Zuwanderung nach Punkten

Es ist bekannt, dass Deutschland in den nächsten Jahrzehnten viele Fachkräfte aus dem Ausland brauchen wird, beispielsweise Ingenieure, Techniker, Pflegekräfte, Ärzte und Handwerker. Dazu stellen sich mehrere Fragen. Zunächst die Fragen zum Nutzen der Einwanderung:

1. Wie können wir gewährleisten, dass wirklich gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte kommen?
2. Wie können wir aus der Zuwanderung einen nachhaltigen gesellschaftlichen Nutzen ziehen?

Man könnte aus den Erfahrungen der klassischen Einwanderungsländer lernen und ein Auswahlverfahren mit einem Punktesystem einführen. Mit solchen Auswahlverfahren werden genau die Fachkräfte ins Land geholt, die wirklich benötigt werden. In den Auswahlverfahren werden meist die Kriterien Bildung, Berufsabschluss, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse, Alter und Herkunft zugrundegelegt.

Dann bleibt allerdings eine weitere Frage: Wie können wir diese Fachkräfte davon überzeugen, ausgerechnet zu uns nach Deutschland zu kommen? Auch andere Staaten werben um die selben Fachkräfte. Es kann letztlich nur dann funktionieren, wenn die Fachkräfte, die Herkunftsländer und unser Land davon profitieren.

Gleichzeitig sollte man natürlich alles tun, um die eigenen Fachkräfte im Land zu halten, Fachkräfte weiterzubilden und die Ausbildungsquote zu verbessern. Aber letztlich wird es nicht ohne qualifizierte Zuwanderer funktionieren. Wenn so ein System eingeführt wird, dann wird es qualifizierte Zuwanderer geben, die nur zeitweise bei uns arbeiten und es wird auch qualifizierte Zuwanderer geben, die hier bleiben.

Ich finde es sehr interessant, wer noch im Januar einen Vorschlag zur Einwanderung von Fachkräften nach einem Punktesystem in den Bundestag einbringen wird. Es ist die Fraktion der Grünen. Einen ähnlichen Vorschlag hat 2008 die FDP eingebracht. Die Grünen haben damals den FDP-Antrag als zu bürokratisch kritisiert. Ich bin gespannt, wie sich die Regierungsfraktion FDP in diesem Jahr zum Antrag der Grünen stellen wird …


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24 Responses to Zuwanderung nach Punkten

  1. Antifa sagt:

    Das einzig gute an Sarrazins Buch ist, dass es auch in Übersee ankommt, denn das mediale Echo auf seine Thesen ist keineswegs nur auf Deutschland beschränkt. Und welche Auswirkungen die aktuell geführte Debatte über religiöse Befindlichkeiten und mangelnde Integrationsbereitschaft auch immer haben wird, eines ist sicher, sie trägt nicht zu einem Bild eines Landes bei, dass bereit ist, Menschen mit anderen Lebensentwürfen und Vorstellungen zu akzeptieren.

    • stefanolix sagt:

      Solche Debatten gibt es in vielen anderen Ländern auch. Die Debatte in Dresden soll laut »DNN« gestern übrigens friedlich und sachlich verlaufen sein, von Rassismus und Volksverhetzung wurde nichts berichtet. Sarrazin soll sich im Verlauf der Diskussion u.a. für binationale Ehen ausgesprochen haben.

      • Antifa sagt:

        Er hat sich nicht für binationale Ehen ausgesprochen, sondern für Ehen zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und so genannten Deutschen. Der Unterschied liegt darin, dass Sarrazin im Unterschied zu Wulff noch immer nicht begriffen hat, dass Muslime zur deutschen Gesellschaft gehören. In der Wissenschaft nennt man das Kulturrassismus und es ist bezeichnend, dass er diese Wort bis vor kurzem noch nicht einmal kannte.

