Eine Farce kommt selten allein …

Die Politik wird personalisiert. Das Private wird politisch. Das Politische gerät in Vergessenheit.

Wer als Politikerin oder Politiker nichts auf sich hält, liefert den Medien heutzutage Geschichten, die es früher kaum ins Vermischte geschafft hätten. Die Medien haben dafür den Begriff Homestory erfunden.

Ach, früher … Früher gab es in den Medien manchmal noch ein wenig intelligente Satire. Die schlimmsten Fehlentwicklungen der Politik wurden aufgespießt, die Homestorys überließ man der Klatschpresse.

Heute gibt es keine Satire mehr. Heute gibt es diesen komischen Wutbrüllbürger Gernot Hassknecht in der heute-Show. Was für eine Entwicklung! Und weil man heute offensichtlich Quote machen kann, wenn man mal so richtig die Sau rauslässt, dachte sich eine Redakteurin von »Radio Fritz«: Ich lasse es jetzt auch mal raus.

Als Su Holder also von einer Homestory der Familienministerin Schröder über ihre Schwangerschaft hörte, sprach sie so bedeutende Sätze wie diesen ins Mikrofon:

»Ich wünsche Ihnen Sodbrennen, Wasserbeine, Müdigkeit, Krampfadern und Hämorrhoiden – wenigstens körperlich gleiche Herausforderungen. « (Quelle). Den Beitrag gibt es dort auch als MP3.

Das ist die erste Farce: daß solche privaten Dinge überhaupt öffentlich diskutiert werden. Das ist die zweite Farce: daß das Thema dann noch auf die Ebene der persönlichen Gehässigkeit heruntergezerrt wird.

Und jetzt kommt die dritte: Beim öffentlich-rechtlichen Sender gibt es diesen Beitrag nicht mehr als Text und auch nicht mehr als MP3. Er wurde von der Webseite genommen. Zensiert. Früher hätten sie so etwas mit Majestätsbeleidigung begründet. Heute sprechen die Verantwortlichen von den Persönlichkeitsrechten der Ministerin. Und jetzt haben sie ihren Streisand-Effekt …


PS: Eine Frage an die Sprachkundigen unter Euch: Den Begriff Homestory scheint es im Englischen gar nicht zu geben. Weiß jemand mehr?


Advertisements

10 Responses to Eine Farce kommt selten allein …

  1. Muyserin sagt:

    Der Begriff Homestory ist ein nur im Deutschen verwendeter Neologismus, ähnlich wie das Wort Handy. Wenn überhaupt, müßte es im Englischen „home story“ lauten. Berichte über Prominente in ihrem privaten Kontext lauten korrekt „at-home interview“.

    • stefanolix sagt:

      Dankeschön! Ich kannte ja einige solche Worte, aber dieses fand ich noch nicht einmal im Duden bzw. im Synonymwörterbuch (von 2007). »Handy« kommt natürlich vor, auch in mehreren Zusammensetzungen.

      Andererseits hat die Wikipedia einen Artikel zum Begriff Homestory.

      PS: Jetzt grüble ich nur noch, warum Deine beiden Kommentare im WordPress-Filter hängengeblieben sind. Dieser vielleicht wegen »at-home interview«?

  2. Muyserin sagt:

    A propos persönliche Gehässigkeit: polemisch wie immer, aber dieses Mal leider absolut treffend, hat auch das Piratenweib die Lawine an Niveaulosigkeiten kritisiert, die in vordergründig politischen Foren angesichts etwas so Natürlichem wie einer Schwangerschaft in blanken Frauenhass umschlagen.

    • stefanolix sagt:

      So kann nur ein Piratenweib schreiben ;-)

      Aber ist das Frauenhass, wenn Frauen dabei auch mitmachen? Die Piratin erfindet exklusiv das Wort

      patriarchalandrozentrischchauvinistisch

      aber das erklärt z.B. nicht die Gehässigkeit der Mitarbeiterin von »Radio Fritz« und die Kommentare von Frauen, die ihr zustimmen.

  3. Muyserin sagt:

    „Aber ist das Frauenhass, wenn Frauen dabei auch mitmachen?“ – Natürlich! Frauen sind auch (nur) Menschen und als solche leider zu Doppelmoral fähig. Dafür gibt es doch den anschaulichen Begriff der Stutenbissigkeit.

    Ich hatte kürzlich mit dem Dresdner Blogger SalvaDDor eine ähnliche Diskussion, e ging um das Thema Sexismus in der (Frauenfußball-)Werbung. Er stellte sich die Frage, ob Bildinhalte sexistisch sein können, wenn sie von Frauen gemacht sind.

    Verhaltensweisen und Ansichten sind eben nicht nur vom biologischen Geschlecht, sondern von unserer Erziehung, von unserem Umfeld und auch medial bedingt.

    Insofern kann man auch als Frau – bewusst oder unbewusst – innerhalb dieser Normen agieren. Und dabei irren.

    • stefanolix sagt:

      Das führt mich aber nun doch zu der Frage: Wer entscheidet, welche Frau in der Sache nun eigentlich Recht hat? ;-)

      Die meisten Menschen machen keine Bilder, sonder sie sehen sich Bilder an. Können Bildinhalte sexistisch sein, wenn sie von Frauen an die Wand gehängt werden?

      In einer kleinen sächsischen Hochschule gab es ein Zimmer mit zwei Mitarbeiterinnen für Studienorganisation. Sie hatten sich einen A1-Kalender mit sportlichen Männern in sehr wenig Bekleidung an die Wand gehängt. Das war eigentlich die ironische Antwort auf gleichartige Kalender ihrer männlichen Kollegen (beide Arten von Pin-Ups waren natürlich absolut jugendfrei). Aber die Ironie wurde nicht erkannt. Am Ende wurde beides unterbunden. Jetzt hängen dort übrigens Fotomotive aus Dresden (die Bescheidenheit verbietet mir, den Fotografen zu nennen). ;-)

  4. Jane sagt:

    Aber was hat das denn mit Gernot Hassknecht zu tun? Gernot Hassknecht bekommt seine Lacher nicht, weil er Menschen Schlechtes an den Hals wünscht, sondern weil er herrlich satirisch den „neuen Wutbürger“ mimt und die oft spießige Langmut dahinter parodiert.

    • stefanolix sagt:

      Na ja, die Geschmäcker sind unterschiedlich. Ich sehe ja nur auf beruflichen Reisen abends im Hotel fern. Wie es sich trifft, arbeite ich Freitag/Samstag manchmal auswärts. Und da sah ich ihn einmal in einer Tirade gegen Westerwelle oder FDP. Das fand ich nach einer Minute so peinlich, dass ich ihn weggezappt habe. Dann bin ich noch ein- oder zweimal auf ihn gestoßen und bei Youtube kann man ihn ja auch finden. Mag sein, dass er manchmal auch gute Parodie abliefert. Aber am Ende steigerte es sich in den Teilen, die ich gesehen habe, ins peinliche Geschrei. Wenn man noch die „Scheibenwischer“ nach der Wende in Erinnerung hat, die waren doch wesentlich intelligenter gemacht …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: