erkennen. Wäre er ehrlich gewesen, hätte er in die Kameras und Mikrofone gesagt, was er ist: nämlich im Grunde seines Herzens ein überzeugter Konservativer, der den Irak- und Afghanistan-Einsatz für legitim hält, für christliche Werte steht und auch in Sozialfragen zwar „Handlungsbedarf“, aber mithin keine gravierende Ungerechtigkeit erkennt, sprich, hartz-IV für eine tolle Sache zu halten scheint.

      • tigger sagt:

        Wären in der Linken ehrliche Politiker zu finden, hätten sie in die Kameras und Mikrofone gesagt was sie wirklich an Gauck stört: sie wollen nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden.

      • stefanolix sagt:

        Was ja in der Demokratie ihr gutes Recht ist. Niemand kann gezwungen werden, sich mit Stasi und Mauer und Schießbefehl ehrlich auseinanderzusetzen. Die DDR- und Stasi-Nostalgie der alten Kader ist im Rahmen unserer Meinungsfreiheit möglich.

      • Jane sagt:

        Augenwischerei. Woher willst du denn wissen, was die Linken „wirklich stört“? Bist du die Laus in ihrem Haar? Der Parasit in ihrem Blut?
        :D :D

        Wie sieht ein ehrlicher Politiker eigentlich überhaupt aus? Ah, richtig: Ehr verspricht vor der Wahl Steuersenkungen, von denen er weiß, dass er sie nicht einhalten können wird. Hatten wir ganz vergessen.

      • stefanolix sagt:

        »Die LINKE« ist wohl ein wenig übertrieben. Es gibt in dieser Partei Leute, die sich glaubhaft von Gulag und Mauer distanziert haben. — Aber es gibt starke Gruppen innerhalb der Linken, die nach wie vor nicht wirklich mit der Vergangenheit gebrochen haben.

      • Jane sagt:

        Ich bestehe darauf, dass die absolute Mehrheit der Mitglieder dieser Partei sich von „Gulag und Mauer“ distanziert hat.
        Du weißt, ich kritisiere selbst so einiges an der Linken, aber irgendwann muss mit dem künstlichen Aufkochen eines Vergangenheitskultes Schluss sein, zumal das immer radikaler und engstirniger erscheint, je mehr Zeit ins Land geht und die Alten in der Linken ihren Platz für neue junge Mitglieder räumen, die mit DDR, Mauer und Stasi nicht das Geringste zutun hatten.
        Bitte benenne doch jene „starken Gruppen“ innerhalb der Linken, die deiner Ansicht nach mit der Vergangenheit „nicht wirklich gebrochen“ haben und bitte auch begründen.

  4. tigger sagt:

    „Augenwischerei. Woher willst du denn wissen, was die Linken „wirklich stört“? Bist du die Laus in ihrem Haar? Der Parasit in ihrem Blut?“

    Entlarvende Sprache, diese Mensch-Ungeziefer-Gleichsetzungen. Nun, vielleicht erzählst Du uns zuvor erst mal, woher Du denn wissen willst, was Gauck tatsächlich denkt und was er für eine „tolle Sache“ hält.

    • stefanolix sagt:

      @Tigger: Ich würde hier doch eher Ironie vermuten, als eine böse Absicht zu unterstellen.

      Wir wissen alle nicht, was die Kandidaten und die Abgeordneten wirklich denken.

      Eines ist für mich aber sicher: es ist zutiefst beknackt und destruktiv, im ersten Wahlgang Gauck und im zweiten Wahlgang Wulff zu wählen. Damit erreicht man ganz genau gar kein Ziel.

      • Jane sagt:

        Hierzu absolute Zustimmung. Ich hätte mir insgesamt auch eher Gauck als „kleineres Übel“ gewünscht, mehr aber auch nicht. Es muss aber zur Kenntnis genommen werden, dass das nicht in den Händen der Linken lag, sondern in denen der schwarz-gelben Mehrheit der Bundesversammlung, die kurz vor Toreschluss dann doch noch zugunsten ihres Kandidaten umschwangen.

      • stefanolix sagt:

        Völlig korrekt, die LINKE konnte an diesem Tag nichts anderes tun, als das, was sie getan hat.