      • stefanolix sagt:

        Ich kenne den Wortlaut nicht und jeder Versuch, die Partnerwahl anderer Menschen zu beeinflussen, erscheint mir als bevormundend. Eines ist aber klar: Rassismus kann man in diesem Moment nicht unterstellen, allenfalls eben Einmischung in Dinge, die ihn nix angehen.

        Der Begriff „kultureller Rassismus“ sollte gebildeten Bürgern bekannt sein, es ist aber ein ziemlich diffuser Begriff. Möglicherweise zeigen sich bei Sarrazin solche Tendenzen. Aber im Gegensatz zu wirklichem Rassismus ist das meiner Meinung nach nicht strafbar.

  2. Da hast Du Dich ja an ein interessantes, aber sehr schwieriges Thema herangewagt. Ich schätze Deine guten Absichten, aber ich glaube, Du realisierst nicht ganz, in welchem Staat wir leben.

    Zweifellos bräuchten wir Fachkräfte, aber das wissen wir seit Jahren. Zwar gab es und gibt es noch einige Engpässe in Deutschland, was das Vorhandensein von Arbeit betrifft, aber all das ist absehbar.

    Wenn wir hier also „gut ausgebildete“ Menschen haben wollen und sich das alle Industrienationen wünschen, dann stellt sich doch die Frage, wohin diese Menschen gehen wollen.

    Und wohin würdest Du gehen wollen? Zuerst mal in ein Land, in dem Deine Verwandten leben. Die deutsche GreenCard, der klene Rohrkrepierer, hat gezeigt, dass sich die indischen Spezialisten lieber zu ihren indischen Verwandten nach USA bewegen.
    In zweiter Linie willst Du in ein Land, das weltoffen und attraktiv ist. Aber mal ganz ehrlich: sind wir das?
    Könnte Thilo Wunderlich solch eine Zustimmung erhalten, wenn wir Fremde mögen würden? Zwar haben wir Probleme mit schlecht ausgebildeten Menschen hier, Menschen, die außer dem Bedienen der Fernbedienung scheinbar nur wenig können, aber die heißen nicht nur Mustafa, sondern Ernst und Chantal.

    Unsere Sprache ist männlich und deutsch, durchsetzt mit Vorurteilen. Ob Statistiken „getürkt“ werden oder Menschen noch immer als „Neger“ bezeichnet werden – es hat sich so wenig verbessert an deutschen Stammtischen.

    In dritter Linie willst Du, wenn Du Dich auf den schwierigen Weg ins Ausland machst, das bestmögliche für Dich aus dem Umzug heraus holen.
    Und wenn deutsche Ärzte seit langem lieber in England arbeiten, wenn deutsche Wissenschaftler vorwiegend in den USA forschen – warum sollten dann diese gut ausgebildeten Menschen ausgerechnet zu uns kommen?

    Wenn wir Einwanderung wünschen, dann kann ein Punktesystem helfen. Wichtig ist aber auch, eine kleine Revolution im Denken der Menschen zu erzeugen.
    Deutsch-türkische Feste, wie sie früher propagiert wurden, sollten wieder auf der Tagesordnung stehen, die Furcht vor dem Islam, vor fremder Küche und vor allem, was anders ist, als man selbst, muss verschwinden. Und das kann sie nur, wenn man sich begegnet.

    Ich denke hier immer an den weisen Satz von Methusalix in einem Asterix-Heft: „Ich habe ja nichts gegen Fremde! Aber diese Fremden sind nicht von hier!“

    • stefanolix sagt:

      Jede Begegnung zwischen den Kulturen trägt dazu bei, dass Vorurteile abgebaut werden. Aber wenn man sich aufmerksam umschaut, scheint es zumindest in großen Städten ziemlich viele Möglichkeiten zu geben.

