Der tägliche Zahlenwahnsinn

Die Sächsische Zeitung hat sich heute vom BILD-Blog bei einer peinlichen Panne erwischen lassen. Dass fast jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt ist, bedeutet nämlich noch lange nicht, dass jeder zweite Sachse auch ein Single ist:

Sachsen „versingelt“. Hier leben immer mehr Menschen allein. Fast jeder zweite der 4,2 Millionen Einwohner wohnt – statistisch betrachtet – allein in seinen vier Wänden. Damit setzte sich der seit Jahren feststellbare Trend zu Einpersonenhaushalten auch im vergangenen Jahr in Sachsen fort, teilte die Präsidentin des Statistischen Landesamtes in Kamenz, Irene Schneider-Böttcher, gestern bei der Vorstellung des Statistischen Jahrbuches 2010 in Dresden mit. [schreibt die »Sächsische Zeitung« heute].

Was steht in Wirklichkeit im Statistischen Jahrbuch? Etwa 43 Prozent der insgesamt ca. 2.2 Millionen Privathaushalte im Freistaat waren 2009 Einpersonenhaushalte. Den Rest kann sich jeder selbst ausrechnen (das BILD-Blog hat es vorgerechnet).

Wie das Leben so spielt, habe ich gerade den Klassiker »So lügt man mit Statistik« auf dem Tisch — und dort wird fast das gleiche Beispiel behandelt (am Beispiel einer westdeutschen Großstadt und einer anderen Zeitung). Professor Walter Krämer schreibt:

Kleine Haushalte machen zwar einen großen Prozentsatz der Haushalte, aber einen weit kleineren Prozentsatz der Personen aus.

Das ist aber noch nicht die Pointe. Gestern war Welt-Statistik-Tag und zu diesem Anlass hat die »SZ« einen Artikel mit dem Titel »Das Spiel mit den Daten« veröffentlicht. Im Brustton der Überzeugung wird dort verkündet:

Bei der Suche nach Zusammenhängen gibt es zwangsläufig auch fehlerhafte Annahmen, da individuelle Denkweisen in die Untersuchung einfließen. Statistiken sind deshalb nicht generell unbrauchbar. Doch wenn sie täglich Entscheidungen beeinflussen (…), dann muss man mit Statistiken umgehen können. [»Sächsische Zeitung« vom 20. Oktober, Seite 7]

Tja. Dann beginnt mal bei Euch selbst ;-)


PS: Und was steht in der Pressemitteilung des Statistischen Landesamtes?

So zeichneten sich 2009 beispielsweise folgende Entwicklungen in Sachsen ab:
– Die Struktur der Privathaushalte weist zu 43 Prozent Ein-Personen-Haushalte auf.
– 46 Prozent der Bevölkerung waren erwerbstätig.


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25 Responses to Der tägliche Zahlenwahnsinn

  1. […] Sein Blog-Eintrag trägt den Titel: “Der tägliche Zahlenwahnsinn“. […]

  2. Jane sagt:

    Moment mal, Stefan, damit ich da jetzt mitkomme:

    Wenn die SZ schreibt: „fast jeder 2. Sachse lebt allein“, wie kommt man da auf die Idee, die SZ meine, dass diese Leute keinen Partner haben? Ich muss dazu sagen, ich habe den Artikel selbst nicht gelesen, weiß also nicht, inwieweit das dann noch näher erläutert wird. Die Online-Eintrag wurde anscheinend jetzt vom Netz genommen.
    Aber nur aus dem o. g. Satz würde ich persönlich jetzt nicht herauslesen, dass jeder 2. Sachse Single sei, sondern eben genau das: Jeder 2. Sachse lebt in einem Einpersonenhaushalt.
    Wir hatten den Aufmacher gestern kurz in der Redaktionskonfi angesprochen – aber auch da gab es keinerlei Verständnisprobleme.

  3. Jane sagt:

    Korrektur, der online-Eintrag ist noch abrufbar. Aber davon, dass jeder 2. Sachse Single sei, kann ich dort nichts entdecken.

  4. Jane sagt:

    Übrigens: Kommentar der SZ-Online-Redaktion auf facebook:

    „Statistik hat ihre Tücken. Manchmal auch für das Statistische Landesamt. So wurde in der Pressekonferenz zur Vorstellung des Statistischen Jahrbuchs („Jeder zweite Sachse lebt allein“) angegeben, dass bereits 1,8 Millionen von insgesamt 4,2 Millionen Sachsen in einem Ein-Personen-Haushalt leben. Richtig ist aktuell aber lediglich eine Million. Damit lebt heute nur etwa jeder vierte Sachse allein. Trend: stark steigend.“

    • stefanolix sagt:

      Ich bin ehrlich gesagt etwas im Zweifel, ob das vom Statistischen Landesamt wirklich so angegeben wurde. Eine Quelle für diese Aussage konnte ich online nicht finden. Und die »Freie Presse« aus Chemnitz hat beispielsweise korrekt berichtet:

      http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/REGIONALES/7505248.php

      • jane sagt:

        Es wurde offensichtlich auf der Pressekonferenz eine falsche Angabe seitens des Landesamtes gemacht. Und ich muss sagen, dass ich erst neulich zur Spiele-Messe in Dresden als Journalistin vor einem ähnlichen Problem stand. Auf der PK waren „geschönte“ Besucherzahlen von der letztjährigen Messe angegeben worden, die man dann auch so weitergab. Und im Nachhinein stellte sich heraus, dass doch eigentlich gar nicht so viele da waren und man bekam dann ein Problem, die gleichgebliebenen Besucherzahlen dieses Jahres noch als Erhöhung zu verkaufen, wie es die Messe auf einmal darstellte, indem sie plötzlich mit niedrigeren Zahlen zur letztjährigen Messe aufwartete.
        So was gibt es also durchaus.