        Die LINKEN sind wie alle anderen Abgeordneten an diesem Tag zu einem unwürdigen stundenlangen Theaterspiel gezwungen worden, nur weil zwei Dutzend Leute aus CDU/CSU ihr Mütchen kühlen wollten.

        Was sollte diese zwei Dutzend CDU/CSU-Leute denn plötzlich zu Gunsten Wulffs umstimmen? Es gab ja gar keine Aussprachen. Der Kandidat ist den ganzen Tag lang der selbe Mensch geblieben …

    • Jane sagt:

      *lach*

      Na klar, irgendwie muss man das Gegenüber doch von vorn herein diskreditieren, was?

      Tigger, ich kann nichts dafür, wenn du dich mit dem Kandidaten deiner Wahl augenscheinlich vorab so wenig auseinandergesetzt hast, dir seine Aussagen zu bestimmten Themen offensichtlich keine Recherche wert waren, bevor du dich wohl eher aus ideologischer Sicht auf ihn eingeschossen hast.
      Gauck hat sich über die soziale Lage in Deutschland wenig besorgt geäußert, das anschwellende Prekariat stellt für ihn kein derart gravierendes Problem dar, dass es ihn von der Aussage abgehalten hätte, in Deuschland herrsche im Großen und Ganzen soziale Gerechtigkeit. Seine Kritik an Hartz IV kann da also nicht sonderlich vehement sein.

      • tigger sagt:

        Jane, kommst Du Dir nicht ein klein bisschen lächerlich vor, wenn Du kurz zuvor glaubst, Aussagen treffen zu müssen, was Gauck denke, und was er „toll finde“, mit Worten wie:

        „Wäre er ehrlich gewesen, hätte er in die Kameras und Mikrofone gesagt, blablabla..“

        ..aber Dich dann darüber aufregst, wenn andere Kommentatoren ähnliche Aussagen treffen ?

        Wie dem auch sei, ich kann nichts dafür, dass Du von einem Kandidaten die möglichst publikumswirksam vorgetragene „Besorgnis“ über die „soziale Lage in Deutschland“ vermisst. Vielleicht ist es nicht Gaucks Art, sich dort als Bedenkenträger aufzuspielen, wo es maximal ein paar Sorgenfalten, aber keine konkreten Lösungsvorschläge kostet, also dort wo man als linkspopulistischer Politiker billig punkten kann. Ausserdem: die Hofschranze der Linken kann das doch sowieso viel besser. Genauso, wie das Wahlprogramm der Linkspartei herunterzunudeln, Stichwort „Verfassungswidrige Bundeswehreinsätze“. nicht Aufgabe eines Kandidaten für das parteienunabhängige Amt des Bundespräsidenten sein kann.

        Nebenbei, wenn hier überhaupt Verfassungswidrigkeit festgestellt werden kann, dann doch durch die Gerichte, und nicht durch die ex-SED. Aber selbst dann sollte ein zukünftiger Bundespräsident das Urteil auch nicht vorweg nehmen.

  5. Nach zwei gescheiterten Wahlgängen äußere ich mich noch ein letztes Mal. Ich will nicht darauf eingehen, was Jane offensichtlich denkt und fühlt, aber ich will kurz darauf eingehen, worum es denn heute wirklich geht.
    Jeder von uns weiß das, jeder fühlt das, aber kaum einer spricht es aus, sondern sucht andere Argumente, um das Offensichtliche zu umschreiben.

    Nach Köhlers Rücktritt hat die Kanzlerin einen Fehler gemacht, als sie mit dem Außenminister gemeinsam einen Kandidaten bestimmt hat, der zweifellos nicht schlecht ist. So viele Niedersachsen können ja nicht irren.
    Dennoch war es ein Fehler, weil der Kandidat viele „Ecken“ hat und es der Opposition leicht gemacht hat, eine Alternative zu zeigen. Loben muss man Herrn Gabriel, der aus Machtkalkül keinen „Roten“ gewählt hat, sondern einen, der der Sozialdemokratie normalerweise ein Dorn im Auge gewesen wäre. Ein zweifellos konservativer, ostdeutscher Freidenker, der leicht auch die Sympathien der CDU und der FDP erlangen kann, zudem die Stimmen der „Wir sind das Volk“ – Bewegung.