      Mal ganz ehrlich: die sprachlichen Besonderheiten (z.B. »getürkt«) fallen uns nur auf, weil wir unsere Sprache besonders gut kennen und weil wir sehr aufmerksam damit umgehen. Natürlich wird man dieses Wort heute nicht mehr anwenden. Ich bin aber sicher, dass man als Sprachkenner solche Rudimente auch in anderen Sprachen findet. Wenn man sich mal die Geschichte dieses Wortes ansieht, dann steckt dahinter eigentlich auch keine Verachtung gegenüber dem Türkischen Volk. Die Wikipedia weiß:

      Eine mögliche etymologische Herleitung des Ausdrucks „etwas türken“ oder „einen Türken bauen“ im Sinne von „etwas nur vorspiegeln“, „etwas fingieren“ bezieht sich auf die Figur des Schachtürken, weil die türkisch gekleidete Puppenfigur den Anschein einer denkfähigen Maschine erwecken sollte und lange erfolgreich erweckte. Die Redewendung ist also nicht fremdenfeindlich, sondern geht von einer damals konkreten Erfahrung aus, die nichts mit der angesprochenen Nationalität zu tun hatte.

      Selbst die »Zauberflöte« enthält sehr umstrittene Texte und wird trotzdem überall auf der Welt aufgeführt.

      Selbstverständlich muss man aber immer auf seine eigene Sprache aufpassen und seine Sprachgewohnheiten reflektieren.

      Um wieder in die Arbeitswelt zurückzukommen: In Dresden gibt es ja Forschungseinrichtungen mit ausländischen Wissenschaftlern und international tätige Unternehmen mit hochqualifizierten ausländischen Mitarbeitern. Wenn der Arbeitgeber international orientiert ist und klare Regeln aufstellt, geht auch die Zusammenarbeit zwischen all den Vertretern aus unterschiedlichen Ländern in Ordnung. Wer da im Sinne von Methusalix Ressentiments pflegt, dürfte bei solchen Arbeitgebern fehl am Platze sein.

      Es gibt viele Gründe für Wissenschaftler und Ärzte, aus Deutschland auszuwandern oder für einige Zeit im Ausland zu arbeiten. Deshalb schrieb ich ja auch, dass man die eigenen Fachkräfte im Lande halten sollte.

    • Antifa sagt:

      Chapeau. Das deckt sich mit dem was mir Leute über das Stimmungsbild zu Deutschland im Ausland erzählt haben. Das Denken hin zu mehr Heterogenität, aber so lange allein ein Kopftuch als Indiz für andersartigkeit gesehen wird, so lange wird auch keine ausländische Fachkraft (und die muss noch nicht einmal muslimischen Glaubens sein) ihren Wohnort nach Deutschland verlagern. Selbst die, die im Augenblick hier sind, machen das, wie das Beispiel AMD bzw. Globalfoundries in Dresden zeigt, aus rein monetären Interessen, ein Familiennachzug findet kaum bis gar nicht statt.

      • stefanolix sagt:

        Was spricht denn dagegen, dass jemand mal für zwei Jahre aus rein monetären Interessen in Deutschland arbeitet?

        Ich war zwischen Lehrabschluss und Armeezeit für ca. ein Quartal in Kriwoi Rog auf Montage, da war ich 19. Jede Schicht dauerte 12 Stunden und es wurde die ganze Woche durchgearbeitet, bis auf eine Schicht zum Wechseln. Nach einer bestimmten Zeit gab es dann auch mal ein geschickt eingeschobenes Wochenende. Hätte ich mich nicht relativ früh gebunden und hätte ich mein Studium nicht gehabt, dann wäre ich gern auch für einige Jahre zum Geldverdienen ins Ausland gegangen.

      • Antifa sagt:

        Nichts, es spricht nichts dagegen. Die Menschen von denen Du an der Stelle sprichst, gehen dahin, wo sie müssen. Aber wenn sie nicht das Gefühl haben, willkommen zu sein, dann nützen auch keine finanzielle Zuwendungen.