      • stefanolix sagt:

        Ich würde das nicht als falsche Angabe, sondern als falsche Interpretation bezeichnen. Die reinen Zahlen sind ja richtig. Nur die Interpretation (»jeder zweite Einwohner Sachsens wohnt allein«) ist falsch.

        Wenn diese Interpretation in der Pressekonferenz wirklich vorgetragen wurde, entfällt deshalb aber nicht die Pflicht der Journalisten, diese Interpretation auch zu prüfen.

        Die Angabe der Messe wäre aus Sicht der Statistik im Gegensatz dazu wirklich falsch, wenn dabei eine Zahl verfälscht würde.

        Allerdings habe ich auch gehört, dass es bei den Dresdner Messen eines Veranstalters unterschiedliche Zählweisen geben soll. Wenn sie die Zahlen von 2009 in die Zählweise von 2010 übertragen und erst dann mit den Zahlen von 2010 vergleichen, kann das unter Umständen wieder richtig sein.

    • stefanolix sagt:

      Mit solchen Kommentaren ist aber keine Korrektur des Artikels verbunden. Der ist immer noch in mehreren Punkten falsch, beispielsweise:

      Die regionale „Single-Hochburg“ ist laut Statistischem Jahrbuch die Stadt Leipzig. Hier leben rund 55 Prozent der Einwohner allein; dicht gefolgt von Dresden (50 Prozent) und Chemnitz (47 Prozent).

  5. hamsterbacke sagt:

    SZ… das waren doch die, die verdächtige oder verurteilte Straftäter mit vollem Namen genannt haben, oder? Den Typen, der in der JVA Dresden auf dem Dach stand, oder den, der in Leipzig vor die Bahn gesprungen ist. Die SZ gehört also ohnehin auf das BildBlog.

    Marktschreierische Statistikfehlinterpretationen passen auch dazu.

    • stefanolix sagt:

      Nein, in die Kritik gehören immer konkrete Fehler bzw. Sachverhalte und nicht gleich eine ganze Redaktion.

      • hamsterbacke sagt:

        Schon klar, das machst Du ja auch sehr schön.
        Ich dagegen bestätige mir damit nebenbei ein Gefühl: Die SZ ist über die letzten Jahre schlechter geworden. Ziemlich schwammig, ich weiß, so ist der Rezipient, wenn er aus Zeitgründen keine quantitativen Inhaltsanalysen etc. fahren kann eben. Er hat ein Gefühl. Wie jeder Mensch suche ich mir für „mein Gefühl“ ab und zu Bestätigung. Im Kommentar habe ich sie nur vor mich hingemurmelt.

      • stefanolix sagt:

        Ich bin manchmal froh, dass ich dafür keine Zeit habe. Ich werde wohl ab morgen beim Bäcker sagen: »Nein, bitte keine SZ.« Die (wirklich nette) Verkäuferin hat sie jetzt immer schon in der Hand, wenn ich Brötchen hole …

  6. elbfisch sagt:

    Ein klassisches Beispiel für eine „schlampige“ Statistik findet sich hier:

    http://www.sport-fuer-sachsen.de/r-statistik-a-171.html

    Da ich selbst in unserem Sportverein die jährliche „Mitglieder-Bestandserhebung“ erstelle und an den Landessportbund einreiche, weiß ich, daß nur die Zahl der Mitglieder, nicht aber etwa deren Namen gemeldet werden. Folglich wird jeder, der in mehreren sächsischen Sportvereinen Mitglied ist, doppelt gezählt. Allein in unserem Sportverein kenne ich etliche Mitglieder, die zusätzlich noch Mitglied in der örtlichen Sektion des Alpenvereins oder eines Tanzsportclubs (alles LSB-Mitgliedsvereine) sind. Der „Organisationsgrad der sächsischen Bevölkerung“ liegt deshalb klar unter den schöngerechneten Zahlen des LSB.

    • stefanolix sagt:

      Das ist ja wirklich unglaublich. Ich hätte jetzt (naiv) vermutet, dass alle Sportvereine ihre Mitglieder erfassen (dafür könnte man ja eine eindeutige ID vergeben) und dass dann unter Beachtung des Datenschutzes nur die ID an den Landessportbund gemeldet wird.

      Die Zahlen sind eigentlich nicht »schöngerechnet«, sondern sie werden schon »schön« erfasst. Da ist man schon ein Schelm, wenn man Arges dabei denkt.

