Quälerei

In der Presse wird gerade überall ein Foto aus einem Überwachungsvideo abgedruckt: eine Engländerin setzt die Katze ihrer Nachbarn in die Restmülltonne. Bei so eindeutigen Beweisen sollte sich schnell ein gerechtes Urteil wegen Tierquälerei finden lassen — vorausgesetzt, dass die Überwachungskamera legal eingesetzt wurde.

Die Nachbarn haben das Video aber nicht nur als Beweismittel für die Anzeige verwendet. Sie haben es ins Netz gestellt und dort hat es sich rasant verbreitet. Seitdem tobt der selbstgerechte Mob.

Wie kann man das moralisch und juristisch bewerten? Kann man die Folgen für die Katze und die Folgen für die Täterin vergleichen? — Die Tierquälerin könnte ein Richter zu 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit im Tierheim und einer zusätzlichen Geldstrafe verurteilen. Aber welche Strafe wäre für das Veröffentlichen des Videos angemessen?


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22 Responses to Quälerei

  1. Ich zitiere mal aus Wikipedia:
    „Die Selbstjustiz widersetzt sich dem Gewaltmonopol des Staates und ist in diesem Rahmen strafbar.“ Ich vermute mal, daß auch in Großbritannien der Staat das Gewaltmonopol hat.

    Formen des Prangers sind durch die Justiz der USA zwar wieder eingeführt worden, aber das muß in der EU deswegen nicht nachgemacht werden.

    • stefanolix sagt:

      Jedem Menschen mit einem Minimum an Einsicht muss doch klar sein, dass man so ein Video nicht folgenlos ins Internet stellen kann. Die Katzenbesitzer sind für das Mobbing mitverantwortlich. Natürlich ist jede einzelne Person aus dem Mob selbst dafür verantwortlich, welche Drohungen sie ausstößt. Aber ohne Grundlage würde es das Mobbing gar nicht geben.

      Rechtsstaatlich ist einzig die Schrittfolge aus Anzeige, Beweiserhebung, Anklage, Prozess, Urteil und Verbüßung der Strafe. Und wie schon gesagt, eine spürbare Strafe sollte die Tierquälerin bekommen. Aber alles andere überschreitet die Grenze zur Selbstjustiz. Und der Pranger ist abgeschafft.

  2. tigger sagt:

    Ein Fahndungsfoto ist kein Pranger. An einem Pranger weiss man genau, wer da steht.

    Ein Pranger wäre es, wenn die Polizei ihre Arbeit gemacht hätte, die Täterin gefasst, und verurteilt wurde, und anschliessend der Katzenbesitzer das Video ins Netz gestellt hätte, nach dem Motto „schaut her, die Frau X aus Y hat dies und das getan“.

    Aber das Video diente ja wie ein Fahndungsfoto zur Identifikation der Täterin. Das Gewaltmonopol des Staates wird nicht dadurch gebrochen, dass jemand die Bevölkerung um Hinweise zur Ermittlung des Täters bittet. Im Video werden weder Name noch Adresse der Frau veröffentlicht.

    • stefanolix sagt:

      Nach meinem Verständnis von Rechtsstaat sind Privatpersonen nicht dafür zuständig, ein Fahndungsvideo zu veröffentlichen. Das sollte doch Aufgabe der Staatsanwaltschaft bzw. der Polizei sein.

  3. Hätte jemand das Video gedreht und dann ohne Umweg über Youtube der Polizei gegeben, wäre es ein Beweismittel, und die Polizei hätte nötigenfalls ein Fahndungsphoto daraus machen können.
    Ohne Umweg das Video ins Netz stellen – wo es bleibt, auch nachdem die Täterin die Strafe abgebüßt hat – ist, wie ich bereits oben sagte, Selbstjustiz und Pranger.

  4. Timm sagt:

    Selbstjustiz oder Pranger??? Es ist wie immer, mehr Täterschutz als Opferschutz.

    Die Frau hat die Quälerei und den möglichen Tod des Tieres einfach in Kauf genommen und sogar gewollt. Darum ist es nur richtig, dass sie die Konsequenzen tragen muss. Dass die nicht „nur“ paar Arbeitsstunden betragen, sondern durchaus etwas unangenehmer ausfallen, das ist doch gut. Sie hätte einfach eher nachdenken sollen.

    Sie hat das doch in der Öffentlichkeit getan und musste damit rechnen, dass es andere sehen und die Tat somit bekannt wird. Erst recht, da sie Engländerin ist und Videoüberwachung dort an der Tagesordnung ist.

    • stefanolix sagt:

      Wer in einem Rechtsstaat verurteilt wird, muss auch eine rechtsstaatlich abgesicherte Strafe verbüßen. Sonst könnte man ja auch mal eine Körperstrafe verhängen oder die Frau für 12 Stunden in eine enge, dunkle Tonne sperren.

      Diese Strafen sind nicht zulässig und das ist auch richtig so. Urteile sollten nicht nach dem gesunden Volksempfinden, sondern nach Recht und Gesetz gesprochen werden.