  3. @Antifa:
    Danke für das „Chapeau“. Ich bin nicht Stefans und Wikipedia’s Ansicht, das „einen Türken bauen“ neutral ist, weil ja bereits die Grundannahme, eben dieser Schachtürke, drückt die Angst von dem „Muselmann“ aus.

    Noch immer gibt es Diskos, wo stramme Türsteher farbige Mitbürger nicht reinlassen, noch immer ist, wie Du schreibst, das Kopftuch ein Makel.
    Die Kopftuchträgerin, an die ich denke, ist aber die Nonne.

    Ergo: Christliche Symbole, christliche Feiertage, christlicher Kirchenlärm steht diametral im Gegensatz zu den nicht christlichen Varianten.

    Des Deutschen Bild von Afrika und den Afrikanern ist so unsauber und diffus, so von Vorurteilen und Nichtwissen geprägt. Bei SWR3 kam in einem der „Morgengedanken“ sogar, „in Afrika wächst nix“, alle sind bettelarm und besitzen nichts als ihr eigenes Leben.

    Wir Deutsche sind das Maß aller Dinge, das gilt zwar für die Franzosen und die Amerikaner auch, aber es ist damit noch lange nicht richtig.

    In Deutschland herrscht auch noch der Stammtischglaube, dass „die Türken einzeln nach Deutschland kommen, um dann die ganze Sippe im Familiennachzug zu holen“, dabei ist die Zuzugsrate Deutschland – Türkei negativ. Mehr Menschen wandern in die Türkei aus oder in die Türkei zurück als umgekehrt.

    Und wenn Stefan schreibt, dass es in Städten genug Möglichkeiten der Begegnung gibt, dann gilt das definitiv nicht für das Land. Und in einem Land, in dem das sich an einen teilbesetzten Tisch im Restaurant dazu setzen zu den schwierigsten Herausforderungen gehört (28% Nennung) wird das Kommunizieren mit Asiaten, Afrikanern oder sonstigen Gruppen nicht leichter.

    • Antifa sagt:

      Das traurige ist eben, wieviel Energie darauf verwendet wird, Menschen nicht zu einer Gesellschaft dazu zu zählen und wie wenig, wirklich integrativ tätig zu werden. Sprachschulen/kurse, also eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine deutsche Integrationsbereitschaft, sind chronisch unterfinanziert und überbelegt. Wenn sich dann politisch über „mangelhafte Deutschkenntnisse“ echauffiert wird, dann ist das ein Widerspruch in sich. Ohne jetzt gleich die deutsche Sprache zum Zugangskriterium für Einwanderer machen zu wollen. Ich weiß grad gar nicht, wie sich das in den Vereinigten Staaten weiter verändert hat, gerade der Süden wird ja inzwischen zunehmend von lateinamerikanischen Zuwanderern und ihrer Sprache geprägt. Da ist Zweisprachigkeit quasi ein von der Realität eingeholtes Muss.

      • Wir hatten fünf Jahre lang ein Häuschen in Naples/FL. In der Tat gibt es Regionen, die zweisprachig sind. Es gibt auch Regionen, die einsprachig sind, manche amerikanisch, manche einsprachig spanisch.
        Niemand stört sich daran, ich denke, dass das der Unterschied ist.

        Kommst Du heute in Köln in die Keupstraße, dann wundert man sich, warum die meisten Restaurants, Friseure etc. ausschließlich türkisch sind – und man fühlt sich peinlich berührt. Verständlich?

        Fühlen wir uns aber auch peinlich berührt, wenn wir in Kenia einen Bäcker, einen Friseur und ein Restaurant sehen, in dem ausschließlich Deutsch gesprochen wird? Wo es ausschließlich deutsche Küche, deutsches Brot und deutsche Wurst gibt?
        Nein, sicher nicht, ganz im Gegenteil: wir sind ja sogar noch stolz darauf, dass wir unser heimisches Kölsch entweder auf Malle bekommen oder dorthin mitnehmen.

