Ein Euro gegen Nazis

In der Zeit der friedlichen Revolution bildete sich in Dresden die »Gruppe der 20«. Sie vertrat die Interessen der Demonstranten gegenüber der Staatsmacht und sie organisierte Demonstrationen mit bis zu 70.000 Menschen. Damals gab es eine sehr bemerkenswerte Aktion: Jeder Dresdner, der für die Arbeit der »Gruppe der 20« war, überwies eine Ost-Mark auf ein spezielles Konto.

Eine ähnliche Aktion gab es 1988 in der DDR in der Umweltarbeit der Evangelischen Kirche, sie hieß »Eine Mark für Espenhain«. Grundgedanke beider Aktionen: erstens kommt durch eine symbolische kleine Spende von sehr vielen Menschen Geld für einen guten Zweck zusammen und zweitens ist an der Spendensumme sofort die Anzahl der Unterstützer zu erkennen.

Im Jahr 2011 wäre es doch an der Zeit für eine neue Aktion: Ein Euro gegen Nazis. Sie könnte am 13. Februar beginnen und am 19. Februar geschlossen werden. Dann könnte man an der Spendensumme ablesen, wie viele Dresdner sich bürgerschaftlich gegen die Rechtsextremisten bekennen. Zwei Bedingungen müssten erfüllt sein: Der Spendenaufruf soll von allen demokratischen Parteien getragen werden, so wie die Menschenkette am 13. Februar. Und der Spendenzweck soll über jeden Zweifel erhaben sein.

Nun könnte man dem Vorschlag entgegenhalten: Es gibt doch schon den Verkauf der Weißen Rosen und der Erlös fließt in eine »Stiftung Toleranz«. Aber diese Aktion betrachte ich mit Unbehagen, weil die »Stiftung Toleranz« viel zu stark in die Öffentlichkeitsarbeit eines Medienunternehmens integriert ist. Diese Verbindung von kommerziellen Interessen und politischem Anliegen gefällt mir nicht:

Die DD+V Mediengruppe steht mit ihren Publikationen für ein demokratisches, weltoffenes und wirtschaftlich florierendes Sachsen, in dem fremdenfeindliche und extremistische Tendenzen keinen Platz haben. Die von der DD+V Mediengruppe ins Leben gerufene Aktion Toleranz engagiert sich in Anzeigenkampagnen und als Unterstützer von Initiativen, wie der „Weißen Rose“ zum Gedenken an die Bombardierung Dresdens für Toleranz, gegen jede Form des undemokratischen Extremismus und der Geschichtsverfälschung. (Quelle)

Der Name eines Medienunternehmens muss nicht vor dem Anliegen eines Aufrufs stehen. Das hatten wir 1988/1989 auch nicht nötig und es ist trotzdem etwas daraus geworden …


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7 Responses to Ein Euro gegen Nazis

  1. Daniel sagt:

    Find ich prima die Idee. „Der Spendenaufruf soll von allen demokratischen Parteien getragen werden“. Schwierig. Das zeigt auch die Frage „Menschenkette und/oder Blockade«. http://www.dresden-nazifrei.com sucht zum Beispiel spenden, stehen genanntem Ziel aber zu wider. BürgerCourage fällt mir spontan ein, die werden von allen Parteien akzeptiert, auch der CDU. Allerdings halte ich Startdatum 13. Februar für zu kurzfristig. Grundsätzlich gefällt mir aber die Idee, das erst nach dem 13. Februar anlaufen zu lassen.

    • stefanolix sagt:

      2011 ist die Sache sowieso (fast) vorbei. Interessant wäre es gewesen, weil die zweite angemeldete Demonstration der Rechtsextremen am 19. Februar sein sollte.

  2. Daniel sagt:

    PS: Ich bin ein großer Fan von Kleinstspenden, ein Euro Spenden Aktionen könnten verschiedensten Projekten helfen.

    • stefanolix sagt:

      Das Geld ist IMHO in dieser Sache ein netter Nebeneffekt. Wichtig ist, dass jeder Spender und Euro gleich viel gilt. Ich fand das damals so einmalig Spitze, dass die Leute auf den Sparkassenfilialen in langen Schlangen gestanden haben, um exakt eine Ostmark zu spenden und quasi mit ihrer „Stimme“ für die „Gruppe der 20“ registriert zu werden.

  3. Frank sagt:

    Die Idee klingt zunächst mal nicht schlecht, allerdings frage ich mich, wie das gespendete Geld dazu führen könnte, dass ein konkreter junger Mensch nicht zum Nazi wird bzw. ein solcher zum Weiterdenken angeregt wird? Diese Spendenaktionen für die Gruppen der 20 bzw. Espenhain bewirkte immerhin, dass das Geld genau zu den Empfängern kam, die es auch gebrauchen konnten. Aber was soll mit dem Geld konkret geschehen, was über „1€ gegen Nazis“ eingenommen wird?

  4. Daniel sagt:

    Es wird kein einzelner Mensch konkret angesprochen werden können, das kann nicht funktionieren. Aber indirekt kann Einfluss ausgeübt werden. Durch Veranstaltungen für Schulklassen, durch Kulturtage, durch Freizeitangebote, durch Bildungsmöglichkeiten (Ausstellungen, Broschüren etc.). Und diese können von Vereinen organisiert und erstellt werden. Wo ich Recht gebe ist die Tatsache, dass keine unmittelbare Auswirkung erkennbar wird („bin durch den Euro Mitglied in…“, „habe finanziert Projekt Y“). Aber die Aussage »X Dresdner spendeten gegen Nazis« kann auf die Weise einfach verknüpft werden.

    • stefanolix sagt:

      Es muss sicher vor einem solchen Aufruf an die Verwendung der Mittel gedacht werden. Aber mich fasziniert(e) an diesen Aktionen damals das Prinzip: ein Geldstück entspricht einer Stimme. Niemand darf mehr geben. Kein Hintergedanke an Sponsoring oder PR.

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