      Die oben vorgeschlagenen 200 Stunden entsprechen 5 Arbeitswochen und Käfige schrubben ist sicher keine angenehme Arbeit. Was das mit Täterschutz zu tun haben soll, erschließt sich mir wirklich nicht.

  5. muixirt sagt:

    Aber welche Strafe wäre für das Veröffentlichen des Videos angemessen?

    Auch darüber hätten Gerichte zu entscheiden (falls überhaupt strafbar) und nicht empfindliche Bildungsbürger, die gerne über den vermeintlichen Mob die Nase rümpfen. Mein Mitleid mit dieser Dame hält sich in Grenzen, schon weil Tierquäler fast immer Wiederholungstäter sind (die selten auf frischer Tat erwischt werden).

    • stefanolix sagt:

      Selbstverständlich haben darüber Gerichte zu entscheiden, wobei auch ein Freispruch herauskommen kann. Das gehört zum Rechtsstaat dazu.

      Der Punkt mit dem »empfindlichen Bildungsbürger« geht trotzdem an Dich ;-)

  6. Micha W. sagt:

    Ich frage mich, ob Worte wie „Pranger“ und „Selbstjustiz“ auch fallen würden, wenn es statt einer Katze ein Kind gewesen wäre???

    Ich finde es auch etwas schräg, dass insbesondere offenbar in England Menschen weniger für Menschen als mehr für Tiere spenden (erzählte mir zumindest der Chef eines Hospiz für an Krebs erkrankte Menschen in England), doch in welche Richtungen Diskussionen um Tierschutz und Täter-/Opferschutz gehen können – insbesondere wenn man die genaue Sachlage nicht kennt, sondern nur ein YouTube-Video und ein paar Berichte – ist ebenso etwas seltsam, finde ich.

    Was würdet ihr denn machen, wenn an eurem Haus eine Ü-Kamera hängt, ihr eine Katze hättet und euren Nachbarn dabei beobachten könntet, wie er das Tier in die Tonne setzt/schmeißt oder wie auch immer?
    Würdet ihr das Video veröffentlichen?
    Wenn nein, wozu habt ihr dann die Kamera? Offenbar war es ja eine private – wie kommt man sonst an das Bildmaterial? Warum überwacht ihr eure Mülltonnen überhaupt?

    • stefanolix sagt:

      Die beiden Taten sind nicht vergleichbar. Wenn ein Täter oder eine Täterin ein Kind in die Mülltonne gesperrt hätte, dann würden sie den Prozesstermin in U-Haft erwarten. Nach der Haftstrafe … könnte möglicherweise Sicherungsverwahrung oder Freiheit auf Bewährung folgen.

      Die Sachlage ist doch relativ eindeutig. Die Kamera filmt den Bereich um die Mülltonne (und nebenbei ein Stück Straße). Zur Abschreckung und Beweissicherung ist das in England offensichtlich legal.

      Was ich in der Situation machen würde? Ich hätte keine Überwachungskamera ;-)

      Wenn dieses Video aber in meinem Besitz wäre, würde ich Anzeige gegen die Tierquälerin erstatten und das Video als Beweismittel vorlegen. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann würde ich hoffen, dass Recht gesprochen wird.

  7. Micha, Selbstjustiz ist immer Selbstjustiz, ganz gleichgültig, ob es um Eierdiebe oder Kindermörder geht. Und Pranger ist immer Pranger.
    Noch hat mir keiner gesagt, wer dafür sorgt, daß das betreffende Video aus dem Netz und von allen Festplatten verschwindet, wenn die Täterin ihre Strafe abgebüßt hat. Ach, das geht nicht?
    Aber war da nicht mal so ein sonderbarer Rechtsgrundsatz, daß man nicht zweimal für dieselbe Tat bestraft werden darf?

    • Micha W. sagt:

      Selbstjustiz ist ein weit dehnbarer Begriff, Claudia … angenommen ich habe einen Obstladen, jemand klaut drei Äpfel, ich bemerke das, renne ihm hinterher, bekomme ihn und hau ihm richtig ein rein … es passiert nichts weiter (alle Zähne noch dran usw,.) … war das jetzt Selbstjustiz?

      Pranger?
      Steht Tilo Sarrazin zur Zeit am Pranger? Wenn ja wofür? Wenn ja, wissen dann die Leute auch warum sie ihn anprangern? Wenn nein, was ist es dann?

      Was ich damit sagen möchte, ist vor allen Dingen, dass mir pauschalisierende Sätze immer etwas „Suspekt“ erscheinen .. so wie „brauchen wir nicht drüber reden, isso …“ – das schneidet das Denken ab, finde ich.
      Was das Video rausnehmen anbetrifft … macht man da nicht den zweiten vorm ersten Schritt?

