Die Senioren-Union und das Grundgesetz

Leonhard Kuckart ist der stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU-Bundesvereinigung der Senioren. Er hat gestern eine sehr eigenwillige Auslegung der Verfassung vorgetragen und wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen:

Die generelle Zulassung von Kindertageseinrichtungen in reinen Wohngebieten verstößt meiner Überzeugung nach gegen Artikel 2 des Grundgesetzes. Dieser garantiert das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit nicht die Rechte anderer verletzt werden. (Quelle)

Bei allem Respekt vor den Lebensjahren des Herrn Kuckart: hier muss eine rote Linie gezogen werden. Seit es Menschen gibt, müssen die Generationen miteinander auskommen. Seit es Menschen gibt, werden die Jüngsten und die Ältesten besonders betreut und gepflegt. Beides ist nicht möglich, ohne die freie Entfaltung anderer Menschen zu berühren.

Das war auch schon so, als das Grundgesetz beschlossen wurde. Und deshalb bin ich sehr sicher, dass nach dem Willen der Väter und Mütter des Grundgesetzes der folgende Artikel 2 ganz gewiss nicht gegen Kinderlärm schützen sollte:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.


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8 Responses to Die Senioren-Union und das Grundgesetz

  1. Na ja, man muss nicht auf alles hören, was alte Männer so sabbeln. Neben Parkinson und Alzheimer ist der Verlust der Kenntnis, selbst mal jung gewesen zu sein, die geistige Hauptkrankheit im Alter.

    Wahrscheinlich hat der gute Leonhard K. heute schon wieder vergessen, was er da gestern erzählt hat …

    • stefanolix sagt:

      Man kann es nicht ignorieren, wenn es über sämtliche Kanäle verbreitet wird. Das ist ja das Schlimme: wenn die Maschinerie einmal angelaufen ist, dann gibt es kein Entkommen mehr.

  2. Muyserin sagt:

    Solche Menschen tun mir leid. Wie innerlich verarmt muss man sein, um sich so weit von den Dingen des Lebens verabschiedet zu haben.

    • stefanolix sagt:

      Das scheint mir eine »Déformation professionnelle« zu sein: wenn einem deutschen Politiker irgend etwas nicht in die Lobbypolitik passt, holt er den größten verfügbaren rhetorischen Hammer heraus, um daraufzuschlagen. Unter »verfassungswidrig!!!« macht er es dann nicht mehr.

      Was will Herr Kuckart machen, wenn sein Einwand keine Beachtung findet? Im Grunde möchte man sich die Steigerung von »verfassungswidrig!!!« lieber nicht ausmalen.

  3. Ich kenne mehrere Leute, die halb närrisch vor Freude über ihre Enkel sind. In der Bundesvereinigung der Senioren ist keiner davon.
    Als ich im Pflegeheim arbeitete, war eine häufig gehörte Klage der Alten, daß die Enkel so selten kommen, daß man keine Kinder um sich hat. Und immer, wenn zu einem der Bewohner nicht nur die erwachsenen Kinder kamen, sondern auch die kleinen Enkel oder Urenkel, ging es dem betreffenden Bewohner den Tag lang ungewöhnlich gut.

    Kuckarts Worte sind für mich einfach nur bizarr und monströs.

    • stefanolix sagt:

      Wenn Herr Kuckart seine Worte so stehen lässt (und danach sieht es für mich jetzt aus), dann wünscht man sich, dass seine Enkel weit weg sind und ihn möglichst selten besuchen müssen. Nicht auszudenken, wieviel Dezibel sie verursachen könnten! (Man kann die Zahl in der verlinkten Quelle nachlesen).

      Man kann die Forderung nach Rücksichtnahme auf ältere Bürger diplomatisch formulieren und sicher müssen in Planungsverfahren Abwägungen stattfinden. Aber die Anzahl der Kindergärten ist sowieso auf natürliche Weise begrenzt und die Planungsauflagen sind umfangreich. Sehr groß können die Auswirkungen auf Wohngebiete also gar nicht sein. Nur die Planungsverfahren werden jetzt etwas kürzer und der Prozeßhanselei wird ein Riegel vorgeschoben.

      Die bizarre, monströse Anspielung auf das Grundgesetz ist in jedem Fall völlig fehl am Platze.

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