    Hätte Merkel die Zensursula gewählt, dann wäre dieser politische Schachzug für die Opposition schwerer gewesen.

    Und dann macht der Kandidat der CDU noch Fehler auf Fehler. Anstatt „ohne Netz und doppelten Boden“ in die Wahl zu gehen und Farbe zu bekennen, hofft er, im Falle des Unterliegens in Hannover weiter arbeiten zu können. Aber kann er das tatsächlich? Um einen Fußball-Vergleich zu bringen: wie würde Lahm reagieren, wenn Ballack nun doch plötzlich wieder da wäre?

    Und Gauck machte in den letzten Wochen einen Riesenjob. Die Mehrheit liebt ihn, im Internet sogar die überwiegende Mehrheit.

    Und noch immer suchte niemand nach einer Alternative zum Kandidaten. Das ist genauso perspektivlos wie die aktuelle Regierungspolitik. Da sind definitiv keine Querdenker am Werk, nur Herr Gabriel hat sich als ein solcher erwiesen.

    Was ist nun, wenn Gauck gewählt werden sollte? Oder welche Reputation hätte Wulff, falls er es im dritten Wahlgang dann doch noch irgendwie schaffen würde, letztendlich dann dank der LINKEN, die sich in diesem Falle wohl nicht zu Gauck bekennen konnten?

    Armes Deutschland, egal, was passiert …

    • stefanolix sagt:

      Nein, Herr Wulff wird nicht »dank der Linken« gewählt. Er hat einfach Glück mit der Regel, dass ab dem dritten Wahlgang die einfache Mehrheit reicht, die er in den ersten beiden Wahlgängen schon hatte ;-)

      Deshalb müssen sie auch keinen anderen Kandidaten suchen.

      Aber er ist heute so schlimm vorgeführt worden, wie man es eigentlich niemandem wünschen möchte. Die Union hat ja vorher sooo große Töne gespuckt.

      Richtig grotesk würde es, wenn er im dritten Wahlgang plötzlich die absolute Mehrheit bekäme, die CDU/CSU/FDP ja nach wie vor haben ;-)

      Das ist heute ein größerer Schaden für die Demokratie, als man auf den ersten Blick sieht.

    • Jane sagt:

      Also ich glaube, hier wird einiges missgedeutet. Erstens: Die Mehrheit „liebt“ Gauck nicht, die Mehrheit wollte Wulff verhindern. Ich halte nicht viel von derartigem Emotionalisieren ala „Gauck, der Präsident der Herzen“.
      Den einen kam Gauck gerade recht, weil er ein maximaler Affront gegen die verhasste Linke ist. Den anderen kam er recht, weil man die Chance witterte, die verhasste schwarz-gelbe Koalition zu schwächen, den Dritten kam er recht, weil er das kleinere Übel gegenüber Wulff war.
      Bei Umfragen im Vorfeld der Wahl kam Gauck nicht über 42%.
      Und dass Gauck in den letzten Wochen einen Riesenjob gemacht habe, ist deine ganz persönliche Einschätzung, mehr nicht. Ich selbst habe das völlig anders empfunden und bin da nicht alleine auf weiter Flur. Gauck hat, statt Profil zu beweisen, sich hinter vielfältig interpretierbaren Floskeln, der obligatorischen anti-linken Kampfrhetorik und wahnsinnig viel Desinteresse für tatsächliche gesellschaftliche Vorgänge, Befindlichkeiten und Sorgen gezeigt – siehe sein ignorantes Gerede hinsichtlich der sozialen Situation hierzulande.
      Auch hat Gauck den Fehler gemacht, sich gegen die mehrheitliche Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes in der Bevölkerung (über 70% lehnen ihn ab) zu positionieren – um die Unions- und FDP-Wahlmänner nicht zu verprellen, und weil er tatsächlich dieser Überzeugung ist. Bürgerwille scheint diesen Mann also nicht sonderlich zu rühren.

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