      • Das von Dir genannte Beispiel ist selbstverständlich auch Selbstjustiz – allerdings könnte ich es unter Umständen (d.h. wenn der Dieb nicht ein kleines Kind ist und nicht halb verhungert…) verstehen (nicht: billigen). Jemandem wird eine Gemeinheit angetan, er reagiert sofort – nicht völlig richtig, nicht völlig überzogen – und am Ende ist kein großer Schaden geschehen: In diesem Fall mag Selbstjustiz verzeihlich sein. Das von Dir geschilderte Beispiel könnte ein Gericht auch als Notwehr auslegen.
        Sarrazin: Bitte nicht Äpfel mit Kartoffeln vergleichen. Es geht hier nicht um eine öffentliche Aussage. Aber wenn Du schon dabei bist: Wer öffentlich irgendetwas sagt, muß darauf gefaßt sein, daß ihm öffentlich geantwortet wird. Das hat mit Pranger nun wirklich gar nichts zu tun.

        Wo genau habe ich pauschalisiert? Es ist wahr, daß das besagte Video NACH DER VERURTEILUNG DER TÄTERIN aus Rache ins Netz gestellt wurde und dort bleibt. Das widerspricht demokratischen Rechtsgrundsätzen und kommt einem Pranger gleich.

      • Micha W. sagt:

        Was du unter „demokratischen Rechtsgrundsätzen“ verstehst, verstehe ich nicht.
        Dass das Internet das Rechtswesen und auch die Demokratie verändert sehr wohl ;)
        Mal abegsehen davon, wen früher jemand ein Foto von jemandem ausgehangen hätte, könnte dies auch abgenommen, mehrfach vervielfältigt usw. werden. Insofern ist’s keine reine Internetneuheit … doch das war auch nicht dein Punkt.

        Was soll denn deines Erachtens mit dem Videomacher geschehen, auch ne Strafe?
        Wären wir wohl wieder bei Stefan’s Ausgangsfrage …
        Dort stand allerdings nicht explizit, dass das Video mit der Täterin NACH der Verurteilung ins Netz gestellt wurde. Ihc bin bisher davon ausgegangen, dass es davor war und sich die Katzenbesitzer so noch Hilfe von „außerhalb der Polizei“ erhofften.
        Hmm, da komme ich jetzt nicht so weiter … in der Tat, könnte man dann dem Nach-Verurteilung-Video-Ins-Netz-Steller ebenfalls eine angemessene „Maßnahme“, z.B. 100 Stunden Videokurs-Geben für Jugendliche ;), „aufbrummen“ …
        Der „Katzen-in-den-Müll-Werfer“ würde von mir 200-Stunden im (Katzen-)Tierheim oder im Zoo als Ausmister bekommen ;)

  8. tigger sagt:

    Ach, das geht nicht?
    Aber war da nicht mal so ein sonderbarer Rechtsgrundsatz, daß man nicht zweimal für dieselbe Tat bestraft werden darf?

    Wenn die Polizei Fahndungsfotos veröffentlicht kann man die Zeitungsausgaben ja genausowenig zu einem späteren Zeitpunkt wieder aus dem Verkehr ziehen.

    • Ein Fahndungsphoto der Polizei dürfte zum einen viel weniger die Sensationsgeilheit und den Voyeurismus befriedigen als das Video, um das es hier geht. Zum anderen ist es eine Notwendigkeit bei der Fahndung. Und schließlich ginge in einem funktionierenden Rechtsstaat (den es immerhin hypothetisch gibt) die Sache so:

      1. Tat wird begangen
      2. Polizei ermittelt
      3. Zeugen werden befragt
      4. Tat wird aufgeklärt – oder auch nicht
      5. Wenn ja: Prozess folgt / wenn nein: Ermittlung wird irgendwann eingestellt
      6. Richter entscheidet über Form und Schwere der Strafe
      7. Nach Verbüßung der Strafe ist der Täter frei.

      Mir ist schon klar, daß 7. so nicht stimmt; jeder Eierdieb wird nach einem Wochenende im Knast für alle Zeit von gehässigen Nachbarn gemobbt, weil die Menschen eben so sind. Das Video, um das es hier geht, unterstützt diesen Mißstand aufs Trefflichste.

  9. stefanolix sagt:

    Wenn die Tat in (4) bereits erfolgreich aufgeklärt wurde, muss man keine Fahndungsvideos oder -fotos mehr veröffentlichen. Das Video wurde doch ins Netz gestellt, als die Täterin längst ermittelt war.

    Darüber hinaus bleibt es immer noch der Polizei vorbehalten, nach Tätern oder Täterinnen zu fahnden. Was da hochgeladen wurde, dient ausschließlich der Befriedigung persönlicher Rache.

    Sicher berichten Lokal- und Boulevardmedien gern mal von so einem Prozess, aber doch (hoffentlich) ohne Videoaufnahmen. Mir ist schon klar: Boulevardmedien können ziemlich schmerzhaft berichten. Trotzdem ist es anders zu bewerten, ob die Presse berichtet oder ob Privatpersonen etwas veröffentlichen.

    • tigger sagt:

      Das Video wurde doch ins Netz gestellt, als die Täterin längst ermittelt war.

      Wo hast Du das denn her ? Es würde mich schwer wundern, wenn die Polizei wegen so einer Nichtigkeit tatsächlich ermittelt hätte. Der „reale“ Rechtsstaat unterscheidet sich oft von Claudias „funktionierendem“.
      Meines Wissens diente die Veröffentlichung des Videos tatsächlich der Fahndung.

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