        Das ganze Problem ist die Betrachtung der Andersartikeit der Menschen. Du kannst Andersartigkeit als Bedrohung verstehen oder als Chance. Wenn Du es als Chance verstehst, dann freust Du Dich auch über fremdländische Kost. Dich zieht es zum Afrikaner, zu Tibeter, ins libanesische Restaurant und Du meidest die Bierbrezel und das Sauerkraut.

        Wenn Du die Andersartigkeit aber als Bedrohung siehst, dann bist Du zwar auch für die Integration, aber nur, wenn „die“ sich uns anpassen, „schließlich kommen die ja zu uns. Und wenn es denen nicht passt, dann können sie ja wieder nach Hause gehen.“
        (Den Satz haben wir doch alle schon ein paar Mal gehört, oder?)

    • stefanolix sagt:

      Ich möchte noch eine Anmerkung zum Schachtürken machen. Das war äußerlich ein Kunstwerk im Stil der damaligen Zeit. Man lehnte doch die Türkei nicht ab, sondern diese Gestaltung war einfach in Mode. Die Deutschen hatten mehrere Phasen, in denen sie für die türkische Kultur von fern geschwärmt haben. Eine spätere Phase lag so an der Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. In Dresden ist die Yenidze davon übriggeblieben, die siehst Du beim Zieleinlauf in das Stadion beim Oberelbe-Marathon.

      Warum knüpft man eigentlich daran nicht an?

      Zu der äußeren Hülle kam jedenfalls eine ausgetüftelte Mechanik und eben die Behauptung, die Maschine könne Schach spielen. Ich sehe bis soweit keine Verachtung der Türkei oder der Türken. Nun wurde aber klar, dass im Inneren der Maschine ein Zwerg versteckt war. Dann ist vermutlich der Begriff „einen Türken bauen“ entstanden.

      Selbstverständlich wende ich solche Redewendungen nicht an. Aber Rassismus scheint mir wirklich nicht drin zu stecken, da gibt es wirklich andere Probleme.

      PS: Ich werde mich ab jetzt in Restaurants nur noch an teilbesetzte Tische setzen ;-)

      • TomWingo sagt:

        Gute Idee Stefan,

        das mit den halb besetzten Tischen.
        Ich wünsche Dir, dass das auch klappt. Es gibt auch Menschen, die das überhaupt nicht wollen.
        Wenn Du aber mal in einem Robinson Club warst, dann siehst Du, wie schön es ist, ständig neue Tischnachbarn zu haben. Wenn Du den Anderen am Sylvesterabend nicht von Tisch zu Tisch zuprosten musst, sondern einen gemeinsamen Abend hast.

        Die Geschichte mit dem „Türken bauen“ ist schon interessant und ich bin über Dein Detailwissen beeindruckt.
        Es beantwortet aber nicht die Frage, wie sich der türkische Mitbürger fühlt, wenn ihm gesagt wurde, dass hier „getürkt“ wurde.
        Wenn Du dann nicht Wikipedia zur Hand hast …
        Du weißt sicher, dass in mir zu 50% türkisches Blut fließt, vielleicht bin ich deshalb so sensibel, was dieses Thema angeht.

        Eine schöne Geschichte hatte ich da beim 70. Geburtstag meiner Schwiegermutter, die dort im Keller gefeiert wurde. Irgendwann zu fortgeschrittener und alkoholisierter Stunden wurde recht offen über Türken und die Probleme gesprochen.
        Als ich dann sagte, dass mein leiblicher Vater Türke ist, wurde das Gespräch erstaunlich leise und betretene Mienen waren zu sehen, der Abend dauerte nun nicht mehr lange …

      • stefanolix sagt:

        Aus der Diskussion in den beiden Beiträgen und den vielen Diskussionen nach Sarrazins Aussagen folgt für mich: wir brauchen Aufklärung und Ehrlichkeit.

