Zwanzig Jahre zu spät

Erich Mielke und seine Tschekisten haben in der DDR auf jeden einzelnen Kopierer aufgepasst. Und wenn ich jetzt »Ormig« sage, dann wissen vielleicht noch einige Leute, was für furchtbar miese Kopien man damals anfertigen konnte: grau in grau, schmierig und nicht lange leserlich …

Trotzdem hat das MfS strengstens darauf geachtet, dass niemand Flugblätter kopieren konnte. Zuwiderhandlungen wurden hart bestraft.

Wenn Erich Mielke und Erich Honecker das noch erlebt hätten: Ein Kopierer von Canon ist in der Lage, bestimmte Schlüsselwörter beim Kopieren zu erkennen, das Kopieren zu unterbinden und den Administrator über den Kopierversuch zu informieren.

Ich hätte mir 1989 nicht träumen lassen, dass in einem demokratischen Rechtsstaat mal solche Geräte erfunden, produziert und eingesetzt werden könnten …


16 Responses to Zwanzig Jahre zu spät

  1. aquin sagt:

    OCR = Stasi 2.0

    Sowas geht zu weit!

    • stefanolix sagt:

      Nein. OCR als solches ist schon OK. Stasi-Anschein erwecken große Unternehmen, die so etwas bedenkenlos einsetzen.

      • aquin sagt:

        Dann gönn‘ meiner (noch) sehr einseitigen Argumentation doch mal ein Gegenbeispiel: Welchem moralisch einwandfreien Zweck könnte man mit OCR in Kopierern folgen?

      • stefanolix sagt:

        Zum Beispiel: hundert Papierformulare auswerten. Eine gute Scansoftware erkennt automatisch, wo die Nutzer ihre Kreuzchen gesetzt haben und speichert die Umfragewerte als Datenbank- oder Kalkulationstabelle ab.

        Oder die Verwaltung von Schriftwechseln: man kann Schreiben scannen und in Text umwandeln. In der PDF-Datei gibt es dann Text und gescannte Seiten.

        Dass man Scanner und Dokumentmanagement verbindet, finde ich auch gut. Nur dass man mit Hilfe der Technik Leute bespitzeln kann, das wurde bisher noch nie so offen verkauft.

  2. Muyserin sagt:

    Andererseits – wenn ich hier mal den Advocatus Diaboli geben darf – wäre es nicht auch eine Form der Zensur, solche Geräte nicht zu entwickeln, nur weil die Technik zu unlauteren Zwecken eingesetzt werden könnte? Nicht die Technik ist schlecht, sondern es kommt darauf an, wie eine Gesellschaft mit ihr umgeht. Man könnte ja auch argumentieren, dass man hiermit Terroristen das Handwerk legt.

    • aquin sagt:

      Ja, man könnte so vieles …

      Aber die Versuchung liegt doch nahe, mal eben schnell zu checken, was denn die (bösen, bösen) Mitarbeiter so alles zu kopieren haben …
      oder was der Privatanwender zu Hause so kopiert – Rechnungen, Kontoauszüge, Ausweisdokumente …

      Tut mir leid, aber ich entscheide, was ich kopiere und wer dann diese Kopie erhält!! Deswegen werde ich solche Geräte mit einem Mindestabstand von 2 Metern Entfernung meiden. Und meinen Kopierer NIE in ein Netzwerk integrieren!!

      Wirklich, dass wir sowas noch erleben müssen! Das ist zwanzig(tausend) Jahre zu früh …

      • stefanolix sagt:

        Ich glaube, die Gefahr für Privatanwender ist relativ gering. Die eigentliche Lösung ist ja eine Software, die mit den Geräten von Canon zusammenarbeitet und alle Dokumente verwaltet. Eine Funktion ist eben die Überwachung. Das ganze System ist deutlich zu teuer für Privatanwender und kleine Unternehmen. Wenn ich das richtig verstanden habe, kann man es auch nicht heimlich in einen Kopierer einbauen (noch nicht).

    • stefanolix sagt:

      Die Argumentation mit dem Terror hatte ich noch gar nicht im Sinn. Aber das ist natürlich ein guter Punkt. In der DDR war es die Argumentation „Angriff des Klassenfeinds“. Insofern sind natürlich alle technischen Maßnahmen gerechtfertigt.

      ;-)

  3. Torsten sagt:

    Auch ein guter Weg um das Kopieren urheberrechtlich geschützter Werke besser zu kontrollieren. Was jetzt noch pauschal an die VG Wort abgegeben wird, kann dann viel genauer & gerechter abgerechnet werden.

    • stefanolix sagt:

      Und wer könnte wohl gegen Gerechtigkeit sein?

      Aber technisch wird es wohl nicht machbar sein, denn dann müsste es ja riesige Datenbanken mit Suchmustern geben.

      Zur Überwachung wäre eine flächendeckende Vernetzung der Systeme notwendig und diese spezielle Funktion (Suchen & Melden) müsste zwangsweise aktiviert werden.

      • Torsten sagt:

        Die juristischen Voraussetzungen für diese Technik und deren flächendeckende Vernetzung wird mit ACTA allerdings gerade geschaffen.

  4. Micha W. sagt:

    Texterkennung ist schon ne tolle Sache. Wie Muyserin bereits meinte, es kommt drauf an, was Menschen damit machen. Ein Messer ist primär auch ne nette Sache, wenn man Schneiden, Schnitzen etc. möchte … bei Körperverletzung sieht das schon wieder anders aus. Bei Notwehr wieder anders.
    Letztlich ist das Problem ein zu überdenkendes Urheberrecht. Bisher lief das mitunter auch manuell … 2004 durfte ich in Spanien nicht mal eine Seite aus einem Buch abkopieren, weil ich es zudem auch kopieren lassen musste. Da hatte ich in Dresden Jahre zuvor als Student schon mehrere Bücher über den Kopierer gezogen.

    Außerdem lässt sich der Mechanismus ja offenbar umgehen (z.B. bei „o“/“0“), wie in dem von Stefan verlinkten Heise-Artikel steht.

    In der Praxis geht es wahrscheinlich sowieso nach hinten los. Ich habe mal in einem Forschungsinstitut, wo der Administrator wahrscheinlich auf Weisung der Leitung, diverse Worte im Browser gecheckt bzw. gesperrt hatte, u.a. „Sport“ und „Sex“. Tja, such dann mal was zum Thema stadtplanungsrelevanten Thema „Transport“ oder klicke auf ’ne Seite von einer Uni in Sussex oder Middlesex :) … ganz hörte der Spaß dann bei mir auf als ich ein Template für eine Veröffentlichung von einer Seite laden sollte, die in der URL das Wort „Shop“ enthielt, welches auch gesperrt war .. und der Admin nicht da ist. Spätestens dann ist die Sache kontraproduktiv.

    Doch CANON will offenbar ne „neue“ Marktlücke ausfüllen … na dann viel Erfolg :)

  5. hamsterbacke sagt:

    Ich finde, OCR ist eine ganz fantastische Sache. Sie ermöglicht mir, hunderttausende Bücher kostenlos zu lesen.

    Das Zensur-Ding finde ich bedenklich, es betrifft mich allerdings nicht. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr kopiert.

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