      Aber es ist ja sicher für eine gute Sache und alle anderen Bundesländer machen es sicher auch so …

  7. Micha W. sagt:

    Neben diversen Verständnisproblemen, z.B. Singles vs. Singles ohne partn. Bindung vs. Singlehaushalte, gibt es zudem noch eine Reihe von statistischen Effekten, die man erst beim zweiten Mal hinschauen so richtig versteht.

    Mein Lieblingsbeispiel ist das Will-Rogers-Phänomen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Will-Rogers-Ph%C3%A4nomen

    Spätstens seitdem betrachte ich jede Statistik nur noch mit einem Auge, das andee will die konkreten Daten und die Erfassungsgrundlage sehen ;)

    Mitunter zeigt nämlich eine Statistik nicht mal keine Tendenz, sondern das genaue Gegenteil aus.

    Ach, „göttliche“ Mathematik :)

    • Micha W. sagt:

      Ooops, sorry, für die „miese“ Grammatik & RS von 20:34 Uhr. Statistisch gesehen passiert so etwas in 3% meiner Beiträge; dieser – also letzterer – hat die 3% auf gerade mal 10 Zeilen verteilt ;)

      „q.e.d.“ a.k.a. „w.z.b.w.“

    • stefanolix sagt:

      Vielleicht kennst Du das Buch schon, aber der Klassiker »So lügt man mit Statistik« ist wirklich zu empfehlen. Leider werden die Zahlen und Beispiele nicht aktualisiert, die dürften inzwischen etwa 20 Jahre alt sein. Wenn man aber nur die Prinzipien der Manipulation erkennt, kann man sich problemlos aktuelle Beispiele zusammensuchen ;-)

      • Micha W. sagt:

        Für mich ist die Beschäftigung mit der AQ-Rate ne Art „westdeutsche Planwirtschaft“ ;)
        In Dtl. ist die AQ-Rate eine Wahlparameter, davor hat „der Deutsche“ offenbar am meisten Angst; arbeitslos sein heißt für viele: schlechter Status, kaum Geld, kaum Chancen – kurzum: „alles irgendwie Sch…“.
        Deshalb wird immer an der Statistik bzw. der Berechnungsgrundlage rumgeschraubt, weil man damit die Psyche der Leute bei guter Laune zu halten glaubt.
        Das Motto wechselt immer zwischen „Es geht vorwärts, doch wir müssen uns weiterhin anstrengen, damit es so bleibt und noch besser wird.“ oder „Es sah schon besser aus, doch wir müssen alles tun, dass es wieder besser wird.“
        Eigentlich braucht ein Wirtschaftsminister nur diese zwei Zeilen ;)
        Wirtschafts- und Arbeitsminister brauchen auch gar nicht viel von Wirtschaft und Arbeit verstehen. Sie haben eh keinen wirklichen Einfluss. Ihr Job ist eher dem eines Fußball-Coachs ähnlich :)

        Statistikbereinigungen hat man in der DDR bei den Plan-Solls sicher auch gemacht. Da’s offiziell keine Arbeitslosigkeit gab, musste irgendein anderer Parameter her …
        Plan-Solls waren ja im Grund ’ne Art verstecktes BIP, genauso schwer zu begreifen … weil eine relative Zahl eigentlich nicht viel aussagt.

        Alles in allem sag ich mir „Solln’Se ma machen“ … wer’s glaubt, will das auch so ;)
        Ich glaube durchaus daran, dass Dtl. relativ gut durch die Krise kam, weil viele Überstunden abgebaut worden sind – da wurde schon vorgearbeitet :)
        Hinzukam die Subventionen durch den Staat, die der Bürger hinterher durch sog. Sparpakete wieder zurückzahlt oder es entstehen neue Schulden, die man wieder als Argument für’s Sparen im Allgemeinen nutzen kann usw. usf.
        Eigentlich ist es immer wieder das gleiche Spiel. Ich empfinde die Sache mit der AQ auch nicht als „Lüge“, sondern als Halbwahrheit. Im Prinzip sind wahrscheinlich 10-30% der deutschen Arbeitnehmer eigentlich latente Arbeitslose, weil es soviele Jobs gibt’s die man so nicht braucht. Es geht primär um die Erhaltung des Status Quo.

        Im Grunde habe ich auch Mitgefühl mit der Politik. Meist kann man ehedem in 4 Jahren nicht viel machen und wenn doch, bekommt die Lorbeeren jemand anderes … und irgendwie ist doch alles immer recht komplex in dieser globalen Welt :)
        Also geht man weiter auf den bekannten Pfaden und eins ist immer sicher: die nächste Krise steht schon vor der Tür :)

  8. […] ist ja nicht so, dass wir dieses Problem zum ersten Mal behandeln würden: Vor zwei Jahren hat die »Sächsische Zeitung« den gleichen Interpretationsfehler in Bezug auf die Anzahl der […]

  9. […] auf eine klassische Statistik-Falle, in die gern auch (sächsische) Tageszeitungen tappen (siehe auch hier): Wenn rund die Hälfte der Haushalte einer Stadt 1-Personen-Haushalte sind, dann […]

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