        Aufklärung und Ehrlichkeit über die Leistungen von Migranten und Deutschen. Aufklärung und Ehrlichkeit aber auch über die Probleme mit bestimmten Migranten und bestimmten Deutschen.

        Ich bin überzeugt: ein Großteil der Leser und Zuhörer Sarrazins beschäftigt sich mit dem Buch, weil »da endlich mal jemand der Wahrheit auf den Grund geht«. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Tatsache ist aber, dass in diesem Land Transparenz und Ehrlichkeit nicht gerade einen hohen Stellenwert haben.

        Sarrazin-Gegner und Sarrazin-Befürworter legen unterschiedliche Statistiken und Teile von Statistiken jeweils nach ihren Überzeugungen, Vorurteilen und Zielen aus. Das erste, was auf den Tisch kommen muss, sind wirklich ehrliche Zahlen. Erst auf dieser Basis kann man analysieren, Ziele setzen und dann Maßnahmen ergreifen.

        Das betrifft natürlich in gleichem Maße Deutsche, deutschstämmige Einwanderer und Ausländer. Wenn also klar ist, dass es einen bestimmten Prozentsatz an Schulabbrechern oder Straftätern in der Gruppe X gibt, dann muss das offen dargestellt werden. Genauso offen muss dargestellt werden, wo es Erfolge gibt. Das eine darf nicht zu negativem und das andere nicht zu positivem Rassismus führen.

        Vielleicht dazu noch ein Link zu einem Artikel, den ich damals (2009) während der ersten Sarrazin-Debatte geschrieben habe: Was man sagt und was man nicht sagt. Das sollte man bitte mit Blick auf dem damaligen Stand der Diskussion lesen (es gab nicht das Buch, es gab nur das bekannte Sarrazin-Interview).

        Vielleicht sollte man bei den Redewendungen auch noch daran denken, dass es alle Nationen in irgendeinem Land trifft. Für die Deutschen finden andere Nationen auch mehr oder weniger lustige, mehr oder weniger abwertende oder auch aufwertende Worte.

        Ich weiß nicht bis ins Detail, welcher Anteil in meinem Blut deutsch und welcher Anteil wahrscheinlich polnisch ist. Ich bin Stefanolix und alles Nachdenken würde weder die Zusammensetzung noch die Blutgruppe ändern ;-)

      • „alles Nachdenken würde weder die Zusammensetzung noch die Blutgruppe ändern“ …

        Das stimmt, aber wenn Du mit 40 Jahren plötzlich gewahr wirst, dass Du drei Halbgeschwister in Basel, Izmir und Istanbul hast, dann ist das mehr als nur ein Nachdenken wert.
        Wenn Du jahrelang Deinen Vater suchst und ihn erst tot auf einem amerikanischen Friedhof findest, dann weist Du, dass Du zwei Jahre zu spät gekommen bist.

        Familienaufstellungen und viele andere Dinge funktionieren nur, wenn Du Deine Eltern kennst. Und da klafft eine große Lücke bei mir.

  4. Frank sagt:

    Es ist bekannt, dass Deutschland in den nächsten Jahrzehnten viele Fachkräfte aus dem Ausland brauchen wird …

    Bekannt ist lediglich, dass diese Behauptung seit Jahren mantraartig wiederholt wird. Deutschland leidet angeblich unter einem schrecklichen Fachkräftemangel. Komischerweise haben wir immer noch Arbeitslose. Und seltsamerweise sind das nicht alles nur Schwervermittelbare, sondern seltsamerweise wurde da auch schon mal die eine oder andere Fachkraft gesichtet. Eine Fachkraft ist jemand mit abgeschlossener Berufsausbildung – nichts weiter. Haben Deutschlands Arbeitslose etwa alle keine abgeschlossene Berufsausbildung? Und umgekehrt: Haben alle Leute mit abgeschlossener Berufsausbildung einen Arbeitsplatz im erlernten Beruf gefunden? Das sollte man sich immer fragen, bevor man diese Märchen vom Fachkräftemangel glaubt.

    • Hallo Frank,

      sorry, aber Polemik hilft hier nicht weiter. Grundsätzlich gibt es ja Aspekte, die in Deiner Argumentation richtig sind. Es gibt in Deutschland regionale Arbeitslosenprobleme, keine Frage.

      Aber ein Gutteil der Arbeitslosen ist einfach nicht mehr vermittelbar – wie geschrieben: nicht alle.

      Und Stefans Betrachtung geht ein paar Tage weiter als bis zum Wochenende. Wenn wir in die Bevölkerungsstatistik des Jahres 2030 sehen – oder noch weiter, dann graust es jedem.

      Viel zu wenig Menschen für die Infrastruktur, aber das ist nicht das Schlimmste: massenhaft alte Leute! Und wenn ich Dein Foto beurteile und meinen Reisepass, dann gehören wir beide dann dazu.

      Wer also soll die Wirtschaftskraft erzielen, die ausreicht, um den Generationenvertrag zu bezahlen? Wer will unseren Kindern zumuten, zu arbeiten, um einigermaßen überleben zu können, weil der Rest für die alten Leute draufgeht? Ich nicht …

      Also: Polemik hilft nicht weiter, langfristige Überlegungen mit aktuellen Problemen „totzuschlagen“ auch nicht.

      Nur weil jetzt kein Schnee mehr vor den Hütten liegt, ist es nicht unsinnig, Schneeschaufeln und Streusalz zu produzieren.

      • Frank sagt:

        Wenn wir in Deutschland nur ein paar regionale Arbeitslosenprobleme hätten, wäre ja alles gut.

        Wer die Wirtschaftskraft in 20, 30 und noch mehr Jahren erbringen soll, obwohl es weniger Menschen gibt? Bei der Frage sollte man auch bedenken, dass Wertschöpfung schon seit mehreren Jahrzehnten immer weniger durch Menschen erfolgt. Menschliche Arbeit wird seit langem Zeit immer weniger gebraucht: Sie wird von Maschinen und nun auch verstärkt durch Software ersetzt. Das wird sich natürlich auch weiterhin so fortsetzen. Insofern sind weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter gar nicht das Problem.

        Resultierende Fragen wären also eher: Kann 2030 (oder später) überhaupt noch genügend Wirtschaftskraft von Menschen kommen? Wird 2030 die wertschöpfende Arbeit noch für beispielsweise 20% aller Menschen reichen (egal, ob Einwanderer oder nicht)? Gibt es einen Weg, automatisierte Produktionsprozesse zu „besteuern“?

        Die Betreuung alter Menschen ist dann natürlich ein Problem, aber sie löste nicht das Problem, woher das Geld dafür kommen könnte.

      • stefanolix sagt:

        Ich kann in dieser unheimlich interessanten Diskussion leider erst morgen abend wieder richtig mitmachen, weil ich heute abend und morgen arbeite. Aber ich bin hundertprozentig sicher, dass in der Industrie und in vielen anderen Wirtschaftszweigen weiterhin Facharbeit gebraucht werden wird, auch 2030. Facharbeit mit den Händen, mit dem Kopf und nicht zuletzt mit implizitem Wissen/Verständnis. Dieses Jahr (2030) werden wir ja alle noch erleben, dann sprechen wir uns wieder ;-)

    • stefanolix sagt:

      Frank: eine Fachkraft ist ein Mensch mit abgeschlossener Ausbildung und aktuell anwendbarem Wissen, der dieser Ausbildung und diesem Wissen entsprechend eingesetzt wird. Da stecken drei Bedingungen drin: formeller Abschluss, anwendbares Wissen und ökonomisch sinnvoller Einsatz als Arbeitnehmer oder Selbständiger.

  5. O je Frank, kommt jetzt noch das Argument „Maschinensteuer“?

    Fakt ist doch, dass im „papierlosen Büro“ immer mehr Papier gebraucht wird, dass die Zahl der Beschäftigunsverhältnisse, aller Rationalisierung zum Trotz, im Trend steigt.

    Kultur- und Technikpessimismus ist en vogue, aber sie ist auch fatal, weil einfache Gleichungen nicht funktionieren.
    Wir werden immer genug Arbeitsplätze zur Verfügung haben, ob als Techniker oder als Dienstleister, von anderen Voraussetzungen auszugehen wäre die Negation der Fakten.

    Und wir werden immer älter. Als Mr. „Die Rente ist sicher“ die statistischen Ämter angewiesen hat, die weiteren Rentenberechnungen mit nicht mehr steigenden Lebenserwartungen zu berechnen, da hat er sich und den Wählern Sand in die Augen gestreut.

    Wir werden sogar mehr arbeiten müssen, länger arbeiten müssen, jeden Tag, jeden Monat und auch in der Lebensarbeitszeit. Und auch wenn wir die Augen zumachen: die Sonne geht auf und unter, ob wir das sehen wollen oder nicht.

    • stefanolix sagt:

      Du nimmst mir da gerade den Kommentar vorweg, den ich gern geschrieben hätte ;-)

    • Frank sagt:

      Das Wort „Maschinensteuer“ kannte ich bisher noch nicht. Mir ging es nur um ein Prinzip, aus Arbeitsabläufen, die einst von Menschen ausgeführt wurden und nun von automatischen Systemen erledigt werden, ebenfalls Geld abzuleiten. Aber dafür habe ich kein durchdachtes Konzept – das war vorhin nur so ein Gedanke.
      Mir geht es auch gar nicht um Technikpessimismus, ich finde es nämlich großartig, dass wir nicht mehr diese stupiden Fließbandarbeiten ausführen müssen, die ich in meiner Lehrzeit und den ersten Berufsjahren noch selbst kennenlernte. Maschinen können das viel besser, Menschen sind in der Produktion nur der größte Brems- und Unsicherheitsfaktor. Kürzlich war ich bei einer Führung im BMW-Werk in Leipzig. Das war absolut genial, zu sehen, wie dort ganze Hallen fast ausschließlich mit Robotern bestückt sind, die riesige Teile mikrometergenau in einer Geschwindigkeit durch die Luft wirbeln – so etwas könnte kein Mensch durchführen. Dass Menschen in der Produktion benötigt werden – die verbleibenden Bereiche werden immer geringer. Und Produktion ist nun einmal einer der wenigen Bereiche, wo wirklich Wertschöpfung entsteht – in vielen anderen Bereichen wird ja nur vorhandenes Geld umverteilt (Versicherungen, Bankwesen, Verwaltung …). Ich sehe da aber eher Chancen, denn wenn Menschen irgendwann ihr Leben nicht mehr mit Arbeit verplempern müssen, wäre das ein großer Fortschritt.
      Ich finde schon, dass wir gerade Techniker und Dienstleister immer weniger benötigen werden. Ich bin selbst Techniker. In meinem Bereich waren wir vor einigen Jahren noch zu dritt, inzwischen läuft es bestens mit mir allein: Durch modernere Technik, durchdachtere Organisation und effizientere softwaregesteuerte Abläufe. Und Dienstleister? Wie viele Dienstleistungen kann ein einzelner Mensch in Anspruch nehmen? Irgendwo gibt es da auch einen Sättigungseffekt. Im Dienstleistungsbereich laufen dieselben Intensivierungs-Prozesse, wie überall, so dass auch dort weniger Menschen benötigt werden.
      Ich halte es – Entschuldigung, aber – für ziemlich blauäugig, sich einzubilden, menschliche Arbeit würde auch in der Zukunft noch eine große Rolle spielen. Freiwillige Arbeit vielleicht, z.B. in Jugendbetreuung o.ä., aber Erwerbs-Arbeit? Na, wir werden es ja erleben.

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